NEU: Rosas Brille (Kolumne über Pflege)

  • Hurra, Pflegerin Rosa (20) ist ab sofort Kolumnistin im Jung & Naiv Universum!


    Hier ihr erster Text... https://www.jungundnaiv.de/202…-brille-1-sie-leben-noch/





    ROSAS BRILLE #1 - Sie leben noch


    Nun ist sie frisch vorüber, die alljährliche Weihnachts- bzw. Neujahrszeit.


    Oder, anders ausgedrückt: Die alljährliche Mahnung, dass man noch ältere Verwandte hat.


    Mit Schuldgefühlen angehauchte Telefonate, denen pfeifende Ohren folgen.


    Aber was soll’s: Oma, Opa, Tante, Onkel (wer auch immer) leben noch, das ist gut, und wenn ich in den Feiertagen mal wieder zu ihnen fuhr, ist auch das abgehakt. Aus familiärer Sicht kann ich somit sorgenfrei ins neue Jahr starten und mich wieder den wirklich wichtigen Themen meines Lebens zuwenden: beispielsweise den schwachsinnigen Neujahrsvorsätze, die eh nicht eingehalten werden, oder den Vergleichen im Freundeskreis, wer am meisten zugenommen hat.


    Hier endet der halbironische Einstieg.


    Im Seniorenheim hat man gelegentlich das Gefühl, die Angehörigen würden sich in dieser Zeit die Klinke in die Hand geben wollen. Manche Bewohner geraten richtig durcheinander, wenn sie plötzlich in einer Woche mehrere Besuche bekommen. An Demenz erkrankten Menschen fällt es schwer, sich wieder in die tägliche Routine einzufinden, wenn etwas „außergewöhnliches“ passiert. Das muss man wissen.


    Okay, die Argumentation, dass die Oma sowieso Demenz hat und den Besuch eh wieder vergessen wird, ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Dennoch sollten wir uns der Frage stellen, ob bei einer solchen Argumentation nicht der Mensch an sich vernachlässigt wird und die Krankheit als Ausrede benutzt wird, um sich mit der eigenen Endlichkeit nicht auseinander setzen zu müssen.


    Die Heime sind oft auch keine schönen Orte, wo man sich gerne aufhält. In den Fluren riecht es manchmal nach Urin und es läuft schreckliche alte Musik, bei denen die Ohren anfangen zu bluten. Man selbst kommt nach einigen Stunden - bei hastigen Besuchen auch nur Minuten - wieder raus. Die Bewohner erst, wenn sie ,„endlich drauf gegangen sind“. Diesen Satz habe ich mit eigenen Ohren von Heimbewohnern gehört. Das nennt man mal einen schönen und geborgenen Lebensabend, in einem der reichsten Länder der Welt!


    Die Arbeit im Seniorenheim zeigt mir jedes Mal aufs Neue, dass den demenziell veränderten Bewohnern ihre Situationen in gewisser Weise bewusst sind.


    Zum Beispiel ist die größte Angst von Frau S., dass sie ihren Sohn irgendwann nicht mehr erkennen wird. Sie ist eine sehr freundliche Frau, bei der die Demenz schon recht fortgeschritten ist. Sie läuft durch die Flure und ruft nach ihrer Mutter. Nicht selten beginnt sie, bitterlich zu weinen, ohne einen Grund nennen zu können. Noch erkennt sie ihren Sohn, aber eine halbe Stunde nach seinem Besuch hat sie schon wieder vergessen, dass er da war. Wenn man ihr jedoch sagt, er sei da gewesen und ihr vielleicht auch ein Foto, Schokolade oder einen Brief zeigt, den er mitgebracht hat, ist ihr glückliches Lächeln und das hoffnungsvolle Weiten ihrer Augen mit der Aussage: „Ach wirklich?“ herzerwärmend.


    Wir sollten von unserem „Weihnachtstaumel“ oder der kurzen Stichflamme der Verantwortungsgefühle wie auch der fragwürdig gepredigten Nächstenliebe etwas mit ins gesamte Jahr nehmen.


    Menschen in den Seniorenheimen sehen jeden Tag dieselben Personen, wobei der Großteil nicht einmal Zeit für eine zwischenmenschliche Beziehung aufbringen könnte. Den meisten Bewohnern sind die Verwandtenbesuche der einzige Hoffnungsschimmer. Wobei manche gar keinen Besuch bekommen, außer halt an Weihnachten.


    Erst an ihrem Grab werden dann Aussagen getroffen wie: „Ach, wäre ich mal öfters hingegangen.“ Oder: „Wäre ich doch nicht so verbissen sinnlosen Zielen hinterhergerannt sondern hätte mir stattdessen einen guten Rat bei Oma geholt, den ich jetzt nie wieder bekommen werde“. Ganz zu schweigen von Vorwürfen zwischen Familienangehörigen nach dem Muster: „Du warst ja nie da und ich immer“


    Ich meine damit nicht, dass man sich zwangsläufig immer melden muss. Wenn man mit Familienangehörigen nicht klarkommt oder sie einem nicht gut tun, steht es uns frei, diese familiären Fäden zu zerschneiden. Jedoch ist dieses :„Hätte ich doch...“ ein Satz, denn wir JETZT noch aus dem zukünftigen Vokabular, soweit es die Familie betrifft, streichen könnten.


    Vielleicht wäre es gut, wenn wir uns einen festen Tag im Monat aussuchen, an dem wir einen Brief schreiben, einen Besuch machen oder einfach anrufen. So würden die zukünftigen Gespräche auch abwechslungsreicher, da die Angehörigen nicht immer auf dem nicht abgeschlossenen Studium oder dem kinderlosen Dasein herumreiten werden. Durch den konstanteren Austausch kommen ganz andere Gespräche zustande und vielleicht hören wir sogar wirklich gute Ratschläge.


    Lasst uns unseren faltigen und älteren Ichs ein bisschen von der Aufmerksamkeit, die sie uns in unserer Kindheit geschenkt haben, zurückgeben.


    Anmerkung Redaktion: Rosa ist 20 Jahre alt, Auszubildende zur Krankenschwester und arbeitet zusätzlich als Pflegerin im Seniorenheim. An dieser Stelle wird sie ab sofort regelmäßig über ihre Erfahrungen im Beruf und in der Gesellschaft schreiben.

  • Tilo

    Hat den Titel des Themas von „NEU: Rosa's Brille (Kolumne über Pflege)“ zu „NEU: Rosas Brille (Kolumne über Pflege)“ geändert.
  • Neue Kolumne: ROSAS BRILLE #3 - Ehrenlos


    Die Serie „Ehrenpflegas“ ist ein Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht aller Pflegekräfte. Wer sich sich bislang mit dieser Serie nicht beschäftigt hat – Glückwunsch, das wäre vertane Lebenszeit, die man nicht zurückbekommt. „Ehrenpflegas“ ist eine Werbekampagne des Bundesfamilienministeriums, finanziert mit 700.000 Euro aus Steuergeld. Die Macher von „Fack ju Göhte“ waren federführend, Gesichter aus bekannten Netflix-Produktionen sind das Aushängeschild. Die Serie soll auf eine „satirische“ Art und Weise Jugendliche für den Pflegeberuf begeistern. Ob wir unsere Pflege auf Pfleger*innen aufbauen sollten, die sich von so „etwas“ angesprochen fühlen, bleibt fragwürdig. Ich persönlich würde mich lieber vom Grinch behandeln lassen!



    Die Serie hat es geschafft, klar und deutlich aufzudecken, dass die Verantwortlichen - dazu zähle ich die amtierenden Minister des Familien- und Gesundheitsministeriums - keine Ahnung haben (oder geflissentlich ignorieren), was eigentlich in den Krankenhäusern und Pflegeheimen passiert. Sie haben es geschafft, die Arbeit des Imagewechsels, welche seit Jahren verdammt schleppend vorankam, wie mit einem Bulldozer hochkant in die Erde zu rammen.


    Ich habe meine Ausbildung mit einem recht unreflektierten Blick auf die Pflege begonnen. Je mehr ich jedoch eintauchte, desto klarer wurde mir die wahre Komplexität dieses Berufstandes bewusst. In diesem Beruf werden sehr viele Dinge vereint. Beispielsweise die typische Schreibtischarbeit (welche die Zeit mit dem Patienten aufgrund der Bürokratisierung weiter limitiert), mit fachlichen Kompetenzen, wie dem Erkennen von Symptomen, Pharmakologie oder auch das Erklären für Patienten, bis hin zu der alltäglichen zwischenmenschlichen Betreuung. Als Patient*in wie auch Angehöriger sieht man nur die Spitze des Eisberges, jedoch ist dies leider das Bild, welches in der Gesellschaft immer noch gezeichnet wird.


    Für viele Kollegen ist ihr Job mehr als nur ein Job. Die Pfleger*innen haben sich der Heilung und Betreuung von erkrankten oder sterbenden Menschen verschrieben. Und das ist eine sehr erfüllende sowie auch fordernde Arbeit. Ein weiterer Punkt, der oft vernachlässigt wird, ist der Umgang mit den Angehörigen. Krankenhäuser sind meist gemiedene Orte, da sie für Leid, Krankheit und Tod stehen. Sie stehen aber auch für Hoffnung, Heilung und Leben. Die Angehörigen sind ein Teil dieses Prozesses.


    Ich durfte dabei sein, als unsere zwei Oberärzte der Station mit der Familie eines Patienten das Gespräch geführt haben, wie es weiter gehen soll. Der Patient konnte sich aufgrund seines Komas nicht mehr äußern. Ich hatte mich seit Beginn der Behandlung ihres Mannes gut mit der Ehefrau verstanden. Das Gespräch endete damit, dass sie weinend an der Wand heruntergerutscht ist, an der sie zuvor lehnte. Als ich ihr ein Taschentuch reichte, lehnte sie sich an mich. Ich fühlte mich in diesem Moment überfordert, als eine hemmungslos weinende gestandene Frau sich schluchzend an mich lehnte. Ich sagte nichts, und hielt einfach still, bis sie sich wieder aufrichtete. Einige Tage später bedankte sie sich herzlich bei mir und meinte, dass ich ihr sehr geholfen hätte.



    Es gibt aber auch Momente, in denen vor Freude geweint wird. Ich habe auf der Kinderstation ein fünf Monate altes Baby versorgt. Die Mutter war alleinerziehend und konnte nicht lange, schon gar nicht über Nacht bleiben. Zwischendurch sah es wirklich nicht gut aus und die Mutter kam jedes Mal ins Krankenhaus mit der Befürchtung, ihr Kind sei auf der Intensivstation. Nach einiger Zeit stabilisierte es sich und regenerierte. Als wir der Mutter die guten Nachrichten übermitteln konnten, brach sie in Tränen aus. Ich hatte das Gefühl, ich hätte den Ballast, den sie all die Zeit getragen hatte, von ihr abfallen sehen.


    Zu diesen emotionalen Erlebnissen kommen die Rahmenbedingungen dazu. Wir müssen auch im 12. Dienst in Folge immer noch hellwach sein, es interessiert niemanden, ob du müde bist, auch wenn es wegen eines Spät-Früh-Wechsel ist: Da verlässt man um 21 Uhr das Krankenhaus, um am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder umgezogen auf Station zu stehen. Man kann nicht einfach mal einen „ruhigen Tag“ einlegen, nach dem Motto „den Rest mache ich Morgen“. In unseren Händen liegen Menschenleben, leider nicht nur eines, sondern im Durchschnitt 13 pro examinierter Pflegekraft! Wenn es hochkommt, haben examinierte Pfleger*innen, die mit Schülern/Hilfskräften in einer Schicht arbeiten, die Verantwortung für 30 und mehr Patienten! Das ist so, weil sie als Examinierte die grundlegende Verantwortung tragen.



    Diese Menschen stützen und schützen diese Gesellschaft. Und Aspekte wie die gravierenden Akut- und Langzeitfolgen, die dieser Job mit sich bringt oder ein schlecht planbares Privatleben habe ich noch gar nicht berücksichtigt. Meine Ausbildung ist in Praxis- und Theorieblöcken aufgeteilt. In denen arbeite ich jeweils entweder nur im Krankenhaus oder gehe in die Krankenpflegeschule. In meinen Praxisblöcken kann ich beispielsweise, bis ich mein Dienstplan erhalte, keinen einzigen Tag des Monats planen. Der Dienstplan wird (bestenfalls) am 15. jeden Monats für den folgenden einsehbar gemacht. Wenn es um Geburtstage, Kurztrips oder auch ganz einfache Treffen geht, die länger als eineinhalb Monate in der Zukunft liegen, kann ich keinen einzigen Tag verbindlich zusagen - dabei ist es egal, ob es sich um ein Wochenende handelt oder nicht.


    Natürlich kann ich Wunschdienste angeben, aber es ist leider eher eine Seltenheit, dass dies berücksichtigt werden kann.


    Den Umfang dieses Berufes und den Anspruch, wie auch die Einschnitte, die er für das persönliche Leben bedeutet, macht sich die Mehrheit der Menschen nicht bewusst. Man nimmt Schicksale mit nach Hause und hofft, dass die Patienten beim nächsten Dienst immer noch leben. Wir kämpfen, siegen und verlieren mit den Patienten. Der Satz „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps“, recht bekannt in Berufen wie der Feuerwehr oder dem Gesundheitswesen, ist auch richtig, und man (ich) sollte sich ihn immer wieder vor Augen führen. Wir arbeiten mit und für Menschen, die Träume, Geschichten und Familien haben, dem kann man sich emotional nicht gänzlich entziehen, und dies ist bis zu einem gewissen Grad auch gut so.


    Ich will hiermit anreißen, dass dieser Beruf so viel mehr ist, als die Bilder, welche die Serie projiziert. Die Kaffeetrinkenden Schwestern, die ein wenig waschen, sind und waren nie die Realität.



    Ich hätte mir wenigstens eine durchdachte, gut gemachte und respektvolle Kampagne unserer Bundesregierung gewünscht. Als ich mir die ersten Folgen der Serie angeschaut hatte, war ich so sauer, dass ich vor Wut fast in Tränen ausbrach. Meine Gedanken und Gefühle habe ich durch eine E-Mail an Frau Giffey wie auch Herrn Spahn zu kompensieren versucht. Ich hätte mir eine sinnvolle und nicht aus Textbausteinen zusammen gewürfelte Antwort gewünscht. Vom Frau Giffeys Büro kam jedoch genau so eine Antwort, von Herrn Spahn bis heute nichts.


    In der Serie werden die Stereotypen, die die Gesellschaft vom Pflegeberuf hat, untermauert. Gerade was das Bild der Altenpflege angeht, macht sie mich verdammt wütend. Die Macher dieser Serie können nicht wirklich in einem Pflegeheim gewesen sein, wenn man den Umgang und die Interaktion zwischen dem Protagonisten und den Senioren betrachtet. Diese 700.000 Euro wären an anderer Stelle deutlich besser investiert gewesen (wie beispielsweise für einen flächendeckenden, nicht an Auflagen gebundenen Pflegebonus). Selbst das Verbrennen dieses Geldes wäre respektvoller der Pflege gegenüber gewesen!


    Anmerkung Redaktion: Rosa ist 20 Jahre alt, Auszubildende zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und arbeitet zusätzlich als Pflegerin im Seniorenheim. An dieser Stelle schreibt sie regelmäßig über ihre Erfahrungen im Beruf und in der Gesellschaft. Feedback: rosa@jungundnaiv.de

  • Ich hab erst die Serie gesehen und fand sie witzig, ehrlich gesagt.
    Danach las ich Rosas Text und ja, ich kann die Kritik nachvollziehen. Mit der Realität hat das sehr wahrscheinlich wenig zu tun. Neben uns ist betreutes Wohnen, die Pfleger*innen stehen meist rauchend aufm Balkon und sehen selbst sehr ungesund und fertig aus. Die Alten sieht man nie draußen, einen Hinterhof gibt es auch nicht, Betreuungsschlüssel sind am Anfang und am Ende des Lebens sehr mies und Betreuer*innen leider unterbezahlt. Danke für das direkte Ansprechen und Aufzeigen!

  • Ohne es damit gutheißen zu wollen, aber könnte nicht auch ein eventuell sogar unausgesprochenes Argument für den Waffenexport sein, sich die Waffenproduktion im eigenen Land und da auch up to date zu halten. Dadurch muss sie halt aber auch was produzieren und verkaufen, zumindest im vorherrschenden System. Ist halt echt nichts wobei man am Ende von anderen vollkommen abhängig sein will.

    Man könnte das sogar noch weiterdenken und sich überlegen, dass man damit sogar die Abwanderung anderer kritischer Produktion, wie zB der Medikamentenproduktion, zumindest akzeptieren kann. Denn im Fall der Fälle glaubt man so die Möglichkeiten zur Durchsetzung der eigenen Interessen in der eigenen Hand zu haben. Also im Zweifel unter Benutzung der selbst produzierten , überlegenen Waffen die benötigten anderweitigen Produktionskapazitäten sich einfach wieder beschaffen kann.

  • Alles in allem hat Rosa beim Thema Krieg das Herz am rechten Fleck, leider wird die Welt nicht dadurch friedlich dass wir unsere Waffen strecken.

    Auch falsch ist, dass unsere Generation keinen Krieg mehr kennt, es sind nur mehr relativ wenige die als Soldaten in den Krieg gehen, aber es gibt sie nach wie vor. Heute erst hat das Bundeskabinett sich entschlossen dem Bundestag eine zehnmonatige Verlängerung des Mandats für Afghanistan vorzulegen.


    "Wir sollten die Worte Recht, Krieg und gerecht nicht mal gemeinsam denken."

    Das klingt erstmal gut, hätten das die USA, Australien und viele andere Nationen vor einem dreiviertel Jahrhundert das genauso gesehen, wäre zwar die Dresdner Altstadt noch original, aber wir würden schwarzweißrote Fähnchen schwenken und Juden gäbe es keine mehr in Europa.

    Leider hat nicht jede Nation das Glück mitten in Europa zu liegen und als Frontstaat in einem Kalten Krieg benötigt zu werden, daher wurden Länder wie der Irak, Afghanistan, Libyen nur verheert und anderswo wie in Ruanda weggeschaut.

    Schon beim Kirchenvater Augustinus sollte der gerechte Krieg der Wiederherstellung des Friedens dienen, dass dabei das Zurücklassen zerstörter Infrastruktur und haufenweise Waffen auf dauer wenig zweckmäßig ist sollten wir gut eineinhalb Jahrtausende später gelernt haben; würd man meinen.

  • "Wir sollten die Worte Recht, Krieg und gerecht nicht mal gemeinsam denken."

    Das klingt erstmal gut, hätten das die USA, Australien und viele andere Nationen vor einem dreiviertel Jahrhundert das genauso gesehen, wäre zwar die Dresdner Altstadt noch original, aber wir würden schwarzweißrote Fähnchen schwenken und Juden gäbe es keine mehr in Europa.

    Sorry Marner, vielleicht hast Du es jetzt nur mal schnell dahin geschrieben, aber das ist leider ein billiger Argumentersatz aus der untersten Propagandaschublade der transatlantischen Antimilitarismus- und Friedensbewegungs-Gegner.


    Es stimmt natürlich, dass der Einmarsch der Alliierten uns Nachkriegsgenerationen in Europa davor bewahrt hat, in einer menschenverachtenden Diktatur aufzuwachsen - wenn man dabei auch gerne hätte berücksichtigen können, dass zu jener Allianz gegen das 3. Reich auch die Sowjetunion gehörte - also ein von einem paranoiden Diktator geführtes Land, welches einerseits mit Abstand die größten zivilen und militärischen Opferzahlen des Krieges aufzuweisen hatte, und dessen Ausbreitung nach Westeuropa die West-Alliierten andererseits unbedingt verhindern wollten.


    Aber es stimmt leider auch, dass seit der Beendigung des 2. Weltkrieges vor bald 76 Jahren nie wieder ein gewaltsamer Einmarsch einer vom globalen Hegemon angeführten "Koalition der Willigen" irgendwo zu einer dauerhaften Befriedung oder gar Demokratisierung des betroffenen Landes geführt hätte - Genausowenig - natürlich - wie der sowjetische Einmarsch in Afghanistan, wo heute die NATO den Taliban dabei hilft, ihre Daseinsberechtigung als Gottes Widerstand gegen die ungläubigen Invasoren aufrecht zu erhalten, und wo selbst der dortige Kommandeur unserer tapferen StaatsbürgerInnen in Uniform im Interview mit unserem Forumsbetreiber nicht so richtig erklären konnte, wie seine Jungs und Mädels in Flecktarn da eigentlich genau die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigen.


    Im Gegenteil: Nicht nur die amerikanischen Einmärsche in Korea und Vietnam (inklusive Verminung und Flächenbombardements ganzer Landstriche mit Chemiewaffen, die Wälder zerstörten und fruchtbares Ackerland vergifteten) waren nicht vom gewünschten Erfolg gekrönt.


    Besonders die diversen Interventionen - ob mit oder ohne völkerrechtliche Legitimation - in der arabisch-muslimischen Welt haben bisher todsicher entweder zu noch mehr Destabilisierung geführt - bis hin zur Gründung eines "islamischen Staates" durch religiöse Fanatiker der übelsten Sorte und ihre Unterstützer aus den ehemaligen irakischen Streitkräften, oder zur Installation von zwar völkerrechtlich anerkannten, und dem Westen gewogeneren, aber nicht weniger diktatorischen und menschenrechtsfreien Regimen, und in Folge zu weiterem Elend in den jeweiligen Zivilbevölkerungen.


    Auch die zahlreichen offenen militärischen, oder klandestinen geheimdienstlichen Interventionen des US-Imperiums in Mittel- und Südamerika, haben eigentlich nirgends zur nachhaltigen Verbesserung der Lebenssituation der dortigen Bevölkerungen geführt, sondern im - auch nicht immer grantierten - Erfolgsfall lediglich zu einem Austausch der vorherigen Machthaber gegen solche, mit denen die Nordamerikaner bessere Geschäfte machen konnten.


    Der zweite Weltkrieg war das grausame Ende einer Epoche. Der Sieg über Nazi-Deutschland war nur unter gewaltigen Verlusten an Mensch und Material möglich und wurde vor dem Hintergrund einer globalen Umwälzung der politischen Verhältnisse und der Aufspaltung in ideologische West- und Ostblöcke erkämpft - mit Deutschland und seiner des millionenfachen Völkermords schuldigen antidemokratischen Führung im geographischen wie politischen Zentrum.


    Alleine die Landung der Westallierten in der Normandie hat innerhalb weniger Tage schätzungsweise 37.000 Soldaten und 20.000 Zivilisten das Leben gekostet und bei den, final den Krieg beendenden Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki wurden durch nur zwei Sprengköpfe innerhalb weniger Stunden ca. 100.000, und durch radioaktive Verseuchung und andere Spätfolgen weitere ca. 130.000 Menschen getötet. Die Opferzahlen des gesamten Krieges lagen bei geschätzten 60 Millionen durch Kampfhandlungen und bei bis zu 80 Millionen durch Spätfolgen und die Mordaktionen der Nazis an den Zivilbevölkerungen.


    Ohne den amerikanischen Kriegseintritt, hätte sich die US-Wirtschaft vermutlich nicht so schnell vom beinahe-Totalzusammenbruch nach der Weltwirtschaftskrise erholen und den New Deal zum neuen Volkswirtschaftlichen Leitbild für den prosperierenden Nachkriegswesten machen können.


    Kein "Bewaffneter Konflikt" davor oder danach hat jemals eine auch nur ansatzweise gleichermaßen gewaltige Zahl an Menschenleben gefordert und so viel Leid und Zerstörung über die Menschheit gebracht.


    Wenn tatsächlich irgendwann mal der nächste Hitler halb Europa erobern und 6-7 Millionen Menschen in eine industrialisierte Mordmaschine treiben, und sich mit dem nächsten japanischen Gottkaiser und seiner faschistoiden Regierung verbünden würde, dann wäre der Vergleich mit dem 2. Weltrkieg vielleicht tatsächlich legitim.

    Bis es soweit ist, - was schon allein angesichts der heutigen atomaren Bewaffnung der damaligen Alliierten als eher unwahrscheinlich einzustufen wäre - ist das aber leider nur verantwortungsloses Maulheldentum irgendwelcher Schreibtischstrategen und olivgrüner Möchtegernhumanist*innen, die entweder vor lauter Planspielerei den Bezug zur historischen Wirklichkeit verloren haben, oder denen es schlicht egal ist, wer und wessen Kinder irgendwo am anderen Ende der Welt dafür umgenietet werden müssen, dass sie ihre geostrategischen und weltverbesserlichen Theorien auch mal in der Praxis ausprobieren können.


    In jedem Fall sind die Profiteure der westlichen Machtprojektion in den Rest der Welt eigentlich nie die vom eigenen Regime geknechteten, oder von den Bomben ihrer "Befreier" zerfetzten Zivilbevölkerungen, sondern nur die militärisch-industriellen Komplexe, die das teure Kriegsgerät produzieren und die dafür zuständigen PolitikerInnen durch ihre Drehtüren schleusen, sowie die Konzerne, die sich dann nach der "erfolgreichen" Anwendung des offensiven Technikpotenzials die erbeuteten Rohstoffe und die lukrativen Staatsaufträge zum Wiederaufbau der zerbombten Städte und Infrastrukturen unter den Nagel reissen.

  • Als ich noch in Berlin wohnte, prangte groß ein Spruch an der Außenwand eines Hauses, ich glaube, es war am Lausitzer Platz: "Ausländer rein - Rheinländer raus!" Nichts gegen Rheinländer:innen natürlich. Und doch: Meinst Du wirklich, das könnte es sein? Nett sein? Mich piesackt zum Beispiel hier im Forum tierisch ein roter Affe. Ich bin nett und nett und nett, und nützt es was? Nix nützt es.

    Doch im Ernst: Sicher soll jede(r) so sprechen, dass beide die Chance behalten, Irrtümer einzusehen, nicht in Abwehrhaltungen zu erstarren (wie manche Primaten). Und wer nur schimpft und beleidigt, ist eine gottsverdammte, verfickte Scheißknalltüte, klar.

    Andererseits sollte man/frau meiner Meinung nach immer auf der Hut bleiben, wenn selbst der humane Impuls allzu gut zur kapitalistischen Verwertungsmaschinerie passt. Wenn alle allen alles gönnen und verzeihen, dann laufen auch die Geschäfte wie geschmiert, dann wird immer alles so weitergehen, fürchte ich, inklusive Pflegenotstand. Der von Tilo interviewte Herr Höttges macht es gut vor, oder?


  • Nette Formulierung dieses "aufgeben", "den Bettel hinschmeißen" und "sich nicht mehr ausnutzen lassen" ist also die neue Form der Kapitulation. Wenn das so ist sollten wir einfach vor dem Kapitalismus allgemein Kapitulieren.


    Es ist eine, wahrscheinlich unvollständige, Auflistung Verarschungen die man dem Pflegepersonal angetan hat. Am Ende steht dann die große Überraschug, uns geht das Pflegepersonal aus. Ich bin mir ja fast sicher, das wir da billig im ärmeren (EU-)Ausland personal wegkaufen werden, bevor wir da Lohnerhöhungen sehen...

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