Beiträge von Tilman

    Die Frage ist allerdings, ob Putin sich Belarus wirklich ans Bein binden will. Bei Krim und Ostukraine war die Sache ja nicht sehr gefährlich, da dort eben ethnische Russen leben, die er schnell hinter sich bekommen konnte. Ob die Belarusen ihre Unabhängigkeit einbüßen wollen, das sehe ich so noch nicht. Und das birgt für Putin natürlich ein sehr großes Risiko, wenn er ein aufständisches Territorium nach Russland eingliedern möchte.

    Mit weiteren 4 Jahren Trump wird der Einfluss von Sanders und ihm zugeneigten Abgeordneten in Repräsentantenhaus und Senat genau so groß sein, wie bislang: nämlich 0. Dabei muss man immer Sanders Alter berücksichtigen, so wahnsinnig viele Jahre voller politischem Engagement wird er nicht mehr haben. Wenn er noch etwas bewegen will, muss er es jetzt tun. 4 weitere Jahre Trump sind das schlimmste, was Sanders jetzt passieren kann.


    Biden hingegen muss versuchen das Land zu einen, und vor allem aber seine sehr diversen Wähler unter einen Hut bringen. Er wird dem Sanders-Lager Angebote unterbreiten müssen. Trump hat seine Hardcore-Wähler die ihm stets die Stange halten, daher hatte er in Beliebtheit-Umfragen auch immer seine 40% save. Biden hat solche Anhänger nicht. Wenn Biden nichts anbietet nach der Wahl, dann werden seine Umfragen sofort in den Keller stürzen. Daher wird er alle Fraktionen einbinden müssen, und ich traue ihm zu dass er das auch tun wird.


    Hinzu kommt, dass Biden seine Leute in den Parlamenten hinter sich versammeln muss. Trump hat seine Mehrheit im Senat und im House hat er sie nicht, das Sanders-Lager spielt für Trump genau keine Rolle. Biden muss die Sanders-Leute hinter sich haben, sonst hat er keine Chance jemals eine Mehrheit zu finden, egal für welches Vorhaben.

    Ich glaube eigentlich braucht Deutschland die Leitung eh nicht, weil es bereits genug Röhren nach Russland gibt, nur führen die halt durch Staaten wie Polen und Ukraine, und Russland würde die gerne umgehen. Grundsätzlich wäre mir die Röhre auch herrlich wurscht, aber wie du schon sagst, sie ist ja fast fertig, daher sollte sie jetzt m.E. auch fertig gebaut werden.

    So, laut Angaben der Deutschen Regierung soll es tatsächlich Nowitschok gewesen sein, mit dem Nawalny vergiftet wurde.


    Jetzt wird die russische Reaktion interessant. Wenn sie tatsächlich nicht involviert war, dann erwarte ich:


    - Dass man sich an den Ergebnissen interessiert zeigt, Ermittler nach Deutschland entsendet, sich die Beweise vorlegen lässt, Informationen sammelt mit denen sich die Herkunft des Kampfstoffes vielleicht nachweisen lässt

    - Es bedeutet: in Russland laufen Leute rum, die auf russische Staatsbürger Anschläge mit Nervengift verüben. Sei es die Maffia oder Geheimdienste aus Drittstaaten (z.B. Ukraine, Georgien). Ich erwarte, dass eine Sonderkommission gebildet wird, um dieses Verbrechen aufzuklären

    - Eine Erklärung der russischen Regierung, dass man die Täter finden und hart bestraften wird.


    Was ich nicht erwarte:

    - Abwiegeln, dass es gar kein Nervengift gewesen sei

    - Sich öffentlich seitens der Regierung oder der Staatsmedien über Nawalny auszulassen


    Ich bin gespannt!

    Hört sich nach Q-Anon an

    Wobei Hildmann einfach ALLES was ihm seine Anhänger (wohl über Whatsapp, er postet ständig seine Handynummer) so schicken aufsaugt. Er ist wie ein VT-Schwamm. Dass die Regierung das AKW Brokdorf sprengen will, dass in Australien chinesische Truppen einmarschiert wären, einfach jeden Käse. Nichts ist so doof, dass es nicht von Hildmann weiterverbreitet wird.

    Interessehalber warum die türkische (?) Fahne,

    Vielleicht eine Referenz auf Attila Hildmann. Dessen Telegram-Gruppe übrigens seit Tagen mit purem Antisemitismus gespickt ist (die "Juden" Merkel und Gates versuchen 6 Mrd Menschen mit RNA-Spritzen zu töten, und ähnlicher Käse), außerdem Aufrufe einen "Friedensvertrag" mit USA und Russland zu schließen, um das Deutsche Reich wieder aufleben zu lassen,


    und nebenbei kommen dann noch solche Posts, die auf seine türkische Abstammung anspielen:


    Uff...


    Also für mich wäre es definitiv überzeugender. Stell dir vor Lutz Bachmann wäre auf Teneriffa mit Nervengift aus mutmaßlich staatlichen Quellen vergiftet worden, und Merkel würde dann öffentlich über ihn ablästern.


    (Disclaimer: wir reden hier über Skripal, nicht Nawalny)

    Ja, natürlich ist Nawalny keine Gefahr für Putin, aber soll ich jetzt alles noch mal schreiben? Es geht mir nur darum, dass es Putin nützen kann seine Macht zu festigen, weil Russland vom Ausland kritisiert wird und daher innenpolitisch zusammenrückt. Und als mögliches Signal an Leute, die vielleicht zu einer Demo aufrufen wollen, inspiriert durch Minsk.


    Ich halte es dennoch für möglich, dass Nawalny gar nicht vergiftet wurde, oder von einer dritten Partei (Maffia). Ich widerspreche lediglich deutlich der These, dass Putin hier überhaupt kein strategisches Interesse an der Sache haben kann.

    Übrigens noch eine andere Perspektive: für Autokraten wie Putin, Erdogan, Orban, aber auch für Diktatoren wie Lukaschenko, ist der Erhalt der Machtperspektive ab einem gewissen Punkt nicht mehr nur Ego-Nummer, sondern auch Lebensversicherung. Wobei jemand wie Lukaschenko vielleicht ins Asyl nach Russland gehen könnte, wenn ihn sein Volk nicht mehr will.


    Aber was tut Putin, wenn er irgendwann mal abtritt? Dann ist er auf Gedeih und Verderb seinem Nachfolger ausgeliefert, vor allem wenn dieser genauso autoritär wie er selbst agiert. Daher kann er eigentlich nur versuchen so lange wie möglich im Amt zu bleiben, oder zumindest daraf hoffen, dass er, wenn er mit 85 als alter Mann abtritt, von seinen Nachfolgern nicht mehr als Gefahr angesehen wird.

    Nach innen Stärke zu demonstrieren mag ja wichtig sein, aber nach außen weiter Wirtschaftssanktionen aufgedrückt zu bekommen die der Wirtschaft - nicht zuletzt der staatlichen Gasindustrie - schaden, weil man von den größten westlichen Handelspartnern für einen James Bond-Bösewicht gehalten wird, scheint mir irgendwie nicht ins ferndiagnostische Persönlichkeitsprofil zu passen.

    Man muss sich schon entscheiden ob man den Kreml-Satan jetzt für einen tumben Bananenrepublikdiktator oder für einen hochintelligenten Supervillain halten will.

    Ich kenne niemanden, der ihn für einen tumben Bananenrepublikdiktator hält.

    Was den wirtschaftlichen Aspekt angeht hast du eigentlich recht, übersiehst aber, dass Putin ein autoritärer Herrscher wie Erdogan oder Orban ist. Die Wirtschaft ist für all diese Herrscher sehr wichtig, aber wenn es um einzelne Entscheidungen geht, steht an erster Stelle immer die eigene Machtposition. Das heißt: Sanktionen mögen zwar Russland als ganzes schaden, wenn das aber dazu führt, dass die Bevölkerung zusammenrückt und sich hinter ihrem Präsidenten versammelt, dann kann es Putin (nicht dem Land) trotzdem nutzen.

    Shdow hab ich doch versucht zu erklären:


    1. Signal an die Opposition: nicht das tun, was die Opposition gerade in Belarus macht, also mit großen Demos durch die Straßen ziehen

    2. Durch den Rest der Welt attackiert werden --> zusammenrücken, Einigkeit. Narrativ: wir werden vom Ausland attackiert. Übrigens passt auch der Anschlag in dieses Narrativ. Im Fall Skripal ist sicher nicht nur mir aufgefallen, wie Putin über ihn redet, sondern auch innerhalb Russlands wird den meisten Menschen klar sein, dass das die Regierung war. Das ist aber auch überhaupt kein Problem, denn Skripal war ja ein Feind, passt also super ins Narrativ. Bei Nawaly genau so (wenn es denn ein Anschlag war).


    Noch mal: ich weiß nicht ob es ein Anschlag war, aber nutzen tut der ganze Fall Putin definitiv.


    Zitat

    Nawalny hatte ja auch noch unzählige andere Feinde z.B. unter den Oligarchen.

    Ja, noch besser, um eine innere Einheit herzustellen. Der Feind des Volkes (und der Wirtschaft) Nawalny ist (erstmal) weg. Win-Win.

    Zitat

    Das ist sogar ziemlich clever, denn mit dieser Vaiante ist es unerheblich, wie der Westen reagiert. Der Täter steht fest und gewinnt immer

    Nicht ganz, wenn man einfach gar nicht darauf reagieren würde, würde Putins Manöver ins leere laufen. Wie sagte Münkler damals bezüglich Terrorismus: "Mürrische Indifferenz" :D käme mal auf einen Versuch an, beim nächsten Anschlag einfach überhaupt keine öffentlichen Noten der westlichen Regierung dazu. Einfach so tun als wäre nix passiert.


    // nächstes Jahr finden Wahlen zur Duma statt. Wir können ja gucken, ob dann wieder kurz vorher irgendwas passiert.


    Ich will übrigens nicht sagen, dass ich bei Nawalny überzeugt davon bin, dass es der russische Geheimdienst / die Regierung / Putin war. Ich wollte nur deutlich machen, dass es Putin nutzen kann, und dass er durchaus ein Interesse daran gehabt hätte. Ansonsten muss man mal abwarten, was die weitere Entwicklung zeigt.


    Bei Skripal allerdings, hat Putin (in meinen Augen) mehr als Deutlich seine Täterschaft durch sein Verhalten eingeräumt. Sein Handeln passte null zu "ach du kacke, da tötet eine Dritte Macht unsere Staatsbürger im Ausland". Wirklich null komm null. Wer das nicht sehen will: okay.

    Vielleicht geht es ja gar nicht speziell um Nawalny, sondern generell um Signale an die Opposition. Auf den ersten Blick macht es ja auch keinen Sinn, dass man Nawalny hat ausreisen lassen.


    Meine These ist: zum einen soll hier Stärke demonstriert werden, angesichts der Demos in Belarus, die für Putin ja theoretisch auch gefährlich werden könnten. Er zeigt deutlich: mit Lukaschenko kann man sowas vielleicht machen, aber mit mir ganz sicher nicht!


    Zweitens: ich hab mich 2018 auch zuerst stark gewundert, warum es einen Anschlag auf Skripal drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl gibt. Warum sollte Putin schlechte Presse kurz vor der Wahl erzeugen? Allerdings hat Putin durch sein ganzes Verhalten keinen Zweifel daran gelassen, dass Russland hinter dem Anschlag steckt. Statt öffentlich empört zu sein, dass jemand einen Mordanschlag auf einen Staatsbürger verübt, und sich an die Spitze der Aufklärung zu stellen, wie es zu erwarten gewesen wäre, hat er nach kurzer Zeit selbst Skripal in öffentlichen Äußerungen angegriffen, was nur den Schluss zuließ dass er indirekt die Verantwortung einräumte.


    Der Punkt warum Putin der Anschlag kurz vor er Wahl überhaupt nicht ungelegen kam, und warum er ihm auch jetzt nutzt ist eigentlich logisch: Putin profitiert davon, international der Buhmann zu sein, vom Westen "ungerecht behandelt" zu werden, und die Russische Gesellschaft rückt dadurch zusammen. Er nutzt den "äußeren Feind". Und der Rest der Welt funktioniert immer wieder wie vorausberechnet: Forderung nach Sanktionen, Vorwürfe an Russland, etc.


    Putin hat einfach (zurecht) schiss, dass Belarus nach Russland überschwappt, und daher dieses Signal, und dieser Ruf zur Einheit.