#786 - Richard David Precht über Gaza & Meinungsfreiheit

  • Dienstag, 14. Oktober, ab 12 Uhr LIVE



    Zu Gast im Studio: Richard David Precht, Schriftsteller, Germanist, Philosoph, Publizist und Moderator. Er ist Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Von 2011 bis 2023 war er zudem Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg. Sein neues Buch: "Angststillstand - Warum die Meinungsfreiheit schwindet" (Penguin Verlag, 2025)


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  • Sehr schön, ich freue mich auf das Interview. Ich war immer Fan von Richard, auch wenn ich seine Haltung zum Ukrainekrieg und zur Kriegstüchtigkeit nicht nachvollziehen kann. Denn:


    Was der Staat uns hier aufnötigt, ist ja nicht etwas, was er aus bösen Absichten tut, sondern es geht darum, dass wir uns Maßnahmen unterziehen im Sinne des Gemeinwohls. Da kann man über das eine oder andere Detail streiten, da kann man auch eine persönliche Meinung dazu haben, aber das ist ja nicht die Frage. Als Staatsbürger bin ich nicht angehalten, in der Öffentlichkeit meine eigene Haltung zur Kriegstüchtigkeit sichtbar zu machen. Das heißt also, wir dürfen zur Notwendigkeit der Aufrüstung denken, was wir wollen, aber als Staatsbürger haben wir halbwegs zu funktionieren und die Maßnahmen zur Abwehr eines drohenden russischen Überfalls zu unterstützen.


    Richard scheint in dieser Frage leider zu den 15, vielleicht 20 Prozent zu gehören, die dem Staat grundsätzlich nicht vertrauen und ihm diesbezüglich alle möglichen Sauereien zutrauen. Mich würde interessieren, woher das bei ihm kommt.

    Vielen Dank für diese wertvolle Frage, Herr Heßling.

  • Nun es gibt in der Tat keinen gesetzlichen Zwang zur Meinungsäußerung, oder?


    :/ Vielleicht bei der Einbürgerung. Aber technisch gesehen muss man da ja nur eine erwünschte Haltung demonstrieren, nicht die, die man tatsächlich hat. Die bloß nicht.

  • Nun es gibt in der Tat keinen gesetzlichen Zwang zur Meinungsäußerung, oder?


    :/ Vielleicht bei der Einbürgerung. Aber technisch gesehen muss man da ja nur eine erwünschte Haltung demonstrieren, nicht die, die man tatsächlich hat. Die bloß nicht.

    Du bist dazu nicht verpflichtet, aber Partizipation ist ein zentrales Moment eine demokratischen Ordnung und das beinhaltet seine Gedanken über politische Entscheidungen zu äußern. Das wäre wie zu sagen "Als Staatsbürger bin ich nicht angehalten wählen zu gehen".

    10-- 1-01 10=- 1-00 1--2 10=0 1-2= 1-01 10=0 1-01 1-20 10=1 10=2 10=1 1-10 10=0 10=1 1-00 1-21 1-21 1-02

  • Eine Wahlpflicht gibt es allerdings (zum Beispiel gab es die mal in Österreich) im Gegensatz zur Meinungspflicht, die denke ich ein neues Konzept wäre.


    Wie auch immer mich würde die Gegenrichtung beschäftigen. Es klingt als wäre "nicht angehalten" in Richtung eines Tabus, wenn schon keines Verbots gemeint, da im nächsten Satz wir dürfen denken klingt wie aber nicht sagen, was wir wollen.


    [...] Als Staatsbürger bin ich nicht angehalten, in der Öffentlichkeit meine eigene Haltung zur Kriegstüchtigkeit sichtbar zu machen. Das heißt also, wir dürfen zur Notwendigkeit der Aufrüstung denken, was wir wollen, aber als Staatsbürger haben wir halbwegs zu funktionieren und die Maßnahmen zur Abwehr eines drohenden russischen Überfalls zu unterstützen.


    Auch sehr schön, man kann gerne eine andere Sicht auf die Notwendigkeit haben, schuldet dem Staat aber sich so zu verhalten als sei sie zweifelsfrei gegeben, weil gewählte Vertreter, die in bis zu drei Jahren abgewählt sein könnten (zum Beispiel weil genug Leute eine andere Haltung haben), das gerade sagen.


    Da der drohende russische Überfall in der Vorstellung hoffentlich noch so realistisch ist, dass er an der "Ostflanke" stattfände, stellt sich nochmal mehr die Frage, ob die auch nach dem Nordatlantikvertrag letztlich optionale Unterstützung der Flankenländer tatsächlich unter eine Notwendigkeit fallen kann.


    Es sei denn unter Überfall wird auch verstanden, dass wir den Russen einen casus belli liefern, dann könnte ein (limitierter) direkter Angriff erfolgen, aber das zu tun ist ja nun wiederum nicht notwendig demnach sollte es auch nicht die Vorbereitung auf die Folgen sein.

  • Eine Wahlpflicht gibt es allerdings (zum Beispiel gab es die mal in Österreich) im Gegensatz zur Meinungspflicht, die denke ich ein neues Konzept wäre.

    […]

    Instrumentalisierungen der "schweigenden Mehrheit" oder Stigmatisierung durch Parolen wie "wer nicht für uns ist, ist gegen uns" gibt es doch schon genauso lange wie Repression bei nicht ausreichend lautstark artikulierter Affirmation.


    Resultierende Frage:

    • "Ist's Medienversagen, wenn Nachdenken nur Hinterherdenken ist?"

  • Nun wenn wir mal vom Staatsbürger zum Staat gehen. Der ist natürlich durchaus angehalten ein Vorsorgeprinzip zur Anwendung zu bringen. Letztlich ist das die Rechtfertigung überhaupt ein Militär zu unterhalten, wenn man keine erklärte Politik hat anzugreifen, denn sonst könnte man sich viel Geld sparen.


    Aber das ist ein spezieller Fall gegenüber der Vorsorge für andere Situationen, etwa eine Katastrophe, die eintreten mag oder nicht. Die Vorbereitungen werden die Katastrophe in der Regel nicht wahrscheinlicher machen. Dagegen wenn man sich auf einen Krieg vorbereitet, kann die Gegenseite, falls sie nicht angreifen will, darin ein Anzeichen sehen, dass auch sie sich vorbereiten muss, und das kann sich gegenseitig hochschaukeln. Und falls sie angreifen will, stellt sich die Frage, sollte man das früher tun, bevor die Vorbereitungen abgeschlossen sind, was die Zeit für eine Abwendung verkürzen kann.


    Dazu kommt dann, dass diese Vorbereitungen im Allgemeinen kein rein unemotionales technisches Prozedere sind, sondern wie wir es auch jetzt sehen, sie beinhalten, dass man die Feindlichkeit der Gegenseite betont und der Bevölkerung diese Sicht vermittelt, dass man den Einfluss von gegenläufigen Stimmen zurückdrängt. Unweigerlich wird damit die Wahrnehmung der eigenen Feindlichkeit auf der Gegenseite erhöht.


    Sprich wenn man sich als Staatsbürger zu einem Staat verhalten muss, der in Antizipation bestimmter Ereignisse handelt, ist diese Situation nicht unbedingt analog zu vielen anderen.

  • Na dann fragt den Precht doch mal:

    • Ist es tatsächlich die Pflicht des kollektiven "Wir", also der StaatsbürgerInnen dieses freiheitlich demokratischen Bundesstaates BRD, sich im Dienste des "Gemeinwohles" mit Kritik an den Aufrufen der Staatsführung zu mehr "Kriegstüchtigkeit", "Wehrhaftigkeit", "Resilienz", "Verteidigungsfähigkeit" etc. gegen den äußeren Feind zurück zu halten? Wenn ja, warum?
    • Glaubst Du an eine existenzielle Bedrohung unserer westlichen Demokratie und unserer "Art zu Leben" durch russische Einflussnahme und sogenannte "Hybride Kriegführung", oder kommt die Bedrohung eher von innen und es braucht dazu eigentlich gar keine russischen Angriffe?
      • Bonusfrage: Wie begründen Faschisten ihren Faschismus?
  • Sehr schön, ich freue mich auf das Interview. Ich war immer Fan von Richard, auch wenn ich seine Haltung zum Ukrainekrieg und zur Kriegstüchtigkeit nicht nachvollziehen kann. Denn:


    Was der Staat uns hier aufnötigt, ist ja nicht etwas, was er aus bösen Absichten tut, sondern es geht darum, dass wir uns Maßnahmen unterziehen im Sinne des Gemeinwohls. Da kann man über das eine oder andere Detail streiten, da kann man auch eine persönliche Meinung dazu haben, aber das ist ja nicht die Frage. Als Staatsbürger bin ich nicht angehalten, in der Öffentlichkeit meine eigene Haltung zur Kriegstüchtigkeit sichtbar zu machen. Das heißt also, wir dürfen zur Notwendigkeit der Aufrüstung denken, was wir wollen, aber als Staatsbürger haben wir halbwegs zu funktionieren und die Maßnahmen zur Abwehr eines drohenden russischen Überfalls zu unterstützen.


    Richard scheint in dieser Frage leider zu den 15, vielleicht 20 Prozent zu gehören, die dem Staat grundsätzlich nicht vertrauen und ihm diesbezüglich alle möglichen Sauereien zutrauen. Mich würde interessieren, woher das bei ihm kommt.

    Spontan fällt mir dazu Brechts Pointe zum 17. Juni 53 ein: „Wäre es nicht einfacher die Regierung löste das Volk auf und wählte sich ein neues?“

    Also nein, was Sie da schreiben entspricht einer Vorstellung von einem Staat und „seiner“ Bürger, die ich, Richard-David Precht und viele andere hier mit Sicherheit nicht teilen. Denn; Sie sprechen dem Staat eine Macht zu, die er seit Jahrzehnten glücklicherweise gar nicht mehr hat. Ihrer Ansicht nach sollte der Staat, wenn er denn „gute Absichten“ dafür vorweisen kann, das Recht dazu haben auf unsere körperliche Unversehrtheit zuzugreifen und diese zu gefährden?! Ein solcher Staat ist maximal mächtig und in meinen Augen abzulehnen. Seine Begründungen mögen dabei noch so plausibel erscheinen. Der Staat hat die Pflicht körperliche Unversehrtheit zu gewährleisten, anstatt sie zu gefährden. Ein Recht des Staates Männer oder Frauen in den Krieg zu schicken ist daher besonders heikel.

    Zumal R.D. Precht gerade im Krieg zwischen der Ukraine und den Russen eine Mitschuld des Westens sieht. Die für ihn entscheidende Frage lautet ja zu recht warum sich die NATO nach der Auflösung des Warschauer Paktes nicht ebenfalls aufgelöst hat? Diese Asymmetrie war letztlich der Ursprung dessen, was wir heute erleben. Russland und China sind eben nicht mehr dazu bereit den einen Hegemon (USA) als diesen noch anzuerkennen. Es ist am Ende dieser eine Hegemon der in den Schützengräben der Ukraine, durch die Ukrainer aktuell verteidigt wird und Deutschland wirft aktuell all sein ökonomisches Gewicht dazu rein hier mit zu verteidigen. Warum eigentlich? Um die Vormachtstellung der USA zu schützen? Ist das wirklich so ein „gutes Ziel“? Ich glaube kaum.

  • Eine richtige Frage hätte ich da doch:

    • Harald Welzer hat kürzlich in einem Interview (im Podcast Hotel Matze) gesagt, dass er diesen Staat (BRD) als an neuralgischen Punkten (Bildung/Infrastruktur/Rente/Militär) für dysfunktional hält und im politischen System kein Veränderungspotential sieht (paraphrasiert). Siehst Du das ähnlich?
      • Wenn ja, Welzer sagt im selben Interview, dass er Demokratie an sich für die beste Regierungsform hält (weil sie einzigartige individuelle Entfaltungsmöglichkeiten biete), Du hast ja schon öfter gesagt, dass Du evtl. bei der rituellen Stimmabgabe zur Bestimmung des jeweils nächsten Politkasperltheaterensembles nicht mitmachst, liegt das in der Funktionsweise dieser Demokratie begründet? Wie sieht eine Demokratie aus, in der Du gerne und zuversichtlich Deine Stimme abgibst?
  • Mich würde mal interessieren, ob Richard-David Precht die deutsche mediale "Berichterstattung" zum Krieg in der Ukraine als Kriegspropaganda einordnet.


    Prinzipien der Kriegspropaganda (nach Anne Morelli):


    1) Wir wollen keinen Krieg

    2) Der Gegner ist ganz allein für den Krieg verantwortlich

    3) Der Anführer des Feindes ist böse und ähnelt dem Teufel

    4) Wir verteidigen eine heilige Sache und keine persönlichen Interessen

    5) Der Feind verübt absichtlich Gräueltaten und wenn wir Fehler machen, geschieht dies nicht mit Absicht

    6) Der Feind setzt verbotene Waffen ein

    7) Wir erleiden sehr geringe Verluste; die Verluste des Feindes sind enorm

    8.) Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache

    9) Unsere Sache ist heilig

    10) Wer unsere Propaganda in Zweifel zieht, arbeitet für den Feind und ist damit ein Verräter



    Und könnte die Einengung des Meinungskorridors, gerade mit Blick auf die Ukraine, mit Punkt 10 zusammenfallen?

  • Eine andere Frage habe ich auch noch:

    • Wie erträgt er, als intelligenter Mensch, der an Erkenntnisgewinn interessiert ist, es immer wieder auf's Neue, sich mit der Karikatur eines Intellektuellen wie Lanz zusammenzusetzen und zu sprechen? Bücher sollte er doch genug verkauft haben und die Hoffnung, dass Lanz irgendwann nochmal Heureka! ruft, kann es nach so vielen Versuchen doch auch kaum sein?
  • Tilo

    Hat den Titel des Themas von „#786 - Richard David Precht über Meinungsfreiheit“ zu „#786 - Richard David Precht über Gaza & Meinungsfreiheit“ geändert.

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