#591 - Militärexperte Carlo Masala

  • Du möchtest jetzt speziell die NATO thematisieren?

    Ich habe das nicht selbst thematisiert, sondern ich bezog mich dabei auf Deinen diesbezüglichen Wortwechsel mit Roy...

    ...in welchem Du ihn fragtest, ob er dafür sei, die NATO abzuschaffen, und ihm dann auf seine Bejahung der Frage antwortetest, Du seist früher auch für ihre Abschaffung gewesen, habest Deine Meinung aber nach dem Massaker von Butscha geändert. Den Zusatz "jedwede Abschreckung" verstehe ich in diesem Kontext so, dass Du die NATO als Mittel zur Abschreckung gegen Kriegsverbrechen ansiehst und mit ihrer Abschaffung auch eine Abschaffung dieser Abschreckung verbinden würdest.


    Hier genau zu argumentieren und zwischen der speziellen "Abschreckung" durch das nordatlantische Bündnis und einer generellen Abschreckung durch stehende Heere, Marinen und Luftwaffen von Nationalstaaten zu unterscheiden, finde ich aus drei Gründen wichtig...:


    1. ...weil man durchaus das Argument machen könnte, dass Butscha (und viele andere Kriegsverbrechen) ohne die Aufrechterhaltung eines Militärbündnisses, das nach dem kalten Krieg seinen Hauptgegner verloren hatte, und sich anschliessend dennoch durch seine Osterweiterung gegen einen potenziellen Gegner Russland positionierte, möglicherweise* gar nicht stattgefunden hätte.

    Dabei wurde auch dem ukrainischen Staat nicht nur in Aussicht gestellt, irgendwann in das westliche Miliärbündnis aufgenommen zu werden, sondern er wurde auch bereits vor der russischen Annexion der Halbinsel Krim und dem Beginn des Bürgerkrieges im Donbass de facto in Form von Ausbildung, gemeinsamen Manövern und sogar Kriegseinsätzen des ukrainischen Militärs mit NATO-Streitkräften - wie z.B. im Irak - auch ohne offizielle Aufnahme bereits teilweise in die militärischen Strukturen der NATO integriert.


    *Ich schrieb bewusst "möglicherweise", weil ich das natürlich nicht sicher weiß, und weil man dieser Sichtweise in der deutschen Öffentlichkeit leider gerne zumindest Naivität gegenüber den mutmaßlich(!) revisionistischen bis genozidalen putinschen Gelüsten einer Wiederherstellung des russischen Zarenreiches in den Grenzen des Warschauer Paktes vorhält, wenn man ihr nicht gar Sympathie mit den Zielen eines (mutmaßlich) größenwahnsinnigen Kreml-Diktators unterstellt.


    2. Womit wir direkt zum nächsten Punkt kommen:

    Waffen geben wir den Ukrainern nicht deshalb, um ihnen beim Sterben zuzuschauen, sondern damit sie am Leben bleiben. Um Putin abzuschrecken. Liege ich richtig in meiner Annahme, dass Du die Waffenlieferungen abstellen willst und stattdessen Verhandlungen, Verhandlungen, Verhandlungen antreiben möchtest?

    "Wir" (ich persönlich habe keine nennenswerten Bestände an schweren Waffen vorrätig, die ich vergeben könnte) geben dem ukrainischen Staat Waffen, weil unsere Regierenden - je nach politischer Schattierung zwischen Schwarzbraun und Tarngrün - die Losung ausgegeben haben, dass "Russland" "nicht gewinnen" dürfe (O. Scholz), dass "Russsland" "ruiniert" werden müsse, bzw. dass "wir" und unsere Verbündeten einen "war against Russia" führten (A. C. A. Baerbock).


    Dass mit den Waffenlieferungen mehr UkrainerInnen am Leben geblieben wären als ohne, ist eine reine Mutmaßung, die sich eigentlich nur aufrecht erhalten lässt, wenn man der weit verbreiteten - und auch von Prof. Dr. Masala und KollegInnen gestützten - Erzählung folgt, Putin sei ein wahnsinniger Wiedergänger Hitlers und Stalins in Personalunion, dem es dabei um nichts schändlicheres gehe, als um eine Vernichtung der Ukraine bis hin zum gezielten Völkermord an ihrer Bevölkerung.


    Wir wissen natürlich nicht genau, wie viele Menschen ukrainischer (oder russischer) Nationalität bisher im Kampf des russischen Staates gegen den ukrainischen Staat schon sterben mussten, aber je nach Schätzung bewegt sich die Zahl an Todesopfern trotz umfrangreicher Lieferungen schwersten westlichen Mordwerkzeuges insgesamt bereits im hohen fünfstelligen bis niedrigen sechsstelligen Bereich und sie wird sehr wahrscheinlich in den nächsten Wochen noch bedeutend ansteigen, sollte die ukrainische Führung ihre lang angekündigte Frühjahrsoffensive tatsächlich mit der im Westen so sehnlich gewünschten Wucht in die Tat umsetzen.


    Meine Frage nach der Signifikanz der russischen Kriegsverbrechen in Butscha für Deinen persönlichen Sinneswandel vom radikalen Pazifisten zum NATO-Unterstützer Befürworter einer militärischen "Abschreckung" bezog sich auf genau diesen Umstand, denn die Zahl der bisher getöteten, verstümmelten, verwundeten und aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen (allein ca. 8 Millionen im Ausland, ohne Inlandsgeflüchtete) in der Ukraine ist mittlerweile um Größenordnungen höher, als die 441 getöteten ZivilistInnen in der Region um den nördlichen Vorort der ukrainischen Hauptstadt, und die weiteren 198 bisher dokumentierten Fälle in den von russischen Truppen besetzten Gebieten im Süden und Osten des Landes, welche derzeit von der UNO untersucht werden. Selbst wenn man - wie die UN - durchaus begründet davon ausgeht, dass die tatsächliche Zahl der von russischen Soldaten und Söldnern außerhalb der unmittelbaren Kriegshandlungen getöteten, verwundeten und misshandelten ZivilistInnen deutlich höher ist, als die bisher dokumentierten Fälle, wird sie dennoch mit Sicherheit bedeutend kleiner sein, als die Zahl jener, die durch die direkten Kampfhandlungen und ihre Spätfolgen betroffen waren und immer noch sind.


    Den Tod dieser Menschen haben die deutsche Bundeswehr oder die Existenz der NATO - inklusive der größten Militärmacht aller Zeiten mit konventionellen wie atomaren Erstschlagkapazitäten auf dem ganzen Planeten - in deren Befehlsgewalt sie auch per "nuklearer teilhabe" integriert ist, trotz ihres gewaltigen "Abschreckungs"-Potenzials genauso wenig verhindert, wie sie die restlichen zigtausend ZivilistInnen und SoldatInnen retten konnte, die dem russischen Angriffskrieg bisher zum Opfer gefallen sind.

    Mein Schlusswort in "Schicht 3" war eine Vorbeugung für den Fall, dass in Deiner vielschichtigen Anmerkung auch der Vorwurf der unterlassenen Hilfe in nicht-ukrainischen Dingen stecken könnte. (Ich mag das Wort "Whataboutism" nicht; wie sagt man das auf deutsch? Dagegen jedenfalls, wollte ich vorbeugen.)

    3. Die Andeutung, es läge ein "whataboutism" vor, wenn man auf die Kriegsverbrechen und auf die mittlerweile in die Millionen gehenden Todesopfer hinweist, welche unsere NATO-Partner und ihre diversen Verbündeten und Koalitionen der Willigen in anderen Weltregionen zu verantworten haben, entkräftet nicht das Argument, das damit gemacht wird.


    Wenn die westliche Wertegemeinschaft es in anderen Weltregionen für tolerabel genug hält, dass massenhaft Menschen getötet, Frauen vergewaltigt und Kinder verwaist werden, um dort nicht die geballte Waffenpower der westlichen Kriegsindustrie zum Schutz der Zivilbevölkerung zum Einsatz zu bringen, dann muss sie sich fragen lassen, ob es im Fall der Ukraine dabei wirklich um deren "Nationale Identität" oder um den Schutz von auf ihrem Staatsgebiet lebenden Menschen geht, oder ob damit nicht ein ganz anderes, für ihre eigene Daseinsberechtigung viel relevanteres Ziel verfolgt wird - nämlich: Die Behauptung der vom US-Amerikanischen Staat angeführten ökonomischen und militärischen Hegemonie in Europa und Zentralasien.

    Übrigens, falls das relevant ist: Die wagenknechtsche Geschichte, Putin habe einen NATO-Angriff gegen Russland befürchtet und deshalb sei er so brutal geworden, halte ich nicht für plausibel. Und selbst wenn sie wahr wäre, so sähe ich darin keinen Grund, die Ukraine Putin zu überlassen. Ist das der eigentliche Kern Deiner Anfrage?

    Nein. Das ist nicht Kern meiner Anfrage.


    Ob Wagenknecht dieser putinschen Propagandaerzählung wirklich irgendwo zugestimmt hat, oder ob man ihr das einfach nur unterstellt. müsste man mal genauer ergründen, bzw. belegen, wenn man das so behauptet.

    Worin ich Wagenknecht nach wie vor nur zustimmen kann, ist die Kritik an der westlichen - und insbesondere der deutschen - Anmaßung, an dieser Eskalation des Konfliktes keinerlei Mitschuld zu tragen, sich daher eindeutig auf der moralisch richtigen Seite wähnen zu dürfen, und jeden Versuch, einen Kompromiss auszuhandeln, der das Morden und Totschlagen beenden könnte(!), als potenzielle Unterstützung des Putin-Regimes zu brandmarken.


    Die russische Staatsführung hat Gründe für diesen Angriffskrieg. Die mögen im Habitus einer hochmoralisch aufgeladenen Behauptung, für nichts geringeres als für die Bewahrung humanistischer Werte einzustehen, verwerflich sein, aber die russische Position komplett zu ignorieren und für diplomatisch indiskutabel zu erklären, ist genau der Ausdruck westlicher Arroganz, den Wladimir Putin und seine Kamarilla brauchen, um ihre brutale staatliche Gewaltaktion im Nachbarland gegenüber der eigenen Bevölkerung als notwendiges Übel zu rechtfertigen.


    Ich bin nicht dafür, "die Ukraine Putin zu überlassen".

    Ich bin dagegen, die ukrainische Bevölkerung als militärische Verbrauchsmasse und moralische Rechtfertigung für einen Stellvertreterkrieg zu benutzen, in dem es - meiner Ansicht nach - nicht um getötete ZivilistInnen, vergewaltigte Frauen und verschleppte Kinder geht, sondern einzig und alleine darum. dass zwei geopolitische Machtblöcke auf Kosten dieser ukrainischen Bevölkerung ihre jeweiligen Großmachtansprüche mit äußerster Gewalt gegeneinander ausfechten.


    Und so lange sich da nicht irgendwann mal ein Klügerer findet, der es über sich bringen kann, nachzugeben, sehen wir als reine Subjekte der kriegführenden Staatsgewalt die dabei absolut nichts mitzureden haben, weiter hilflos dabei zu, wie sich alle Beteiligten in eine mit zunehmender Dauer dieses Krieges immer schwerer aufzulösende Kriegslogik verbeißen, aus der es irgendwann keinen anderen Ausweg mehr geben wird, als die direkte Konfrontation der Atommächte.

  • Danke für Deine detailierte Ausführung. Ich habe jeden Satz gelesen. Jeder Deiner Kritikpunkte finde ich wichtig und sollte stetig auf pro und contra überprüft werden, damit keine Dogmatik entsteht.


    Dem habe ich heute kein weiteres Detail hinzuzufügen.


    Zusammenfassend: Bei allen katastrophalen Fehlern im Westen und Osten, die man alle zur Kenntnis nehmen muss, unterscheiden sich Deine und meine Gesamt-Einschätzungen wohl darin, dass Dein Lebenserhaltungs-Vertrauen eher zu Putin tendiert, und meine eher zur Ukraine-Allianz. (Ich meine, Putin hat uns mit seiner vermeintlichen "Zuneigung" von Anfang an verarscht, schon bei seiner Bundestagsrede damals, und davor. Vermutlich hatte er bereits damals sein persönliches "Mein Kampf"-Buch geschrieben, und das setzte er dann auch um: Tschetschenien, Georgien etc. Aber jetzt schreibe ich doch wieder mehr, als ich wollte.)

  • Zusammenfassend: Bei allen katastrophalen Fehlern im Westen und Osten, die man alle zur Kenntnis nehmen muss, unterscheiden sich Deine und meine Gesamt-Einschätzungen wohl darin, dass Dein Lebenserhaltungs-Vertrauen eher zu Putin tendiert, und meine eher zur Ukraine-Allianz.

    Das hast Du sehr falsch zusammengefasst.


    Ich vertraue weder der "Ukraine-Allianz" noch Wladimir Putin dahingehend, dass ich glauben würde, es ginge ihnen um den Schutz von Menschenleben.

    Die russische Führung hat mit ihrem gewaltsamen Einmarsch kein Hehl daraus gemacht, dass sie dazu bereit ist, massenhaft eigene und ukrainische Soldaten und zivile "Kollateralschäden" in den Tod zu schicken, um ihren Großmachtanspruch durchzusetzen.


    Meine Kritik fällt hier aber genau deshalb eher in Richtung "unserer" Seite aus, - für die sich auch Bundeswehruniversitätsprofessor Carlo M. ganz stark macht - weil es auch unseren politischen FührerInnen offenbar eher um den Erhalt und die Verteidigung ihrer abstrakten ideologischen "Werte" und ihrer - bzw. der amerikanischen - geopolitischen Dominanz in Osteuropa geht, als darum, einen langen und blutigen Krieg möglichst schnell zu Ende zu bringen, dem schon zigtausende UkrainierInnen zum Opfer gefallen sind, und weil der Großteil des politisch interessierten Bildungsbürgertums und der versammelten Qualitätsmedienschaffenden in Deutschland sich weiterhin mit großer Empathie der Illusion hingibt, dass es sich bei der Unterstützung der ukrainischen Führung um einen reinen Dienst an der Freiheit und Souveränität des ukrainischen Volkes handele, welchen nur ausgemachte Zyniker und Putin-VersteherVertrauer nicht zu schätzen wüssten.


    Welche höchst kritikwürdigen Auswirkungen diese Kombination aus ideologischem Sendungsbewusstsein und politischem Machtinstinkt haben kann, zeigte sich nicht zuletzt gerade neulich erst daran, wie unsere geschätzte Außenministerin und Chefdiplomatin Annalena Charlotte Alma Baerbock ausgerechnet in China - ohne dessen Hilfe die russische Führung diesen Krieg vermutlich nicht führen könnte - meinte, die dortige Staatsführung vor der versammelten Weltpresse für deren nicht Wertekonformes Verhalten tadeln, und ein trotziges Wortgefecht mit dem chinesischen Außenbeauftragten aufführen zu müssen, anstatt sich dort ernsthaft um eine diplomatische Lösung des Konfliktes zu bemühen, und ebenfalls daran, wie sie dann dafür vom hiesigen Wertebürgertum auch noch abgefeiert wurde, wie eine feministische Ikone.


    Bei Putin und seinen mafiösen Silowiki kann man davon ausgehen, dass es denen bei aller großrussischen Rhetorik und pathetischen Beschwörung des "großen vaterländischen Krieges" letztendlich vor allem um die Sicherung ihrer eigene Existenz als AnführerInnen und größte ProfiteurInnen der herrschenden Klasse in Russland geht.

    Bei Teilen unserer deutschen politischen Führung habe ich meine Zweifel, ob da nicht viel mehr Fanatismus und Selbstherrlichkeit das politische Handeln bestimmt, während man sich gleichzeitig in neu entdeckter transatlantischer Solidarität bei einem großen Bruder in Washington D.C. andient, dessen außenpolitisches Ziel noch nie darin bestand, irgendwelchen Völkern außerhalb seines eigenen Staatsgebietes ihre Freiheit und Souveränität zu sichern, sondern immer darin, sich selbst die Freiheit heraus zu nehmen (und notfalls herbei zu bomben und zu morden), die Regeln der regelbasierten Ordnung nach seinen eigenen politischen und ökonomischen Interessen zu formen.

  • In den neuen Zwanzigern hatte Wolfgang schön aufgedröselt, wie unsere Außenministerin sich noch vor einer Weile in Indien richtig eingeschleimt hat und der Hindunationalistischen Regierung mitsamt Gesamtbevölkerung für ihren Beitrag zur Demokratie gedankt haben, wobei diese inzwischen extrem viel mehr russisches Öl beziehen. Feministisch universalistische Außenpolitik my ass. Lohnt aber nicht mehr all diese Bigotterien und Whataboutismen aufzudröseln, eben weil wir uns mit solchen Fragen gar nicht beschäftigen wollen. Seitdem die Amis uns befreit haben, sind wir die Guten. Das ändert sich erst, wenn wir von den Russen oder Chinesen erobert werden.

  • Die Frage ist, ob die daran (dann) noch Interesse haben. Was bringen wir an den Tisch? Russland signalisiert zwar immer noch offene Türen, aber ihren Abschied vom Wertewesten haben sie besiegelt und damit eine Kettenreaktion ausgelöst.

    Außerdem, was ist, wenn der Opa im Kreml altersbedingt durch einen weniger Deutschland-affinen "Usurpator" ersetzt wird. Dass wir den nachvollziehbar sebstbewussten Chinesen mittlerweile egal sind, sollte ja auch in Berlin langsam angekommen sein.

    The surest way to tame a prisoner is to let him believe he's free.

  • Ich habe mit mir sehr gerungen aber es dann doch angehört.



    Der Typ ist echt so lächerlich und eine Personifizierung von komplett verblödetem Marketingdummsprech aus mittelgroßen Agenturen. Masala ist kein Wissenschaftler sondern ein Staubsaugervertreter der Nato bzw Rüstungsbranche, der eine Std schnoddrig daher reden kann ohne irgendwas substantielles zu formulieren, was über Allweltwissen hinaus geht. Ein lockerer Spruch hier, eine Metapher auf 7-Klässler Niveau da. Wahnsinn.

  • Den Herrn Masala muss ich jetzt auch mal kritisieren.


    Aber nicht in den Punkten, die hier in diesem Faden bisher angesprochen wurden, sondern in einem weitaus wichtigeren Punkt.


    Sozusagen.


    In jedem Satz sagt er es, sozusagen. Vor Monaten ist mir das sozusagen noch nicht aufgefallen. Aber er wiederholt das sozusagen so oft, das sich das sozusagen langsam in mein Hirn gebohrt hat, und meine Antennen sind inzwischen dermaßen scharf darauf gerichtet, dass beim Zuhören meine Nervenstränge sozusagen flattern. Ich kann mich sozusagen nicht mehr richtig auf den Inhalt konzentrieren.


    Ich sehe ihn in einer Schalte in der Tagesschau, ich zähle bis zehn, und zack, er sagt es, sozusagen. Innerlich flehe ich ihn an, lass es einfach weg, sag es nicht, das Wort ist doch sozusagen völlig überflüssig, aber er lässt nicht ab. Ich sehe ihn im ZDF, und hier und dort, in Podcasts, auf YouTube, überall sozusagen. Er kann nie ohne. Ist das eine Neurose? Schützt das sozusagen falls rhetorische Gegner seine Worte sozusagen auf die Goldwaage legen und kontern, so könne er das nicht sagen? Und er dann sozusagen sagen kann, er habe das Wort ja nur sozusagen so gesagt?


    Aber wenn es wenigstens so wäre! Er sagt sozusagen vor jeder normalen Belanglosigkeit das so. Es ist jetzt sozusagen 10 Uhr morgens, ich gehe sozusagen zum Bäcker und kaufe sozusagen eine Brezel.


    Und dann ist das auch noch ansteckend. Da sind zum Beispiel seine Gesprächspartner Ulrike Franke, Frank Sauer, Thomas Wiegold. Allesamt gesunde Mitmenschen, neuronal betrachtet. Ihre Sprache ist normalerweise geschliffen und aufs Wesentliche komprimiert. Kaum wird Carlo Sozusagen Masala in der Gesprächsrunde aktiv, fangen die anderen sozusagen auch damit an!


    Die merken das sozusagen nicht, oder?


    Ikannimehr ...

  • Deine Nervenstränge flattern nicht schlecht.

  • "Experte" ist ein Mensch dann, wenn mindestens eine Person den Menschen so nennt.


    Das gleiche gilt für Bezeichnungen wie "Künstler", "Grafikdesigner", "Philosoph" etc.


    Die Bezeichnungen sind nicht geschützt.


    Deshalb halte ich Begrifflichkeitsdebatten für sinnlos. Deren Arbeit ist zu bewerten, nicht deren Bezeichnung.

  • Der kürzlich hier heiß diskutierte Carlo Masala war schon mal bei Jung & naiv!



    Er bezeichnet sich als Vertreter des Neo-Realismus. Ich paraphrasiere nachstehend seine Erklärungen dazu, etwa ab Minute 38:


    Das neorealistische Paradigma der Internationalen Beziehungen geht davon aus, dass das internationale System durch das Fehlen einer zentralen Autorität geprägt ist. Staaten sind somit gezwungen, ihre eigene Sicherheit selbst zu gewährleisten. Sie tun dies entweder individuell – vor allem große und ressourcenstarke Staaten wie die USA, China oder Russland – oder durch den Aufbau von Allianzen.


    Aus dieser Struktur ergibt sich das sogenannte Sicherheitsdilemma: Wenn ein Staat seine Sicherheit durch militärische Aufrüstung stärkt, fühlen sich andere Staaten bedroht und reagieren ebenfalls mit Aufrüstung. Dadurch entsteht ein Teufelskreis wechselseitigen Misstrauens, der potenziell in eine Rüstungsspirale oder in militärische Konflikte münden kann. Dieses Dilemma kann durch Maßnahmen wie Rüstungskontrolle gemildert, aber nicht vollständig gelöst werden.


    In einem solchen System wird Macht zur zentralen Währung der internationalen Politik – militärische ebenso wie ökonomische oder zunehmend auch „Soft Power“. Staaten streben nach Macht, um ihre Sicherheit zu garantieren. Gleichzeitig neigen andere Staaten dazu, übermäßige Machtansammlungen durch Gegenallianzen auszugleichen, was wiederum zu Spannungen führen kann.


    Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder das Völkerrecht schaffen zwar Regeln, verfügen jedoch über keine eigenständige Durchsetzungsgewalt. Die UN ist eine von Staaten getragene Institution und kann nur dann handeln, wenn die Mitgliedstaaten sie dazu befähigen. Besonders deutlich wird dies im Sicherheitsrat: Die fünf ständigen Mitglieder (USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien) besitzen Vetorechte, wodurch sie Sanktionen gegen sich selbst verhindern können. Dieses Machtgefüge spiegelt die Nachkriegsordnung von 1945 wider und erschwert Reformen erheblich.

    Versuche, den Sicherheitsrat zu erweitern oder das Vetorecht einzuschränken, sind bislang gescheitert. Zwar gibt es Vorschläge für neue ständige Mitglieder ohne Vetorecht – etwa Deutschland, Indien oder Länder Afrikas –, doch blockieren sich potenzielle Kandidaten häufig gegenseitig. Eine grundlegende Reform gilt als politisch unrealistisch, da die etablierten Mächte kein Interesse daran haben, Macht abzugeben.


    Der Begriff der regelbasierten Ordnung wurde populär, als westliche Staaten sich stärker von der Bezeichnung „liberale Weltordnung“ distanzieren wollten. Letztere wird außerhalb des Westens oft als heuchlerisch wahrgenommen, weil westliche Staaten die Prinzipien von Demokratie und Menschenrechten zwar propagieren, sie aber nicht immer konsequent einhalten - ein Beispiel ist der völkerrechtswidrige Überfall der USA und ihrer Verbündeten auf den Irak in 2003. Regelbasierte Ordnung“ sollte neutraler klingen, meint inhaltlich jedoch meist dasselbe. Jede Ordnung beruht auf Regeln – auch eine, die sich am „Recht des Stärkeren“ orientiert. Entscheidend ist daher, welche Regeln gelten und wer sie definiert.


    Masala weiß also um das Sicherheitsdilemma, welches mit der NATO-Osterweiterung verbunden war und das durch die zunehmende Anbindung der Ukraine an EU und NATO nach 2014 verstärkt wurde. Entsprechend wenig substantiell fällt dann auch Masalas Kritik an Mearsheimer aus (etwa 23 Minuten vor Schluss), einem bekannten US-Neorealisten, der dieses Dilemma nicht nur kennt, sondern im Gegensatz zu Masala regelmäßig öffentlich thematisiert.

  • Ach, da ist mein Beitrag gelandet. Hatte ihn schon gesucht, aber das passt ja gut. 👍


    Fun Fact: Masala thematisiert im Interview die Tätigkeit Mersheimers als Politikberater und behauptet, dieser befände sich mit seiner derzeitigen Positionierung in einem Gegensatz zu seinem früheren theoretischen Werk (letzte halbe Stunde bei Hans). Angesichts der Tatsache, dass beide Anhänger des gleichen theoretischen Konzepts sind (Neo-Realismus), Masala aber im Gegensatz zu Mersheimer bei seinen öffentlichen Auftritten russische Sicherheitsinteressen regelmäßig hintenanstellt, könnte man fast meinen, Masala beschreibe damit sich selbst - wenn man ihm ein entsprechend großes Maß an Selbstreflexion zutrauen würde.


    Der Experte, der das ganze Bild kennt, aber nur das halbe liefert und, schlimmer noch, es verzerrt durch Übertreibung der russischen Bedrohung, mutiert zum Scharlatan - und qualifiziert sich offenbar gerade dadurch zum gern gesehenen Gast in den TV-Shitshows, die uns täuschen mit dem Ziel der Kriegspropaganda.



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