Beiträge von Skidrow

    Liebe Community,


    in den Jung & Naiv Interviews der letzten Monate ging es vermehrt um Grünes Wachstum. Hinter der Idee steckt ja die Vorstellung, eine Volkswirtschaft könne am Primat des permanenten Wirtschaftswachstums festhalten, sofern sie es schafft, durch technische Entwicklung (Kreislaufwirtschaft, effizienteren Produktionsprozesse, Wechsel zu Erneuerbaren Energien) die Umweltschäden vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln; der quantitative materielle Wohlstand könne weiter wachsen, während die Schäden an Bio- und Ökosphäre sinken.

    So die Idee.


    Ich möchte hier aufzeigen, warum diese Idee zum Scheitern verurteilt ist. Ich möchte erläutern, warum Umweltschäden (Erderhitzung, Rückgang der Biodiversität, Bodenversauerung etc.) durch technische Entwicklungen nicht nur nicht verringert werden können, sondern diese Umweltschäden durch technische Entwicklung steigen.


    In einem Satz zusammengefasst könnte man es so ausdrücken: "Technologische Errungenschaften werden durch Mehrkonsum an anderer Stelle ausgeglichen." (Ulrike Herrmann)


    Aber was heißt das genau?

    Konkreter:

    Technologische Entwicklung -> Technologische Beschleunigung -> Ökonomische Beschleunigung (Steigerung des BIP) -> Soziale Beschleunigung (Löhne steigen, Kaufkraft steigt) -> Steigerung der Energie- und Ressourcennachfrage.


    Weil das Problem auf dieser abstrakten Beschreibungsebene aber immer noch für viele Menschen nicht besonders greifbar ist, möchte ich es an einem ganz konkreten Beispiel deutlich machen. Und zwar am Beispiel von Windkraft. Statt Windkraft könnte man aber genauso gut auch Solarenergie, (sog.) Grünen Wasserstoff oder jede x-beliebige andere technische Entwicklung hernehmen.



    Zunächst einmal müssen Windkraftanlagen mindestens in einem Abstand von 700 m stehen. Je höher und je größer sie sind, desto größer muss der Abstand sein. Alles bekannt. Windkraftanlagen sind Materialfresser (Rotorblätter, Maschinenhaus, Generator, Turm). Es werden zusätzliche Flächen benötigt für die Zufahrtswege. Windkraftanlagen töten Vögel (das mag aktuell bei der verschwindend geringen Anzahl an Anlagen noch vernachlässigbar sein).

    Es besteht zudem die Gefahr, dass Windkraftanlagen langfristig das Wetter beeinflussen können, weil sie der Atmosphäre Windenergie entnehmen, die dann nicht für die Wetterbildung zur Verfügung steht (das mag aktuell bei der verschwindend geringen Anzahl an Anlagen noch vernachlässigbar sein).


    Windkraftanlagen werden aus endlichen Rohstoffen gefertigt: (seltene) Metalle, Erdöl, usw. Diese Rohstoffe wiederum müssen, unter Zuhilfenahme von Energie, gefördert, aufbereitet und entsprechend verbaut werden.


    Aber nehmen wir an, wir bauen Windkraftanlagen in Deutschland massiv aus, so wie bspw. Volker Quaschning es vorschlägt: Was macht man eigentlich mit der Energie, wenn sie dann so umfangreich zur Verfügung steht? Man nutzt sie! Vielleicht für Wärme in Wohnräumen. Aber auch: Zur Herstellung und zum Betrieb von Autos, Flugzeugen, Schiffen und für sämtliche industriellen Produktionsprozesse, zur Herstellung allerhand Konsumprodukte, die wiederum aus fossilen Rohstoffen wie Erdölen und (seltenen) Metallen bestehen. Dabei wachsen Auto-, Flugzeug- und Schiffsindustrie weiter an. Was machen die Unternehmen mit den steigenden Umsätzen? Sie stellen z.B. neue MitarbeiterInnen ein und/oder erhöhen Löhne. Was machen die MitarbeiterInnen mit dem Mehr an Geld? Sie kaufen SUVs, buchen Flugreisen, Kreuzfahrten, kaufen neue Handys, streamen in 4K und kaufen hochwertiges Rindfleisch aus Argentinien.


    Und auch die Infrastruktur der Mobilität, zum Beispiel Straßen, benötigen endliches, ressourcen-verbrauchendes, umweltschädliches Material (Asphalt, Beton für Straßen, Brücken usw); die Autobauer werden jubeln, wenn (vermeintlich) saubere Windkraft- und Solaranlagen massiv ausgebaut werden.


    Das alles sind negative Begleiterscheinungen, sogenannte Rebound-Effekte. Und ich habe mit meinen Beispielen nur an der Oberfläche gekratzt. Wahrscheinlich noch nicht mal das.


    Hinzu kommt ein psychologischer Rebound-Effekt: Wenn Wind- und Solaranlagen, Tiefengeothermie, Fortschritte bei der Kernfusion etc. annähernd das halten, was sie versprechen, wird das Thema wie ein Befreiungsschlag wirken: "Endlich haben wir neue saubere, (beinahe) unendlich zur Verfügung stehende Energiequellen zur Verfügung!"

    Welche Wirkung wird das haben? Es wird als Rechtfertigung dienen, dass man ja nun ruhig zwei Flugreisen und mehr im Jahr machen kann. Oder dass man nun ja wohl endlich wieder regelmäßig und in großen Mengen Rindfleisch essen kann, oder es dient als Alibi für den neuen SUV, das neueste Handy, das neusten Smart Home Equipment.. usw usf. Die Liste an psychologischen Rebound-Effekten kann beliebig weiter geführt werden. Der psychologische Rbound-Effekt hat also den Charakter eines "ökologisch basierten Ablasshandels" (Niko Paech).

    Volker Pispers hat das mal schön zusammengefasst: "Wenn das Geld im Kasten klingt, die grüne Seele in den Himmel springt."


    Die Summe dieser Rebound-Effekte (materielle, finanzielle, konsumentenseitige, produzentenseitige, psychologische Rebound-Effekte) sind der Grund für das Scheitern der oben genannten Entkopplung und der Grund für das Scheitern des Grünen Wachstums.


    Nicht falsch verstehen: Windkraft, Photovoltaik, Tiefengeothermie, verbesserte Kreislaufwirtschaft, effizientere Produktion, das alles ist sinnvoll und gut! Aber wenn wir das nicht in Suffizienz einbetten (ein anderer Begriff: Reduktion), erreichen wir das genaue Gegenteil, nämlich mehr Ressourcenverbrauch, mehr Energieverbrauch und mehr Umweltschäden.


    Harald Welzer hat es mal auf den Punkt gebracht: "Wachstum heißt immer gesteigerter Verbrauch!"


    Ein Zitat von Niko Paech, das das Problem zusammenfasst:

    Zitat

    Es geht immer um eine Verlagerung des ökologischen Problems, wenn wir von Reduktion von Ressourcenverbräuchen sprechen bei gleichzeitiger Steigerung der Wirtschaftsleistung. Alle vermeintlichen ökologischen Innovationen sind niemals etwas anderes als eine räumliche, eine zeitliche, eine stoffliche oder eine systemische Verlagerung.


    Oder, bereits über 150 Jahre alt:

    Zitat

    It is wholly a confusion of ideas to suppose that the economical use of fuel is equivalent to a diminished consumption. The very contrary is the truth. (William Stanley Jevons, 1865)

    Ich fasse das Thema in vier Thesen zusammen:

    1. Umweltschäden (Erderhitzung, Artensterben usw.) können nicht durch technische Entwicklung reduziert werden1.
    2. Technische Entwicklung führt zu einer Verstärkung der Umweltschäden1.
    3. Der Begriff "Grünes Wachstum2" ist ein Oxymoron3. "Es ist eine in eine Formulierung gegossene Unvereinbarkeit." (Harald Welzer)
    4. "Es gibt keine per se nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile." (Niko Paech)


    1Sofern sie nicht eingebettet ist in Suffizienz, also Konsumreduzierung, Selbstbegrenzung. Entrümpelung, Entschleunigung,

    2Andere Begriffe sind: Green Economy, Green Growth, Green New Deal u. a.

    3Ein Oxymoron ist ein Stilmittel aus zwei Wörtern, die sich gegenseitig widersprechen.


    Links:

    1. Ein lesenswerter Artikel über die Rebound-Effekte:

    https://www.blaetter.de/ausgab…ion-des-gruenen-wachstums

    2. Ein Artikel zum Thema in Spektrum der Wissenschaft:

    Passen Wirtschaftswachstum und Klimaschutz zusammen?

    3. Eine Meta-Studie zum Thema Entkopplung:

    https://eeb.org/library/decoupling-debunked/

    Mein Vorschlag ist ein neues Interview mit Niko Paech. In meinen Augen zurzeit der wichtigste Ökonom, vor allem wenn es um die Frage geht, ob Klimaschutz durch technische Lösungen gelingen kann (Spoiler: kann es nicht). Mega wäre natürlich eine große Sendung mit Albrecht und Hans und Niko.