Mein Zitat hatte ja den Kontext, dass man auch auf Gotja Fragen eine Antwort haben kann. Und wenn man so in die öffentliche Debatte geht, dann sollte man diese vielleicht bei relativ gängigen Gegenargumenten auch haben.
Recall (Korrektheit abhängig von der Transkript-Qualität auf YT):
Sarah Bosetti: Wenn es jetzt eine Gruppe von fremden Kindern ist, schießt du dann auch?
Wenn es eine Gruppe von nicht unbedingt Kindern, aber erwachsenen Menschen ist, die aber in dem Moment bedroht werden, schießt du dann auch?
Also, wo kommt der Punkt, wo du sagst, das ist mir jetzt zu abstrakt, da hört meine Solidarität auf?
Ole Nymoen: Wie, da hört die Solidarität auf? Mit wem?
Sarah Bosetti: Mit den Menschen, für die du kämpfen würdest.
Ole Nymoen: Ich verstehe wirklich die Frage nicht.
Sarah Bosetti: Okay, ich versuche es anders. Nein, ich versuche es anders zu sagen.
Ole Nymoen: Aber ich weiß gar nicht, warum du mich so erschüttern magst.
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Bosetti konstruiert eine Induktionskette, um – das unterestelle ich einfach mal – ein "Siehst du, auch du würdest zur Waffe greifen. Gotcha!" zu ermöglichen. Das Scenario Building, und die sich anschließende Frage passen nicht zusammen. Nymoen's Gegenfrage stellt das doch heraus. Die Nachfrage Bosetti's schafft dann auch keine Klarheit mehr; die Konstruktion ist einfach falsch.
Das dann zu artikulieren, verschafft der Gegenseite mitunter auch Raum, Konstruktion & Fragen zu überdenken und konkretisieren zu können. In dieser Gesprächsrunde ist das nicht passiert. Ole hat mögliche Synthesen dann doch noch antizipatitv vorweg genommen:
Du findest es auch unvorstellbar, das zutun, und jetzt willst du die ganze Zeit irgend so einen Punkt bei mir herausfinden, wo ich sagen würde, da würde ich dann doch zur Waffe greifen und für Deutschland kämpfen, und vielleicht kommt der Punkt einfach gar nicht.
Weshalb und worüber debattieren wir eigentlich hieran?
Ja. Die klassische würdest du deine Mutter vor dem Russen retten, wenn du zufällig ein Gewehr in der Hand hättest? Auch einen Bekannten? Auch ein fremdes Baby? usw. in Anspielung darauf, dass eine Armee ja quasi die staatlich organisierte Form dieser Notwehr ist.
Armeen sind Gewaltinstrumente der ihr vorgestellten Eliten. Für "Verteidigungsarmeen" von Nationalstaaten gilt das gleichermaßen.
Im Zweifel wird dieses Werkzeug im Sinne der Befehlsgewalten eingesetzt. Da interessiert es kaum bis gar nicht, wer wessen Mutter oder Kind ist; am Ende des bewaffneten Konflikts liegen "Kollateralschäden" unter Trümmern, und der designierte Feind (in Irland z.B. gelegentlich Verwandschaft ersten Grades) im Grab(en).
Der Aspekt mit der Solidarität wäre übrigens auch glaubwürdiger, wenn sie innerhalb der Bevölkerung in relevantem Maße feststellbar wäre, und nicht einfach irgendein Vibe à la "Deutschland ist es wert" rausgehauen wird.
Ich bin sehgeschädigt – meine Brille beweist es –, aber wo solidarisiert sich der Volkssouverän z.B. hierzulande untereinander? Stattdessen wird gespalten und ausgebeutet, und zur Stützung dieses Apparats sollen dann Leute zur Aufopferung ihres Lebens gezwungen werden können?

Wenn schon nicht für alltägliche Solidarität gekämpft wird, wär' der Ruf zu den Waffen zumindest glaubwürdiger, wenn wirklich alle, die das mit und ohne Bauchschmerzen befürworten, ihre anteilige Ownership am Nationalstaat dadurch legitimieren, dass sie selbst uneingeschränkt in einen Armeeverbund eingliedern lassen, um staatstragend Befehle entgegennehmen zu können.
Deshalb habe ich diese Frage ja auch in den Raum gestellt. Für mich ist diese Antwort ähnlich wie bei der Frage nach der Polizei.
Die Polizei rekrutiert sich in DE nach wie vor ausschließlich aus Leuten, die sich freiwillig dazu melden.
Polizei und Gewaltmonopole sind andere Themen; Die müssen wir nicht unbedingt aufmachen, wenn es vor allem um Wehrpflicht & Militärdienst geht.
Und so unbeliebt Weisband hier ist, aber ich finde schon, dass sie ein Argument hat, dass die Tyrannei zumeist von Menschen gestürzt wurde, welche bereit waren ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
Dann sollen das Menschen selbstbestimmt tun, und nicht andere per Zwang in diesen verengten Korridor schleifen.
Falls du einen vielversprechenden Plan hast, die Tyrannei des Kapitals zu stürzen, opfere ich mich übrigens gerne freiwillig. ✌️
Wenn man in den Raum stellt, dass ein Leben unter Putin, als ein Tod auf den Schlachtfeld besser ist, dann gibt es da viele Argumente dafür. Muss man dann aber die Situation in Russland zusätzlich beschönigen?
In wiefern habe ich die Situation in Russland deiner Auffassung nach beschönigt? Denkst du tatsächlich, nach dem Lesen der von mir beschriebenen Einordnung, ich sehe etwas positives im beschriebenen kollektiven Defätismus & der sozialen und kulturellen Regression?
Wo Aktivismus schnell Leib und Leben in Gefahr bringt und Teile der Bevölkerung über Einschüchterung und blanke Angst kontrolliert und ins Private gezwungen wird?
RU also eine Preview, in welche Richtung es in DE zukünftig auch wieder gehen wird, weil hier aktuell zu wenige Leute ihr Leben auf's Spiel setzen, um die bereits seit der Staatskonstituierung der BRD fortwährend vom Gutbürgertum und reaktionären Eliten systemischen Zwänge zu überwinden? Dann lieber mal mehr Militarismus und Zwangsdienst, damit diese inneren Widersprüche auch weiterhin nicht aufgelöst werden können.
Ich glaube eine detaillierte Debatte um konzentrische Frontbögen und die Feuerratio bestimmter Geschütze würde den Rahmen noch weiter sprengen. Ich glaube Russland kann zu einem hohen Preis langsam aber sicher Boden gut machen, aber wenn man wirklich bis Odessa will, dann bräuchte man dafür noch Jahre, wenn die Ukraine weiter unterstützt werden würde.
Cool. Am Ende also noch weniger Staatsgebiet, und – hups – noch weniger Subjekte, die sich diesem unterordnen können. Ich verstehe diese Logik einfach nicht.
Aber was war zuerst da? Verständigung oder das Ausspielen aller Karten?
Weil dem geschilderten Ablauf würde ich nicht groß widersprechen. Nur eben hervorheben, dass die Radikalen auf beiden Seiten die Verhandlungen, welche es die ganze Zeit des Nordirlandkonfliktes gab, nicht mehr sabotieren, weil sie beide paramilitärisch ausgespielt waren und im Gefängnis ihre Gemeinsakeiten gefunden hatten. Ich bleibe dabei, hätte eine Seite noch realistische Chancen gehabt, wäre der Friedensprozess deutlich schwerer gewesen.
Das sollen meinetwegen besser qualifizierte Historiker konklusiv ausdiskutieren. Ich sehe mich dazu nicht in der Lage, das quantitativ zu erläutern.
Was ich dir nochmal sagen kann, ist: Es wurden nicht militärisch geschaffene Fakten abgewartet, bis ausreichend relevante Personen in ihren Werkzeugkoffern auf nicht militärische Optionsräume gestoßen sind, und diese dann auch genutzt hatten. Das war Gegenstand einer deiner ursprünglichen Fragen. (Gruß an Marner, der diese Prämisse re Kosovo-Bemerkung augenscheinlich ignorieren wollte). Die langwierigen diplomatischen Prozesse und ziviles Engagement waren es, was die Konfliktsituation zumindest soweit runterkühlen konnte, das die militanten Auswüchse weniger und weniger Motivation und Relevanz hielten.
Wenn du deine Frage ein wenig erweitern möchtest, und nach vermiedenen kriegerisch ausgetragenen Konflikten Ausschau hälst, wirst du u.a. bei den EU-Staaten fündig. Manchmal geht's dann sogar ganz ohne Krieg.
Ich habe dir auf deine Eingangsfrage nun jedenfalls ein paar meiner Gedankenfetzen zum Thema hinterlassen. Da mich bisher nichts zum Überdenken oder Justieren meiner Gedanken und Positionen bewegt hat, sehe ich für den Moment nicht, dass ich hier noch etwas beitragen kann.