Beiträge von Utan

    So, und wer sind hier die Bösen?


    :S

    Debattenkultur - Leberwurst, beleidigte!

    Das Beleidigen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Einst zog man dagegen in den Zweikampf, heute reicht es oft, den Gegner »beleidigt« zu schimpfen. Kleine Anleitung zum Beleidigtsein.


    [...] Wenn, nur mal beispielhaft, jemand über einen ausländischen Staatspräsidenten sagt, dass dieser »am liebsten Ziegen ficke«, halten das überraschend viele für einen ausgesprochen gelungenen Scherz. Wenn ein anderer, über dessen Vorfahren man vielleicht nicht schweigen sollte, über einen deutschen Soziologen sagt, dass dessen Vorfahren 10 Millionen Ukrainer ermordet haben, leiten überraschend viele daraus ab, es sei dem Professor aus Elfenbein zwecks Schuldausgleich geboten, 80 Jahre später möglichst viele Russen töten lassen zu wollen. Beides kann man so sehen, muss es aber gewiss nicht. Es könnten auch gravierende Beleidigungen sein. Beides hält sich vermutlich, auf unterschiedliche Weise, selbstverständlich für hochmoralisch.

    Dem zuletzt genannten, als Repräsentant eines ernst zu nehmenden Staates ersichtlich ungeeigneten Moralpöbler, 2015 Kranzniederleger am Münchner Grab des in der Westukraine als »Held« verehrten Kriegsverbrechers und Prowidnyk (Führer) Banderas, dessen aus der »OUN« hervorgegangene »UPA« der SS-Division »Galizien« aktiv bei der Ermordung von 800.000 Juden half und eigeninitiativ 100.000 Polen ermordete, hat kürzlich jemand gesagt, er sei »einfach nur borniert«. Der Hallraum für diese akademisch zurückhaltende Rüge war gewaltig und Furcht einflößend wie das »Tal der Dämmerung« auf Herrn Knopfs Reise nach China, und zahllose Reserveoffiziere der Herzen aus den Generalstäben für Wertekunde rieten dem Soziologen, sich, wenn ihm das Leben lieb sei, vom Schlachtfeld zurückzuziehen. Dabei müsste man »Borniertheit« nur zutreffend mit »Engstirnigkeit« übersetzen, und schon wäre der sogenannte Botschafter vielleicht glücklich. Wir wissen es nicht und stellen uns vorerst vor, was wohl den Botschaftern aus Südkorea, Angola oder Rumänien passieren würde, wenn sie sich ähnlich unverschämt aufführten oder einen Ehrenkranz für Rudolf Hess niederlegten.[...]

    A propos EU- und NATO-Mitglied Kroatien:


    Sehr interessante Filmindustrie da im Südwestbalkan



    Optimaler Zeitpunkt, um ein Doku-fiction Biopic über den kryptofaschistischen Kriegspräsidenten Tudjman zu veröffentlichen. Europäische Werte to the max.


    Kontext:

    Croatian Propaganda Movie Won’t Revive Kevin Spacey’s Career

    By acting in a propaganda biopic that reinforces national myths about Croatia’s 1990s President Franjo Tudjman, scandal-hit Hollywood star Kevin Spacey might do even more to undermine his own credibility.


    "Based on his accessible interviews and footage, it is clear he was a really passionate man who believed in his ideas and his Croatian people. I think he belongs to that old generation of politicians who were statesmen, and not bureaucrats, who thought that the nation needs a leader whom they would follow, and he did everything to do it so,” American actor Kevin Spacey told Croatian weekly Hrvatski Tjednik last Thursday.

    Spacey was referring to Croatia’s 1990s President Franjo Tudjman, who he has decided to play in a docu-fiction film directed by right-wing Croatian director Jakov Sedlar. But the project would probably never have happened if Spacey’s career had not been derailed due to allegations of sexual harassment and abuse.

    On top of these allegations, in 2020 Spacey was ordered to pay some 27 million euros to media company MRC, producer of the TV series House of Cards, in which he played the lead role, for breaching its sexual harassment policy.

    Although Spacey may think that playing Tudjman will allow him to show off his outstanding acting talents and win some plaudits again, there are many reasons why he will not revive his career by taking part in this propaganda film.[...]



    Die wären aber trotzdem in Konkurenz zu anderen Unternehmen aus der gleichen Branche.

    Was hielte sie davon ab, sich mit anderen Unternehmen aus der selben Branche so abzustimmen, dass alle zusammen genug produzieren um den Bedarf zu decken und davon leben zu können?


    Du bist kein Realist. Du hältst einfach nur eine profitgetriebene Konkurrenzgesellschaft mit Privateigentum und Wachstumszwang für alternativlos.

    Die armen Genossen sind latent gefährdet mit Kleberollen an Laternenpfähle gefesselt zu werden, das Gesicht grün angemalt (wie passend) und als Ork bezeichnet, mit runtergezogenen Hosen verprügelt oder schlimmeres.


    Die Mehrheit der Ukrainer haben gegen die Nazis gekämpft, da hat auch erstmal jeder meine Solidarität der nicht automatisch den rechten Arm hochreißt oder Nazitattoos hat. Dummerweise haben sich Rechts-Kameradschaften das Land geschnappt und seit dem verschmelzen da Rechtsextremismus und Staat wie wir es seit 1939 nicht mehr gesehen haben.


    Sagt die Türkei sie wäre gegen Finnland und Schweden in der NATO? Würde zu Erdogan/Putin passen...

    Lies mal besser den ganzen Artikel. So steht das da jedenfalls nicht drin.

    Im Mahlwerk der Geopolitik

    Linke in der Ukraine wünschen sich internationalen Austausch – was wollen sie sonst noch? Ein Besuch bei Sozialist*innen, Anarchist*innen, Gewerkschafter*innen und Feminist*innen in Lwiw

    [...] In sozialen und demokratiepolitischen Fragen stehe man in Gegnerschaft zur Regierung, erklärt Denis Pilash, ebenfalls von Sotsialnyi Rukh. Die Gruppe lehnt nicht nur die Einschränkung von Arbeiter*innen unter dem Kriegsrecht ab, sondern kritisiert auch die Verbote einer Reihe von Parteien. Zuletzt waren Mitte März elf Organisationen wegen des Vorwurfs, mit Russland zu kollaborieren, für die Dauer des Kriegszustandes mit Aktivitätsverboten belegt worden, darunter kleinere Gruppen, aber auch die Union Linker Kräfte und die mit 44 Sitzen im Parlament vertretene Oppositionsplattform für das Leben. Größtenteils würden diese Parteien nur dem Namen nach in der Tradition der Linken und Arbeiter*innenbewegung stehen, erklärt Pilash. Tatsächlich handele es sich bei ihnen um kremltreue, nationalistische und reaktionäre Organisationen, die sich sozialistischer und kommunistischer Symbolik bedienten. Das staatliche Verbot und Repressionen aber seien nicht der richtige Weg – auch weil solche Maßnahmen und die Kriminalisierung sozialistischer Symbole stets drohten, gegen Linke gerichtet zu werden. Die Aktivist*innen lehnen jede Diskriminierung auf Grundlage von Sprache, Herkunft oder Nationalität ab, ebenso wie das 2015 erlassene Dekommunisierungsgesetz, das auf Basis einer Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus »totalitäre Symbole«, also auch sowjetische Symbole, verbietet.

    Trotz all der Kritik an der Regierung: In der Verteidigung gegen die russische Invasion unterstütze man sie. Die Alternative wäre eine russische Besatzung des Landes – aus Sicht aller unserer Gesprächspartner*innen eine Katastrophe. Für die in Lwiw versammelten Linken gibt es schlicht keine Alternative zur militärischen Verteidigung der Ukraine.[...]

    Sich positionieren, Solidarität mit ukrainischen Linken zu üben, bedeutet nicht, die zahlreichen Probleme und Widersprüche zu ignorieren: Die Gefahr einer weiteren Eskalation des Krieges ist real, ebenso ist die Sorge vor Vereinnahmung für die Kriegsziele der Nato-Staaten begründet. Es gibt keinen Anlass, die Verhältnisse in der Ukraine zu beschönigen, wie es die Regierenden in Paris oder Berlin tun, die mit Phrasen von »Freiheit« und »Demokratie« das Land zum Frontstaat ihres EU-Nationalismus machen. Die große Unterstützung unter ukrainischen Linken für die bewaffnete Verteidigung bedeutet die temporäre Integration in die Strukturen eines von einer neoliberalen Regierung geführten Staates, in dessen Armee auch extrem rechte Einheiten wie das Asow-Regiment kämpfen. Diese extreme Rechte könnte durch den Krieg gestärkt werden, politisch wie militärisch. Dem steht die Bedrohung gegenüber, von einer repressiven imperialistischen Macht besetzt und beherrscht zu werden. Aus Sicht unserer Gesprächspartner*innen derzeit eindeutig die größere Gefahr.

    Dabei gibt es unter den linken Aktivist*innen in der Ukraine keine Illusionen gegenüber der eigenen Regierung oder der Agenda der Nato. »Natürlich hat die Nato in der Ukraine ihre Interessen«, sagt Movchan. Trotzdem: Der Krieg sei von Russland begonnen worden, man habe ihn sich nicht ausgesucht. »Wenn du wirklich ein Linker bist, dann höre den Menschen vor Ort zu und versuche zu verstehen, dass die Ukrainer*innen ihre eigene Subjektivität haben«, so Movchans Forderung.[...]

    Ich vermute, ein bisschen was davon wird sich durch die Wirtschaftskrise, die wir gerade heraufbeschwören, selbst heilen. Die Anzeichen sehen an verschiedenen Fronten ziemlich übel aus. Auch wenn sich diese Riege von Russlandbezwingern einredet, dass für Werte zu leiden eine gewinnende Botschaft in der Bevölkerung ist, ist die Erwartung und das Versprechen genau umgekehrt, unsere überlegenen Werte sollten uns davor schützen leiden zu müssen, weil wir das bessere System haben.

    Das vermute fürchte ich auch.


    Aber wem werden sich die vergrätzte, von Verlustängsten gepeinigte Mittelschicht und der ohnehin schon erzkonservative unternehmerische Mittelstand dann wohl eher zuwenden: Der marginalisierten Linken, die in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung im Zuge der ideologischen Gehirnwende nun endgültig entweder als ein Haufen totalitärer EnteignerInnen, oder hysterischer Meinungspolizist*innen dasteht, oder einer reaktionären bis rechtsradikalen Bewegung, die nicht nur in der Ukraine sondern auch in UnserLand immer offensichtlicher den Polizei-, Justiz- und Militärapparat vernetzwerkt, und sich politisch längst in der seriösen bürgerlichen Werteunion eingenistet hat?

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    2. Putin ist Stalin ist Hitler - und die Linke ist tot.


    Zwar war die parlamentarische wie außerparlamentarische Linke - jedenfalls in ihrer ursprünglichen klassenkämpferischen Ausprägung - schon vor dem 24. Februar 2022 kurz vor dem Exitus als relevante gesellschaftliche Strömung, aber seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist sie nun vollständig marginalisiert und als Apologetin der Stalin-Hitler-Putin Identität diskreditiert.


    Was jetzt - nach bürgerlichem Konsens - noch unter "links" firmiert, ist bestenfalls ein progressiver Neoliberalismus, der sich im von konservativen bis rechtsradikalen Demagogen zum Hauptkriegsschauplatz erhobenen Kampf der Kulturen zwar demonstrativ auf die Seite unterdrückter identitärer Minderheiten stellt, aber dabei - abgesehen von wohlfeilen Lippenbekenntnissen zur "sozial"-ökologischen Wende - nicht nur vollkommen affirmativ gegenüber der kapitalistischen Unterdrückung der zu einem großen Teil von kulturellen Minderheiten bevölkerten eigentumslosen Klasse auftritt, sondern auch gegenüber der "kulturellen Appropriation" des Minderheitenschutzes durch kapitalistische Konzerne und Thinktanks, deren PR-Maschinen sich auf das green- und pinkwashing ihres Warenangebotes spezialisiert, und selbst altgediente non-profit NGOs ebenfalls einem knallharten neoliberalen Wettbewerb um steuerlich absetzbare private Spendengelder und staatliche Förderung unterworfen haben.


    Angeführt von nach längerer Abwesenheit in der öffentlichen Debatte wieder erstaunlich öffentlichkeitswirksam auftretenden InfluencerInnen wie Marielusie Beck und anderen VertreterInnen liberal-moderner und transatlantisch vernetzter Thinktanks, wird währenddessen nun der eigentlich längst beigelegte Historikerstreit wieder siedend heiß aufgekocht. Nicht nur in der "links"-liberalen taz dürfen jetzt wieder unkommentiert Artikel veröffentlicht werden, in denen Stalin mit Hitler gleichgesetzt und der tatsächliche Vernichtungskrieg der Wehrmacht und der SS in Osteuropa als Reaktion auf den menschenverachtenden sowjetischen Zwangskollektivismus verklärt wird.


    Das Hufeisen wird öffentlich an seinen extremen Enden zusammengebogen und keine nennenswerte Unterscheidung mehr zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus gemacht. Auch im Hinblick auf die sich immer noch als kommunistische Partei bezeichnende Führung der neuen ökonomischen Weltmacht China, die hinter dem Russenhitler schon als nächste dunkle Bedrohung in der Schlange steht, wird der ehemalige Kampf der sozioökonomischen Systeme in der öffentlichen Debatte analog zum Kampf der Kulturen auf eine binäre Entscheidung zwischen liberaler Demokratie und totalitärem Autoritarismus reduziert.


    Rechtslibertäre Ideologen und Neoliberale Vordenker, die schon immer gewusst haben wollen, dass der größte Feind der Freiheit der "Kollektivismus" ist, und dass die Nazis eigentlich auch nur autoritäre Sozialisten waren, klatschen sich gegenseitig in die Hände, während eine ehemals linksökologische Friedenspartei Teil einer deutschen Regierugskoalition ist, die sozialdemokratische Phrasen drischt, während sie eine Energiewende zu vollziehen gedenkt, die sich den kapitalistischen Markt zu nutze machen will, um für kapitalistische Konzerne möglichst lukrative Anreize zur ökotechnologischen Innovation zu bieten.


    Der allseitige Konsens von "links"grün bis Schwarzbraun ist, dass es den grünen Kapitalismus geben muss und dass uns quantitatives Wachstum vor der Klimakatastrophe bewahren wird, so lange es nur grün genug angemalt ist. Der Kapitalismus und sein inhärenter Wachstumszwang sind als Ursache für den Klimawandel einfach diskursiv passé, meint selbst die Ikone des jungen deutschen Klimaschutzaktivismus im Interview. Linke KapitalismuskritikerInnen sind ewig gestrige Schwätzer, die zusammen mit Querdenkern, AfD-Nazis und Wladimir Putin in der antimodernen Querfront gegen den Fortschritt marschieren und sich vor der liberalen, regelbasierten Weltordnung der westlichen Wertegemeinschaft fürchten, weil sie ihrer totalitären, freiheitsfeindlichen Ideologie im Wege steht.


    Die Lösung der größten Bedrohung der menschlichen Zivilisation - jedenfalls bis kurz bevor die Zeitenwende den Einsatz von Nuklearwaffen wieder diskutabel gemacht hat - kann folgerichtig nur noch mehr, noch grünerer, noch fortschrittlicherer und noch liberalerer Kapitalismus sein.


    Unterdessen bettelt der grüne Superminister für nachhaltige Kriegswirtschaft, Reformenergie und angenehmes Geschäftsklima arabische Erbdiktaturen um überteuertes, Klimaschädliches Flüssiggas an, und beweihräuchert sich unter begeistertem Beifall seiner "links"liberalen Fangemeinde öffentlich selbst dafür, wie schnell er für die energiehungrige Deutsche ExportIndustrie im Rekordtempo vier neue LNG-Terminals an deutschen Stränden errichten lassen kann, um nicht mehr von den Rohstoffen des Bösen abhängig zu sein.


    Nebenher sorgen die von ihm und seinen Fans leidenschaftlich befürworteten Sanktionen gegen das rohstoffreichste Land der Welt für Lieferengpässe und steigende Energiepriese, und treiben damit die Inflationsrate in schon lange nicht mehr gekannte Höhen, die armen Haushalten die Kaufkraft für den täglichen Bedarf auffressen, und selbst der unteren Mittelschicht allmählich die Existenzangst ins Gebein fahren lassen.


    3. Kampf den Ideologen - Es lebe die deutsche Ideologie!


    Nicht nur der grüne, sondern auch der ethische Kapitalismus - so lehren es uns der gelernte Philosoph und Vizekanzler und seine Parteifreundin, die Kanzlerin der Herzen und Bundesministerin für äußere Werte und Feminismus - ist möglich.

    Fünfhundert Jahre Ausbeutung, Unterwerfung und Versklavung der restlichen Welt durch das europäische und nordamerikanische Wertesystem sind nun endgültig aus der Geschichte der kapitalistischen Akkumulation getilgt. Ökonomisches Wachstum wird nicht aus Rohstoffen und Arbeitskraft generiert, sondern aus wertebasierter Politik, humanistischen Idealen und ökologisch nachhaltiger Steuergesetzgebung.


    Wo die alten Sozialdemokraten noch dem Trugschluss erlagen, man könne den Kapitalismus mit technokratischer Stellschraubenmechanik davor bewahren, seiner eingeborenen "Natur" zu folgen und die Gesellschaft in einen antidemokratischen Feudalismus der Unternehmerfürsten zurück zu devolutionieren, hat sich der progressive Neoliberalismus vollständig aller diesbezüglichen Hemmnisse entledigt. Die Freiheit ist nicht nur individuelles Endziel einer jeglichen menschlichen Existenz, sondern auch kollektives Gesamtbewusstsein und muss mit militärischer Disziplin und Gleichschaltung aller freien Willensbildung bis zum letzten Ukrainer verteidigt werden. Ihr Geltungsanspruch ist absolut und erklärt sich aus sich selbst, weil ja schliesslich alle Menschen frei sein und sich von niemand vorschreiben lassen wollen, was sie zu denken haben, oder von wem sie sich erschiessen lassen wollen.


    Wer dem widerspricht und aus den geschlossenen Reihen tanzt ist ein ideologisch verblendeter Apologet des Totalitarismus.


    Die Devolution des freiheitlichen russischen Kapitalismus zu einer polizeistaatlichen Oligarchie der Unternehmerfürsten mit einem autoritären Proto-Faschisten und seinen alten Geheimdienstkumpels an der Spitze ist kein Resultat der ungebremsten Privatisierung und Befreiung von Staatseigentum an Produktionsmitteln und Rohstofflagern, sondern das böse Werk böser Menschen die Böses tun. Niemand hat irgendeinen russischen oder ukrainischen Oligarchen jemals dazu gezwungen, sich skrupellos auf Kosten seiner Landsleute zu bereichern.


    Jede Marktwirtschaft ist so sozial wie die politische Klasse, die sie aufrecht erhält. Es sind die Werte der politischen FührerInnen, die die Kultur der Politik, das Gemeinwesen der Gesellschaft und den Lauf der Geschichte bestimmen. Wer keinen Kopfstand machen kann, soll die Füße stillhalten.


    Alles andere ist Ideologie.

    Ich wollte ja schon mehrmals schreiben, Zeitenwende ist sehr übertrieben. Mir war allerdings entfallen, dass das ein Scholz-Zitat ist. Und wenn ich so drüber nachdenke, der Wirtschaftskrieg kann tatsächlich eine Zeitenwende markieren.

    Ich finde das Wort "Zeitenwende" mittlerweile gar nicht mehr übertrieben. Scholz hatte rückblickend auf seine Reichstagsrede zu den Kriegskrediten eigentlich völlig recht damit - nur wahrscheinlich nicht ganz so, wie er selbst sich das gedacht hat.


    Was man - jedenfalls aus Sicht eines alten verbohrten Linksideologen - zur Zeit beobachten kann sind drei gravierende Veränderungen in der deutschen Politik, in den staatstragenden Medien und in der politisch relevanten, das gesellschaftliche Bewusstsein dominierenden Zielgruppe der bürgerlichen Mitte von "links"-liberal bis rechtskonservativ.


    1. Offener Nationalismus und Kulturchauvinismus sind wieder salonfähig.


    Das erscheint in Deutschland nicht so offensichtlich, weil wir das Festhalten an völkischer Identität als konstitutives Merkmal der Staatssouveränität bisher noch hauptsächlich den ukrainischen Eliten und ihrem freidrehenden Botschafter in Berlin überlassen, aber wenn man es genau betrachtet, wird auch der deutsche Diskurs von einer gesteigerten Bezugnahme auf eine von liberalen ElitenvertreterInnen immer wieder großmäulig postulierte kollektive kulturelle Identität bestimmt, die sich vor allem dadurch definiert, dass sie sich gegen einen zum höllischen Schreckensbild überzeichneten äußeren Feind "unserer" liberalen, demokratischen Kultur abgrenzt, und dafür auch bereit ist, einen dritten Weltkrieg zu riskieren.


    Der Kampf gegen Putin ist nach dieser Lesart kein reiner Konflikt um geostrategische Einflussphären, Marktzugänge und Rohstoffe mehr, wie ihn kaltherzige amerikanische Realpolitiker noch während und kurz nach dem Ende des kalten Krieges zur imperialen Doktrin gemacht hatten (und damit überhaupt erst die Vorausssetzungen für das heutige Dilemma schufen), sondern eine apokalyptische Schlacht, welche die liberale und demokratische Wertegemeinschaft der zivilisierten Welt heißblütig gegen den Ansturm barbarischer Horden führen muss, um nicht ihrer geheiligten Werte verlustig zu gehen und der permanenten Massenvergewaltigung durch die grausamen Diktatur ostslawisch-asiatischer Menschenhasser und Lebensverächter anheim zu fallen.


    Die Selbstidentifikation der "liberalen" deutschen Eliten und ihrer buntgefiederten Papageien in den sozialen Medien als von einem perfiden, ehrlosen und verlogenen Feind und seiner zur völligen Unmenschlichkeit gedrillten Vergewaltigungstruppen in ihrem ureigenen humanistisch geprägten Wesen bedrohte Schicksalsgemeinschaft, die schon aus Gründen des Selbsterhaltes ihrer konstitutiven Werte gar keine andere Wahl hat, als in den Krieg zu ziehen, nähert sich dabei allmählich der selben paranoiden Grundhaltung an, die schon in früheren Zeiten deutsche Eliten dazu trieb,[Edit] ihre die Väter und Söhne der Mittel- und Arbeiterschichten [/Edit] in zwei Weltkriegen an die Front zu schicken.


    Dass Putin sich dabei ganz ähnlicher Zerrbilder bedient, um seine eigene Bevölkerung auf den Endkampf um den Fortbestand des großrussischen Kulturkreises einzuschwören, macht es zwar leicht, ihn als Faschisten zu brandmarken und zum eigentlichen Wiedergänger Hitlers zu erklären, aber dass die russische Regierung und selbst kaltherzige amerikanische Experten und Realpolitiker seit Jahrzehnten davor gewarnt haben, dass eine Ausweitung der westlichen Einflusspähre bis an die Ostgrenze der Ukraine zu einem Krieg führen werde, hat man in der westlichen Wertegemeinschaft nicht nur ignoriert, sondern Russland vor lauter selbstherrlicher Gewissheit der eigenen moralischen Autorität kategorisch die Berechtigung abgesprochen, überhaupt irgendwelche geopolitischen Ansprüche gegenüber der freien Welt anzumelden, und im Zweifel osteuropäische Länder als Anwälte der NATO-Osterweiterung vorgeschoben, deren nationalistische Regierungen ihre eigene völkische Identität vor allem auf Abgrenzung gegenüber der ethnisch diffusen Sowjetunion aufgebaut, und den russischen Oligarchenkapitalisten Putin zum Ideellen Nachfolger des georgischen Staatssozialisten Stalin erklärt haben.


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    *hust*tibet*hust*uiguren*hust* alles Innere Angelegenheiten *hust*taiwan*hust*hongkong*hust* aber solang es im Nahbereich abgeht scheint's ja okay zu sein.

    Erstens hab' ich nicht gesagt, dass es im Nahbereich "okay" ist, Minderheiten zu unterdrücken, oder einen Polizei- und Überwachungsstaat zu unterhalten, sondern nur, dass es eben nicht das ist, was wir hier im goldenen Westen (jedenfalls bis kurz vor der Zeitenwende) so unter unserer schönen historischen Tradition des Imperialismus zusammenfassen, und worauf unser ganzer Wohlstand beruht.


    Zweitens war Hong Kong nur deshalb politisch nicht Teil Chinas, weil britische Imperialisten damals die ganze Insel mitsamt Bevölkerung einfach für ein Jahrhundert "gepachtet" haben und sich Festland-China tatsächlich an diesen Vertrag hielt.


    Und drittens wurde Taiwan überhaupt erst unabhängig, weil sich dort antikommunistische chinesische Militärs eine eigene kleine Junta-Diktatur aufgebaut haben, um nicht von Mao revolutioniert zu werden.


    Was mit dem ursprünglich von einer religiösen Heilsfigur quasi wie eine Feudalherrschaft regierten Tibet und mit der uigurischen Minderheit passiert, ist sicher - genau wie die generelle Antidemokratie in der restlichen Volksrepublik China - kein Gesellschaftsmodell, das ich für irgendwie nachahmenswert hielte, aber so zu tun, als wäre das mit dem westlichen Imperialismus auch nur ansatzweise vergleichbar, wäre schon ein bisschen arg daneben gehustet.

    Es ist nicht schwer solche Bedrohungsszenarien auch gegen China aufzubauen. Die wirtschaftlichen Hebel helfen da - ähnlich wie die der Russen - dann auch nicht weiter, wenn wir "das Gute" auf unserer Seite haben.

    Hmm...


    Ich bin mir nicht so sicher, ob es wirklich die konkrete Absicht des Westens (also der USA) war, Putin tatsächlich zum Einmarsch in die Ukraine zu zwingen. Ich halte es immer noch für möglich, dass da die vorangegangenen innenpolitischen Verwerfungen durch den Trump-Schock auch im amerikanischen Militär- und Geheimdienstapparat für eine Menge Verwirrung gesorgt haben, und dass da nach einigem Personalwechsel unter Biden eine relativ junge, unerfahrene Truppe an die entsprechenden Schaltstellen kam, die einfach nicht so wirklich weiß was sie tut. Im Zweifel halte ich Inkompetenz immer noch für wahrscheinlicher als das gezielte Anzetteln von Massenmord und möglicherweise eines atomaren Weltrkrieges.


    Ich glaube - weiß es aber natürlich nicht! - dass China sich das alles sehr genau angeguckt hat und sich schon alleine deshalb nicht so leicht in die selbe "Falle" locken lassen wird.

    Putin ist - meiner nicht-expertischen Einschätzung nach - eher sowas wie Xi's Versuchskaninchen - allerdings ein schwer bewaffnetes.


    Wenn der momentane Plan der Amerikaner und unserer geschätzten Bundesministerin für äußere Werte und Feminismus aufgehen sollte, und Russland irgendwann tatsächlich "ruiniert" wäre, dann hätte China zumindest insofern etwas davon, als ein starkes Russland - bei aller Zweckfreundschaft - ja auch für Xi's Reich der Mitte eine potenzielle militärische Bedrohung darstellt.

    Die Geschichte da geht halt auch viel weiter zurück, als unser westlich-europäischer Horizont. Und China war eigentlich immer ein Faktor, der auf die eine oder andere Art auf die anderen Länder wirkte. Das können wir uns - glaube ich - gar nicht richtig vorstellen.

    Auf jeden Fall. Meine koreanische Bekannte ist jedenfalls gerade sehr an westlicher Philosophiegeschichte interessiert, und die unterscheidet sich offenbar schon in der griechischen und römischen Antike ziemlich deutlich von der chinesischen, die bis heute in Ostasien und selbst im während des 20. Jahrhunderts nahezu vollständig christianisierten Südkorea starken Einfluss hat. Die Konzepte sind zwar grundsätzlich überall zu finden, aber die jeweilige Gewichtung und Dominanz der Denkschulen ist wohl doch sehr unterschiedlich. Andere materielle Verhältnisse -> andere Ideologie 8)


    Du hast natürlich vollkommen recht. Wenn die Endlösung der Russenfrage dann irgendwann mal geklärt ist und auf der Welt tatsächlich noch intelligentes Leben existiert, werden die Hofreiters und Strack-Zimmermänner uns womöglich "die Ostasiaten" anstelle der Osteuropäer als neuen monolithischen Block präsentieren, den es vor der chinesischen Barbarei zu schützen gelte und dabei aber eigentlich nur ihre Handelspartner in den reichen asiatischen Industrienationen meinen und nicht irgendwelchen Dritte-Welt-Pöbel in Kambodscha, Vietnam, Burma, Indonesien oder auf den Philippinen.


    Allerdings kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, dass Xi Jinping und sein Politbüro der alten roten Männer wirklich so blöd wie Putin und seine Silowiki-Mafia sind, und sich zur Invasion von Taiwan provozieren lassen, ohne das vorher mal genau durchgeplant zu haben. Wenn die dem Westen und seiner profitgetriebenen Quartalszeitrechnung eines voraus haben, dann ist es das Denken in langen Zeiträumen.

    Mein sehr guter japanischer Freund hat mir schon oft erklärt, dass alle Länder um das große China eigentlich während ihrer gesamten Geschichte immer damit beschäftigt waren, den großen Drachen bei Laune zu halten, um nicht verschluckt zu werden.

    Ich kenne ja Deinen japanischen Freund nicht, und will ihm nicht zu nahe treten, aber speziell Japan hat sich von sechzehnhundertdunnemals bis Mitte des 19. Jahrhunderts so komplett wirtschaftlich und gesellschaftlich isoliert, dass die immer noch mit Schwertern gekämpft haben, als die westliche Wertezivilisation dann achtzehnhundertsoundsoviel mal dezent mit Kanonenbooten vor der japanische Küste um den "freiwilligen" Beitritt des Shogunates zum lukrativen freien Welthandel in Ostasien anfragte.


    Und dann haben die ihren Kaiser nach gutem deutschem Vorbild wieder zum Oberbefehlshaber erhoben, ihn zum Abkömmling der Sonnengöttin erklärt, sich schnurstracks militärisch industrialisiert, mit den Nazis paktiert und schliesslich halb China nebst Anreinerstaaten überfallen.


    Da war der große Drache selbst allerdings bereits von westlichen Handelsgesellschaften mit riesigen Söldnerheeren zur quelle billiger Rohstoffe und zum Absatzmarkt für britisches Opium degradiert worden.


    Ich kenne eine eigentlich ziemlich linke Koreanerin, der die Idee von China als ewiger imperialistischer Bedrohung auch nicht aus dem Kopf zu kriegen ist. Wobei man das noch eher nachvollziehen kann, weil Korea ja tatsächlich von der späteren Volksrepublik China angegriffen und bis heute deswegen zweigeteilt wurde.


    Seitdem hat China aber - im Gegensatz zu westlichen Imperien - noch nie versucht, Leute am anderen Ende der Welt mit Waffengewalt unter seine Knute zu zwingen.


    Dass reiche Chinesen und Konzerne mit unterstützung des Staates da alles aufkaufen und China sich immernoch als "kommunistisches" Land sieht, dass den freien Markt in der Region nicht so frei walten lassen will, wie seine Nachbarn sieht man in Südostasien und Australien natürlich nicht so gern, aber selbst als Kaiserreich war China viel mehr nach innen gerichtet, als europäische Monarchien, Welteroberer und Kolonialisten.

    Neue Partnerschaften im Indo-Pazifik - Für mehr Sicherheit – EU und Japan rücken zusammen

    Die Europäische Union und Japan haben vereinbart, dass sie sicherheitspolitisch und wirtschaftlich enger zusammenarbeiten wollen. Als erstes wurde eine digitale Partnerschaft geschlossen. Hintergrund sind der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die wachsenden Spannungen im Indo-Pazifik.

    [...] Die EU und Japan wollen auch in anderen Bereichen verstärkt kooperieren. Bei dem Gipfel zwischen von der Leyen, EU-Ratspräsident Charles Michel und Japans Ministerpräsident Kishida vereinbarten beide Seiten, auch bei der Verwirklichung eines „freien und offenen“ Indo-Pazifik zusammenzuarbeiten und die Wirtschafts- und Energiesicherheit zu gewährleisten, wie Kishida mitteilte.

    Die EU will künftig eine aktivere Rolle im Indo-Pazifik spielen. Der Indo-Pazifik sei eine „blühende Region“, aber auch eine Region mit „Spannungen“, sagte die Kommissionspräsidentin. Hintergrund ist der wachsende Machtanspruch Chinas in der Region sowie die Bedrohung durch Nordkoreas Raketen- und Atomprogramm. „Wir wollen in einer für unseren Wohlstand so wichtigen Region mehr Verantwortung übernehmen“, kündigte von der Leyen an. Für die EU ist Japan einer der wichtigsten Verbündeten in der indo-pazifischen Region.[...]


    Seit die Zeit nach der Zeitenwende rückwärts läuft gilt natürlich auch in Brüssel, dass russischer und chinesischer Imperialismsus nur durch mehr europäischen Imperialismus eingedämmt werden kann. Selbstverständlich nur in enger Abstimmung mit unseren Indo-Pazifischen Partnern in Japan, denen völkerrechtswidrige Angriffskriege auf ihre Nachbarländer genauso fremd sind, wie der zivilisierten europäischen Welt.

    p.s.


    A propos Pandemie und Kriegsanleihen für die Ostfront - den Zusammenhang habe ich mit tatsächlich nicht aus den Fingern gesaugt:



    (Thread)

    So trennt sich, wie von unsichtbarer Hand geleitet, die Spreu vom Weizen in Mutterland der "liberalen" Demokratie!

    USA melden mehr als 107.000 Drogentote im Jahr 2021

    Morphium oder Heroin: In Pandemiezeiten hat sich die Drogenepidemie in den USA verschärft. Laut Gesundheitsbehörde erreichte die Zahl der Drogentoten einen Höchststand.


    In den Vereinigten Staaten sind im vergangenen Jahr mehr als 107.000 Menschen infolge ihres Drogenkonsums gestorben – ein Höchstwert, der einer tödlichen Überdosis etwa alle fünf Minuten entspricht. Laut den Angaben der Gesundheitsbehörde CDC kommen 107.622 Drogentote auf gut 330 Millionen Einwohner. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Zahl um fast 15 Prozent zu.

    Seit Jahren leiden die USA unter einer Drogenepidemie, die sich insbesondere auf Opioide zurückführen lässt. Laut dem National Center for Drug Abuse Statistics sind Betäubungsmittel für mehr als zwei Drittel aller Drogentoten verantwortlich. Vorwiegend in wirtschaftlich und sozial prekären Gebieten greifen Amerikanerinnen und Amerikaner vermehrt auf Opioide zurück, die teils illegal sind, teils aber von Ärztinnen verschrieben werden. Zu den Drogen, welche die CDC aufführt, gehören Heroin und Schmerzmittel wie Codein und Morphium.[...]

    Gut. Fairerweise hat auch die Biden-Administration der unsichtbaren Hand da ein bisschen das Händchen gehalten, als man sich dazu entschloss, die Folgen der Pandemie vom Großkapital fernzuhalten und dafür die rapide anwachsende prekäre Unterschicht dem freien Markt zu überlassen, aber wo gehobelt wird fallen eben Späne. Zum Glück wird die Freiheit der freien Welt, sich dem Leistungsträgertum durch Überdosis zu entziehen gerade mit großzügigen Milliardeninvestitionen in Osteuropa verteidigt.

    Ganz gutes Beispiel dafür, wenn pragmatische Analyse von Geopolitik auf infantile Marvel Ideologie aus dem Buddelkasten trifft:


    Die "liberale" Twitteria von Gen-Z bis jungeblieben Ü50 meint jedenfalls nahezu einhellig, dass der alte weiße Mann, der tatsächlich noch als Soldat einen Krieg erlebt hat (der war bestimmt heimlich Nazi), doch bitte mal ganz still sein soll, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht. Der schwurbelt rum und will der geostrategischen Schachfigur der souveränen Ukraine ihr Recht auf Verteidigung unserer Werte absprechen. Typisch SPD-Wagenknecht-Afd-Querfront.

    Die verfassungsfeindlichen Marxisten-Putinisten von der Kommunistenpostille stellen eine doch eher gewagte These zum (teilweisen) Stopp der Gaslieferungen durch die Ukraine auf:

    Erpressbar gemacht

    Gastransit über die Ukraine in die EU


    [...] Erst hatte Kiew von »höherer Gewalt« in Gestalt der Kämpfe berichtet, welche die Lieferung behindere, Russland hatte dies bestritten und erklärt, die Pumpstation »arbeite ungestört«. Jetzt behauptet die ­Ukraine das glatte Gegenteil: Gasprom habe »den Hahn zugedreht«. Offenbar in der Annahme, dass man heute Moskau für alles verantwortlich machen kann und niemand die eigenen Erklärungen vom Morgen desselben Tages nochmals liest.

    Dabei wird umgekehrt ein Schuh daraus. Die Ukraine will die Wahrheit verbergen, dass sie den Gaskunden vertraglich zugesicherte Ware entzieht. Und zwar aus einem Grund, der den Abnehmerländern so egal sein kann wie die Farbe, mit der die Kompressoren angestrichen sind: ihrer eigenen Souveränität. Kiew macht die Westeuropäer zur Geisel seiner eigenen politischen Ambitionen.

    Das ist genau das Szenario, zu dessen Vermeidung seinerzeit die Pipeline Nord Stream 1 gebaut wurde und das durch Nord Stream 2 weitestgehend ausgeschlossen worden wäre. Westeuropa hat sich auf Druck der USA und ihrer osteuropäischen »Partner« in diese Erpressbarkeitsfalle gebracht. Wenn es ihr das jetzt durchgehen lässt, kann die Ukraine künftig nach Belieben am Gashahn Westeuropas drehen. Dass Kiew jetzt angeboten hat, entsprechend höhere Mengen über andere Leitungen zu pumpen, ändert daran nur insofern etwas, als die Ukraine die Transitgebühren erstens dringend braucht und zweitens vielleicht irgend jemand dort gemerkt hat, dass man sich mit Renitenz im Vorfeld keine Freunde unter denen macht, die dem eigenen EU-Beitritt noch einmütig zustimmen sollen.

    Genau solche Blockadesituationen sind in potenziertem Maße absehbar, wenn die Ukraine tatsächlich in die EU aufgenommen würde. Ganz abgesehen von den bis heute noch nicht einmal auskalkulierten Kosten dieses Beitritts: Er würde Kiew ein Vetorecht über alle Fragen geben, die insbesondere das langfristige Verhältnis zwischen Westeuropa und Russland betreffen. Ein Alptraumszenario.

    Gewagt finde ich das deshalb, weil die Erpressbarkeit natürlich schon alleine dadurch gegeben war, dass man die hohe Profitabilität der deutsche Industrie davon abhängig gemacht hat, dass sie in Russland billige Rohstoffe einkaufen kann. Das hätte man in einer linken Zeitung mindestens dazu schreiben können. Aber aus rein "pragmatischer" Sicht einer Staatsführung, die sich in der Pflicht sieht, ihrem Industriekapital regelmäßige Exportüberschüsse zu sichern, war die Entscheidung der Umgehung der Ukraine durch die Nord Stream Pipelines natürlich durchaus als Reduktion des Gesamt-Erpressungspotenzials zu bewerten.


    Mit dem moralischen Erpressungsbereitschaft einer von Tarngrünen Wertepolitiker*innen und völkisch-nationalistischen Botschaftern der Freiheit aufgescheuchten bürgerlichen Mitte hatte die deutsche Kapital-Technokratie natürlich vor der Zeitenwende noch nicht rechnen können. :S

    Wenn Putin das Gefühl hat, er werde in die Ecke gedrängt und laufe Gefahr, den Krieg zu verlieren, wird er womöglich Atomwaffen einsetzen. [Laut US-Geheimdienstchefin Avril Haines]


    Womöglich sieht aber sogar der, dass das eine dumme Idee ist und er sich damit politstrategisch eher ins Knie schießt.

    Warte mal...:/


    Marieluise Beck, seine Exzellenz, der Botschafter der Freiheit, und der Weißwurscht-Toni erklären mir ständig im öffentlich-rechtlichen Wertefernsehen, in der Springer-Presse und auf twitter, dass Putin ein wahnsinniger Wüterich mit irrationalen Welteroberungsfantasien ist, der auf religiös-faschistische Philosophen hört, die ihm erzählen, dass Russland von Gott dazu auserwählt wurde, die Welt von NATO-"Nazis" zu befreien.

    Und jetzt kommst Du, Genosse Generalfeldmarschall, und willst mir erzählen, dass der Kerl eigentlich ein kluger Politstratege sei, der schon keine dummen Ideen haben werde, wenn man ihm das Gefühl aufzwängt, er sei mitsamt seinem großrussischen Reich dem Untergang geweiht?


    Da scheint sich mir doch wieder dieser alte, aber liebgewonne Dualismus der schillendern Figur des James-Bond-Superbösewichtes Bahn zu brechen, welcher zwar komplett irre und Größenwahnsinnig ist, aber dabei gleichzeitig ganz kühle und nüchterne Kosten/Nutzen-Abwägungen trifft, wie so ein ordentlicher hyperrationaler Homo Oeconomicus.


    Da glaube ich ehrlich gesagt eher einer abgebrühten amerikanischen Geheimdienstchefin, die sich mit Folter, Massenmord und militärischen "Spezialoperationen" auskennt, wenn sie schon mal öffentlich sagt was tatsächlich Sache ist.