POLITIKANALYSE #13 - Eigentumsideologie

  • Here we go...



    Neue Folge der "Politikanalyse": Wolfgang M. Schmitt bespricht mit ideologiekritischem Blick die Politik von heute. Diesmal geht's um die Jung & Naiv Interviews mit Philosoph Wolfram Eilenberger, den Ökonomen Marcel Fratzscher und Ottmar Edenhofer, Philosophin Eva von Redecker sowie die BPK mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU)


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    Playlist mit allen bisherigen Politikanalysen


    Die von Wolfgang analysierten Folgen:

    - #476 mit Wolfram Eilenberger

    - #477 mit Ottmar Edenhofer

    - #479 mit Eva von Redecker

    - #480 mit Marcel Fratzscher

    - BPK mit Julia Klöckner 

  • Zu Individualismus und Kapitalismus:


    Im Mittelalter waren die Menschen in Herrschaftsverhältnisse eingebunden, die über die familiären Bindungen hinausgegangen sind und die sich auch als Verantwortung gegenüber der lokalen Gemeinschaft ausgedrückt haben. Individuelles Interesses waren durch Tradition und Sitte eingegrenzt und wurde gesellschaftlich geächtet. Mit dem Aufkommen von liberalen Ideen und dem Kapitalismus, der den einzelnen Mensch aus seinem familiären und gemeinschaftlichen Umfeld entwurzelt hat, sollten die Versprechen der Moderne diese Entwurzelung durch ein Freiheitsversprechen der individuellen Autonomie ersetzen. Die Frage ist, sind diese Versprechen der Moderne eigentlich in unserer heutigen Gesellschaft eingelöst? Hat man wirklich so viel Autonomie und kann man sich verwirklichen? Das kann man doch stark anzweifeln. Im Gegensatz zum Mittelalter, das eine Zeit des Stillstandes war (in jeder Hinsicht), sind wir in der Gegenwart ständig Evaluierungsprozessen unterworfen. Die Gesellschaft ist in ständigem Wandel, ob man sich fügen will oder nicht. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die psychische Verfassung, es untergräbt auch Lebensplanungen und individuelle Anstrengungen sich zu verwirklichen.

    Was uns heute daran hindert, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, einem selbst gewählten Lebensentwurf nachzugehen, sind nicht mehr soziale oder gemeinschaftliche Pflichten, es ist auch weniger der materielle Zwang (auf die gesamte westliche Gesellschaft bezogen, für die unteren Schichten ist das natürlich noch der Fall), sondern eher unsichtbare Strukturen, die uns Lebenszeit nehmen, und Steigerungsnormen.


    Das fällt mir immer auf, wenn Leute über die von ihnen noch zu erledigenden Aufgaben mit "müssen" sprechen. "Ich muss arbeiten", "Ich muss dies und das beantragen.", "Ich muss meinen Urlaub planen.", "Ich muss mich erholen." usw.. Immer mehr Sachen muss man müssen, oftmals auch weil man vielleicht nicht genug davon gemacht hat (Fitnesstudio z. B.) und sich auch eine Kultur der Schuld ausbreitet (Mutter vergessen anzurufen, nicht den günstigsten Versicherungsabieter genommen, dies und das vergessen zu erledigen). Eigentlich befinden wir uns in einer Gesellschaft der selbsterklärten "Dauerversager". Aktivitäten werden im annonymen Wettbewerb immer abstraker und beschleunigt, immer mehr Termine, Deadlines, die eingehalten werden müssen. Wer sich ausserhalb politischer und wirtschaftlicher Macht befindet, dessen Leben, Positionen, Arbeit wird weniger wie früher durch gesellschaftliche Bestimmung oder durch Familienbande bestimmt, sondern durch Wettbewerb. In der bürgerlichen modernen Gesellschaften konkurrieren wir nicht nur um materielle Ressourcen, sondern auch gleich um Lebenspartner, Freunde, Schulabschluss, Aussehen, Gesundheit usw. ect.. Wobei der Wettbewerb gar nicht mehr ein bestimmtes, vielleicht mit einem guten Leben vereinbares Ziel hat, sondern einem abstrakten Selbstzweck unterliegt. Wolfgang redet immer von der tollen Freiheit, die man als Individuum im Kapitalismus hat. Aber hat man die Freiheit wirklich, wenn die Grundbedingung dieser Form von Freiheit (eigentlich sowieso mehr einen Optionenfreiheit) ein immer dichter werdendes und unsichtbares Netz von Wettbewerbsstrukturen ist? Marx hat geschrieben, die Form von Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft ist gerade die Bedingung für neue Formen von Unfreiheit, die nur an der Oberfläche als Freiheit erscheinen. Die Versprechen der Moderne haben sich eigentlich selbst aufgehoben.

  • Mit dem Aufkommen von liberalen Ideen und dem Kapitalismus, der den einzelnen Mensch aus seinem familiären und gemeinschaftlichen Umfeld entwurzelt hat, sollten die Versprechen der Moderne diese Entwurzelung durch ein Freiheitsversprechen der individuellen Autonomie ersetzen. Die Frage ist, sind diese Versprechen der Moderne eigentlich in unserer heutigen Gesellschaft eingelöst?

    Nope, diese Versprechen wurden nicht eingelöst. Aber anstatt dem Kapitalismus bzw. den gescheiterten liberalen Ideen die alleinige Schuld für diese Entwicklung zu geben, sollten wir uns fragen, warum diese Ideen überhaupt so gut ankamen. Familiäre Bindungen und ein darüber hinausgehendes gemeinschaftliches Umfeld könnten für das Individuum doch die perfekte Basis sein, um einerseits frei und individuell, andererseits eingebunden und geschützt leben zu können. Aber anscheinend ist damals die Freiheit und Individualität zu sehr unterdrückt (oder wie du schreibst: geächtet) worden, so dass die liberalen Ideen auf viele wie eine Offenbarung wirkten.


    Die Ironie ist ja, dass viele Liberale so sehr betonen wie wichtig die (Kern)Familie sei. Und ich bekomme auch immer wieder mit wie Kinder von liberalen aber auch von konservativen Unternehmern von der Familie vereinnahmt und auf ihre Funktion im Unternehmen getrimmt werden. Diese Familien machen genau das was du über die Familien im Mittelalter schreibst.
    Es wird ja gerne über die materiell verwöhnten Bonzenkinder hergezogen, aber das toxische familiäre Umfeld in dem viele dieser Kinder aufwachsen müssen ist so zerstörerisch, dass man eigentlich Mitleid haben müßte. Sobald diese Kinder erwachsen sind erkennen sie die (neo)liberale Ideologie mit der sie erzogen und unterdrückt wurden als eine Chance aus ihrem toxischen Umfeld zu entkommen. Denn durch sie haben sie nun das Werkzeug erworben, das sie brauchen um frei und unabhängig von diesem Umfeld leben zu können.

  • Es wird ja gerne über die materiell verwöhnten Bonzenkinder hergezogen, aber das toxische familiäre Umfeld in dem viele dieser Kinder aufwachsen müssen ist so zerstörerisch, dass man eigentlich Mitleid haben müßte. Sobald diese Kinder erwachsen sind erkennen sie die (neo)liberale Ideologie mit der sie erzogen und unterdrückt wurden als eine Chance aus ihrem toxischen Umfeld zu entkommen. Denn durch sie haben sie nun das Werkzeug erworben, das sie brauchen um frei und unabhängig von diesem Umfeld leben zu können.

    Puh, das ist ein bisschen arg Abziehbild des Erzkapitalisten.

    Materiell verwöhnte Bonzenkinder sind nicht automatisch in einem toxischen familiären Umfeld. Es gibt genug liebe Papas/Mamas, die tagsüber halt Aktienanalysten, Unternehmenschefs oder sonstwas sind.

  • "Viele" heißt schlicht viele.

    Die Erkenntnisse darüber nehme ich aus persönlicher Erfahrung mit der eigenen Familie, aber auch mit Unternehmern (und mit deren Kindern) für die ich gearbeitet habe. Und aus dem was von den Medien immer mal wieder berichtet wird.

    Populärster Fall ist wohl Donald Trump:

    http://www.martinmiller.ch/blo…chaftlichen-einfluessen-1


    Ein deutsches populäres Beispiel ist die Schwarz-Pharma Erbin Paula Schwarz:


    Zwischen lieb und toxisch gibt es außerdem noch viele Zwischenstufen. Und Gegenfrage: was verstehst du genau unter "lieb"?

  • "Viele" heißt schlicht viele.

    Wenn "viele" schlicht viele heißt, ist das Wort (fast) eine Nullaussage. Es sagt dann nur aus, dass es nicht keiner und nicht nur einer ist.

    Für den einen sind schon drei "viele", für den anderen erst ein Anteil von deutlich mehr als der Hälfte (weil sonst aus dem "viele" keine allgemeingültige Aussage über die Gruppe entstünde) einer Gruppe.

    Wenn Du dann mit Anekdoten kommst, nun gut. Ich dachte, Du hättest da vielleicht irgendeine Studie.

    Zwischen lieb und toxisch gibt es außerdem noch viele Zwischenstufen. Und Gegenfrage: was verstehst du genau unter "lieb"?

    Natürlich gibt es die.

    Genau verstehe ich unter lieb gar nichts. Lieb ist in diesem Fall nur Schlagwort für den Ausschluss von toxisch.

  • Wie soll man denn zu soetwas Komplexem eine ernstzunehmende Studie machen? Manche überschätzen die Wissenschaft ganz schön.

    Es war außerdem keine allgemeine Aussage über eine Gruppe sondern ein Beispiel dafür, wie sich die Unterdrückung des Individuellen auswirken kann.

    Keine Ahnung. Ist mir auch egal.

    Die Schlussfolgerung daraus ist für mich nur: Ich mache keine tendenziösen Aussagen über diese Personengruppe.


    Wenn es keine allgemeingültige Aussage war, dann kennzeichne sie doch bitte auch als anekdotisch. Ansonsten wirkt sie nämlich wie eine allgemeingültige Aussage. Ich kann z. B. sagen, dass ich Fußballer kenne, die ein ungesundes Verhältnis zu Glücksspielen haben. Ich könnte auch sagen, dass viele Fußballer ein ungesundes Verhältnis zu Glücksspielen haben. Den Wirkunterschied der beiden Aussagen siehst Du ja vermutlich/hoffentlich...

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