Beiträge von JckProtoRogge1.1

    Ab 0:16 – Wiegold zu den 1990ern ff: „Primär war die Meinung, der ewige Frieden ist ausgebrochen … das hat sich ein bisschen als Trugschluss rausgestellt“ Statt zu hinterfragen, warum der ewige Frieden nicht ausgebrochen ist, werden weiter Argumente für Hochrüstung und Militarisierung herbei gefaselt.

    Da fragt man sich auch immer, wen meint er damit? Wer war der Meinung, es gebe da den ewigen Frieden? Im Prinzip doch sich selbst und seine liberale naive Sicht, die Kosovo, den Balkan, Irak und Nahen Osten nicht sieht.

    Selbst Francis Fukuyama ist nicht so naiv gewesen.


    Der gesamte Boomer-Liberalismus ist hier wie ein Todeskult. Jemand wie Wiegold macht im Grund nicht viel anderes als Putin, wenn er Alternativlosigkeit predigt und nicht weiß, wie Diplomatie funktioniert und im Gegenteil toxischer wird, wenn man andere Wege und andere Kulturen, andere Lebensrealitäten sieht, die z.B. nicht im CDU/AfD-liberale regierten Nationalstaat aufgeht.

    Ich hab noch eins:

    Warum werden ehemalige NVA Soldaten beim Veteranenbegriff nicht berücksichtigt, während gleichzeitig über historische Kontinuitäten zur Wehrmacht und die Rolle von Vorbildern diskutiert wird? Welche Logik steckt hinter dieser Auswahl?

    (Quelle, NVA-Soldaten sind keine Veteranen https://www.mdr.de/nachrichten…nen-veteranentag-100.html

    Mögliche Vorbilder aus der Wehrmacht https://www.sueddeutsche.de/po…ux.VPCBxjaU6XQAYUsDva8g4o)

    Ah Teil 2

    • Wie viel der aktuellen Aufrüstung ist militärisch begründet und wie viel dient vor allem politischen Signalen nach innen oder außen?
    • Ist die Bundeswehr-Werbung in Schulen oder auf der Gamescom eigentlich notwendig? Basiert das Einziehen von Rekruten langfristig nicht eher auf das Ansprechen von Menschen aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen? ("Poverty Draft" falls ein Schlagwort einfacher ist)
    • Wie einsatzbereit ist die Bundeswehr aktuell wirklich gemessen an Personal, Material und Logistik? Woran kann sich das zeigen?
    • Wie stark rechnet die deutsche Politik aktuell noch mit den USA als verlässlicher Schutzmacht?
      Und wie abhängig ist Deutschland militärisch tatsächlich von den USA innerhalb der NATO?
    • Welche Rolle hat NATO-Generalsekretär Mark Rutte konkret dabei gespielt, den Konflikt um Trumps Grönland-Forderungen zu entschärfen und was sagt das über Entscheidungsprozesse in der NATO aus?
    • Wie stark verändern Drohnen aktuell die Bedeutung klassischer Waffensysteme wie Panzer und Infanterie?
    • Wenn Atomwaffen im Ernstfall kaum einsetzbar sind, wie relevant sind sie dann praktisch noch im Vergleich zu konventionellen Streitkräften?
    • Müsste die EU nicht öffentlichkeitswirksam Atombombentests durchführen, damit die Logik der Abschreckung funktioniert? (Wobei dasselbe für andere Staaten ja auch gilt. Man ist doch einer Atommacht quasie ausgeliefert, wenn man als Staat keine Nuklearwaffen hat oder?)

    Um ehrlich zu sein: ich war kein Fan von Rutte. Das sah aus wie ein Zeichen von Schwäche, Konformität und Beschwichtigung gegenüber jemanden wie Trump. Aber es weiß jetzt im Nachhinein auch niemand mehr, was Trump da wollte.

    • Wie ernst wird die Gewissensentscheidung bei der Musterung tatsächlich genommen? Sollte es rechtlich einklagbar sein, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden, auch wenn die Musterungsstelle Zweifel hat? (laut Wikipedia ist diese Gewissensabfrage extrem problematisch: man kann weder beweisen noch widerlegen, dass es ein Gewissen gebe und man damit Probleme habe. Es läuft eher auf Schauspielerei und bestimmten Formulierungen in der Kriegsdienstverweigerung hinaus, soweit ich das verstehe.)
    • Wie belastbar sind die Umfragen zum Rückhalt für Aufrüstung in der Bevölkerung? Gibt es Hinweise darauf, dass dieser Rückhalt nur oberflächlich oder kurzfristig ist?
    • Welche konkreten Bedrohungsszenarien für Deutschland werden aktuell in der Sicherheitspolitik ernsthaft diskutiert über Russland hinaus?
    • In welchen Bereichen, falls überhaupt, wird Israel in der deutschen Sicherheits- und Militärpolitik als Vorbild gesehen?
    • Gibt es belastbare Zahlen dazu, welcher Anteil der Militärausgaben in Verwaltung, Bürokratie oder ineffiziente Strukturen fließt?
    • Gibt es historische Beispiele, in denen Staaten nach langen Friedensphasen ihr Militär vernachlässigt haben und dann kurzfristig massiv aufrüsten mussten?

    Besten Dank für die Einordnung, das hat man davon, wenn man sich mit etwas anderem als seinen Leisten beschäftigt... Jedenfalls ist deine Differenzierung da echt wertvoll und hatte das so nicht auf dem Schirm. Gramsci wurde zuletzt stark in dem ein oder anderen Podcast rezipiert mit seinem hegemonialen Denken, und meine Transferleistung war da wohl etwas verfehlt.

    Wenn man will, dann findet man bei Gramsci auch was dazu, aber es imo nicht der Kern. Ich denke dass das auch der Fehler ist, den die Rechten bei Hegemonie nicht sehen: es geht nicht nur um Narrative, Dominanz und polit. Mobilisierung. Wobei wiederum das Schmieden von Narrativen, Aufnehmen von Interessen der Arbeiter und Popularisieren ist ebenso keine Kleinigkeit.

    Bei Foucault war es bei mir nur "Überwachen und Strafen", und das habe ich nicht aufrichtig durchgekaut.

    Bei Foucault könnte man sagen, dass das imo ein typischer liberaler Diskurs ist. Diskurse sind dabei identitätsstiftend und macht einen zum Subjekt, aber auch unterworfen (nach dem Motto: "Subjekt meint immer auch das Unterworfende.") Vlt passt ist das Toleranzparadox dann auch nahe zu sowas wie diese Episteme bei Foucault. Das ist das Wissen, was unhinterfragbar bei den Diskussionen mitschwingt und mitstrukturiert. Bspw. ist das sowas wie "Die Erde ist rund". Das könnte (in diesem liberalen Diskurs) vergleichbar sein mit "Man muss intolerant gegen Intoleranz sein." (wobei das eine ist eher naturwissenschaftlich-deskriptiv und das andere ist moralistisch-wertend und legitimierend. Die Gleichsetzung passt nicht so 100%)


    Denke Utan macht da schon die richtigen Bemerkungen. So man hat da diese quasi-Axiome und da muss eigentlich eher der Diskurs ansetzen: was ist tolerant und intolernt? So sieht das wie ein "thought terminating"-Satz aus. Man muss genauer fragen, was für Diskurse bedient werden, welche Standpunkte auftreten, was der Kontext ist und was immer wiederholt wird. Das trifft sich mit Gramsci, sobald um die Frage der Interessen geht: Welche Interessen werden hier verbreitet und sollen durchgesetzt werden? (Und diese Frage liegt fast schon immer auf der Hand.)

    Ich habe hier die Primärliteratur (leider) nur teilweise gelesen, aber der Gramsci hat mit seiner Hegemonie und dem, was vernünftig ist, eben ein Machtinstrument beschrieben. So schützen die Linksliberalen sich nicht nur gegen den vermeintlich allgegenwärtigen Faschismus sondern aucj vor jeder Kritik an die aktuell bestehende Machtordnung.

    Hegemonie bei Gramsci ist auf Zustimmung ausgelegt. Es soll eine führende Gruppe Interessen formulieren, als Allgemein durchsetzen und so eine Lebensweise einführen. Diese Lebensweise kombiniert Ideologie, integrierten Staat (Zivilgesellschaft + Kommandostrukturen) und die Produktionsverhältnisse. Das ist nicht moralisch gemeint oder eine Gruppe muss nicht automatisch marxistisch sein. Gramsci sieht z.B. in Henry Ford einen organischen Intellektuellen, der eine Lebensweise einführt, die die Massenfertigung einfängt (Massenfertigung + Lebensweise = Fordismus für Gramsci, also eine Hegemonie ).


    Fordismus ist ebenso für Gramsci die amerikanische Modernisierung, die sich im europäischen Faschismus zeigt. Die Europäer mussten ihre Produktionsverhältnisse modernisieren, kamen nicht hinterher und landeten in totalitären Strukturen (das ist sehr vereinfacht gesagt, lest da nochmal nach). Die Nachkriegsordnung fing den Fordismus dann auf mit dem Sozialstaat und Konservatismus. Toleranz und Intoleranz ist dann eine Formel der Ideologie, die die richtige Lebensweise vorzeigen soll. Es geht imo nicht unbedingt um Kritik und die bestehende Machtordnung, sondern darum dass die ökonomischen Strukturen in eine intolerante Lebensweise abrutschen kann und das quasie "zu viel Disziplinierung" ist.


    Ich empfehle diese Abschnitte in Gramscis Büchern zum Fordismus. Leider sind die vollständigen Hefte etwas teuer und speziell, aber es erzählt auch so ein wenig, dass heutzutage auch Leute mit den Produktionsverhältnissen und ihrer Lebensweise kämpfen. Die Aufmerksamkeitsökonomie, das ständige Lernen und Digitalisierung tut den Leuten nicht gut, gerade wenn sie noch die Vorstellung von Kleinfamilie, Karriere und Gewerkschaften usw haben.


    geschrieben ohne LLMs

    Nachtrag: ich denk, man kann das etwas genauer ausführen über Toleranz als Element der Lebensweise, aber das ist nur schnell runtergeschrieben. Ich wehre mich erstmal nur gegenüber diese Verkürzung von Gramscis Hegemonie als "Deutungsdominanz" oder "was gesagt werden darf". Bei ihm war Hegemonie nichts negatives, sondern positiv, es soll ein Ausgang aus einer Miserie zeigen.