Warum Grünes Wachstum ein Mythos ist und was daraus folgt

  • Es hat sich immer so schön recht, wenn man's als Generationenfrage interpretiert, gell?

    Es versteht sich immer so schön falsch, wenn man nicht richtig liest was geschrieben wurde.


    Wenn jede Generation von Reformern des Systems immer wieder zu den selben systemtragenden Schlüssen kommt, wie die Generationen vor ihnen, dann liegt der Fehler nicht bei den Generationen, sondern beim System.

  • Das Problem daran ist, dass die alle irgendwann zu den selben Erkenntnissen kommen, wie die vorangegangenen Generationen. Und leider ziehen auch immer wieder den selben absolut rückwärtsgewadten Schluss, dass das dann wohl schon immer so war und auch so bleiben wird, und dass man dann nur noch versuchen kann, es nicht noch schlimmer werden zu lassen.


    Das ist das Gegenteil von "progressiv". Man kann dann nur hoffen, dass die ehemals jungen Progressiven nicht zu alten Reaktionären werden, so wie Generationen von ehemaligen Revoluzzern dann später die größten Verteidiger genau jener herrschenden Verhältnisse wurden, an denen ihre "Revolution" scheiterte.

    Na ich bleibe dabei, dass es trotzdem immer Variationen in den Rahmenbedingungen gibt, auch wenn sie noch so klein sind. Und es kann, muss nicht, passieren dass es irgendwann eine Konstellation erwischt die beim reentry eine positive Synthese ergibt.

    Lotto ist wahrscheinlicher, aber alle die wir hier schreiben haben wir ja schon mindestens einmal im Lotto gewonnen, da wir Zeit Ort technisch in dieser Realitätsschleife ganz gut aufgeploppt sind


    Kann natürlich auch Konstellation kriegsgeile, Nationalisten/ neoliberale faschistische Egomanen bei rauskommen.

    Noch sind die Würfel aber nicht zum Stehen gekommen.

  • Um mal wieder dem Thema dieses Threads zurückzukommen:

    Ich hatte ja weiter oben schon das Buch Energie, Entropie, Kreativität Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst empfohlen. Der Physiker Reiner Kümmel zeigt darin auf, dass die Idee der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und planetarischer Zerstörung den Gesetzen der Thermodynamik widerspricht. Kümmel spricht dort vom "Zerberus vorm Schlaraffenland" und schreibt, dass wenn diese Entkopplung möglich wäre, es auch möglich sein müsste, ein Perpetuum mobile 2. Art zu entwickeln (Er nennt dieses Beispiel, um die Absurdität aufzuzeigen.)


    Er schreibt, dass als Konsequenz aus dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik bei jedem Geschehen in unserem Universum Exergie (der nützliche Teil einer Energiemenge) vernichtet und Anergie (der unnütze Teil, also z. B. Emissionen, Abwärme) vermehrt werde. Und über deren Summe sage der Erste Hauptsatz der Thermodynamik, der Satz von der Erhaltung der Energie:

    Energie = Exergie + Anergie = konstant.

    Weiter schreibt er: "Unvermeidlich folgt aus dem Zweiten Hauptsatz, dass mit jeder Nutzung einer Einheit der "natürlichen Ressource" Energie der in ihr enthaltene Exergieanteil verringert wird und schließlich - oft auch schon nach der ersten Nutzung - unwiederbringlich für die Produktion der Wertschöpfung, also des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder Teilen davon, verloren ist."


    Deswegen sei die "ökologische Katastrophe" unausweichlich, wenn wir weiter an Wirtschaftswachstum festhalten.

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)

  • Ergänzend zu meinem vorherigen Beitrag:

    im Kapitel 4.2 des oben genannten Buches beschreibt Niko Paech die Konsequenzen aus eben diesen Gesetzen der Thermodynamik und spricht von der Nullsummenlogik der Thermodynamik. Die Überwindung dieser Nullsummenlogik bezeichnet er als "modernen Mythos" und den Grund dafür, dass alle bisherigen Nachhaltigkeitsbemühungen nicht nur gescheitert sind, sondern dass

    Zitat

    (...) sich kein ökologisch relevantes Handlungsfeld finden lässt, in dem die Summe der seit Langem bekannten und neuen Schadensaktivitäten nicht permanent zugenommen hätte.

    Paech beschreibt, dass diese Erkenntnis bereits 1973 durch den Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher beschrieben wurde:

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)

  • Unbegrenztes Wachstum ist offensichtlich nicht möglich (unendlich!!!). Aber das ist ja auch gar nicht notwendig, damit alle Menschen auf der Erde ein gutes Leben (deutsches Hartz4 Niveau) führen können.


    Die Erde ist kein abgeschlossenes Produktionssystem, da von extern Energie hinzukommt (Sonne).


    Selbstverständlich geht bei der Kernfusion in der Sonne noch nutzbare Energie, erst in Strahlung über, die irgendwann in Wärme, die sich irgendwann nivelliert. Nur passiert dieser Prozess, dieser „Ressourcenverbrauch”, unabhängig davon, ob wir die Strahlung in Elektrizität und dann in Wärme überführen, oder ob die Erde die Strahlung direkt in Wärme überführt.

    Ich mache mir die im Forum zu diesem Thema mehrheitlich geäußerte Meinung nicht zu eigen und wiederspreche ihr hiermit ausdrücklich!

  • Einen wichtigen Satz aus meinem vorherigen Post hebe ich noch mal hervor:


    "Schumacher identifizierte in seinem 1973 erschienenen Klassiker Small is Beautiful [141] als Kardinalfehler zeitgenössischen ökonomischen Denkens – ganz gleich ob neoliberal oder marxistisch –, dass Substanzverzehr mit Überschüssen verwechselt wird. Aber einen mutmaßlichen Überschuss „gerecht“ verteilen zu wollen, der in einer gerechten Welt gar nicht existieren dürfte, weil er auf irreversibler Plünderung beruht und somit zukünftige Lebensperspektiven zerstört, führt sich selbst ad absurdum [142]."


    Im darauffolgenden Kapitel 4.5 Externe Effekte und Effizienz geht es um die verbreitete Vorstellung, man müsse nur die externalisierten ökologischen Folgekosten, durch Anreize, Steuern, oder "den Markt" in die eigene Volkswirtschaft internalisieren:


    "Orthodoxe Ökonomen adressieren zwar durchaus die Frage nach dem „wahren“ Überschuss, bedienen sich dabei jedoch der fragwürdigen Konzeption sog. „externer Effekte“, die unter anderem von Pigou [143] und Kapp [144] etabliert wurde. Demnach werden die durch nicht intendierte Nebenwirkungen verursachten Schäden als eine Form des Marktversagens aufgefasst, weil die beeinträchtigten Umweltgüter keinen Preis aufweisen. Folglich kann der Marktmechanismus nicht dafür sorgen, dass knappe Ressourcen effizient, gegebenenfalls hinreichend sparsam verwendet

    werden: Unternehmen werden nicht mit den vollständigen Kosten ihrer Handlungen konfrontiert, die somit nicht in der betrieblichen Gewinnmaximierung berücksichtigt werden.


    Um diesen Systemfehler zu korrigieren, empfiehlt die Umweltökonomik eine „Internalisierung“ der negativen externen Effekte, indem den Verursachern die tatsächlichen (ökologischen) Kosten ihrer Aktivitäten auferlegt werden, etwa durch Umweltsteuern oder Verschmutzungslizenzen („Cap and Trade“). So werden die Emittenten motiviert, Umweltschäden und Ressourcenverschwendung zu vermeiden, weil andernfalls Kosten zu Buche schlagen, die den Profit mindern. Diese nicht nur logisch erscheinende, sondern auch weithin akzeptierte Vorgehensweise wird dem eigentlichen Problem aus mindestens den folgenden Gründen nicht gerecht.


    1. Der Externalisierungsdiskurs suggeriert, die Umweltschäden des modernen Industriesystems seien prinzipiell vermeidbar, wenn nur „bessere“ Substitute, Technologien, Institutionen und Organisationsstrukturen angewandt würden. Was aber, wenn ausgerechnet für die ökologisch ruinösesten Praktiken (insbesondere Flugreisen) absehbar keine Alternativen existieren, die nachhaltiger sind und zugleich aus Verbrauchersicht als funktional gleichwertig akzeptiert werden? Dann würden nur generelle Verbote oder prohibitiv hohe Preise helfen, die aber verteilungspolitisch als verwerflich, zumindest mit demokratischen Mitteln als nicht durchsetzbar gelten.


    2. Die Theorie externer Effekte impliziert nicht, ökologische Degradationen vollständig zu vermeiden, sondern nur auf ein „optimales“ Schadensniveau zu senken. Da ökologisch schädliche Aktivitäten einen ökonomischen Nutzen erzeugen – andernfalls würden sie nicht stattfinden – und Umweltschutz überdies kostenträchtig ist, resultiert ein Abwägungsproblem. Demnach wäre die Reduktion ökologischer Schäden nur so lange rational, wie die Umweltschutzkosten (inklusive Wohlstandsverluste) geringer sind als der Nutzen des Umweltschutzes. Aber so lässt sich theoretisch-wissenschaftlich rechtfertigen, was die Politik alltäglich praktiziert: Ökologisch noch so desaströse Handlungen werden damit begründet, dass die daraus erwachsenden Vorteile und Chancen eben höher als die Umweltschäden zu bewerten seien. Im Zweifelsfall wird argumentiert, dass die Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft auf dem Spiel stünde oder Arbeitslosigkeit drohe. Der ökonomische Nutzen oder die sozialpolitische Notwendigkeit jeglichen Eingriffs in die Natur kann durch pure Spekulation beliebig hoch veranschlagt werden. Folglich existiert keine Grenze für die in Kauf zu nehmende ökologische Zerstörung: Der Zweck heiligt die Mittel.


    3. Das Modell des wachsenden Wohlstandes um negative Externalitäten bereinigen zu wollen, läuft darauf hinaus, lediglich die ökologischen Details eines ansonsten nicht hinterfragten Industriesystems zu optimieren. Unschwer erkennbar wird damit ein Steuerungsoptimismus, der eine schonungslose, jedoch überfällige Reflexion moderner Industrie- und Konsumgesellschaften verhindert: Wie hoch wäre der nach Abzug oder Korrektur aller Umweltschäden verbleibende, also

    plünderungsfreie Überschuss der industriellen Produktionsweise?"

    (Quelle: Kümmel, Lindenberger, Paech (2018) Energie, Entropie, Kreativität - Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst, Springer Spektrum)



    Zusammengefasst: Die Folge der oft geforderten Internalisierung der Umweltkosten würde zwangsläufig in eine Postwachstumsgesellschaft führen. Konsumaktivitäten wie Flugreisen beispielsweise wären nicht einfach nur teurer, sie würden nicht mehr stattfinden können.

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)

  • Im darauf folgenden Kapitel 4.6 geht es um die Grenzen von ökonomischer Effizienz:


    "4.6 Ökonomische Effizienz als Irrtum?

    Tatsächlich war ein „reiner“, also plünderungsfreier Effizienzeffekt über lange Menschheitsepochen hinweg prägend, jedoch nicht nach, sondern nur vor Anbruch des Industriezeitalters, also in vormodernen Agrar- und Handwerkerökonomien. Ein Beispiel: Durch den Übergang von der autarken Schuhherstellung durch einzelne Individuen zum spezialisierten Schusterbetrieb konnte innerhalb eines Dorfes die Produktion (nicht nur der Schuhe) signifikant gesteigert werden. Durch Lernprozesse und intraorganisationale Spezialisierung konnte der Verschnitt in der Leder- und Schuhsohlenverarbeitung verringert werden. Die benötigten Werkzeuge oder Maschinen mussten zudem nur einmal angeschafft werden.


    Dies führte zu geringeren Durchschnittskosten, denn vorher brauchte jeder Haushalt für seinen kleinen Schuhbedarf eigenes Schusterwerkzeug. Verbesserte Organisationsstrukturen sowie geschicktere und konzentriertere Verrichtungen konnten die Arbeitsproduktivität steigern. So wurde es möglich, mit einem unveränderten Inputbündel innerhalb eines gegebenen räumlichen Systems ein verglichen mit reiner Selbstversorgung höheres Produktionsergebnis zu erzielen oder für dasselbe Versorgungsniveau weniger knappe Ressourcen zu benötigen; die Einsparungen konnten wiederum für andere Güter verwendet werden. Insgesamt stieg der materielle Wohlstand.


    Aber die Potenziale dieser idealtypischen Effizienzsteigerung erwiesen sich aufgrund ihres präfossilen Charakters als äußerst begrenzt, insbesondere durch

    • die limitierte räumliche Reichweite interorganisationaler Spezialisierung,

    • die schnell erreichte Obergrenze der physischen Arbeitsleistung der Beschäftigten sowie

    • die kaum zu steigernde Geschwindigkeit, mit der Ressourcen und Leistungseinheiten innerhalb des Wertschöpfungsprozesses bewegt werden können.


    Aus dieser dreifachen Beschränkung resultierte eine jahrhundertelang statische Ökonomie mit entsprechend bescheidenem Niveau an Gesamtproduktion, Optionenvielfalt und technischer Entwicklung. Erst die räumliche, physische und zeitliche – also dreifache – Entgrenzung mithilfe von Mechanisierung, Automatisierung, Elektrifizierung und schließlich Digitalisierung, was die vermehrte Verfügbarkeit fossiler Energieträger voraussetzte, verhalf dazu, aus der Begrenzung auszubrechen

    und jene Steigerungsdynamik auszulösen, die mit Effizienz verwechselt wird. Denn die Wirkung des entgrenzenden Verstärkerarsenals beruhte weniger darauf, durch reine Kreativität quasi aus dem stofflichen Nichts heraus die Produktivität der bisher genutzten Ressourcen zu steigern, als vielmehr darauf, den Weg in die effektivere Erschließung und Addition externer Ressourcen zu bahnen. Anstelle einer verbesserten Ziel-Mittel-Relation, wie es der Definition ökonomischer Effizienz entspräche,wurden schlicht zusätzliche oder neue Ressourcen erschlossen.


    Wie kann etwa die immense Zunahme der landwirtschaftlichen Erträge (=Output) pro Hektar (=Input) ernsthaft als Effizienzsteigerung bezeichnet werden, wenn der damit einhergegangene zusätzliche Energie-, Chemie-, Dünger-, Maschinen- und Logistikeinsatz berücksichtigt wird? Überdies sind manche der zusätzlichen Inputs, die den Flächenertrag so prägnant erhöht haben, absurderweise selbst das Resultat anderer Flächeninanspruchnahmen in Asien oder Lateinamerika (beispielsweise Tierfutter auf Basis von Sojaprodukten).


    Angenommen, im obigen Schusterbeispiel wären alle prä-fossilen Spezialisierungspotenziale innerhalb des Dorfes ausgeschöpft. Wie ließen sich dann weitere Wohlstandssteigerungen erzielen? Zunächst könnte der Schuster dazu übergehen, auch eine benachbarte Stadt zu beliefern, um den Absatz derart steigern zu können, dass über Größenvorteile ein noch geringeres Durchschnittskostenniveau erreicht wird. Im Gegenzug könnte in der Nachbarstadt die Brotproduktion ausgedehnt werden, so dass die Brotnachfrage beider Städte von nur einem Produzenten bedient wird, der durch eine entsprechend höhere Ausbringung die Kosten senken kann. So kommt es zwecks Kostensenkung zu einem höheren Spezialisierungsgrad, weil nun

    der Absatz beider Produkte über den bisherigen Aktionsradius hinaus erweitert wird (Downstream-Entgrenzung).

    Eine weitere Kostensenkung könnte erzielt werden, wenn sich der Schuhproduzent weiter spezialisiert, indem er die Schuhsohlen nicht mehr selbst produziert, sondern von einem Betrieb bezieht, der an einem anderen Standort – beispielsweise in China oder Indien – kostengünstiger fertigen kann. Ebenso könnte die Bäckerei kostengünstige „Teiglinge“ aus weiter Ferne importieren (Upstream-Entgrenzung). Dies verbilligt die Schuhe und Brote abermals und erhöht folglich die Kaufkraft.


    Aber welchen physischen Aufwand verlangt diese zunehmende Entgrenzung? Die Bäckerei und die Schusterwerkstatt wachsen auf Fabrikgröße, benötigen neue und größere Produktionsanlagen, Gebäude, Lagereinrichtungen, Transport- sowie Kommunikationssysteme und dehnen den Aktionsradius ihrer Lieferantennetzwerke und Absatzkanäle permanent aus. Die öffentliche Infrastruktur muss an den zusätzlichen Transport-, Logistik- und Flächenbedarf angepasst werden. Zudem sind Energie-, Bildungs- und Informationssysteme entsprechend auszubauen. Hier beginnt die Industrialisierung. Durch sie werden die oben genannten Begrenzungen einer vormals statischen Ökonomie durchbrochen, deren von nun an expansive Entwicklung auf die gesamte Gesellschaft übergreift und sich in stofflicher Okkupation äußert. Das Dilemma besteht darin, dass die Ausschöpfung „reiner“, also prä-fossiler Effizienzpotenziale bis zum Erreichen des „Entgrenzungspunktes“ nur einen bescheidenen und kaum wachsenden Wohlstand erlaubt, der aber als ökologisch nahezu plünderungsfrei gelten könnte. Alle darüber hinaus wachsenden Produktionsniveaus basieren auf einem technisch verstärkten und räumlich entgrenzten Verschleiß

    ökologischer Quellen und Senken.


    Externe Effekte sind also keine Nebenfolge der bemerkenswerten Wohlstandsmehrung seit Beginn der Industrialisierung, sondern deren Voraussetzung. Sie sind ähnlich einem nicht zu substituierenden Produktionsfaktor unabdingbar für das Güterwachstum. Mit anderen Worten: Wenn es nicht mehr möglich wäre, ökologische Schäden zu externalisieren, verlöre das Industriesystem seine Basis. Bei konsequenter Vermeidung externer Effekte verbliebe als ökonomischer Überschuss kaum mehr als das Niveau am oben beschriebenen Entgrenzungspunkt."

    (Quelle: Kümmel, Lindenberger, Paech (2018) Energie, Entropie, Kreativität - Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst, Springer Spektrum)


    Hierdurch wird deutlich: Wir haben es nicht nur mit dem Problem zu tun, dass technische Effizienz überhaupt erst der Treiber von Umweltschäden ist (weil es zu Wirtschaftswachstum und dadurch unweigerlich auch zu Produktions- und Konsumsteigerungen führt). Hinzu kommt, dass häufig von Effizienz gesprochen wird, wo aber per definitionem keine Effizienz vorliegt sondern nur eine Verlagerung und Ausweitung von ökologischen Schäden.

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)

  • Ich komme nun zu einem weiteren wichtigen Kapitel des Buches:


    4.7 Rebound-Effekte

    Dennoch wird an der Hoffnung auf einen plünderungsfreien Überschuss festgehalten, der nicht nur das vorindustrielle Niveau deutlich übertreffen, sondern stetig quantitativ und qualitativ gesteigert werden soll. Das ist verständlich: Denn so unhaltbar ökonomische Effizienz- und Fortschrittsprojektionen aus thermodynamischer Sicht auch sind – dies einzugestehen würde bedeuten, das Glaubensfundament der Moderne zu erschüttern. Die seit mehr als einem Jahrhundert handlungsleitende Vision, der zufolge Frieden, Gerechtigkeit und bequemer Konsumwohlstand durch nie endendes wirtschaftliches Wachstum herzustellen seien, ließe sich nur schwer legitimieren. Dabei reicht es nicht einmal aus, das BIP konstant zu halten, um ein bestimmtes materielles Versorgungsniveau zu stabilisieren. Binswanger [145] hat zeigen können, dass unter industriellen Produktionsbedingungen bereits ein Aussetzen der Wachstumsdynamik (also keine Reduktion, sondern lediglich Nullwachstum) dazu führt, eine Abwärtsspirale der Wertschöpfung auszulösen.


    Um dieses Dilemma zu lösen, wird versucht, die moderne Wohlstandsvision durch „grünes“ Wachstum zu retten. Aber das Unterfangen, wirtschaftliches Wachstum mittels technischer Innovationen von Umweltschäden zu entkoppeln, ist – insbesondere bezogen auf Klimaschutz – bislang gescheitert. In der Nachhaltigkeitsforschung setzt sich zunehmend die Auffassung durch, dass dies kein Zufall, sondern systematischen Ursprungs, nämlich auf sog. „Rebound-Effekte“ zurückzuführen ist. Dabei lassen sich zwei besonders wichtige Rebound-Kategorien identifizieren, deren erste darauf gründet, dass die Beseitigung eines Umweltproblems damit erkauft wird, anderswo, später oder auf andere Weise ein zusätzliches oder neues Umweltproblem zu verursachen. Wenn beispielsweise Energiesparbirnen eingesetzt werden, um durch Effizienz den Elektrizitätsbedarf zu senken, steht dem entgegen, dass die Produktion und Entsorgung dieser Leuchtmittel schon wegen ihres Quecksilbergehalts eine neue Schadensquelle hervorrufen. Die zweite Kategorie, nämlich finanzielle Rebound-Effekte, beruht beispielsweise darauf, dass die Einsparungen an Stromkosten (um bei obigem Beispiel zu bleiben) zusätzliche Kaufkraft entstehen lässt, die wiederum für andere Güter verwendet werden kann, so dass im Saldo die Energieverbräuche nicht sinken oder sogar steigen können.


    Beide Rebound-Typen, auf die in den Abschn. 4.7.1 und 4.7.2 eingegangen werden soll, implizieren indes nicht, dass umweltentlastender technischer Fortschritt per se wirkungslos sein muss. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die entsprechenden Innovationen unter den Vorbehalt gestellt werden, dass der Industrieoutput weiter wachsen soll. Ein Überblick über dieses Thema findet sich bei Paech [146,147] und Santarius [148].


    Steigerungen des BIP setzen zusätzliche Produktion voraus, die als Leistung von mindestens einem Anbieter zu einem Empfänger übertragen werden muss und einen Geldfluss induziert, der zusätzliche Kaufkraft entstehen lässt. Der Wertschöpfungszuwachs hat somit eine materielle Entstehungsseite und eine finanzielle Verwendungsseite des damit induzierten Einkommenszuwachses. Beide Wirkungen wären ökologisch zu neutralisieren, um die Wirtschaft ökologisch unschädlich wachsen zu lassen. Mit anderen Worten: Selbst wenn sich die Entstehung einer geldwerten und damit BIP-relevanten Leistungsübertragung technisch jemals entmaterialisieren ließe – was mit Ausnahme singulärer und kaum hochskalierbarer Laborversuche bislang nicht absehbar ist –, bliebe das Entkopplungsproblem so lange ungelöst, wie sich mit dem zusätzlichen Einkommen beliebige Güter finanzieren lassen, die nicht vollständig entmaterialisiert sind. Beide Entkopplungsprobleme sollen kurz am Beispiel der Energiewende beleuchtet werden.


    4.7.1 Entstehungsseite des BIP: Materielle Rebound-Effekte

    Wie müssten Güter beschaffen sein, die als geldwerte Leistungen von mindestens einem Anbieter zu einem Nachfrager übertragen werden, deren Herstellung, physischer Transfer, Nutzung und Entsorgung jedoch aller Flächen-, Materie- und Energieverbräuche enthoben sind? Bisher ersonnene Green Growth-Lösungen erfüllen diese Voraussetzung offenkundig nicht, ganz gleich ob es sich dabei um Passivhäuser, Elektromobile, Windturbinen, Fotovoltaikanlagen, Blockheizkraftwerke, Smart Grids, solarthermische Heizungen, Carsharing, Energiesparbirnen, digitale Services usw. handelt. Nichts von alledem kommt ohne physischen Aufwand, insbesondere neue Produktionskapazitäten, Distributionssysteme, Mobilität und hierzu erforderliche Infrastrukturen aus, was somit zu einer weiteren materiellen Addition führen muss, solange sich daraus wirtschaftliches Wachstum speisen soll.


    Aber könnten die „grünen“ Lösungen die weniger nachhaltige Produktion nicht einfach ersetzen, anstatt addiert zu werden, sodass im Saldo eine ökologische Entlastung eintritt? Nein, denn erstens wäre es nicht hinreichend, nur Outputströme zu ersetzen, solange der hierzu zwangsläufig nötige Strukturwandel mit einer Addition an materiellen Bestandsgrößen und Flächenverbräuchen (wie bei Passivhäusern oder Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien) einherginge. Folglich wären die bisherigen Kapazitäten und Infrastrukturen zu beseitigen. Aber wie könnte die Materie ganzer Industrien, Gebäudekomplexe oder etlicher Millionen an fossil angetriebenen Pkw (um sie durch E-Mobile zu ersetzen) und Heizungsanlagen (um sie durch Elektro- oder solarthermische Anlagen zu ersetzen) ohne Entropieproduktion verschwinden?


    Zweitens könnte das BIP gerade dann nicht systematisch wachsen, wenn jedem grünen Wertschöpfungsgewinn ein Verlust infolge des Rückbaus alter Wertschöpfungsstrukturen entgegenstünde. So entpuppen sich die momentan als Flaggschiff einer prosperierenden „Green Economy“ bestaunten Wertschöpfungsbeiträge der erneuerbaren Energien bei genauerer Betrachtung als Strohfeuereffekt. Nachdem nämlich die vorübergehende Phase des Kapazitätsaufbaus abgeschlossen ist, reduziert sich der Wertschöpfungsbeitrag auf einen Energiefluss, der nur vergleichsweise bescheidene Effekte auf das BIP und den Arbeitsmarkt haben dürfte und sich nur dadurch steigern ließe, dass der Bau neuer Anlagen unbegrenzt fortgesetzt würde. Aber dann drohten unweigerlich zusätzliche Umweltschäden: Die materiellen Bestandsgrößen expandierten und die schon jetzt kaum mehr akzeptierten Landschaftszerstörungen nähmen entsprechend zu.


    Damit wird ein unlösbares Dilemma deutlich: Insoweit auch „grüne Technologien“ niemals – schon gar nicht bei ganzheitlicher Betrachtung aller Systemvoraussetzungen – immateriell, also zum ökologischen Nulltarif zu haben sein können, besteht ihr theoretisch maximaler Entlastungseffekt ohnehin nur darin, Umweltschäden in andere Erscheinungsformen zu transformieren oder in andere ökologische Medien zu verlagern, statt sie zu vermeiden. Dies erfolgt auf vierfache Weise.


    1. Die physische Verlagerung lässt sich am Beispiel der Energiesparbirne demonstrieren, die zwar im Vergleich zum Standardleuchtmittel energieeffizienter ist, sich jedoch in der Produktion und Entsorgung als problematischer erweist.

    2. Räumliche Verlagerungseffekte bestehen darin, umweltintensive Prozessstufen der Herstellung in entfernt liegende Länder (oft China oder Indien) zu verschieben, so dass die ökologischen Schäden in den Umweltbilanzen Europas nichtmehr erfasst werden.

    3. Manche umwelttechnologischen Neuerungen wie etwa Wärmedämmverbundsysteme oder Fotovoltaikanlagen verwandeln sich nach ca. 20 Jahren in ein Entsorgungsproblem, so dass hier eine zeitliche Verlagerung vorliegt.

    4. Wiederum andere Maßnahmen wie etwa Windkraftanlagen erzeugen zwar vergleichsweise weniger Emissionen (vollkommen emissionsfrei können sie schon infolge der Anlagenproduktion nicht sein), verbrauchen oder beeinträchtigen dafür Landschaften und Flächen. Hier liegt eine systemische Verlagerung vor, d. h. Umweltschäden werden von einem physischen Aggregatzustand in einen anderen überführt, aber eben nicht vermieden. Überdies stößt eine derartige Verlagerung irgendwann an quantitative Systemgrenzen, etwa wenn alle geeigneten Flächen besetzt sind.


    Mutmaßlich umweltentlastende Innovationen können sogar mehrere der oben genannten Verlagerungseffekte verursachen. Deshalb sind die Versuche gegenstandslos, ökologische Entlastungserfolge der Energiewende empirisch zu belegen, zumal sich die Verlagerungseffekte nicht in CO2 -Äquivalente umrechnen lassen. Selbst wenn es irgendwann zu erwähnenswerten CO2 -Einsparungen käme – wie viel Hektar an beeinträchtigten oder zerstörten Landschaften wäre eine von dramatischer Flächenverknappung betroffene Gesellschaft bereit, als Preis dafür zu zahlen? Und selbst wenn dieser Preis akzeptiert würde, ließe sich wohl kaum von einem Nachhaltigkeitsfortschritt sprechen, insoweit lediglich eine bestimmte Schadenskategorie gegen eine anderen ausgetauscht würde. Dieser Befund deckt eine Ambivalenz jenes technischen Fortschritts auf, durch den wirtschaftliches Wachstum von Umweltschäden entkoppelt werden soll: Er basiert – zumindest wenn alle indirekten und verästelten Folgen einbezogen werden – auf einem Tausch und eben nicht auf einer Vermehrung von Optionen: Ein Mehr im Hier und Jetzt wird mit einem Weniger anderswo und später erkauft.

    (Quelle: Kümmel, Lindenberger, Paech (2018) Energie, Entropie, Kreativität - Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst, Springer Spektrum)

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

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    (Niko Paech)

    3 Mal editiert, zuletzt von Skidrow () aus folgendem Grund: Quelle hinzugefügt

  • 4.7.2 Verwendungsseite des BIP: Finanzielle Rebound-Effekte

    Selbst wenn es punktuell gelänge, Wertschöpfungszuwächse zu entmaterialisieren, müssten die mit dem Wachstum unvermeidlich korrespondierenden Einkommenszuwächse ebenfalls ökologisch neutralisiert werden, um Entlastungseffekte zu erzielen. Aber es erweist sich als schlicht undenkbar, den Warenkorb jener Konsumenten, die das in den vermeintlich grünen Branchen zusätzlich erwirtschaftete Einkommen beziehen, von Gütern freizuhalten, in deren globalisierte Produktion fossile Energie und andere Rohstoffe einfließen. Würden Personen, die in den grünen Branchen

    beschäftigt sind, keine Eigenheime bauen, nicht mit dem Flugzeug reisen, kein Auto fahren und keine üblichen Konsumaktivitäten in Anspruch nehmen – und zwar mit steigender Tendenz, wenn das verfügbare Einkommen wächst?


    Ein zweiter finanzieller Rebound-Effekt droht, wenn grüne Investitionen den Gesamtoutput erhöhen, weil nicht zeitgleich und im selben Umfang die alten Produktionskapazitäten zurückgebaut werden (die gesamte Wohnfläche nimmt durch Passivhäuser zu, die gesamte Strommenge steigt durch Fotovoltaikanlagen), was tendenzielle Preissenkungen verursacht und folglich die Nachfrage erhöht. Speziell den Stromsektor betreffend sei auf Tab. 2.5 verwiesen. Hier zeigt sich das Wachstum der Bruttostromerzeugung durch Gaskraftwerke, Biomassenutzung, Wind- und Fotovoltaikanlagen. Dass der Strompreis in Deutschland für die Haushalte nicht sank, ist den Besonderheiten der Energiewende geschuldet, auf die im Abschn. 5.1.1 eingegangen wird. Dies ändert aber nichts an der grundsätzlichen Kapazitätsproblematik des Green Growth-Paradigmas. Ein dritter schon von Jevons [149] beschriebener finanzieller Rebound-Effekt tritt ein, wenn Effizienzerhöhungen die Betriebskosten bestimmter Objekte (Häuser, Autos, Beleuchtung etc.) reduzieren.


    Theoretisch ließen sich diese finanziellen Rebound-Effekte vermeiden, wenn sämtliche Einkommenszuwächse abgeschöpft würden, aber wozu dann überhaupt Wachstum: Was könnte absurder sein, als zunächst Wachstum zu generieren, um dann die damit intendierten Einkommenssteigerungen zu neutralisieren? Die Behauptung, durch grüne Technologien könne Wirtschaftswachstum mit einer absoluten Senkung von Umweltbelastungen einhergehen, ist also nicht nur falsch, sondern kehrt sich ins genaue Gegenteil um: Aus der Perspektive finanzieller Rebound-Effekte haben grüne Technologien allein unter der Voraussetzung eines nicht wachsenden BIPs überhaupt eine Chance, die Ökosphäre zu entlasten. Und dies ist nicht einmal eine hinreichende Bedingung, weil die materiellen Effekte, insbesondere die unzähligen Verlagerungsmöglichkeiten auf der Entstehungsseite, ebenfalls einzukalkulieren sind.


    (Quelle: Kümmel, Lindenberger, Paech (2018) Energie, Entropie, Kreativität - Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst, Springer Spektrum)



    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)

    Einmal editiert, zuletzt von Skidrow () aus folgendem Grund: Quelle hinzugefügt

  • Ich fasse zusammen:


    Wenn man ganz böse ist, könnte man sagen, dass Deutschland in den letzten 50 Jahren keine militärischen Eroberungskriege benötigte. Geplündert wurde auf andere, subtilere Weise. Die „imperiale Lebensweise“ (U. Brand, M. Wissen) wurde fortgeführt, nur halt mit anderen Mitteln.


    Das ist vermutlich für einigermaßen aufgeklärte Menschen nichts neues. Neu ist hingegen für die meisten, dass diese Plünderung konstitutiv für unseren materiellen Wohlstand ist! Unser Konsumniveau ist ohne diese Plünderung nicht möglich. Nicht mal theoretisch.


    Und die Fortführung dieser Plünderung wird parteiübergreifend gefordert! Es gibt keine Ausnahme.

    Der Glaube, man könne durch technische Innovationen Umweltschäden verringern, erweist sich wohl als der folgenschwerste Irrtum des 20. und 21. Jh.


    Die Forderungen nach neuen technischen Innovationen (Erhöhung der ökonomischen und technischen Effizienz, Ausbau von EE, Kreislaufwirtschaft) sind also nichts anderes, als dem Motor einer ausbeutenden und umweltzerstörerischen Industrie neuen Kraftstoff zu geben. Und dann kann man auch verstehen, wie es sein kann, dass wir uns seit rund fünf Jahrzehnten milliardenschwere Umweltschutzorganisationen wie den WWF oder Greenpeace leisten, während genau in der gleichen Zeit die planetarische Zerstörung erst so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Diese Unternehmen bieten eben das beste Alibi, den ökologischen Vandalismus weiterzutreiben, und sich durch eine Spende auch noch gut fühlen zu können.


    Das Dilemma ist offensichtlich: Den Umweltschutzorganisationen würden - würden sie den Menschen postwachstumstaugliche Lebensstile aufoktroyieren - sofort von der Bildfläche verschwinden. Hier geht es ihnen wie der Politik. Es ist eben einfacher, an ein durch Ingenieure hervorgebrachtes technisches Wunder zu glauben; und es ist einfacher, die Verantwortung an die Politik zu delegieren. Lindners Ausspruch vor einigen Jahren, Klimaschutz sei eine Sache für Profis, hat weiterhin Bestand. Parteiübergreifend. Von rechts bis links.


    Eine demokratisch gewählte Regierung kann viel tun, nur eines eben nicht: Sie kann nicht gegen die Lebensrealität der Wählermehrheit vorgehen. Nicht nur, weil das politischer Selbstmord ist, sondern weil es nicht demokratisch ist. Und wenn sich die Lebensrealität nicht verändert, wird sich die Politik nicht verändern.


    Es geht also darum, dass Menschen postwachstumstaugliche Lebensstile langsam aber sicher schrittweise einüben. Ohne Übung keine Veränderung. Ein nachhaltiges Leben ist eben keine Frage von richtigen Kaufentscheidungen, Produktdesigns und Investitionsentscheidungen, sondern es geht um die Kunst der Unterlassung. Und das muss eingeübt werden. Eine ungeübte Gesellschaft wird sich nicht aufzwingen lassen, was sie überfordert. Und als „soziales Tier“ übernimmt der Homo sapiens Handlungsmuster nur, wenn sie sich als nachahmenswerte Praxis normalisieren.

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)

  • Ich fasse zusammen:


    Wenn man ganz böse ist, könnte man sagen, dass Deutschland in den letzten 50 Jahren keine militärischen Eroberungskriege benötigte. Geplündert wurde auf andere, subtilere Weise. Die „imperiale Lebensweise“ (U. Brand, M. Wissen) wurde fortgeführt, nur halt mit anderen Mitteln.


    Das ist vermutlich für einigermaßen aufgeklärte Menschen nichts neues. Neu ist hingegen für die meisten, dass diese Plünderung konstitutiv für unseren materiellen Wohlstand ist! Unser Konsumniveau ist ohne diese Plünderung nicht möglich. Nicht mal theoretisch.

    Lange bekannt🥱nennt sich Kapitalismus. In Deutschland ist das passiert durch die Exportwirtschaft, durch die die aus Deutschland hergestellten Waren die Preise im Importland unterbieten und dadurch deren Wirtschaft zerstört wurde.


    Es geht also darum, dass Menschen postwachstumstaugliche Lebensstile langsam aber sicher schrittweise einüben


    Diese imperielle Lebensweise wird uns aufgezwungen und ist keine Entscheidung, die die Leute bewusst getroffen haben. Wer geht in den Supermarkt und sagt: "Ja ich hätte gerne Lebensmittel, die von 7 jährigen Kinder in Bangladesh verarbeitet wurden und die fünf mal um die Welt gefahren werden."?? Niemand.


    Das Dilemma ist offensichtlich: Den Umweltschutzorganisationen würden - würden sie den Menschen postwachstumstaugliche Lebensstile aufoktroyieren - sofort von der Bildfläche verschwinden.


    Das ist Quatsch. Einige Umfragen zeigen doch schon lange, dass sich die Leute mehr Umweltschutz in allen Bereichen wünschen und sie sich sogar in ihrem Konsum einschränken würden. Aber wenn sich einschränken bedeutet, dass man in Armut leben muss, dann ist es klar, dass niemand das will. Den meisten Leute ist Konsum auch gar nicht wichtig. Was ihnen wichtig ist, ist ein soziales Miteinander mit Familie und Freunden. Zu übermäßigem Konsum greifen sie nur, wenn das soziale Miteinander zerstört ist. Wenn man alleine und einsam ist und keine Zukunftsperspektiven hat, dann versucht man sich durch den Konsum wenigstens ein bisschen kurzfristig gut zu fühlen. Und das ist im Kapitalismus chronisch bei den meisten Menschen.

  • Lange bekannt

    Da irrst du in meinen Augen gewaltig. Dass eine Entkopplung vom BIP und planetarischer Zerstörung möglich ist - und zwar durch technischen Fortschritt - wird fast überall geglaubt.

    Wer geht in den Supermarkt und sagt: "Ja ich hätte gerne Lebensmittel, die von 7 jährigen Kinder in Bangladesh verarbeitet wurden und die fünf mal um die Welt gefahren werden."?? Niemand.

    Da es sich um ein typisches "Strohmann-Argument" handelt, gehe ich nicht näher darauf ein.

    Aber wenn sich einschränken bedeutet, dass man in Armut leben muss, dann ist es klar, dass niemand das will.

    Das nennt man in der Populismusforschung ein "Falsches Dilemma".

    Ich hab für solche Sachen echt keine Zeit.

    Einige Umfragen zeigen doch schon lange, dass sich die Leute mehr Umweltschutz in allen Bereichen wünschen und sie sich sogar in ihrem Konsum einschränken würden.

    Das denke ich auch. Natürlich wünscht sich ein Großteil der Leute mehr Umweltschutz. Und vielleicht gib es auch eine signifikante Menge an Leuten, die ihren Konsum ändern würden. Darüber habe ich keine Zahlen.

    Aber solange überall der Mythos verbreitet wird, man könne die Umweltprobleme durch Technik lösen, wird es schwierig, Mehrheiten zu finden, die einen postwachstumstauglichen Lebensstil eingehen und die dafür notwendigen politischen Transformationen einfordern.


    Was ihnen wichtig ist, ist ein soziales Miteinander mit Familie und Freunden. Zu übermäßigem Konsum greifen sie nur, wenn das soziale Miteinander zerstört ist. Wenn man alleine und einsam ist und keine Zukunftsperspektiven hat, dann versucht man sich durch den Konsum wenigstens ein bisschen kurzfristig gut zu fühlen.

    Da stimme ich dir vollends zu.

    "Es gibt keine nachhaltigen Produkte oder Technologien, es gibt nur nachhaltige Lebensstile."

    "Wir müssen die Lüge dekonstruieren, dass es eine technische Lösung für dieses soziale Problem gibt."

    (Niko Paech)


  • Degrowth als Beispiel für ein akademisch/fiktionales Konzept. Musste sofort an diesen Thread denken. ^^

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