Guten Abend,
hier möchte ich mal wieder Fragen an die Runde stellen, die ich selbst derzeit nicht beantworten kann. Es wäre schön, wenn dazu keine ironischen Antworten kämen (Ironie-Erkennung setzt oft jahrelange Personalkenntnis voraus). Auch keine zu Marx oder sonstigen Off-Topics. Auch keine Lager-Parolen. Sondern sachliche, herantastende Gedanken zum Thema, ohne abschließende Schlussfolgerung. Und bitte erst zu Ende lesen. Der vermeintliche Trigger am Anfang ist vielleicht gar keiner nach gründlichem Durchlesen. Also -- ich frage aus Unwissen und Neugier. Wie denkt Ihr über die unten genannten, lose aneinander gereihten Einzelheiten?
Es geht um Persiflagen.
Drei verschiedene Beispiele:
Motörhead-Lemmy. Auf der Bühne trug er Patronengurte, aber er war immer gegen Gewalt. Auf manchen Fotos posierte er sogar mit Hakenkreuz, aber er war nie Nazi. Man bezeichnete ihn als Historiker, der allerlei Militaria sammelte, die er sich zu Hause an die Wand hing, darunter auch Nazi-Militaria. Die Motörhead-Ästhetik hingegen erschien grundsätzlich anti-militärisch, und vor diesem Hintergrund erschienen alle gewalt-relevanten Symbole auf der Bühne wie eine Persiflage -- ähnlich wie bei einem Apachen, der den Zylinderhut eines Weißen trägt, und damit aber nicht die Anerkennung seines Zerstörers ausdrückt, sondern selbigen persifliert, und den Hut geradezu als Sieges-Souvenir präsentiert, als Symbol, das sagen will: "Das feindliche System hat mich nicht zerstört, sondern ich habe das System besiegt".
Lindemann. Als Kunstfigur auf der Bühne und in seiner Poesie erfreut sich da jemand an brutalen Szenarien. Was Lindemann zuhause an der Wand hängen hat, weiß ich nicht. Wenn ich jetzt diese Privat-versus-Bühne-Dualität gleichsetze mit der bei Lemmy, gelange ich zu keiner weiteren Erkenntnis: Denn -- erstens -- wenn ich das tue, müssten Lindemanns Privatwände geschmückt sein mit Brutalitäten, theoretisch, und wenn diese theoretische Dualität tatsächlich stimmte, wie bei Lemmy, müssten das alles Persiflagen sein, wie bei Lemmy, unbedenklicherweise. Zweitens, wenn Lindemanns Privatwände nicht mit Brutalitäten geschmückt seien, dann wäre es sowieso klar, dass die Brutalitäten nur zur Kunstfigur gehören, nicht zur Privatperson. Also so komme ich nicht weiter. -- Nun gibt es aber ein Porno-Video von Lindemann im Netz, das ihn als Privatperson zeigt. (Ich sah mir das aus sachlicher Neugier an; ich fand die gewalttätigen Szenen abscheulich. Aber das ist Geschmacksache.) Er zeigt sich da als barschwänzige, fickende Privatperson, der es gefällt, Macht auszuüben mit Ohrfeigen und Würgegriffen. Ich selbst habe nichts gegen Sadomaso-Spiele solange alle Spass haben. Darum gehts mir nicht. Ich frage mich nur, ob diese gezeigte Vorliebe für reale Machtspiele, die zudem mit KO-Tropfen-Liedern untermalt wird, noch als Persiflage durchgehen kann. Das verwirrt mich. Denn wenn dieses Private keine Persiflage ist, sind dann jene privaten Militaria bei Lemmy auch keine Persiflage? Also offenbar kann man daraus keine allgemeine These machen.
Böhmermanns Nuhr-Persiflage. Hier kann ich mich kurzfassen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Böhmermann zuhause Bilder von Nuhr an der Wand hängen hat. Ho ho. (Außer als Karikaturen.) Also bei seiner Nuhr-Persiflage gibt es sicherlich keine Verbindung zwischen Privat und Bühne. Das verwirrt mich wieder in Bezug auf Lindemann ebenso wie auf Lemmy. Warum faszinierte Lemmy diese Militaria dermaßen, dass er seine Zimmer von oben bis unten damit ausschmückte? Ist das vielleicht eher so eine Art Angstbewältigung als eine Faszination? Wenn Lemmy einen SS-Mantel trug, war das, wie bei jenem Apachen mit dem Zylinderhut, keine Faszination, sondern ein Symbol des Sieges über dasjenige, was einen kaputt machen will? Wenn ja, kann man diese Hypothese erweitern auf Lindemann, der durch dieses Privatvideo seine Machtausübungs-Lust vielmehr eliminieren will als sie zu befriedigen?
Ich vermute, die drei Beispiele sind von völlig verschiedener Natur.
Manchmal jedenfalls helfen Persiflagen beim Spott über das, was man ablehnt, oder?