Was kann man aus Persiflagen lernen?

  • Das Threadthema ging doch zunächst darum, was man von Persiflagen lernen kann. Dann hast du Dinge genannt, die deines Erachtens persifliert werden (wo ich noch nicht einmal mitgehen würde) und jetzt geht's darum, ob die Kunst tot ist, bzw. ob Kunst nur dann Kunst ist, wenn sie politisch is


    Ich finde beide Fragen lassen sich ganz klar mit "Nein" beantworten, und ich finde, dass muss man gar nicht mal lang und breit diskutieren.

  • Oder man kann ganz viel, lang, groß und breit über die ganzen Botschaften philosophieren, sich austauschen, sich empören und dann auf der richtigen oder zumindest wissenden Seite wähnen und dann geht man wieder Heim, hatte nen unterhaltsamen Abend...

    Das stimmt. Ich habe zum Beispiel diese Rammstein-Persiflage hier



    immer als Verhöhnung aufgefasst der typisch deutschen Überheblichkeit: „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“, jetzt eben im Guten. Aber niemand wollte dieser Interpretation folgen, noch nicht mal Böhmermann selbst, und wenn doch, dann würde er das heute verleugnen. Ich bestehe trotzdem darauf, dass dies eine legitime Deutung seines Werkes ist.

  • ... immer als Verhöhnung aufgefasst der typisch deutschen Überheblichkeit: „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“, jetzt eben im Guten. Aber niemand wollte dieser Interpretation folgen, noch nicht mal Böhmermann selbst, und wenn doch, dann würde er das heute verleugnen. Ich bestehe trotzdem darauf, dass dies eine legitime Deutung seines Werkes ist.

    Wessen Werkes meinst Du jetzt? Böhmer- oder Lindemanns?

  • Deswegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Kunst tot ist.


    Einer der interessantesten Argumente in Adam Curtis Dokumentationsreihe "Can't get you out of my head", ist, dass die Linke ihren politischen Aktivismus nach der liberalen Wende zunehmend in den Raum von Kunst und Kultur verschoben haben und dadurch an tatsächlicher Einflussname verloren haben, genau aus diesem Grund. Man kann Kunst "schön finden" ohne die Botschaft zu verstehen oder reflektieren.

    es soll ja ne menge rechte gegeben haben, die "homelander" aus the boys für den guten gehalten haben oder das immer noch tun.

  • es soll ja ne menge rechte gegeben haben, die "homelander" aus the boys für den guten gehalten haben oder das immer noch tun.

    Gibts ne Menge Beispiele. Mein Lieblingsgenre an Tweet sind Rechte die Herausfinden, dass Rage Against the Machine Linksradikale sind. Man mag die aggresive Musik, bei den Texten hört man halt nicht so genau hin. Wie Uki korrekt festgestellt hat, können Paul Verhoeven Filme auch sehr unterhaltsam sein wenn man sie nicht kritisch analysiert.

    10-- 1-01 10=- 1-00 1--2 10=0 1-2= 1-01 10=0 1-01 1-20 10=1 10=2 10=1 1-10 10=0 10=1 1-00 1-21 1-21 1-02

  • Um mal auf die Aus- bzw. Eingangsfrage zu rekurrieren, Was kann man aus Persiflagen lernen?

    Ich denke, man kann aus Künstlersicht deutlich machen, welche Strukturen oder Systematiken hinter Verhaltensweisen stecken. Sachen, die man in der Betrachtung des "Originals" nicht wirklich hinterfragt (vielleicht weil sie zu gängig erscheinen), werden in der Satire bzw. Persiflage ja idR überzeichnet und damit exponiert.

    An dem Punkt hinterfragt dann der Beobachtende, was da eigentlich warum gerade passiert und so wird die Absurdität so manchen Verhaltens (bzw. des Hintergrundes des Verhaltens) deutlich.

    Would you like to know more?

  • Das hast Du, glaube ich, klug und fruchtbar zusammengefasst, Fruchtoase.


    "Fruchtbar", weil Dein Kommentar die Diskussion weiterwachsen lässt in folgende Richtung:


    Du nennst das Stichwort "Überzeichnung". Ich denke, bei einer Persiflage ist die Überzeichnung sehr subtil (subtiler als bei einer Satire), da die Persiflage in erster Linie schlichtweg Originalinhalte 1:1 widergibt, von einer Person aber, von der man weiß, sie meint das nicht ernst. Bei Böhmermanns Nuhr-Persiflage etwa war die Überzeichnung so subtil, dass viele Zuschauer die Figuren eine Weile lang für echt hielten.


    So eine gewisse Subtilität gibts manchmal auch bei Solo-Kabarettisten wie Gerhard Polt oder Gerd Dudenhöffer, wenn sie lediglich Original-Sprüche aus der Gesellschaft unverzerrt widergeben, die dann erst im Kontext der jeweiligen Bühnenfigur witzig werden (große Kunst, wie ich finde). Und da gibts manchmal Teile im Publikum, die applaudieren nicht wegen der subtilen Überzeichnung (die erkennen sie nicht), sondern weil sie dem Original-Spruch ernsthaft zustimmen. (Was die Kabarettisten natürlich nicht bezwecken wollen.)


    Wenn wir über diese gelegentliche Zweiteilung des Publikums nachdenken, könnten wir auch überlegen, ob mancher Persiflierende selbst bisweilen womöglich zweigeteilt ist und gewisse Inhalte seiner Persiflage nicht hinterfragt, sondern spielerisch ausleben möchte. Die Persiflage als Nebel, sozusagen. Also wenn der Apache den Zylinder trägt, muss er das nicht notwendig nur spotthaft meinen; er könnte, zum Teil, durchaus den Zylinder auch als Modestück an sich schön finden und ihn spielerisch tragen, weil er gut aussieht. So ähnlich vermute ich die Lage auch bei Motörhead-Lemmy, wenn er sagt, die schwarzen SS-Uniformen sähen einfach geiler und rockiger aus als die braunen, britischen Uniformen.


    Damit will ich sagen: Wir lernen dabei vielleicht auch, dass eine Persiflage eine Gratwanderung sein kann zwischen spielerischem Genuss des Originals einerseits, und dessen Hinterfragung andererseits.

  • Damit will ich sagen: Wir lernen dabei vielleicht auch, dass eine Persiflage eine Gratwanderung sein kann zwischen spielerischem Genuss des Originals einerseits, und dessen Hinterfragung andererseits.

    Ja schön und gut - aber auf welchem Grat wandert reitet denn nun Frau Knowles?


  • Eine Persiflage muss natürlich auch nicht unbedingt eine Überzeichnung haben, wenn der Vortragende durch seine Person schon verdeutlicht, dass das was er sagt wahrscheinlich nicht seine tatsächliche Meinung ist. So kann auch ein Böhmermann eine 1:1 Kopie von Nuhr ohne jegliche Überzeichnung machen (ich habe tatsächlich nur fünf Minuten davon gesehen) und dabei für die einen glaubwürdig eine Nuhr-Kopie und für die anderen eine Nuhr-Persiflage sein.


    Das hat man ja eindrucksvoll bei Tilo gesehen, als er in der Heizungsfolge Helmut Schleich offensichtlich überhaupt nicht einordnen konnte.

    Wenn wir über diese gelegentliche Zweiteilung des Publikums nachdenken, könnten wir auch überlegen, ob mancher Persiflierende selbst bisweilen womöglich zweigeteilt ist und gewisse Inhalte seiner Persiflage nicht hinterfragt, sondern spielerisch ausleben möchte. Die Persiflage als Nebel, sozusagen. Also wenn der Apache den Zylinder trägt, muss er das nicht notwendig nur spotthaft meinen; er könnte, zum Teil, durchaus den Zylinder auch als Modestück an sich schön finden und ihn spielerisch tragen, weil er gut aussieht. So ähnlich vermute ich die Lage auch bei Motörhead-Lemmy, wenn er sagt, die schwarzen SS-Uniformen sähen einfach geiler und rockiger aus als die braunen, britischen Uniformen.


    Damit will ich sagen: Wir lernen dabei vielleicht auch, dass eine Persiflage eine Gratwanderung sein kann zwischen spielerischem Genuss des Originals einerseits, und dessen Hinterfragung andererseits.

    Wie jede Nachricht wird auch die Persiflage erst in der Kombination aus Sender und Empfänger zu einer kommunikativen Botschaft und was wo bei wem wie ankommt, ist eben immer Interpretationssache, da kann es durchaus sein, dass etwas völlig ernst gemeintes als Satire/Parodie/Persiflage interpretiert wird oder andersherum. Auch kann es natürlich gewisse Zwitterzustände geben, bei denen Darbietungen zwar irgendwie ernst gemeint, aber doch auch irgendwie etwas parodistisch übertrieben sind (Bernd Begemann fällt mir da spontan ein, der immer einen gewissen Tanz zwischen Schlager und Indiepop wagt, bei dem man nie ganz weiß, wie ernst man das nehmen sollte; was vielleicht das einträglichste Zeichen dafür sein sollte, sich und die ganze Sache da einfach nicht so ernst zu nehmen).

    Sicherlich ist Letzteres auch immer aus einer gewissen Faszination des Künstlers für das Persiflierte gewachsen und da kann ich mir Deinen Nebel sehr gut vorstellen.

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