#570 - Anton Hofreiter (Die Grünen)

  • Freitag (29. April), ab 17 Uhr, LIVE



    Zu Gast im Studio: Biologe Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen). Er ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2013 bis 2021 war er neben Katrin Göring-Eckardt Vorsitzender der grünen Bundestagsfraktion. Seit 2021 ist er Vorsitzender des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union.


    Habt ihr Fragen an Toni zur Ampel-Regierung, den Grünen, zum Krieg in der Ukraine und Waffenlieferungen? Her damit in den Livechat oder vorab hier ins Forum ;)


    Bitte unterstützt unsere Arbeit finanziell:

    Konto: Jung & Naiv

    IBAN: DE854 3060 967 104 779 2900

    GLS Gemeinschaftsbank


    PayPal ► http://www.paypal.me/JungNaiv

  • - Ich wüsste gerne, wie Herr Hofreiter dazu kommt zu glauben, ohnedie Lieferung schwerer Waffen drohe ein dritter Weltkrieg. Ich verstünde ja die Ansicht, dass die Lieferung schwerer Waffen einen dritten Weltkrieg wahrscheinlicher mache, aber man dieses Risiko eingehen müsse, um zu verhindern, dass die Ukraine den Krieg verliert.


    - Ist Herrn Hofreiter bewusst, dass Putin diesen Krieg noch viel schrecklicher führen könnte? Wenn schon die Briten in den 40er Jahren mit den damaligen Waffensystemen ganze Großstädte innerhalb von Stunden durch Feuerstürme dem Erdboden gleichmachen konnten, dann könnten das die russischen Bomberverbände (auch ohne Atomwaffeneinsatz) heutzutage erst recht, bei allen sonstigen Unzulänglichkeiten der russischen Streitkräfte.

    In Städten wie Kharkiv würde ein solches Vorgehen für hunderttausende Tote sorgen. Das wäre in jedem Fall noch viel schrecklicher als das, was in Mariupol passiert ist, auch wenn das natürlich auch fürchterlich war.


    - Glaubt Herr Hofreiter, Putin würde vor einer solchen Eskalation auch dann zurückschrecken, wenn er den Krieg (z.B. aufgrund der Lieferung ausreichend vieler schwerer Waffen an die Ukraine) tatsächlich verlieren würde und russische Truppen aus dem Donbass oder sogar von der Krim vertrieben würden?


    - Meint Herr Hofreiter, dass der Krieg beendet werden kann, ohne dass Putin einen Teilerfolg erzielt, den er in Russland als Sieg verkaufen kann (beispielsweise Anerkennung eines unabhängigen Donbass durch die Ukraine, Verzicht der Ukraine auf NATO-Mitgliedschaft)?


    - Wenn ja, was lässt ihn vermuten, dass Putin lieber eine Niederlage einräumt als den Krieg noch brutaler zu führen? (Herr Hofreiter spricht sogar von einem "Vernichtungskrieg" – warum sollte ein Aggressor in einem Vernichtungskrieg vor einem Bombeninferno zurückschrecken, wenn er anders nicht gewinnt?)


    - Würde Herr Hofreiter der Ukraine in der aktuellen Situation raten, Putin solche Zugeständnisse zu machen, um damit einen Friedensschluss zu erreichen? Oder ist für ihn die Maxime, dass Putin mit seinem illegalen Angriffskrieg nichts gewinnen darf?


    - Wenn es Herrn Hofreiter mit den Waffenlieferungen nur darum geht, der Ukraine eine bessere Verhandlungsposition zu geben, damit es einen Frieden geben kann, bei dem die Ukraine weniger Zugeständnisse machen muss, wann wäre dann aus seiner Sicht der geeignete Zeitpunkt für einen Friedensschluss?

  • Paar Fragen an Hofi hätte ich ja.


    - Was an "Wir sind blank" bzgl. Bundeswehrbeständenweitergabe bereits zu Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russlands war bzw. ist unklar?


    - Warum glaubst Du, besser zu wissen, was für NATO-Aufgaben, Ausbildung und Auslandseinsatz gebraucht wird und wieviel wovon tatsächlich einsatzbereit vorhanden ist an Bundeswehr-Material (Papierstärke vs. Ist-Zustand)?


    - Was qualifiziert einen Militär-Laien nach paar Wochen Militär-Internetlektüre, Aussagen deutscher Generäle nicht zu (ver-)trauen, aber nach einem Tagesbesuch ukrainischen Generälen, die wohl eher wenig Ahnung haben vom Bundeswehrzustand?


    - Wieso vermischst Du Bundeswehrbestand mit an Rüstungsfirmen zum Schrottwert als Ersatzteillager abgegebenen, alten, ausgemusterten Marder, Leo 1 und Gepard, die erst aufwändig instand gesetzt bzw. nachgerüstet werden müssen sowie neuer Produktion, die durchweg nicht zeitnah zur Verfügung stehen?

    Erste 10 Altmarder könnten laut Rheinmetall in 5 Wochen instand gesetzt werden (alle 70 in 6-8 Monaten), erster Leo 1 nach 6 Wochen usw. Neu-Bestellungen können Jahre dauern. Das Rüstungskonzern-Angebot beinhaltet allerdings keine nötige Munition, Wartung, Reparatur-Material, Ausbildung usw.

    - War das zum Zeitpunkt der Forderungsaufstellung nach oberflächiger "Überschriftenlektüre" bekannt? Und existierte eine Idee woher Fehlendes zeitnah kommen soll, um diese 10 Marder und 1 Leo 1 bei der erwarteten Ostoffensive noch einsetzen zu können, so sie länger als 6 Wochen dauert?


    Wäre es nicht klüger gewesen, auf die geheimen Aktivitäten innerhalb der NATO zu vertrauen? Diese führten jetzt u.a. dazu, dass besagte Marder (und Fuchs und ?) nach und nach in Kettenweitergabe an Slowenien gehen, das nun zeitnah zur Offensive noch sofort einsetzbare T72 schickt. Da existiert alles an Ausbildung.Wartung+Reparatur+Munition was nötig ist. "Ringtausch" bzw. mit treffenderem Sprachbild "Staffelkette" war Teil des NATO-Plans zur Besorgung sowjetischen Materials.


    - Warum diese Spaltereispielchen, wo Geheimhaltung, geschlossene Front und NATO-Teamplay nötig ist?


    - Ist es nicht klüger, Gegner/Feinde im Ungewissen zu lassen, statt ihnen alles auf dem Präsentierteller zu servieren?


    - Warum dieses Länderwettstreitspielchen mit Fokus auf BRD-Bashing, das auch sachlich völlig falsch ist?

    BRD schickt nach USA (15 Mrd. $) die zweithöchsten Finanzhilfen (über 6 Mrd. €,, davon 4,1 Mrd. via EU, die 17,1 Mrd. aufbringt) und die seit Wochen vorbereitete milliardenschwere Militärhilfe dürfte Dir ja nicht unbekannt gewesen sein.


    - Was glaubst Du (und Selenskyj und ukr. Botschafter) damit zu erreichen außer Defacto-Diktator Putin in die Hände zu spielen?

    Wenn Macron sagt: Gibt nix, wird da ja auch nicht rumgebohrt Warum und Schwächen der Bundeswehr in die Öffentlichkeit getragen, die besser geheim bleiben soll(t)en.


    - Wußtest Du, dass die Schweiz die gleiche Menge an einsatzbereiten Panzern hat wie die BRD (um die 225) und was sagt Dir das als Militärberater von eigenen Gnaden?



    - Kennst Du das deutsche Strafmaß für die Weitergabe von Staatsgeheimnissen bzw. "Landesverrat" und wie nah dran glaubst Du juristisch betrachtet an selbigem zu sein bzw. wie weit weg davon?

    - Wie fühlt sich das als Berufspolitiker an, wenn man befürchten muss, mit jedem falschen Wort ein Bein im Gefängnis zu stehen?

    - Kann man dabei noch vernünftig Politik machen oder ist einem das irgendwann alles egal?



    - Wie stehst Du zur Kausa "Assange" nach den jüngsten Ereignissen?

  • Es war ja auch schon vor dem Angriff Putins auf die Ukraine in westlichen Medien oft die Rede von "Putin-Versteher*innen", die sich hier als Agent*innen oder zumindest als "useful idiots" des Kreml-Herrschers betägigten.


    Gibt es Deiner Ansicht nach auch "NATO-Versteher*innen"?


    Und - gerne auch persönlich nehmen, lieber Toni - was definiert eigentlich die Figur eines "nützlichen Idioten"?

  • Toni, in vielen Deiner aktuellen Debattenbeiträge wird schnell klar (Du sagst es eigentlich auch recht unverblümt und direkt selbst), dass Du keine eigene inhaltliche Position bzgl. der Ukraine Krise formulierst, sondern es Dir in erster Linie darum geht, Sprachrohr und Vermittler der ukrainischen und baltischen Forderungen zu sein.


    Warum ist es keine Option für Dich, aus Deiner Not eine Tugend zu machen und die Zeit, die Dir geschenkt wurde, in dem Du keine Regierungsverantwortung tragen musst, sinnvoll zu nutzen und eine eigene Position zu erarbeiten, um der Lösung des Konflikts auf diplomatischen Wege beizutragen?


    Warum ist die Sorge, Deutschland könnte sich international isolieren, für Dich größer als die Sorge um eine Eskalation des Konflikts über die ukrainischen Grenzen hinaus und für wie "international" empfindest Du diese gefühlte Isolation (nur europäisch, innerhalb des Nato-Bündnisses, oder gar Global)?


    Wo und wie informierst Du Dich über den Konflikt und hältst Du den Einsatz von Kriegspropaganda auch von unsere Freunde und Verbündeten für möglich?


    Danke.

  • Meine Frage:

    Die Grünen fördern alle erneuerbaren Energien außer Fusionsforschung. Aktuelle Begründung ist, dass Fusionsreaktoren keine Sofortmaßnahmen sind. Deswegen der Fokus auf Wind und Solar - ok.


    Warum dann aber laut Parteiprogramm die gesamte Forschung stoppen wollen? Fusionsreaktoren machen gerade große Fortschritte und wären perspektivisch die Lösung der Grundlast. Aktuell ist Deutschland führend in der Forschung. Ich persönlich würde die Forschung eher verstärken.


    Anmerkung: Fusion, keine aktuelle Atomkraft - die sehe ich auch als Sinnlos.

  • Der soll mal was über den Krieg in Kurdistan erzählen.
    Was in Kobane so bös ist, dass seinesgleichen es bombardieren müssen.

  • Ich kann nicht nachvollziehen, warum Toni (und wohl auch ein beträchtlicher Teil der anderen Pfeifen im Bundestag) in Sachen Waffenlieferung nur von 12 bis Mittag denken. Ja: die Ukraine hat das Recht, sich selbst zu verteidigen und ja: wir sollten sie dabei unterstützen - das hat er ja gefühlt 500 mal gesagt. Aber ich denke: Nein, wir sollten nicht dazu beitragen, Putin in die Enge zu treiben, das würde man nämlich mit einem tollwütigen Hund auch nicht machen. Es wird nur noch über Waffenlieferungen debattiert, so gut wie niemand fordert, mit Putin zu reden - auch nicht die GröVöZ (Größte Völkerrechtlerin aller Zeiten) ACAB, deren primäre Aufgabe es wohl wäre laut Stellenbeschreibung.


    Alles in allem hat mich das Interview in meiner Meinung über Toni und die Grünen bestätigt: Wendehälse wie die meisten DDR-Politiker 1989, russlandfeindlich, stramm auf NATO-Kurs und Postenschacherei wie in allen anderen Parteien. Alles in allem nichts, was man guten Gewissens wählen kann.

  • Die Logik des Anton Hofreiter ergibt für mich keinen Sinn. Putin will erobern und eine Vorgeschichte zu Georgien Ukraine und anderen Kriegen werden nicht erwähnt. Das Putin alle ehemaligen Gebiete der UDSSR erobern will bleibt für mich eine Behauptung und das die Versuche Putins eine Zusammenarbeit zu suchen eine Täuschung waren ebenfalls. Jedenfalls habe ich diese Auslegung der Politik Russlands - Putins - der letzten Jahrzehnte durch Anton Hofreiter so verstanden.

    Der Angriff und Krieg auf und gegen die Ukraine durch russisches Militär ist eine Katastrophe und macht sprachlos, aber noch mehr Waffen retten auch kein Leben Herr Hofreiter - Verhandlungen sind die Rettung.

    Ich habe viele Fragen - Wer ist in dem Stahlwerk eingeschlossen und was sind dies für Militäreinheiten - was haben die Amerikaner so alles stationiert in Polen Rumänien etc. - Was rechtfertigt das Auftreten von Herrn Melnik, der offenbar Kränze an Gräbern von Leuten niederlegt, die mit den NAZIS zusammen gearbeitet haben - Warum wurde das Minsker Abkommen auch von der Ukraine nicht eingehalten - wer waren die 14000 tausend Toten vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, - WArum hat Russland gerade jetzt angegriffen etc. etc. - könnte ich einen ganzen Fragenkatalog daraus machen.

    Nachvollziehbare Ausführungen und Kommentare zu dem Angriff und Krieg Russlands auf die Ukraine als ich hier machen kann haben z. B., Noam Chomsky, Heiner Flassbeck, Alexander Kluge, Horst Teltsshik ,und andere und Unterzeichner des offenen Briefes in der Zeitschrift "Emma" gemach , von Religionsführern wie dem Papst und dem Dalia Lama ganz zu schweigen. Kann ja jeder unter den genannten Namen verbunden mit dem Suchwort Ukraine selber an entsprechender Stelle nachlesen.

    Zu Äußerungen der "werte geleiteten" Außenministerin und dem Entschluss der Grünen Waffen und schwere Waffen zu liefern: Bitte mehr Diplomatie und weniger Aggression und werte geleiteter Emotion - warum denn gleich Russland zerstören oder vernichten ? Wie soll das denn den Krieg beenden und Konflikte lösen und die Zukunft gestalten - sind ja hier nicht bei "Star Wars" oder anderen Fantasie - Filmen. Es gibt klügere Losungen als Waffen - auch zur Verteidigung und oder als Antwort auf einen Angriff - wenn dies die Antwort von Politik auf diese Aggression ist haben wir seit Troja wirklich nichts gelernt. Der besonnene Bundeskanzler hat es versucht. Auch an die Rückeroberung Indiens durch Gandhi erinnere ich gern - es gibt noch andere Beispiele für gewaltfreien Widerstand, Portugal, Südafrika, DDR etc. - man muss sich ja nicht gleich ergeben.


    MfG


    Ernst - Otto Wolf

  • Meine Frage kam bei Hans leider nicht dran. Wahrscheinlich habe ich sie zu spät eingereicht; so eine Sendung erfordert ja Vorbereitungszeit.


    Mal schauen, ob sich aus dem Gespräch mit Tilo eine Antwort ergibt auf die Frage, welche strategischen Ziele durch Waffenlieferungen erreicht werden sollen. Was mir jetzt schon aufgefallen ist: Mehrmals äußert Hofreiter sein Unverständnis darüber, dass angeblich Stimmen aus Deutschland den Ukrainern vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu lassen haben. Er gebraucht in diesem Zusammenhang den Begriff „Paternalismus“.


    Das ist eine seltsame Verkehrung der Tatsachen. In Wahrheit ist es doch so, dass Selenskyj - und ganz besonders nachdrücklich der Botschafter und Bandera-Fan Melnyk - von uns Dinge fordern, insbesondere Waffen und Geld. Die öffentliche Diskussion dreht sich um die Erfüllung dieser Forderungen. Sie ist getragen von Sorgen und Ängsten - vor dem Atomkrieg oder vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch bei einem Gas-Lieferstopp. Diese Sorgen - und ja, auch Eigeninteressen - als „Paternalismus“ zu framen ist schon ziemlich kreativ…

    Mich hätte die Antwort auch interessiert.... ich merke, man muss die Fragen sehr konkret stellen, und auch gleich die Ausflucht auf Allgemeinplätze explizit ausschließen

  • wie ist denn nun deine Meinung zu Waffen und auch schweren Waffen - sind ja nun wieder einige Tage älter und der Krieg eskaliert - die Rolle der deutschen Politik sollte vermitteln - Putin für verrückt zu erklären und immer drauf kann nicht helfen - wo ist der Ausweg ? warum nicht zurück zu Minsk und von da zu Lösungen finden - auch als Freund des amerikanischen Lebensstils der 50er bis 60er, das alte Amerika gibt m.E. langst nicht mehr, finde ich die amerikanische Politik wenig deeskalierend, euphemistisch gesagt, sind ja auch weit weg

    Wie vielfach gesagt braucht es für beide Parteien einen gesichtswahrenden Ausweg - ob den eine Partei will weiß ich nicht. Russland wird die Ostgebiete nicht aufgeben und wenn immer mehr schwere Waffen geliefert werden. Was ist wenn eine konvensinell bestückte Rakete Richtung Westeuropa ausrutscht - kann ja von jedem abgefeuert werden, sage ich mal und dann.......

  • Tolles Interview. Danke, Tilo . Da gab es viele Fäuste, in die der Toni mit Anlauf reingerannt ist. Dass das Gelächter im Studio nur selten durchbrach, werte ich als bewundernswerte Körperbeherrschung. :thumbup:

    Ich hab's leider noch nicht bis zu Ende ertragen können, aber in den ersten ungefähr 40 Minunten darf der Hofreiter Toni leider mindestens dreimal völlig unwidersprochen und ohne in irgendwelche journalistischen Fragefäuste zu laufen postulieren, Putin habe ganz eindeutig und schon vor dem Krieg gesagt, er wolle das Baltikum zurück haben und Polen erobern. Und das regt mich dann doch ziemlich auf, weil alles was er danach noch an einfältigstem Kindergarten-Moralismus absondert auf exakt dieser von ihm in keiner Weise belegten Grundnanahme beruht.


    Ich habe so ziemlich alle von Putins elend langen, verschwurbelten Texten gelesen, die ich zu diesem Thema in offizieller englischer Übersetzung finden konnte, und aus keinem von ihnen lässt sich zwingend der Schluss ziehen, dass es Putins Absicht sei, die Ukraine komplett zu vernichten, das russische Reich in den Grenzen nicht nur der ehemaligen Sowjetunion, sondern gar in denen des Warschauer Vertrages wieder aufzubauen, oder irgendein anderes NATO-Mitglied anzugreifen.


    Es mag ja sein, dass besonders russophobe russlandkritische "Historiker" wie Timothy Snyder - den sie bei den Grünen offenbar auf Geheiß seiner größten Verehrerin Marieluise B. alle rezipiert und verinnerlicht haben müssen, um dazu gehören zu dürfen - das so interpretieren, aber mit einer wissenschaftlich haltbaren Erkenntnis hat das genau so viel zu tun, wie eine Gedichtinterpretation aus dem Deutsch-Leistungskurs.


    Ebenfalls Parteilinie scheint es zu sein, als Kronzeugen dieser These von Putin als schlimmstem Hitler seit Hitler "die Osteuropäer" mal irgendwie diffus in den Diskurs zu werfen. .

    Ja welche von denen meinst Du denn Jetzt, Toni?

    Die Ungarn? Die Rumänen? Die Belarussen? Die Serben? Die Slowenen? Die Slovaken? Die Bosnier? Die Kosovaren? Die Tschechen? Die Kroaten? Die Albaner? Die Montenegriner? Die Mazedonier? Die Moldawier? Die Esten? Die Litauer? Die Letten - oder vielleicht doch nur "die Polen", bzw. deren rechtsnationale, rechtstaatsfeindliche Regierung, die sich vornerum in den USA bis zur Halskrause einschleimt, indem sie die russenfeindlichsten Sprüche von allen klopft, während sie sich hintenrum russisches Gas aus Deutschland einführen lässt?


    Ja wer sind sie denn, diese sagenhaften "Osteuropäer"? - hätte man da als Journalist durchaus mal pingelig nachfragen können. Was macht sie zu dieser homogenen, Gesichts- und Interessenlosen Masse, deren Perspektive man sich als deutsch-grüner Moralexperte einfach mal selbst auf den dümmstmöglichen, kleinsten gemeinsamen Nenner "Putin ist ein menschenfeindlicher Imperialist aus der Hölle" zusammenkochen, sich dann zum Sprachrohr dieser fantastischen Figuren machen, und sie als Kronzeugen für seine eigene Schwarz/weiß-Denkerei instrumentalisieren darf?


    Noch besser wird's allerdings, als Tilo dann - so nach gefühlt 30 Minuten im Brustton der Überzeugung vorgetragener Hofreiterscher Bauenregel-Logik - dankenswerterweise doch mal kritisch nachhakt und den Toni fragt, was denn - jetzt mal jenseits der Einschätzungen der "Osteuropäer" - eigentlich die Einschätzung z.B. des wissenschaftlichen Dienstes des deutschen Bundestages sei, und der Toni als Bundestagsabgeordneter das nicht einmal weiß, und lieber herum raunt, ja, da gebe es natürlich mehrere Sichtweisen - Was Du nicht sagst, Toni! Das darf doch nicht wahr sein! - welche er allerdings keiner weiteren Abwägung für nötig befindet, weil er schon "den Eindruck" hat, dass die mittlerweile zu den selben Schlüssen gekommen seien, wie er selbst und "die Osteuropäer".


    Und seine "eigene" Analyse - also das was er sich zusätzlich zu der EInschätzung "der Osteuropäer" selbst noch an den Haaren herbei gezogen hat, ohne dass er es in irgendeiner Form belegen könnte - ist natürlich, dass der Putin ein Machtstreben habe und deshalb, kaum dass er die Ukraine unterjochn, alle Frauen vergewaltigen, alle Opositionellen Ermorden und alle Schwulen und Lesben ins Gulag sperren lassen hat, schwuppdiwupp, zickzack, hastdunichtgesehn, "sehr wahrscheinlich" auch den Rest von Europa "in den Blick" nehmen werde.


    Und deshalb muss eben auch unsere Freiheit von den Ukrainern und ihren vergewaltigten Frauen bei denen zu Hause verteidigt werden, damit wir das nicht selbst hier bei uns machen müssen.

    Ja Heidewitzka, Herr Hofreiter. Wenn man sich den Feind einfach nur als möglichst schrecklichen Unmenschen vorstellt, der - ganz anders als amerikanische Präsidenten, deutsche Minister*innen oder Vorsitzende von Verteidigungsausschüssen - ein "Machtstreben" hat, und deshalb nicht verhandlungsbereit ist, bevor man ihn nicht mit Waffen, Sanktionen und Ukrainischen Menschenleben in den Staub gezwungen hat, dann wird plötzlich nahezu jedes Mittel recht und kein Opfer zu groß, um dieses Ziel zu erreichen. Wer hätte das kommen sehen?


    Aber das ist jetzt natürlich ein bisschen arg polemisch von mir. Schliesslich kann der Toni durchaus differenzieren. So differenziert er zum Beispiel daher, dass "wir" (also wahrscheinlich er und "die Osteuropäer") ja ganz eindeutig gesehen hätten, dass der Putin zwar taktisch quasi immer lügt, aber strategisch doch eher die Wahrheit sagt.


    Das ist natürlich eine interessante Pointe, wenn man bedenkt, dass der Putin sich mindestens die letzten 14 jahre lang regelmäßig darüber echauffiert hat, dass man sein russisches Reich westlicherseits strategisch immer weiter in die Enge getrieben, und die ganze Logik der gegenseitigen nuklearen Abschreckung im Washingtoner Hauptquartier der westlichen Wertegemeinschaft in den geostrategischen Wind geschossen habe, indem man einseitig Abrüstungverträge aufgekündigt, und die russische Nachbarschaft mit potenziellen Partnern der "Nuklearen Teilhabe" angereichert habe.


    Da bricht sich dann die geostrategische Weitsicht in der hofreiterischen Gedankenwelt Bahn und weist uns darauf hin, dass man ja auch aufpassen müsse, dass der russische Imperialismus so eingedämmt gehört, dass er keine Nachahmer findet, Ned das Kina hinterher noch kommt, und meint, es könnt' Taiwan genauso überfall'n wie da Putin die Ukraine! Ja zefix, Toni! Jetzt wos'd es sagst..


    Und nicht das jetzt einer denkt, die USA hätten mit ihren diversen Spezialoperationen und Expeditionen in den nahen Osten doch selbst derlei Präzedenzfälle geschaffen, denn denen ging es schliesslich nie darum, z.B. den Irak dem eigenen Staatsgebiet hinzuzufügen. Das ist wichtig, weiß der Toni, weil es halt nicht okay ist, wenn man ein Land kaputt macht, um es zu annektieren, während es schon irgendwie okayer ist, es einfach nur kaputt zu machen und es dann hinterher in zwanzig Jahren Bürgerkrieg versinken zu lassen.


    Ich sollte wirklich nicht so hart mit dem Toni ins Gericht gehen. Immerhin gibt er dann irgendwann zum Besten, dass das alles natürlich nur dazu diene, den Putin an den Verhandlungstisch zu bringen. (wir erinnern uns jetzt nicht daran, dass er kurz zuvor noch behauptet hat, dass der Putin - wegen dem Machstreben - ja gar nicht zu Verhandlungen bereit sei).

    Also im Prinzip müssen wir halt sein Land mit Sanktionen kaputt machen, ohne selbst da einzumarschieren, und die Ukraine mit schweren Waffen in Schutt und Asche legen lassen - aber natürlich nicht von uns, sondern von den Ukrainern selbst, denn wer sind wir denn, dass wir denen vorschreiben können, wie sie ihr Land kaputt zu machen haben - damit der Putin dann ein Einsehen hat und reumütig die Kapitulationserklärung unterzeichnet, ohne dass da noch lang rumdiskutiert oder irgendein Zugeständnis gemacht werden muss.


    Ich weiß leider nicht, wie es ausging, weil ich nach 40 Minuten die Rezeption abbrechen musste, damit die Nachbarn wegen meines hysterischen Geschreis nicht die Polizei anrufen. .


    Das war irgendwie noch schlimmer als Marieluise Beck.

  • :) Ja, viel besser wird es auch in den letzten 40 Minuten tatsächlich nicht. Vielleicht ein bisschen naiv von mir, aber ich habe das Interview unter der Prämisse geschaut, dass Tilo ihn wohl reden lässt und das Gespräch so lenkt, dass es eigentlich jedem interessierten sofort auffallen muss, wie widersprüchlich Tonis Exkursion in den Buddelkasten sind.


    Ich hatte mir parallel beim Gucken auch eine Liste mit Punkten gemacht, die ich hier eigentlich Ausführen wollte und einige davon hast Du jetzt auch genannt. Aber am Ende dachte ich: Fuck it. Das ist so offensichtlich Hanebüchen, was der schwitzende Toni da verzapft.


    Es stimmt schon, dass es jetzt wieder auch kein Steinbach-Style Interview war, obwohl das sicher gerechtfertigt gewesen wäre. Aber vielleicht hat Tilo keine Lust, dass ihm auch Paypal gesperrt wird. Keine Ahnung.


    Am Ende des Tages hat der Toni hier eine tolle Gelegenheit bekommen und genutzt, sich für wichtige zukünftige Aufgaben zu disqualifizieren und einige Segmente aus diesem Interview werden ihm sicher noch auf die Füße fallen.

  • Mit Emotion kommt man glaaube ich nicht weiter - und Werte geleitete Politik macht mir mehr Koppfzerbrechen als Interessen - geleitete. Die Annäherung durch Handel für gescheitert zu erklären ist falsch - Russland wurde doch gar nicht in den Handel richtig eingebunden - und die Ukraine vor die Wahl zu stellen EU oder Russland war auch falsch - EU und Russland und Russland mit einbinden wäre richtig gewesen. Aber ob das unser großer Bruder zugelassen hätte . Die EU und Deutschland muss erwachsen werden

  • Am Ende des Tages hat der Toni hier eine tolle Gelegenheit bekommen und genutzt, sich für wichtige zukünftige Aufgaben zu disqualifizieren

    Da wäre ich mir aber gar nicht sicher.


    Womöglich hat er sich in den Augen des Kriegsbegeisterten Liberalen Bürgertums damit erst so richtig in den Olymp der ernstzunehmenden Wertepolitiker*innen empor geschwafelt.

  • Da wäre ich mir aber gar nicht sicher.


    Womöglich hat er sich in den Augen des Kriegsbegeisterten Liberalen Bürgertums damit erst so richtig in den Olymp der ernstzunehmenden Wertepolitiker*innen empor geschwafelt.

    Möglich. Ich bin immer noch überzeugt, dass die alle nach ihrem Rausch mit ordentlichen Kopfschmerzen aufwachen.

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!