Kapitalismus

  • https://www.sueddeutsche.de/pr…i-gentrifizieren-e399731/


    Zitat

    In deutschen Großstädten steigen die Mietpreise ins Ungeheuerliche. Wie Immobilienkonzerne wohl ausgerechnet Street Art nutzen, um die Preise hochzutreiben.

    Zitat

    „Wir sind hier zusammengekommen, um den großartigen Maxim zu feiern. Rest in Peace, Bruder.“ Von der Familie für die Familie sei das Motto, erklärt einer der beteiligten Graffitikünstler in die Kamera. Aydins Witwe und sein Sohn Cihad gehören an diesem Tag im September aber nicht zu den geladenen Trauergästen.

    [...]

    Dass der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen das Berlin Mural Fest, in dessen Rahmen das Mural enthüllt wurde, als Partner unterstützt, ja sogar die Wand des Wohnhauses in Berlin-Kreuzberg zur Verfügung stellt, auf die das Antlitz seines verstorbenen Vaters gemalt werden würde, hätte man ihm aber verschwiegen.

    [...]

    Der Gipfel sei, dass er und seine Mutter von den Veranstaltern nicht zum Gedenken vor der Wand eingeladen worden wären.

    Zitat

    Wie Carolin Genz von der Humboldt Universität ausführt, gehe es aber um mehr als Publicity. „Konzerne wie DW werten mit kulturellem Kapital Orte zu besonderen Orten auf“, erklärt die Stadtanthropologin. „So sollen auch Bausubstanz und Boden aufgewertet werden.“ Oder, wie es die Deutsche Wohnen auf ihrer Homepage selbst formuliert: „Das bringt Farbe in die Kieze und lässt sie zu einzigartigen Orten werden.“

    [...]

    Eine Studie des Data Science Lab der Warwick Business School bestätigt 2016 einen Zusammenhang zwischen Kunst im öffentlichen Raum und der Mietpreisentwicklung: Je mehr Fotos von Street Art in einem Londoner Viertel bei Flickr gepostet wurden, desto schneller stieg in diesem Viertel auch der Mietpreis.

    Zitat

    Man kann das auch selbst beobachten: Für jetzt errechnete das Immobilienportal Immowelt.de aus allen inserierten Angeboten den durchschnittlichen Quadratmeterpreis für Bestandswohnungen in Berlin Marzahn-Hellersdorf von 2018 bis heute. Obwohl die durchschnittliche Miete für die Stadt Berlin in diesem Zeitraum eigentlich um zwei Prozent gefallen ist, ist sie in Marzahn-Hellersdorf um mehr als zehn Prozent gestiegen. Und um hier noch einmal den Bogen zur Deutsche Wohnen zu schlagen: Marzahn und Hellersdorf dienten mit insgesamt sieben Locations als zentraler Standort des Berlin Mural Fest 2019.


    PS: die Sache mit dem Lieferando Headquarter ist an Ironie auch kaum noch zu übertreffen

  • Ich denke, hier passts am besten.


  • Ich denke, hier passts am besten.


    :D;(^^

  • Den wenigsten Menschen kommt das als Naturgesetz vor, sonst würde es nicht AfD-Wähler oder Querdenker oder Populisten geben, die die Politik in ihre Richtung verändern wollen. Und viele merken ja eh, dass "Wohlstand für Alle", kein Naturgesetz sein kann, weil sie gar nichts von dem Wohlstand mitbekommen. Der einzigen, dem das wie ein Naturgesetz vorkommt, bist du.


    Dass Leute AfD wählen oder sich den sogenannten Querdenkern™ anschliessen ist doch überhaupt kein empirischer Bewseis dafür, dass sie die vom nahezu gesamten deutschen Parlamentarismus und dem medialen Mainstream gestützte Erzählung von Wohlstand für Alle™ durch Wachstum und Wettbewerb nicht akzeptiert hätten.

    Das genaue Gegenteil ist der Fall! Die AfD ist programmatisch noch viel neoliberaler als die fdP. Die haben überhaupt kein Problem damit, sich mit steinreichen Unternehmern und rechtslibertären Sozialdarwinisten gemein zu machen und sich von denen finanzieren zu lassen. Die Partei wurde von einer Gruppe neoklassisch geschulter Ökonomen gegründet. die der Auffassung waren, dass die bisherige Politik der Bundesregierung gegenüber den ökonomischen MinderleisterInnen im In- und Ausland noch nicht hart genug an der Austeritätsschraube gedreht habe, und die sich eine Rückkehr zum Goldstandard herbei träumten, um die angebliche Umverteilung des deutschen Wohlstandes ins Ausland über das angeblich von der "Hochfinanz" gesteuerte Fiat-Geldsystem zu beenden.


    Bei der letzten Bundestagswahl hat die einzige Partei, die - auch wenn sie in der Praxis nur etwas linkere Sozialdemokratie betreibt - wenigstens noch theoretisch die Überwindung des Kapitalismus im Programm stehen hat, die allermeisten Wählerstimmen nicht and die AfD, sondern entweder an die neoliberale sPD und an die neoliberalen Grünen verloren, oder an die wachsende Zahl der NichtwählerInnen, die vor den herrschenden Verhältnissen größtenteils innerlich erst recht kapituliert haben.


    Die sogenannten Querdenker™ sind - nach allem was dazu bisher an empirischer Forschung unternommen wurde - ebenfalls überhaupt keine Arbeiterbewegung oder eine zivilgesellschaftliche Initiative für Menschen, die den Kapitalismus als solchen ablehnen, oder gar unter seinen Auswirkungen am meisten zu leiden haben, sondern eine von gewieften mittelständischen Konspiratistikunternehmern angeführte, und zutiefst bürgerliche Ansammlung von größtenteils eher der Mittel- und oberen Mittelschicht entstammenden, formal gut ausgebildeten Leuten, die das "liberale" Versprechen von individueller Freiheit für Alle im Kapitalismus so verinnerlicht haben, und dieses gefühlte "gute Recht" auf individuelle Selbstbestimmung so eisern gegen den "Kollektivismus" der von finsteren Mächten manipulierten Mehrheitsgesellschaft verteidigen, dass sie dafür sogar riskieren, mit der Staatsgewalt in Konflikt zu geraten, und die sich dabei immer weniger darum scheren, dass ihre Protestmärsche von rechten Demagogen und deren Sturmtruppen unterwandert werden, denen nichts ferner liegt, als die Abschaffung des kapitalistischen Wettbewerbs und seiner Klassengesellschaft.

    Den Querdenkern geht es nicht darum den Kapitalismus zu überwinden, sondern darum, ihre gewohnten Privilegien als Mitglieder einer imperialistischen, kapitalistischen Ausbeutungsgesellschaft zu sichern, welche ihren besagten (relativen) Wohlstand für Alle™ nur dadurch aufrecht erhalten kann, dass sie im Rest der Welt gnadenlos Mensch und Natur ausbeutet und selbst in einer globalen Pandemie noch daran festhält, vor allem den Teil der Gesellschaft weiterhin täglich zur Arbeit zu schicken, der im kundennahen Dienstleistungssektor malocht, dabei ohnehin schon am wenigsten verdient, und dafür trotzdem am härtesten arbeiten muss.


    Es ist sicher richtig, dass weite Teile der Wählerschaft mit ihrer persönlichen Situation unzufrieden sind oder zumindest befürchten, in Zukunft schlechter dazustehen. Aber nichts deutet auch nur im Ansatz darauf hin, dass ein signifikanter Anteil der deutschen Bevölkerung zwischen diesem Unmut über die eigene individuelle Lage und der grundsätzlichen Beschaffenheit des kapitalistischen Systems einen kausalen Zusammenhang herstellt.

    Wäre das der Fall, dann würden sich wohl kaum immer wieder Mehrheiten für politische Koalitionen finden, die das bisherige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell - und somit eben auch die Vorstellung, dass nur weiteres quantitatives Wachstum der Profite ganz oben auch weiterhin den "Wohlstand für Alle" bis nach ganz unten durchtröpfeln lassen wird - lieber erhalten wollen, als es radikal zu verändern.


    Das ist auch gar kein Wunder, denn der absolut überwiegende Großteil des deutschen Medienbetriebes, der öffentlichen Intelligenzia, und der im Mainstream tatsächlich wahrgenommenen sozialwissenschaftlichen Forschung verweigert sich bei der kritischen Analyse des Zeitgeschehens ja ebenfalls hartnäckig der Erkenntnis, dass die in letzter Zeit so heiß debattierte "Spaltung der Gesellschaft" ein direktes Resultat der Widersprüche ist, die der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft schon von Anbeginn innewohnen.

    Statt dessen jagt in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung eine personifizierte Sündenbocktheorie die nächste - ob das jetzt aktuell die große Weltverschwörung der globalen Eliten zum Great Reset ist, oder die pauschale Nazifizierung der Ungeimpften - und man diskutiert lieber öffentlich mit dem neoliberalen Bundespräsidenten darüber, wer daran schuld ist, dass der neoliberale Kapitalismus nicht so funktioniert wie er das nach Auffassung der herrschenden Meinung doch eigentlich tun sollte, als darüber, dass er für den allergrößten Teil der Weltbevölkerung noch nie so funktioniert hat.


    Ich frage mich schon manchmal in welchem Land Du lebst, bzw. mit welchen Leuten Du sonst so redest.

  • P.S.:

    Für den Großteil allen sozialen Fortschritts war nie das parlamentarische System an sich verantwortlich. Die Zivilgesellschaft spielt, vor allem in Deutschland, noch eine große Rolle.

    Genau das ist doch das Problem. Der noch halbwegs politisch aktive Teil der Zivilgesellschaft wird in Deutschland im 21. Jahrhundert schon lange nicht mehr mehrheitlich von einer geschlossenen "Arbeiterklasse" gebildet, sondern von einer gehobenen Mittelschicht, die sich gar nicht mehr als Teil einer Klasse begreift, sondern als individuelle BürgerInnen mit indivduellen Ansprüchen, die allenfalls Zweckbündnisse mit anderen Individuen eingehen, wenn es für die Veteidigung der eigenen Ansprüche opportun erscheint, oder wenn es darum geht, das eigene moralische Selbstverständnis durch kollektive Abgrenzung gegen andere Teile der Gesellschaft zu erhöhen.

    Die Kritik an der "linksbürgerlichen" Moralapostelei wird zwar mittlerweile von rechts gerne aufgegriffen, aber sie hat ja durchaus einen wahren Kern, den man auch von links kritisieren kann.

    Die bürgerliche westdeutsche Nachkriegs-Soziologie hat nicht umsonst den Begriff der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" erfunden, um dem Pöbel den Klassenkampf auszutreiben und ihn als Relikt aus dem Manchesterkapitalismus ad acta zu legen.


    Und auch wenn es völlig richtig ist, dass der initiale Druck für soziale Fortschritte in der Vergangenheit noch nie aus den parteipolitisch dominierten Parlamenten kam, sondern "von der Straße", so waren es (abgesehen von tatsächlichen Revolutionen) am Ende trotzdem politische Parteien, welche die nötigen Mehrheiten zur gesetzlichen Umsetzung sozialer Verbesserungen in den Parlamenten bilden mussten.


    Wenn man also ein für das Selbstbild der Exportweltmeisternation Deutschland so essenzielles rechtliches Regelwerk wie das Betriebsverfassungsgesetz so ändern wollte, dass dabei eine deutlich größere Mitbestimmung für die lohnabhängig Beschäftigten in den Betrieben heraus kommt, dann käme man nicht umhin, dafür parlamentarische Mehrheiten zu organisieren.

    Und in diesem Staat ist eine solche Mehrheit nur zu bekommen, wenn eine ausreichende Anzahl an überzeugten BürgerInnen überzeugte Politikerinnen in das Parlament wählt, die dazu bereit sind, sich gegen den garantiert massiv und mit gewaltigen finanziellen Mitteln dagegen arbeitenden Propagandapparat der Unternehmerverbände und der bürgerlichen Presse zu stemmen, und die entsprechenden Gesetzesänderungen durchzusetzen.


    Die Alternative dazu wäre eine gewaltsame Revolution.

    Aber auch dafür bräuchte man ja erst mal ausreichend Revolutionäre, die dazu bereit wären, sich aus voller Überzeugung, gegen den bewaffneten Staat (und gegen die nur auf eine solche Gelegenheit wartenden rechten Sturmtruppen) in den Klassenkampf zu stürzen.


    Und da bleibt meine Frage nach wie vor: Wie sollen solche Mehrheiten zustande kommen, so lange sich kein Paradigmenwechsel in den Köpfen der zu aktivierenden Zivilgesellschaft vollzieht, der sie zu solchen starken Überzeugungen führt?


    Die Vorstellung, das liesse sich allein mit Organizing in den Betrieben bewerkstelligen, erscheint mir jedenfalls angesichts der schwindenden gewerkschaftlichen Organisation - jenseits der immer stärker auf Automatisierung mit wenigen, aber dafür hochqualifizierten und relativ gut bezahlten Fachkräften setzenden klassischen Industriebetriebe - und der überall zu sehenden Fragmentierung des modernen Dienstleistungprekariats in plattformkapitalistische Startups, outgesourcte Kleinunternehmen und scheinselbständige Arbeitsverhältnisse einfach sehr naiv.

  • "Dass Leute AfD wählen oder sich den sogenannten Querdenkern™ anschliessen ist doch überhaupt kein empirischer Bewseis dafür, dass sie die vom nahezu gesamten deutschen Parlamentarismus und dem medialen Mainstream gestützte Erzählung von Wohlstand für Alle™ durch Wachstum und Wettbewerb nicht akzeptiert hätten."



    Wer redet von einem empirischen Beweis? Wenn die Menschen an deine These glauben würden, dass sie ihr Lage als Naturgesetzlichkeit empfinden, dann würde sie nicht versuchen, ihre Lage zu ändern. Glaube kaum, dass irgendein Querdenker an das Märchen vom Wohlstand für alle durch Wachstum und Wettbewerb glaubt und die meisten glauben schon lange nicht mehr daran.



    "Das genaue Gegenteil ist der Fall! Die AfD ist programmatisch noch viel neoliberaler als die fdP. Die haben überhaupt kein Problem damit, sich mit steinreichen Unternehmern und rechtslibertären Sozialdarwinisten gemein zu machen und sich von denen finanzieren zu lassen. Die Partei wurde von einer Gruppe neoklassisch geschulter Ökonomen gegründet. die der Auffassung waren, dass die bisherige Politik der Bundesregierung gegenüber den ökonomischen MinderleisterInnen im In- und Ausland noch nicht hart genug an der Austeritätsschraube gedreht habe, und die sich eine Rückkehr zum Goldstandard herbei träumten, um die angebliche Umverteilung des deutschen Wohlstandes ins Ausland über das angeblich von der "Hochfinanz" gesteuerte Fiat-Geldsystem zu beenden."



    Und? Die AfD ist neoliberal ja, aber sie verspricht den Leuten Wandel, und genau das fehlt eben der organisierten linken. Was hat das mit der Auffassung irgendwelcher Naturgesetzlichkeiten zu tun?



    "Bei der letzten Bundestagswahl hat die einzige Partei, die - auch wenn sie in der Praxis nur etwas linkere Sozialdemokratie betreibt - wenigstens noch theoretisch die Überwindung des Kapitalismus im Programm stehen hat, die allermeisten Wählerstimmen nicht and die AfD, sondern entweder an die neoliberale sPD und an die neoliberalen Grünen verloren, oder an die wachsende Zahl der NichtwählerInnen, die vor den herrschenden Verhältnissen größtenteils innerlich erst recht kapituliert haben."



    Und? Genau das gleiche: Was hat das damit zu tun, dass Menschen glauben, ihre Lage wäre ein "in Stein gemeiseltes Naturgesetz"? Das zeigt eher das Gegenteil. Dass Menschen glauben, dass sich was ändern kann. Obwohl der politische verdruss zugleich auch hoch ist bzw. die Auffassung, dass das politische System gar nicht mehr in der Lage ist, etwas zu ändern. Auch hier wieder das gleiche: Die organisierte Linke hat keinen alternativen Gesellschaftsentwurf. Das ist doch das Problem und nicht, dass Menschen glauben, ihre Situation wäre irgendein Naturgesetz oder was auch immer. Was ist das eigentlich für ein Argument? Im Grunde ein tautologisches. Es kann sich nichts verändern, weil sich nichts verändern kann. WOW be part of the problem.




    "Die sogenannten Querdenker™ sind - nach allem was dazu bisher an empirischer Forschung unternommen wurde - ebenfalls überhaupt keine Arbeiterbewegung oder eine zivilgesellschaftliche Initiative für Menschen, die den Kapitalismus als solchen ablehnen, oder gar unter seinen Auswirkungen am meisten zu leiden haben,"



    Wer hat je gesagt, dass Querdenker zur Arbeiterbewegung gehören? Ich jedenfalls nicht. Es gibt in De auch keine Arbeiterbewegung mehr, das gab es im 19. Jahrhundert. Es hat genauso, bis auf du, niemand je behauptet, die Querdenker wäre eine antikapitalistische Bewegung. Es geht darum, dass Menschen denken, dass Wandel notwendig ist, sie Wandel wollen. Dass sie dabei rechten Populisten zum Opfer fallen, hat überhaupt nichts damit zu tun, dass sie an irgendwelche Naturgesetze glauben, sondern damit, dass die linke keinen alternativen Gesellschaftsentwurf anbietet. Und Leute wie du sind halt auch das Problem. Du gibt vor, der große Kapitalismuskritiker zu sein, versteckst dich aber hinter der Ansicht, er könne nicht überwunden werden, weil die Menschen ihn nicht überwinden wollen, also bleibe nur Kapitalismus als Alternativlos übrig.


    Was ist hier der Unterschied zu der Aussage, Kapitalismus ist ein Naturgesetz?



    "sondern eine von gewieften mittelständischen Konspiratistikunternehmern angeführte, und zutiefst bürgerliche Ansammlung von größtenteils eher der Mittel- und oberen Mittelschicht entstammenden, formal gut ausgebildeten Leuten, die das "liberale" Versprechen von individueller Freiheit für Alle im Kapitalismus so verinnerlicht haben, und dieses gefühlte "gute Recht" auf individuelle Selbstbestimmung so eisern gegen den "Kollektivismus" der von finsteren Mächten manipulierten Mehrheitsgesellschaft verteidigen, dass sie dafür sogar riskieren, mit der Staatsgewalt in Konflikt zu geraten, und die sich dabei immer weniger darum scheren, dass ihre Protestmärsche von rechten Demagogen und deren Sturmtruppen unterwandert werden, denen nichts ferner liegt, als die Abschaffung des kapitalistischen Wettbewerbs und seiner Klassengesellschaft.


    Den Querdenkern geht es nicht darum den Kapitalismus zu überwinden, sondern darum, ihre gewohnten Privilegien als Mitglieder einer imperialistischen, kapitalistischen Ausbeutungsgesellschaft zu sichern, welche ihren besagten (relativen) Wohlstand für Alle™ nur dadurch aufrecht erhalten kann, dass sie im Rest der Welt gnadenlos Mensch und Natur ausbeutet und selbst in einer globalen Pandemie noch daran festhält, vor allem den Teil der Gesellschaft weiterhin täglich zur Arbeit zu schicken, der im kundennahen Dienstleistungssektor malocht, dabei ohnehin schon am wenigsten verdient, und dafür trotzdem am härtesten arbeiten muss."




    WOW du kannst sicherlich Gedanken lesen. Woher genau hast du diese ganzen Informationen zu dem was Querdenker für Ansicht haben? Das wissen nichtmal Wissenschaftler, die Studien dazu machen. Abgesehen davon gehts auch nicht um die Querdenker allein, die können mich von mir aus am Arsch lecken. Aber hier gilt wie immer, dass den linken das Narrativ einer besseren Welt fehlt.


    "Es ist sicher richtig, dass weite Teile der Wählerschaft mit ihrer persönlichen Situation unzufrieden sind oder zumindest befürchten, in Zukunft schlechter dazustehen. Aber nichts deutet auch nur im Ansatz darauf hin, dass ein signifikanter Anteil der deutschen Bevölkerung zwischen diesem Unmut über die eigene individuelle Lage und der grundsätzlichen Beschaffenheit des kapitalistischen Systems einen kausalen Zusammenhang herstellt."


    Und schon wieder Gedankenlesen. Zu solchen Sachen gibt es gar keine richtigen Studien. Abgesehen davon macht der Abschnitt auch gar keinen Sinn. Auch bei sozialem Wandel gibt es Ursache und Wirkung. Es gibt bei der linken derzeit überhaupt keine Mobilisierung, was die Verbreitung von alternativen Gesellschaftsentwürfen angeht. Also wie sollen die meisten Menschen überhaupt auf die Idee kommen, dass man alles auch anders machen könnte, wenn es gar keine Auswahl derzeit gibt.



    "Wäre das der Fall, dann würden sich wohl kaum immer wieder Mehrheiten für politische Koalitionen finden, die das bisherige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell - und somit eben auch die Vorstellung, dass nur weiteres quantitatives Wachstum der Profite ganz oben auch weiterhin den "Wohlstand für Alle" bis nach ganz unten durchtröpfeln lassen wird - lieber erhalten wollen, als es radikal zu verändern."



    Die bürgerliche Demokratie spiegelt sehr wenig die Einstellung der Bevölkerung wider. Du bist da einem bürgerlichen Märchen aufgeßessen. Abgesehen davon, welche Partei hat denn eine alternative Story? Gar keine. Und komm mir bitte nicht mit dem Quatsch, dass Parteien immer das repräsentieren in ihrem Programm, was die Bevölkerung will.




    "Das ist auch gar kein Wunder, denn der absolut überwiegende Großteil des deutschen Medienbetriebes, der öffentlichen Intelligenzia, und der im Mainstream tatsächlich wahrgenommenen sozialwissenschaftlichen Forschung verweigert sich bei der kritischen Analyse des Zeitgeschehens ja ebenfalls hartnäckig der Erkenntnis, dass die in letzter Zeit so heiß debattierte "Spaltung der Gesellschaft" ein direktes Resultat der Widersprüche ist, die der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft schon von Anbeginn innewohnen."



    Wenn man sich nur mit der übliche Schrottpresse beschäftigt stimmt das. Aber selbst die sind in Profitlogik eingebunden, als sollte das nicht überraschen.

  • "Genau das ist doch das Problem. Der noch halbwegs politisch aktive Teil der Zivilgesellschaft wird in Deutschland im 21. Jahrhundert schon lange nicht mehr mehrheitlich von einer geschlossenen "Arbeiterklasse" gebildet, sondern von einer gehobenen Mittelschicht, die sich gar nicht mehr als Teil einer Klasse begreift, sondern"



    Der Einzige, der behauptet, dass die Zivilgesellschaft die Arbeitklassen sei, bist du und du bist auch der Einzige hier, eine bestimmte Klasse müsse irgendetwas machen, was natürlich auch Käse ist, weil in die Breite und in die Höhe mobilisiert werden muss, nicht nur eine bestimmte Klasse.


    Und was du sagst, stimmt auch weiter nicht. Die ganzen Klimabewegungen bestehen nicht homogen aus der gehobenen Mittelschicht. Es gibt viele nicht-bürgerliche Bündnisse und Zusammenarbeiten.




    "individuelle BürgerInnen mit indivduellen Ansprüchen, die allenfalls Zweckbündnisse mit anderen Individuen eingehen, wenn es für die Veteidigung der eigenen Ansprüche opportun erscheint, oder wenn es darum geht, das eigene moralische Selbstverständnis durch kollektive Abgrenzung gegen andere Teile der Gesellschaft zu erhöhen."



    Mich bewundert wieder deine Menschenkenntnis, anscheind weißt du, was jeder einzelne Bürger in De für Vorstellungen von Mensch und Gesellschaft hat. Ebenfall gefällt mir der abfällig Ton nicht, dass ein großer Teil der Gesellschaft praktisch nur aus Narzismus handelt.




    "Und auch wenn es völlig richtig ist, dass der initiale Druck für soziale Fortschritte in der Vergangenheit noch nie aus den parteipolitisch dominierten Parlamenten kam, sondern "von der Straße", so waren es (abgesehen von tatsächlichen Revolutionen) am Ende trotzdem politische Parteien, welche die nötigen Mehrheiten zur gesetzlichen Umsetzung sozialer Verbesserungen in den Parlamenten bilden mussten."



    Warte kurz ich habs: Der Druck auf der Straße führte erst zu Mehrheiten. WOW edgy. Aber Druck auf der Straße bedeutet nicht nur Demos, sondern auch andere Formen, Zivilgesellschaft halt.




    "Wenn man also ein für das Selbstbild der Exportweltmeisternation Deutschland so essenzielles rechtliches Regelwerk wie das Betriebsverfassungsgesetz so ändern wollte, dass dabei eine deutlich größere Mitbestimmung für die lohnabhängig Beschäftigten in den Betrieben heraus kommt, dann käme man nicht umhin, dafür parlamentarische Mehrheiten zu organisieren.


    Und in diesem Staat ist eine solche Mehrheit nur zu bekommen, wenn eine ausreichende Anzahl an überzeugten BürgerInnen überzeugte Politikerinnen in das Parlament wählt, die dazu bereit sind, sich gegen den garantiert massiv und mit gewaltigen finanziellen Mitteln dagegen arbeitenden Propagandapparat der Unternehmerverbände und der bürgerlichen Presse zu stemmen, und die entsprechenden Gesetzesänderungen durchzusetzen."



    Und? Was ist hier dein Argument? Sozialer Wandel wird stattfinden in eine andere Welt, ob du das willst oder nicht, egal was es am Ende ist und da kann die Presse oder die Politik noch so viel Propaganda machen, wie sie wollen.




    "Die Vorstellung, das liesse sich allein mit Organizing in den Betrieben bewerkstelligen, erscheint mir jedenfalls angesichts der schwindenden gewerkschaftlichen Organisation - jenseits der immer stärker auf Automatisierung mit wenigen, aber dafür hochqualifizierten und relativ gut bezahlten Fachkräften setzenden klassischen Industriebetriebe - und der überall zu sehenden Fragmentierung des modernen Dienstleistungprekariats in plattformkapitalistische Startups, outgesourcte Kleinunternehmen und scheinselbständige Arbeitsverhältnisse einfach sehr naiv."



    Was hat das in diesem Absatz damit zu tun, ob Menschen sich für die Realisierung einer anderen Wirtschaftsform zu tun? Abgesehen davon, wie gesagt, Menschen wollen mehr Mitbestimmung, dazu gibt es viele Umfragen, 70% der Menschen machen nur Dienst nach Vorschrift. Nur weil ich evtl. einen gut bezahlten Job habe, bedeutet das micht, dass ich nicht offen für demokratische und menschenwürdigere Arbeitsformen? Das trifft einen ganz anderen Bereich als nur den Ökonomischen.


    "Ich frage mich schon manchmal in welchem Land Du lebst, bzw. mit welchen Leuten Du sonst so redest."



    In der Welt, in der ich lebe, beginnt ein routinemäßiger Arbeitstag in der Lohnarbeit nicht damit, dass erstmal der segensreiche Kapitalismus angebetet wird und danach geäußert wird, dass man sich auf 9-Stunden Maloche freut und den nächsten Tag. Das mag vielleicht in deiner Welt so sein, aber damit bist du Erfahrungsmäßig in der Minderheit.

  • Zur parlamentarischen Demokratie:

    (den text habe ich woanders geschrieben)



    Ich bin ja in dem Telegramkanal von den Querdenkern (aus Gründe des oppositional-research), und da wurden wieder Sachen über Diktatur in Deutschland usw. gepostet🤔

    Unser politisches System hat halt überhaupt nichts mit Diktatur gemeinsam. Demokratie ist schon der richtige Begriff. Das Problem ist, dass unsere parlamentarisch-repräsentative Demokratie halt nur eine sehr eingeschränkte Form von Demokratie ist, was sich geschichtlich so entwickelt hat. Die Idee der parlamentarischen Repräsentation kommt aus dem 19. Jahrhundert und war Teil des Liberalismus. Allerdings waren die Liberalen zu der Zeit gegen das Allgemeine Wahlrecht. Die Reichen sollten im Parlament regieren (Zensuswahlrecht), unabhängig vom Willen der Bevölkerung.


    Die Argumente der Liberalen waren:


    1. Nur wer Besitz hat, kann auch Verantwortung übernehmen.

    2. Die Masse sei zu irrational und zu wankelmütig, um an der Politik teilzunehmen.

    3. Es soll kein imperatives Mandat geben, da Angst vor Partikularinteressen (Unabhängigkeit vom Wählerwillen) im Parlament.


    Die Liberalen im 19. Jahrhundert waren also grundsätzlich gegen Demokratie und gegen das Allgemeine Wahlrecht.

    Das Allgemeine Wahlrecht ist erst unter den Bedingungen des 1. Weltkriegs nach der Novemberrevolution eingeführt worden von der SPD unter Friedrich Ebert bei der verfassungsgebenden Nationalversammlung am 20. Dezember 1918.

    (Es brauchte also erstmal einen Weltkrieg und eine Revolution, um wenigstens ein bisschen Demokratie für die Mehrheit einzuführen, was schon an sich interessant ist.)


    Später nach 1945 und nach dem Ende der Nazi-Diktatur und bei dem Aufbau des politischen Systems der BRD wurde vom Parlamentarischen-Rat explizit keine Direkte-Demokratie eingeführt. Weil wie Theodor Heuss gesagt hat, würde Direkte-Demokratie nur zu solchen Volksabstimmungen wie die der Fürstenenteignung in der Weimarer-Republik führen. Und natürlich, dass zu viel Demokratie Populismus zum Opfer fallen würde.


    Es gab also sowohl im Liberalismus im 19. Jahrhundert als auch bei dem Aufbau der BRD Angst vor zu viel Demokratie. Das politische System ab 1945 wurde dann im Nachhineinen im modernen Deutschland dann nur auf die Wahl auf vom Willen der Wähler unabhängige Repräsentanten beschränkt. Halt IMO aus Angst vor zu viel Demokratie. Die Politiker können praktisch machen, was sie wollen.


    Und so ein System bei dem es keine Bindung des Wählerwillens an die Politik gibt (außer über vorgegebene Parteien), hat viele Nachteile. Z. B. kann die Politik sehr leicht von Wirtschaftsinteressen mit deren Macht über Ressourcen und Arbeitsplätze beeinflusst werden (siehe auch regulatory-capture: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Regulatory_capture und capital-strike: https://en.m.wikipedia.org/wiki/Capital_strike) Gerade halt in einem Wirtschaftssystem, in dem wirtschaftliche Macht zu politischer Macht führt.


    Was Demokratie angeht: Ja unser System ist natürlich ne Demokratie, aber eigentlich nur weil das Allgemeine Wahlrecht existiert. Demokratie ist IMO aber viel mehr als nur alle paar Jahre ein Kreuz irgendwo machen. Z. B. wäre eine ernsthafte Form von Demokratie eine, bei der die Menschen ein Mitspracherecht haben bei Entscheidungen die sie auch betreffen, besonders im wirtschaftlichen Bereich.


    Das zeigt, dass unser parlamentarisch-repräsentatives System weder in seiner Konstitution, noch in seiner weiteren Entwicklung bis heute dazu geeignet ist, fundamentalen Wandel durch Wählen alleine herbeizuführen.

  • Und Leute wie du sind halt auch das Problem. Du gibt vor, der große Kapitalismuskritiker zu sein, versteckst dich aber hinter der Ansicht, er könne nicht überwunden werden, weil die Menschen ihn nicht überwinden wollen, also bleibe nur Kapitalismus als Alternativlos übrig.


    Was ist hier der Unterschied zu der Aussage, Kapitalismus ist ein Naturgesetz?


    Ja gut, Jonny. Du versteifst Dich offensichtlich wieder mal gewohnt Ironie-resistent auf meine Formulierung der kapitalistischen Wachstums- und Wettbewerbslogik als "Naturgesetz". Daraus schliesst Du, ich selbst würde sie als solche erachten und mich daher eigentlich gegen eine radikale Veränderung dieses scheinbar naturgesetzlichen Systems positionieren, während ich vorgebe, es radikal zu kritisieren.


    :S


    Das ist insofern eine recht kuriose Wortklauberei, weil ich hier und im alten Forum eigentlich schon immer genau gegen diese Sichtweise argumentiere.


    Ich glaube jetzt natürlich nicht, dass Du Diese völlige Verdrehung meiner eigentlichen Position jemals aufgeben wirst, selbst wenn ich zum hundertsten mal versuche, sie ausführlich zu erklären, aber vielleicht interessiert's ja sonst noch wen:

    Die organisierte Linke hat keinen alternativen Gesellschaftsentwurf. Das ist doch das Problem und nicht, dass Menschen glauben, ihre Situation wäre irgendein Naturgesetz oder was auch immer. Was ist das eigentlich für ein Argument? Im Grunde ein tautologisches. Es kann sich nichts verändern, weil sich nichts verändern kann. WOW be part of the problem.


    Ich behaupte mitnichten, dass es nicht möglich wäre, den Kapitalismus zu überwinden, oder dass die Menschen ihn grundsätzlich nicht überwinden wollen. Die Tautologie die Du mir hier vorwirfst, werfe ich hingegen dieser (ver)bürgerlich(t)en Gesellschaft vor in der wir leben.


    Die herrschenden Verteilungs- und Eigentumsverhältnisse sind das materielle Sein, welches das gesellschaftliche Bewusstsein formt. Und jenes herrschende Bewusstsein kann sich dauerhaft nur vor der permanenten kognitiven Dissonanz und vor dem völligen Irrsinn in Sicherheit bringen, wenn es eine Ideolgie hat, die jene Verhältnisse trotz all ihrer inneren Widersprüche so behandelt, als wären sie Ergebnis einer natürlichen historischen Entwicklung - einer "spontanen Ordnung" - welche sich aus der "Natur des Menschen" heraus als marktförmiges Konkurrenzverhältnis unter privaten Eigentümern etabliert habe und daher nur von realitätsverweigernden Spinnern angezweifelt werden könne.


    Das heißt nicht, dass jedes einzelne Individuum ganz bewusst dieser Ideologie folgt wie einer religiösen Doktrin, sondern dass die Vorstellung von einer Überwindung des Kapitalismus den Menschen von seinen Verteidigern permament als realitätsfern, spalterisch und "extrem" vorgebetet wird.

    Es ist kein "Naturgesetz" das die Menschen zu der Überzeugung bringt, es habe keinen Sinn, sich radikal gegen dieses System zu wenden, selbst wenn sie damit völlig unzufrieden sind, sondern es ist die Behauptung seiner Alternativlosigkeit durch die herrschende Ideologie, die eine Veränderung der materiellen Verhältnissse verhindert.


    Es gibt bei der linken derzeit überhaupt keine Mobilisierung, was die Verbreitung von alternativen Gesellschaftsentwürfen angeht. Also wie sollen die meisten Menschen überhaupt auf die Idee kommen, dass man alles auch anders machen könnte, wenn es gar keine Auswahl derzeit gibt.


    Ich bestreite überhaupt nicht, dass die Linke keinen einfach umsetzbaren alternativen Gesellschaftsentwurf präsentieren kann. Das kann allerdings auch die AfD nicht, das können die Querdenker nicht, und auch alle anderen Parteien oder zivilgesellschaftlichen Bewegungen können das nicht, weil niemand mit Sicherheit wissen kann wie eine moderne, arbeitsteilige Industriegesellschaft ohne Kapitalismus genau funktionieren würde.

    Es gibt eigentlich sogar eine ganze Menge theoretische Überlegungen dazu, wie sowas vielleicht funktionieren könnte. Das Problem dabei ist, dass die Umsetzbarkeit all dieser Ideen sich nur in der Praxis überprüfen ließe, und da kommt dann eben die scheinbare "Naturgesetzlichkeit" der herrschenden Verhältnisse ins Spiel, gegen die jede linke Forderung nach radikaler Veränderung mühsam argumentieren muss, um die tief sitzende Angst vor jeglicher radikalen Veränderung zu überwinden. Und das kann sie nicht, ohne die herrschenden Verhältnisse kritisch zu analysieren, um ihren absolut zerstörerischen Charakter offenzulegen, und dann die Ergebnisse ihrer Kritik der breiten Öffentlichkeit jenseits der theoretischen Diskurse in den Elfenbeitürmen der linken Akademien und Arbeitskreise zugänglich und verständlich zu machen.


    weil in die Breite und in die Höhe mobilisiert werden muss, nicht nur eine bestimmte Klasse.


    Selbstverständlich hat der Großteil der Bevölkerung dieses "Naturgesetz" nicht in dieser konkreten ideologisch fest betonierten Form verinnerlicht. Selbst die meisten bürgerlichen ÖkonomInnen würden den Vorwurf, sie würden sich sklavisch einer solchen Axiomatik unterwerfen sicher ganz entrüstet von sich weisen.


    Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass der absolute Großteil der Bevölkerungen in allen kapitalistischen Ländern überhaupt keine konkrete theoretische Vorstellung davon hat, wie ihr sozioökonomisches System tatsächlich funktioniert - und somit auch nicht davon, wie eine Alternative dazu funktionieren könnte -, weil die allermeisten Leute,die in solchen Systemen leben weder die Zeit noch die dazu nötige theoretische Vorbildung haben, um solche Analysen nachzuvollziehen. Aus genau diesem Grund müssen solche Klugscheisser wie Du oder ich ja selbst in einem "linken" Forum wie diesem hier immer wieder von vorne damit anfangen zu erklären, wo die Fehler und Widersprüche dieses Systems zu verorten sind.

  • Gleichzeitig leben wir aber alle in gesellschaftlichen Verhältnissen, die aus genau dem Grund weiter aufrecht erhalten werden, weil der wirtschafts- und gesellschaftstheoretische Mainstream - also die herrschende Meinung in der modernen Techno- bzw. Expertokratie - sich mit der Systemfrage nicht radikal auseinandersetzt, und statt dessen die grundsätzliche Beschaffenheit des Systems so behandelt als, wäre sie ein Naturgesetz.

    Nochmal zum mitschreiben: Die kapitalistische Verwertungslogik ist kein Naturgesetz, sie wird aber in der real existierenden gesellschaftlichen (also vor allem auch in der politischen, gesetzgeberischen und juristischen!) Praxis wie ein solches behandelt und daher in der allgemeinen(!), veröffentlichten gesellschaftlichen Diskussion - jenseits irgendwelcher linker Nischenpublikationen oder akademischer Papers ohne nennenswertes Publikum - genauso wenig in Frage gestellt wie die Schwerkraft, oder der Gefrierpunkt von Wasser.


    Die Profiteure des kapitalistischen Profitwachstums haben ein ureigenes Interesse daran, dass jenes Wachstum von der politischen Klasse und von der Mehrheit der Zivilgesellschaft als Notwendigkeit für Fortbestand und Mehrung des allgemeinen Wohlstandes akzeptiert und somit nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird, weil das kapitalistische System von dem sie so gewaltig profitieren ohne Wachstum nicht funktioniert. In einer kapitalistischen Gesellschaft haben die Eigentümer der Produktionsmittel leider auch das Eigentum an den Mitteln zu Ideologieproduktion.


    Bei den laufenden öffentlichen Diskussionen um die Bewältigung des Klimawandels und der Pandemie kann man täglich live beobachten, wie der bürgerliche Propagandaproduktionsapparat erfolgreich die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung nach bezahlbarer Energie, bezahlbarem Wohnraum, bezahlbarer Mobilität, nach uneingeschränkter Lohnarbeit und Konsum, nach arbeitsmarktkonformer Ausbildung des Nachwuchses im Präsenzunterricht, etc. gegen jede politische Maßnahme ins Feld führt, die sich negativ auf das Profitwachstum auswirken würde. Die VerteidigerInnen des Systems brauchen dazu überhaupt keine großen argumentativen Anstrengungen zu unternehmen. Die herrschende Ideologie hat den Menschen die Logik der herrschenden Verhältnisse so zum unreflektierten Alltagsbewusstsein werden lassen, dass jeder Verstoß dagegen zuerst mal als fundamentaler Angriff auf die individuellen Menschenrechte gewertet und quasi-instinktiv abgelehnt wird.


    Um die "Zivilgesellschaft" für linke Alternativen - auch erstmal innerhalb des kaptalistischen Systems - zu mobilisieren, reicht es einfach nicht, jene linken Alternativen konkret vorzustellen.

    Ich sage überhaupt nicht, dass man das nicht tun soll. Meine These ist, dass man den Leuten dabei gleichzeitig klar machen muss, dass eine Abkehr von der herrschenden Logik eben nicht bedeutet, dass ihnen dann der Staat / "die Sozialisten"=O auch noch das letzte bisschen privaten Wohlstand weg enteignet, das sie sich mühsam erarbeitet und angespart haben, oder sie in eine freiheitsfeindliche Gesinnungsdiktatur zwingt, in der man "nichts mehr sagen darf", ohne gecancelt zu werden.


    Dass sie dabei rechten Populisten zum Opfer fallen, hat überhaupt nichts damit zu tun, dass sie an irgendwelche Naturgesetze glauben, sondern damit, dass die linke keinen alternativen Gesellschaftsentwurf anbietet.


    Die "liberalen", konservativen und rechten Narrative sind deshalb so mächtig, weil sie an eine bestehende, hierarchisch strukturierte soziale Ordnung anknüpfen, die jeder von uns zumindest ein Stück weit verinnerlicht hat und die nicht einfach mal eben "debunked" werden kann, weil sie auf grundsätzlich irrationalen, widersprüchlichen Grundannahmen aufgebaut ist, gegen die sich jedes Indivduum nur mit einigem Aufwand an innerer Überwindung emanzipieren kann.


    Sozialer Wandel wird stattfinden in eine andere Welt, ob du das willst oder nicht, egal was es am Ende ist und da kann die Presse oder die Politik noch so viel Propaganda machen, wie sie wollen.


    Alleine die Tatsache, dass die Leute unzufrieden sind und dass sie irgendwie wollen dass sich irgendwas deutlich verändert, ist zwar eine notwendige, aber eben keine hinreichende Voraussetzung dafür, dass der wachsende gesellschaftliche Unmut dann auch zur Veränderung in Richtung einer sozial gerechteren und demokratischeren Gesellschaftsordnung führt.

    Gerade Dir als Historiker wird doch sicher klar sein, dass sich massenhafte diffuse Unzufriedenheit mit "denen da oben" gerade in Krisenzeiten schon immer sehr leicht von rechten Reaktionären instrumentalisieren ließ, die alles andere im Sinn hatten als eine klassenlose Gesellschaft mit mehr sozialer Gerechtigkeit für alle. Wir können das auch ganz ohne historische Analyse zur Zeit überall in Europa und in den USA beobachten.


    TL/DR: Die Linke - im Parlament wie in der Zivilgesellschaft - muss nicht einfach nur Alternativen präsentieren, sie muss dabei gleichzeitig die Logik der herrschenden Ideologie durchbrechen, welche verhindert, dass solche Alternativen umgesetzt werden können.

    Das eine schliesst das andere nicht aus.

  • Ist das Endstadium oder kann man da noch Feintuning machen?


  • Ist das Endstadium oder kann man da noch Feintuning machen?


    „Sozialismus“ mit der Brechstange (im wahrsten Sinne) 😅

  • Wenn man aus der Umlaufbahn ein Selfie schießt, dann sieht man das Elend nicht so...



  • Wenn man aus der Umlaufbahn ein Selfie schießt, dann sieht man das Elend nicht so...



    Techno-Feudalism is taking over

    [...] This is how capitalism ends: not with a revolutionary bang, but with an evolutionary whimper. Just as it displaced feudalism gradually, surreptitiously, until one day the bulk of human relations were market-based and feudalism was swept away, so capitalism today is being toppled by a new economic mode: techno-feudalism. [...]

  • "Feeling Soviet in USA" : )


    Nach dem Kollaps entsteht vielleicht ein brauchbareres System - eins in dem Reiche Steuern zahlen und nicht mit jeder "Krise" das Geld verdoppeln.


  • Ich denke es gibt noch genug übergewichtige Amerikaner um die vier Bilder zu widerlegen.


    Pillar 1 ist sicherlich ein guter Schritt in die richtige Richtung, damit Konzerne in Zukunft Steuern zahlen - gegen den ursprünglichen Widerstand der Deutschen. Steuervermeidung ist ein ähnliches Problem wie der Klimawandel. Nur internationale Lösungen bringen am Ende etwas. Aber es tut sich was, wenn auch langsamer als man sich dies wünschen würde.


    Die Besteuerung von dry income und ob man das besteuern sollte, steht auf einem anderen Blatt und ich denke es gibt sehr gute Gründe dagegen und auch Alternativen. Eine nennenswerte Erbschaft- und Schenkungsteuer auch auf Betriebsvermögen würde ich immer bevorzugen.

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