Die Mehrheit der heutigen Israelis zählen nicht mehr zu den europäischstämmigen Ashkenazi, sondern zu den Arabisch- Nordafrikanisch- und Asiastischstämmigen Mizrahi. Die waren allerdings vor der Staatsgründung Israels nicht Ansatzweise im selben Maße von der Verfolgung durch Nicht-Juden betroffen wie die Juden Europas. In den überwiegend muslimischen Ländern, aus denen die Mizrahi kamen, lebten sie vorher Jahrhundertelang - genau wie dortige Christen - zwar auch nicht völlig gleichberechtigt mit Muslimen, aber es gab dort nie solche Pogrome oder andere Vernichtungsorgien, oder gar so etwas wie den Holocaust in Europa.
Die Theorie, es handele sich da hauptsächlich um den üblichen Chauvinismus vorwiegend weißer Siedler und Kolonisatoren gegenüber ihren unterentwickelten Kolonialvölkern trifft höchstens auf die Anfangsphase der Staatsgründung zu, als die meisten der neu nach Israel kommenden Juden noch Europäischstämmig ware
Wie gesagt, es ist Teil einer Mischung. Ich denke dieser Chauvinismus hat sich erhalten, ist praktisch eine Quelle für israelischen Nationalismus, und ist von den Zionisten auf die gesamte jüdische Bevölkerung übergegangen. Die militärischen Erfolge des Landes bis zu dem Punkt, wo die Israelis auch von vielen in der Region als eine der stärksten militärischen Mächte angesehen wurden, und damit einhergehend der Beginn der Besatzung haben die Haltung konserviert.
[...] Die Kolonialherrenmentalität in den Siedlungen kommt vor allem von den Amerikanern und Osteuropäern die sich da niederlassen.
Dass die Siedler im Westjordanland das nochmal mehr verkörpern, also im Prinzip leben, ist richtig, aber die sind schon auch Teil der Gesellschaft. Die Zahl, die ich zu US-Bürgern mal gefunden hatte war 15% der Siedlungsbevölkerung und ich denke nicht, dass der Rest nur osteuropäische Einwanderer sind. Aber so oder so die Siedlerbewegung ist ja ein zunehmend wichtiger politischer Faktor. Auch wegen der Beziehung zu den Evangelikalen in den USA. Das ist tatsächlich eine Säule US-amerikanischer Unterstützung, weil die dafür aus den bekannten eschatologischen Gründen besonders zu begeistern sind.
Die Misrachen sehe ich hier praktisch in der Rolle von Mestizen gegenüber europäischen Siedlern und (überwiegend) arabischer indigener Bevölkerung. So wie die Juden selbst die Rolle von Mestizen für die britische Kolonialmacht eingenommen haben. Damit haben wir auch die beiden Richtungen, in die es gehen kann. Die Juden erwiesen sich als nicht besonders loyal gegenüber den Briten. Die Misrachen sind dagegen immer mehr integriert worden.
Es gab und gibt auch durchaus inner-jüdischen Rassismus in Israel. Viele der erst später aus arabischen und nordafrikanischen Ländern hinzu gekommenen Juden und JüdInnen sprachen kein modernes hebräisch - was sowieso eine Kunstsprache ist - und hatten auch sonst ganz andere kulturelle Eigenheiten. Selbst in der religiösen Tradition unterscheiden die sich voneinander.
Das ist richtig, aber insofern gibt es auch einen großen Kontrast wie sie ursprünglich behandelt wurden und wie sie dann zu Bürgern des Staates geworden sind. Auch viele ihrer Verbindungen zur Umgebung sind gekappt worden, gerade auch durch die Sprache. Wenn man keine weitere arabische Familie hat, ist Arabisch wenn überhaupt eine Fremdsprache. Die misrachische Einwanderergeneration sprach und spricht dagegen die verschiedenen regionalen Formen von Judäo-Arabisch.
Und dann gibt es weitere Besonderheiten. Da sind ja noch die Sepharden, die auch zum Teil eine Herkunft aus Europa oder den Amerikas. Der sephardische Kulturraum überschneidet sich mit den arabischen Juden, also im Prinzip gehen sie ineinander über. Meinem Verständnis nach war die Variante von Judaismus in den meisten misrachischen Gemeinden im Wesentlichen sephardisch. Sie sind also nicht so völlig von diesem "westlichen" Erbe isoliert.
Ein zweiter Aspekt ist, dass die europäischen Juden sich in Israel auch ein stückweit neuerfunden haben. Man stößt mal gelegentlich auf diese Diskussion, was die Israelis alles "gestohlen" haben. Also zum Beispiel ist die Küche im Wesentlichen eine Arabische. Und viel davon geht natürlich auf den Einfluss der Misrachen zurück.
Zu dieser Neuerfindung würde ich auch das andere Verhältnis zum Holocaust im Vergleich zur Diaspora zählen, die Abgrenzung als wehrhaft gegenüber den ausgelieferten Juden. Im Nachhinein war der Holocaust eine gute Rechtfertigung für Israel und wird im Westen ja oft so verstanden, aber ich denke aus Sicht der Zionisten war er vorallem eine Validierung ihres Projektes. Ich denke Aschkenasen und Misrachen in Israel teilen hier eher das institutionelle Holocaust-Gedenken, welche Form es dort auch immer genau annimmt. Natürlich in der Mischung sind auch neuere Einwanderer mit drin, die vielleicht eher die Perspektive der Diaspora haben.
Insofern:
Wenn die israelische Regierung z.B. heute junge Juden und Jüdinnen aus Amerika auf ihre bezahlten "Birthright"-Reisen nach Israel einlädt, dann werden die vorher erst mal nach Osteuropa geschickt, wo man ihnen nochmal ganz eindringlich in Auschwitz und anderen Horror-Lagern vor Augen bringt, wie schrecklich es da vor 80 Jahren zuging. Und erst dann kommen sie endlich ins sonnige Mediterrane Israel, und bekommen ihren "sicheren Hafen" und seine most moral Army in the world samt Wein, Weib und Gesang von seiner schönsten Seite präsentiert.
Ist das eine Inszenierung für die Juden in der Diaspora. Nicht nur damit sie immigrieren, sondern auch damit sie als Botschafter oder Verteidiger von Israel in der Welt agieren. Und man sollte auch nicht vergessen die Immigration ist eine staatliche Politik, die viel mit dem Siedlungsprojekt zu tun hat, ich denke, wenn man die Israelis selbst fragt, sind die jetzt auch nicht soviel begeisterter von starker Zuwanderung als die Bevölkerungen der meisten Länder.
Also zusammengefasst die immer noch bestehende soziale Unterrepräsentation der Misrachen, ist denke ich vorallem die Fortschreibung von Netzwerkeffekten. Bisschen so wie Ostdeutsche in Deutschland. Sie sind ebenfalls später dazugekommen. Die Gründung von Israel war ja überhaupt erst der Grund, warum viele arabische Juden (außerhalb Palästinas) ihre eigentliche Heimat verlassen haben.
Der Rassismus gegen die Palästinenser ist meiner Ansicht nach ein Nebeneffekt dieser fabrizierten Ur-Angst vor dem Holocaust, weil man sie eben jetzt als eine Art mutierte Nachfolger der Nazis sieht, denn die Judenverfolgung war vor 1948 eigentlich immer eher ein christliches, als ein muslimisches Phänomen. [...]
Also im Grunde ist das denke ich schon normaler Rassismus gegen Araber wie er sich auch im Westen findet bzw. von wo ihn die Zionisten im Zweifel mitgebracht haben. Ähnlich wie der Antijudaismus im Verhältnis zum Antisemitismus, gibt es ja auch eine lange Tradition negativer Zuschreibungen zum Orientalischen, bevor es diese rassische Zuordnung gibt.
Eventuell hat das zusätzliche propagandistische framing als Nazis mehr mit der Beziehung nach außen zu tun. Ich meine die meisten Gegner des Westens - und Israel ist Teil davon - sind in irgendeiner Form als neue Nazis geframt worden. (Dass die Russen im Konflikt in der Ukraine damit zuerst angefangen haben, ist nur eine weitere ihrer Impertinenzen.)
Die Vergleiche hinken meiner Ansicht nach alle, weil Israel eben ein auf dem Reißbrett geplanter, dann mit Gewalt in ein bereits bewohntes Gebiet gesetzter, und dann mit noch mehr Gewalt gegen die erzürnten Nachbarn verteidigter Staat ist, wie es ihn in dieser Form bisher nie gegeben hat.
Und das alles konnten und können die israelische Regierung und ihre westlichen Unterstützer eigentlich nur dadurch rechtfertigen, dass in Europa der größte Massenmord an Juden in der Geschichte stattfand und dass so etwas jederzeit wieder geschehen könne, wenn man nicht eisern gegen die Feinde zusammen stünde. Die Paranoia ist von Grund auf in das Fundament des Staates eingemauert. [...]
Also natürlich hat Israel seine Besonderheiten, aber ich habe vor ein paar Jahren für mich festgestellt, wieviel sich dann doch einfach über die Kolonialismusperspektive erklärt. Das Land ist vorallem das Ergebnis eines sehr späten Siedlungsprojektes. Ich denke man kann sogar sagen, das letzte große Europas. Dass die Hauptsiedlungswelle unter den Briten in ein "Mandat" statt einer Kolonie beginnt, war ja schon Ausdruck einer gewissen Legitimationskrise. Dennoch hat man das schon noch alles ohne den Holocaust gerechtfertigt, auch noch 1948. Ich meine parallel wurde in der Südafrikanischen Union die Apartheid entwickelt. Das galt mal als sinnvolle Form die Interessen von Europäischstämmigen zu wahren.