#469 - Deniz Yücel

  • Here we go...



    Wir sind zu Gast im Axel-Springer-Haus, im ehemals größten "Newsroom" Europas und treffen Deniz Yücel. Deniz schreibt seit 2015 für "Die Welt", zuvor war er seit 2007 Redakteur bei der "taz". Von Februar 2017 bis Februar 2018 befand er sich in türkischer Untersuchungshaft.


    Mit Deniz geht's zunächst um seinen Lebensweg: Wollte er schon immer Journalist werden? Wie und wo ist er aufgewachsen? Weshalb sind seine Eltern als "Gastarbeiter" nach Deutschland gekommen? Wie hat er die Schulzeit erlebt und weshalb musste er "Mathe für Ausländer" belegen? Deniz berichtet über seine Einbürgerung Anfang der Neunziger und deutsches Staatsbürgertum.


    Dann geht's um die Attraktivität des türkischen Präsidenten Erdoğan: Warum wählen so viele in Deutschland lebende türkische Wahlberechtigte die AKP? Wieso ist das zB in der Schweiz nicht so? Weshalb ist Tayyip Erdoğan für Deniz ein "Hobbyislamist" und "Mafiaboss"? Wir sprechen über die politische Entwicklung des türkischen Präsidenten, Demonstrationen im Gezipark und den gescheitertern Putschversuch 2016.


    In der zweiten Hälfte geht's um Deniz' Zeit als Korrespondent in der Türkei und was ihn ins "Visier" des türkischen Staates brachte. Er erzählt, wieso er mehrere Wochen Schutz der Bundesregierung in Anspruch nahm, sich dann entschied zur Polizei zu gehen um dann erstmal mit dem Polizeipräsidenten Tee zu trinken bevor er in Gewahrsam genommen wurde, wo ihn andere Insassen mit Applaus empfingen.


    Wir sprechen über seine Zeit in Haft, wie er mit Essen schreiben konnte, Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Gefängnissen, sein Nein zu "schmutzigen Deals" und warum die türkischen Mächtigen irgendwann genervt von ihm waren...


    Das und vieles, vieles mehr in Folge 469 - wir haben sie am 30. Juli 2020 im Berliner Axel-Springer-Haus aufgezeichnet.


    Deniz Yücels Buch


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  • Was für ein Hammer!


    3h direkt ohne Pause angeguckt und nie das Gefühl gehabt, hier würde mir Scheiß erzählt oder es würde langweilig. Durchweg spannend, was auch daran liegt, dass Deniz einfach weiß, wie er eine Geschichte erzählt. Angefangen bei seiner Biografie und tollen Anekdoten & Infos über das Staatsbürgerschaftsrecht, über seine politische Analyse der Türkei, wovon ich bisher leider nicht viel wusste, abgeschlossen mit dem dramaturgischen Höhepunkt seiner Haft, der Freilassung und den Nachwirkungen.


    Props an der Stelle auch an Tyler. Die Dämmerung und das immer intesiv werdende Hintergrundlicht hat diese Dramaturgie zusätzlich untermalt. Tolles Setting und Dank dafür, dass er den Schinken in so kurzer Zeit fertig produziert hat.


    So ein paar inhaltliche Dinge, die ich mitgenommen habe sind:

    - Bisher war mir nicht ganz klar, dass Erdogan teils gegensätzliche Politik gemacht hat in früheren Ämtern. Das hat Deniz mal schön erklärt. Im Prinzip wurde durch seine Aussagen deutlich, dass Erdogan so eine Art 21st Century Machiavelli zu sein scheint, dem es scheißegal ist, welche Politik die (moralisch) Richtige ist, sondern nur aus reinstem Opportunismus heraus mit allem Mitteln sein Regime und den eigenen Machterhalt im Auge hat.


    - Ebenfalls beeindruckend war das journalistische Ethos das zum Ausdruck kam. Im Gespräch eher beiläufig erwähnt, sagt es aber sehr viel über Deniz Yücel aus. Mehrfach hat er betont, dass er "nur seinen Job macht, im Auftrag der Öffentlichtkeit". Spricht sehr für ihn und zeigt, wie wichtig es ist, dass Journalisten Haltung haben und sich für die richtige Sache positionieren und einstehen. Hab unter der Woche noch die Guardian-Reportage über Reichelt und die Bild gelesen über Emotionen im Journalismus. So ziemlich das Gegenteil von dem, was Yücel beschrieben hat.

    Dazu kommt, dass er seine Haft sehr reflektiert interpretiert. Er will eben nicht als Lichtgestalt der Pressefreiheit behandelt werden, sondern will als Journalist wahrgenommen werden, der über Dinge berichten und schreiben will, weil sie ihm wichtig sind und weil sie für die Öffentlichkeit relevant sind.


    - Vielleicht ist ein anderer Thread eher dafür geeignet, aber Deniz meinte, dass Russland für Leute wie Erdogan oder Trump, Orban usw. das Vorbild ist. Ich würde die Einschätzung nur beschränkt teilen. Vielleicht meinte er das aber auch nur, weil das Länder sind, die (noch formal) Demokratien sind. Ich würde eher sagen, dass viele Länder und Rechtsradikale sich ein wenig von China abgucken wollen, weil die pöhen Kinesen eine ganzheitliche gesellschaftspolitische Vision (oder sollte ich sagen Dystopie) aufbauen und durchsetzten als situativ-machiavellistisch zu agieren. Und dass eben China der feuchte Traum von so manchem autoritärem Spinner ist.


    Danke Team J&N für einen tollen Sonntagabend!

  • W Hab unter der Woche noch die Guardian-Reportage über Reichelt und die Bild gelesen über Emotionen im Journalismus. So ziemlich das Gegenteil von dem, was Yücel beschrieben hat.

    als ob die welt nicht mit weniger Reichweite genauso wie die Bild agiert. nur kann die Welt sagen.. Moment wir haben Denis Yücel.

    Am Ende macht er es aber auch bei der Welt richtig. Ohne denis wäre die zeitung noch ein stück weit schlechter.

  • als ob die welt nicht mit weniger Reichweite genauso wie die Bild agiert. nur kann die Welt sagen.. Moment wir haben Denis Yücel.

    Am Ende macht er es aber auch bei der Welt richtig. Ohne denis wäre die zeitung noch ein stück weit schlechter.

    Mich stört es ja nicht Zeitungen mit konservativer Grundhaltung zu haben wie die FAZ oder die Welt. Meinung und Gegenmeinung, muss man akzeptieren. Und es ist ja nicht so, dass es auch mal in der Welt gute Artikel gibt. Es sind dann eher die Leute wie Porschardt, Don Alphonso, Reichelt, Ronzheimer und Konsorten, die einfach nur am extrem rechten Rand rumtrollen.


    Von mir aus kann Deniz Yücel bei der Welt arbeiten. Ich habe seine Bücher (bisher, das hat sich durch das Interview wohl geändert) nicht gelesen und seine Artikel in taz oder Welt. Ich schätze ihn aber so ein, dass er intrisisch so gepolt ist, dass er einfach berichten will und sich nicht vor den konservativen Karren eines vermeintlichen Leitmediums mit sinkenden Abo- & Leserzahlen spannen will. Ich glaube in einer A!-Folge wo die Freilassung aufgearbeitet wurde, meine Tilo auch, dass er für Welt und Springer arbeitet, weil sie ihm das Angebot gemacht haben. Kam ja im Interview auch raus. Ich finde nicht, dass man ihm, daraus einen Strick drehen sollte, wenn das, was er schreibt einfach gut ist!

  • Erdogan ein Maffiosi?

    Wer kann überhaupt unterscheiden ob die rechtsautoritäre Banditen die heute an der Macht sind, Maffiosi, Unternehmer oder Faschisten sind. Ich konnte das bei Erdogan, Berlusconi, Putin, Trump, Strache, Lukaschenko, Orban, Bolsonaro ..... usw nie auseinanderhalten. Eigentlich gehören die immer in den Knast und nicht an die Macht.


    PS: Das wäre bei den A. von der AFD genau so.

  • Erdogan ein Maffiosi?

    Wer kann überhaupt unterscheiden ob die rechtsautoritäre Banditen die heute an der Macht sind, Maffiosi, Unternehmer oder Faschisten sind. Ich konnte das bei Erdogan, Berlusconi, Putin, Trump, Strache, Lukaschenko, Orban, Bolsonaro ..... usw nie auseinanderhalten.

    Naja, man kann sie nur biografisch ein wenig auseinanderhalten. Wer kommt woher? Wie ist jemand aufgewachsen. Die Namen, die du nennst haben ja höchst unterschiedliche Lebenswege hinter sich. Stracher der glaube ich Zahntechniker war, also ausm recht kleinbürgerlichen Milieu. Putin der im Militär & Geheimdienst seine Sporen verdient hat (siehe Tilos Interjuh mit Seipel) und sein Netzwerk in der russischen Verwaltung ausgebaut und geplegt hat. Xi hat jahrelang inner fucking Höhle durch die Verbannung in der Kulturrevolution verbracht und ist mächtiger als Mao, selber ein Bauernsohn. Das kann so fortsetzen. An der Stelle auch nochmal ein Buchtipp vom niederländischen Historiker Frank Dikötter namens "Diktator werden: Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht" Wollt ich mir noch holen und ist bestimmt auch ein toller Interviewgast. Spannend ist doch, wie es diese Leute schaffen ein Regime und Personenkult aufzubauen.

  • Naja, man kann sie nur biografisch ein wenig auseinanderhalten. Wer kommt woher? Wie ist jemand aufgewachsen. Die Namen, die du nennst haben ja höchst unterschiedliche Lebenswege hinter sich. Stracher der glaube ich Zahntechniker war, also ausm recht kleinbürgerlichen Milieu. Putin der im Militär & Geheimdienst seine Sporen verdient hat (siehe Tilos Interjuh mit Seipel) und sein Netzwerk in der russischen Verwaltung ausgebaut und geplegt hat. Xi hat jahrelang inner fucking Höhle durch die Verbannung in der Kulturrevolution verbracht und ist mächtiger als Mao, selber ein Bauernsohn. Das kann so fortsetzen. An der Stelle auch nochmal ein Buchtipp vom niederländischen Historiker Frank Dikötter namens "Diktator werden: Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht" Wollt ich mir noch holen und ist bestimmt auch ein toller Interviewgast. Spannend ist doch, wie es diese Leute schaffen ein Regime und Personenkult aufzubauen.

    Falsch verstanden.


    Ich meinte ich kann nicht entscheiden ob die genannten Personen Faschisten, Unternehmer oder Mafiosi sind. Manche sind sogar auch noch Politiker und Diktatoren.

  • So ein paar inhaltliche Dinge, die ich mitgenommen habe sind:

    - Bisher war mir nicht ganz klar, dass Erdogan teils gegensätzliche Politik gemacht hat in früheren Ämtern. Das hat Deniz mal schön erklärt. Im Prinzip wurde durch seine Aussagen deutlich, dass Erdogan so eine Art 21st Century Machiavelli zu sein scheint, dem es scheißegal ist, welche Politik die (moralisch) Richtige ist, sondern nur aus reinstem Opportunismus heraus mit allem Mitteln sein Regime und den eigenen Machterhalt im Auge hat.

    Ja, beeindruckend opportunistisch. Erdogan - alles und jeden Umstand nutzend, die Macht zu festigen, um nicht selbst Gefahr zu laufen, entmachtet und "gehängt" werden - reihenweise 180° Wendungen inklusive. Schön ausgeleuchtet, dass das alles erfolgreich in einem zumindest teilweise säkularen Umfeld samt Mehrparteiensystem, gefestigter Mittelschicht und (zumindest ab Ausgangspunkt) breiter Medienlandschaft ablief und abläuft.


    Macht sich gut, das im Hinterkopf zu haben, wenn bei uns mal wieder so mirnichtsdirnichts Demokratieexport insinuiert wird, um Eingriffe in arabische Länder zu rechtfertigen, die nicht ein einziges dieser Merkmale aufweisen, sondern traditionell über Herrscherfamilien regiert werden.

  • Awwww <3


    Bitte, könnte jemand englische Untertitel dazu übersetzen ?


    Das ist so ein geniales Interview und es wäre so schön, wenn es nicht nur deutsch sprachige Menschen genießen könnten.

    Die automatische Übersetzung, die youtube anbietet ist nicht ausreichend.


    Danke für dieses Interview ! <3

  • Ja - schreit quasi nach einer Fortsetzung der Interviewreihe mit Deniz, um bspw. diesen Punkt mal eingehender zu betrachten. Interessierte mich brennend und wo man schonmal Zugriff auf soviel Kompetenz dazu vor sich sitzen hat... Tilo ?

    ich möchte ne extra Folge zu Laizismus, Kemalismus etc in der Türkei machen... nicht unbedingt mit Deniz, gibt bestimmt auch kundige Politikwissenschaftler*innen... deniz ist eh erstmal KO vom Interview ;)

  • Es gibt dieses geniale Video von Erdogan bei twitter. Das Video ist erst zwei Tage alt.

    Gestern hatte es schon über eine Million Zuschauer.


    Erdogan ist fertig mit seinem "Interview" und schaut dann in die Kamera und beißt sich auf die Lippen.


    Deswegen heißt das Video auch:


    O sondaki dudak ısırması ^^

    Übersetzt: Dieser Lippenbiss



    Wenn man zu dem Video, das Interview von Deniz im Kopf hat und wie er Erdogan beschreibt, als Don Corleone, wow... Treffer und versenkt!


    Zu dem Video sollte man echt Deniz als Audio Datei einblenden und den Lippenbiss als Dauerschleife zeigen !


    Das Interview mit Deniz ist <3!

  • Tilo

    Hat den Titel des Themas von „Deniz Yücel - Folge 469“ zu „#469 - Deniz Yücel“ geändert.

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