Nach der Wahl ist vor der Wahl - US-Politik nach Trump

  • Wow, Para. Jetzt bin ich schon ein Anwalt für Faschisten.


    Hast Du zu viel mit unserem eisernen Widerstandskämpfer Syd diskutiert und Dich dabei irgendwie mit seinem Querdenkersyndrom infiziert?

    Die Einschläge kommen näher..

    Darunter leiden auch Demokraten. Die waren aber nicht vor Ort. Das war kein Protest gegen die Gesamtlage, sondern gegen die Demokratie und den legitimen Machtwechsel.

    Wer sagt dir denn, dass die Leute, die das Capitol erstürmten, es nicht als ihre demokratische Pflicht sahen?

    Wie viele Leute, die das Capitol stürmten, taten dies mit gezogenen Sturmgewehren?

    Vielleicht habe ich da auch nur immer die falschen Video aufnahmen erwischt..


    Vielleicht liegts an Deiner Erklärung, die trotz Ausführlichkeit und der feinen Ironie manchmal einfach nicht auf den Punkt kommen will.

    Wie dem auch sei, was Utan zu sagen versucht, ist einfach, dass die ganze Geschichte viel Komplizierter und auch Komplexer ist, als das irgend ein Medium gewillt, geschweige denn fähig ist, es aufzuklären.

  • Die Einschläge kommen näher..

    Welche? Ich seh da nur einen recht haltlosen Anwurf.

    Wer sagt dir denn, dass die Leute, die das Capitol erstürmten, es nicht als ihre demokratische Pflicht sahen?

    Wie viele Leute, die das Capitol stürmten, taten dies mit gezogenen Sturmgewehren?

    1. Wenn man es als seine "demokratische Pflicht" sieht mit Gewalt ein legitimes Wahlergebnis auszuhebeln ist man halt... naja, Nazi, Faschist, Antidemokrat, such Dir was aus.


    2. Hab ich behauptet das da Leute mit Sturmgewehr rumliefen? Glaube kaum. Aber wer waren die Leute die den Cop erschlugen? Das waren meines Wissens nicht die Typen in tactical gear, sondern die Typen mit MAGA-Caps. Die "salt-of-the-earth"-Trumpisten. Und die waren halt nicht da weil sie gegen irgendwelche sozio-ökonomischen Mißstände protestieren wollten...

    Wie dem auch sei, was Utan zu sagen versucht, ist einfach, dass die ganze Geschichte viel Komplizierter und auch Komplexer ist, als das irgend ein Medium gewillt, geschweige denn fähig ist, es aufzuklären.

    Man kann sich (fast) immer vom hundertsten ins tausendste begeben. Ist hier aber IMO nicht zwingend notwendig. Das waren keine Gelbwesten mit sehr diffusen Ansichten und Motiven, die nur schwer greifbar waren...

  • Die Frage ist, sind die Leute ehrlich überzeugt worden, dass Trump um den Wahlsieg betrogen wurde, oder ist die Wahrheit nicht eher, dass es vielen von ihnen egal ist? Letzteres ist nämlich mein Eindruck. Wie mit so vielen anderen Sachen aus der Trump-Ära ist das nur ein talking point, den sie an der Hand haben, um zu rechtfertigen, was sie glauben wollen oder sollen.

  • Welche? Ich seh da nur einen recht haltlosen Anwurf.

    1. Wenn man es als seine demokratische Pflicht sieht mit Gewalt ein legitimes Wahlergebnis auszuhebeln ist man halt... naja, Nazi, Faschist, Antidemokrat, such Dir was aus.


    2. Hab ich behauptet das da Leute mit Sturmgewehr rumliefen? Glaube kaum. Aber wer waren die Leute die den Cop erschlugen? Das meines Wissens nicht die Typen in tactical gear, sondern die Typen mit MAGA-Cap. Die "salt-of-the-earth"-Trumpisten. Und die waren halt nicht da weil sie gegen irgendwelche sozio-ökonomischen Mißstände protestieren wollten...

    Man kann sich (fast) immer vom hundertsten ins tausendste begeben. Ist hier aber IMO nicht zwingend notwendig. Das waren keine Gelbwesten mit sehr diffusen Ansichten und Motiven, die nur schwer greifbar waren...

    1. Naja, wenn es so ist..


    2. Ich habe auch nicht behauptet, das du das behauptet hast. :P

    Ich behaupte aber, dass wenn ich einen Umsturz ausführen möchte, und ich jederzeit Zugriff auf Schießprügel aller Art habe, ich diese auch Nutze.. Kann natürlich auch sein, dass die sich da alle die Hose mit ner Kneifzange zumachen und soweit garnicht erst denken..Aber ich habe da so leichte Zweifel.

  • Wenn Du nicht verstehen willst, ....

    Vielleicht liegts an Deiner Erklärung

    Dem Para kannste nix erzählen.


    Das Problem mit deiner Diskussionsführung ist, dass Du ständig Nebenschauplätze aufmachst.

    Ich habe die Diskussion in diesem Falle nochmal rekapituliert. In der Tat ist die Diskussion recht anstrengend, sowohl für die Diskutanten als auch die Leser, weil ausführliche Argumentationen fragmentiert beantwortet werden, wodurch die mühsam dargelegten Zusammenhänge schon mal aufbrechen und dann mit moralischen Totschlägern gekontert wird. Schwer zu beschreiben, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass dem viele folgen wollen, weil das teilweise auch einfach mit Signalwörtern (vorzugsweise auf Englisch) gespickte Tautologien sind. Grundsätzlich scheinen sämtliche Erwiderungen in eine Richtung zu gehen, bei der mit dem Motiv der Gesamtheit der Demonstranten argumentiert wird.

    Im Sinne einer Urteilsfindung ist das natürlich mit einer Vorverurteilung vergleichbar. Ich denke da auch an die nicht unproblematische Unterstellung der Heimtücke als juristisches Überbleibsel aus der NS-Zeit.


    Und auch in diesem Fall scheint sich eine gewisse Repetitivität einzustellen.

    Indem man die ganze Aktion "den Faschisten" in die Schuhe schiebt, und alle anderen Beteiligten als willige Mitläufer von Faschisten brandmarkt, verlagert man aber die Problemsuche auf eine reine Schuldzuweisung an Menschen, die scheinbar so "deplorable" sind, dass man mit ihnen eigentlich keinen ernsthaften demokratischen Diskurs führen kann.

    Zitat von Kulturmarxist

    Nicht jede Demo hat einen Kern der mit dem Ziel angereist ist die Demokratie auszusetzen.

    ...

    Wie viele Leute,...

    Wenn man es als seine demokratische Pflicht sieht mit Gewalt ein legitimes Wahlergebnis auszuhebeln ist man halt ist man halt... naja, Nazi, Faschist, Antidemokrat, ...
    ... wer waren die Leute die den Cop erschlugen? Das meines Wissens nicht die Typen in tactical gear, sondern die Typen mit MAGA-Cap. Die "salt-of-the-earth"-Trumpisten. Und die waren halt nicht da weil sie gegen irgendwelche sozio-ökonomischen Mißstände protestieren wollten...


    Achso, nicht zu vergessen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Oder um es etwas verschleierter auszudrücken:

    voluntary fascist safety advocate

  • Ich habe die Debatte jetzt nicht wirklich verfolgt aber heute von der Kristallkugel einen ganz interessanten Denkanstoß bekommen, den ich hier auch mal reinwerfe.


    Sinngemäß gab sie zu bedenken, dass man sich über die Implikationen seiner Analyse auch bewusst sein sollte. Will man einen Polizeistaat oder eine freie (vielleicht sogar direkte) Demokratie. Sollte man davon ausgehen, dass ca 40 % der Gesellschaft überzeugte anti Demokraten und Faschisten sind, ist die Antwort nicht die freie Demokratie. ...


    (Sorry, wenn das schon thematisiert wurde)

  • Ich habe die Debatte jetzt nicht wirklich verfolgt aber heute von der Kristallkugel einen ganz interessanten Denkanstoß bekommen, den ich hier auch mal reinwerfe.


    Sinngemäß gab sie zu bedenken, dass man sich über die Implikationen seiner Analyse auch bewusst sein sollte. Will man einen Polizeistaat oder eine freie (vielleicht sogar direkte) Demokratie. Sollte man davon ausgehen, dass ca 40 % der Gesellschaft überzeugte anti Demokraten und Faschisten sind, ist die Antwort nicht die freie Demokratie. ...


    (Sorry, wenn das schon thematisiert wurde)

    Glaube, das war noch nicht Thema. Das Thema direkte Demokratie ist wohl eher nicht intuitiv im Zusammenhang mit den USA. Dein Punkt ist trotzdem nicht von der Hand zu weisen, allerdings kann man das auch direkt wieder einschränken. In der Verfassung definierte Prinzipien dürfen natürlich nicht durch direkte Demokratie-Entscheidungen überstimmt werden. Das wurde kürzlich thematisiert im Zusammenhang mit dem späten Frauenwahlrecht in der Schweiz. Allerdings haben ja auch die Amerikaner mit ihrer repräsentativen Präsidialdemokratie gezeigt, dass die Gültigkeitserweiterung von verfassten Prinzipien immer erkämpft werden muss. Eine Rolle rückwärts sollte die Judikative verhindern. Hier gibt es Kritik an der Vereinbarkeit mancher Schweizer Initiative.

    Mit funktionierender Gewaltenteilung erübrigt sich im Grunde dieser Nachteil der direkten Demokratie. Was bleibt ist der stärkere Hang zum Konservatismus, gerade in alten Gesellschaften, weil progressive Maßnahmen schwieriger gegen den Widerstand der Bevölkerung durchgesetzt werden können. Dem Gegenüber steht dann aber ein größerer sozialer Ausgleich.

    Man sollte aber nicht davon ausgehen, dass direkte Demokratie automatisch jede Entscheidung durch eine Volksabstimmung erfolgt. Es ist nur eine Möglichkeit des Souveräns die gewählten Repräsentanten zu überstimmen und betrifft eher die Bruchlinien in der Gesellschaft.

  • Glaube, das war noch nicht Thema. Das Thema direkte Demokratie ist wohl eher nicht intuitiv im Zusammenhang mit den USA. Dein Punkt ist trotzdem nicht von der Hand zu weisen, allerdings kann man das auch direkt wieder einschränken. In der Verfassung definierte Prinzipien dürfen natürlich nicht durch direkte Demokratie-Entscheidungen überstimmt werden. Das wurde kürzlich thematisiert im Zusammenhang mit dem späten Frauenwahlrecht in der Schweiz. Allerdings haben ja auch die Amerikaner mit ihrer repräsentativen Präsidialdemokratie gezeigt, dass die Gültigkeitserweiterung von verfassten Prinzipien immer erkämpft werden muss. Eine Rolle rückwärts sollte die Judikative verhindern. Hier gibt es Kritik an der Vereinbarkeit mancher Schweizer Initiative.

    Mit funktionierender Gewaltenteilung erübrigt sich im Grunde dieser Nachteil der direkten Demokratie. Was bleibt ist der stärkere Hang zum Konservatismus, gerade in alten Gesellschaften, weil progressive Maßnahmen schwieriger gegen den Widerstand der Bevölkerung durchgesetzt werden können. Dem Gegenüber steht dann aber ein größerer sozialer Ausgleich.

    Man sollte aber nicht davon ausgehen, dass direkte Demokratie automatisch jede Entscheidung durch eine Volksabstimmung erfolgt. Es ist nur eine Möglichkeit des Souveräns die gewählten Repräsentanten zu überstimmen und betrifft eher die Bruchlinien in der Gesellschaft.

    Ja, so richtig im Verdacht stehen die jetzt nicht, bald eine direkte Demokratie zu etablieren. Darauf wollte ich auch nicht unbedingt hinaus, danke dir aber für die kleine Exkursion.


    Beim aktuellem Framing läuft es da eher auf eine weniger offene Gesellschaft hinaus. Is schon irgendwie verrückt, zum Schutz vorm Faschismus, den Polizeistaat zu bemühen.

  • Das erinnert mich daran, dass Reichsbürger auch meistens Schulden haben und es dann einfacher ist, den Staat und die Welt in Zweifel zu ziehen, als mit Schulden und Fehlentscheidungen zu leben (bestimmt so ähnlich wie das Juden Schuld seien an der Wirtschaftskrise).


    Wie war das noch gleich mit Überbau und Basis?

    Es spricht halt vor allem für Utans These von strukturellen Ursachen, deswegen fand ichs ganz passend.


    Was Reichsbürger betrifft, weiß ich nicht, ob diese finanzielle Probleme haben. Wer die Bundesrepublik nicht anerkennt, hat vielleicht ein größeres Problem. Kann natürlich trotzdem sein.


    Was die sogenannten Querdenker betrifft, die du vielleicht meinst, trifft es aber sicher zu. Wenn die eigene Existenz in Gefahr ist, wird man eher bereit sein den gesellschaftlichen Konsens aufzukündigen und Rattenfängern in die Arme zu laufen. Was ich nicht allen davon unterstellen will. Wenn man jedoch den Querschnitt betrachtet, fällt auf, es auf viel zutrifft.

  • spricht halt dann auch für die immer narzisstischer werdende gesellschaft, wenn dem so ist. dann kann man nicht nur die republikaner einstampfen, sondern social media plattformen gleich mit

    Inwiefern soll das zur Lösung der Probleme beitragen? Verschwindet dann die extreme Ungleichheit und die finanziellen Nöte oder meinst du, die spielten dann keine Rolle mehr?

  • Inwiefern soll das zur Lösung der Probleme beitragen? Verschwindet dann die extreme Ungleichheit und die finanziellen Nöte oder meinst du, die spielten dann keine Rolle mehr?

    war eher ein ironischer kommentar als eine tatsächliche forderung.


    und natürlich spielen die ne rolle, allerdings gibt es ja schon die these, dass soziale medien narzissmus verstecken(trägt eh jeder in sich, manche halt von vorneherein schon viel zu viel). die ableitung wäre also, dass die leute ohne den narzissmusverstärker soziale medien vielleicht eher mit scheitern hätten umgehen können oder einfach nur durch vernetztheit und internet alternativrealitäten angeboten bekommen, die sie vor 30 jahren einfach noch nicht hatten.


    vermutlich wars aber vor dem internet auch nicht so viel besser, man hats nur seltender mitbekommen.


    ich mein selbst wenns tatsächlich sinnvoll wäre, passiert so und so nichts, die sind viel zu mächtig leider

  • Das erinnert mich daran, dass Reichsbürger auch meistens Schulden haben und es dann einfacher ist, den Staat und die Welt in Zweifel zu ziehen, als mit Schulden und Fehlentscheidungen zu leben (bestimmt so ähnlich wie das Juden Schuld seien an der Wirtschaftskrise).

    Auch dieser Vergleich hinkt leider genauso wie der mit der nationaloszislistischen Machtübernahme.


    Die Reichsbürger - und in abgeschwächter Form auch Teile (sicher nicht alle) der sogenannten "Querdenker", bzw. ihrer Führungspersönlichkeiten - haben das explizite Ziel, das Grundgesetz gegen eine andere Verfassung auszutauschen.

    Erstere wollen vor allem eine frühere Staatsform wiederherstellen, die ihrer verqueren Ansicht nach nie offiziell ihre Gültigkeit verloren habe, weil nach dem Sieg der Alliierten über das 3. deutsche Reiche keine formelle Neugründung des Staates erfolgt sei.

    Letztere strebten - zumindest während der Hochphase der Proteste im letzten Sommer - eine neue Verfassung an, die nach dem, feierlich vor zigtausenden von "kritischen" Nachdenkern damals vor der berliner Siegessäule verkündeten Willen des obersten Vordenkers durch "das Volk" in einer "verfassungsgebenden Versammlung" erstellt werden sollte, zu deren konstitutivem Kern er kurzerhand jene ihm zujubelnde Menge erklärte.


    Die "insurgents" vom 06. Dezember hatten hingegen mehrheitlich nicht die Absicht, die amerikanische Verfassung abzuschaffen und den Staat in eine faschistische Herrschaft des (weißen) Volkes durch einen den Volkswilen personifizierenden Führer zu verwandeln. Sie waren vielmehr der Ansicht, dass der angebliche Wahlbetrug durch die Demokraten der existierenden Verfassung zuwider gelaufen sei und fühlten sich daher dazu legitimiert, die - ihrer Auffassung nach - unrechtmäßige Amtsübergabe an Biden zu verhindern. Das kann man in unzähligen auf viedeos dokumentierten Interviews und Gesprächen mit und unter den DemonstrantInnen bei der Trump-Rally immer wieder heraus hören.

    Man muss die natürlich überwiegend konservativen bis reaktionären politsichen Ansichten dieser Leute nicht teilen, um zu verstehen, dass es ihnen vorrangig nicht darum ging, das herrschende System abzuschaffen, sondern darum, es so zu erhalten, wie es der traditionellen bis rückwärtsgewandten Sicht entspricht, die in den USA eben nicht nur von ein paar durchgeknallten Verschwörungsideologen, krypto- und Neonazis geteilt wird, sondern eigentlich zum Gründungsmythos des Land of the free und Home of the Brave gehört, in welchem jede/r BürgerIn das recht habe, sich durch indivduelle Selbstverwirklichung sein eigenes Glück zu schaffen, ohne dass ihm oder ihr der König, oder sonst irgendein "Führer" dabei ins Geschäft pfuscht.


    Das ist natürlich aus linker Sicht hahnebüchener Unsinn, und es ist nicht zu bestreiten, dass die ganze Erzählung von der "gestohlenen" - also illegalen und gegen herrschende Gesetze, bzw. die Verfassung verstoßenden - Wahl durch Trump, seine politischen UnterstützerInnen in der republikanischen Partei, und durch allerlei außerparlamentarische AgitatorInnen vom rechtsäußeren Rand befeuert wurde. Ebenfalls klar ist der Umstand, dass sich jene unheilige Allianz aus politischem Opportunismus, Marktradikalismus und rassistischer bis faschistoider Ideologie vornehmlich an die Mitglieder der weißen Mittelschicht richtete und folglich auch hauptsächlich deren VertreterInnen für die Proteste und den letztendlichen "Sturm" des Kapitols mobilisieren konnte.


    Was mich an der Betrachtung der Ereignisse stört ist, der absolut verkürzte und - meiner Ansicht nach hoch gefährliche - Umkehrschluss, der aus diesen Erkenntnissen gezogen wird, und welchem zufolge die ganze Aktion - nicht nur hier im Forum - mit einer versuchten Machtübernahme durch "Faschisten" gleichgesetzt wird.


    Die Argumentation die dazu führt ist - meiner Ansicht nach - kaum weniger konstruiert und ihrer Schwarzweißmalerei gesellschaftlicher Verhältnisse ebenso oberflächlich, simplifiziert und verkürzt, wie beispielsweise die von der Gegenseite auch schon länger durch die sozialen Medien getriebene Legende von der linken, bzw. "kulturmarxistischen" Verschwörung zur Unterwanderung des Staates und zur totalitären Übernahme desselben durch "sozialistische" Globalist*innen

    - oder wie etwa der völlig irrationale geistige Kurzschluss, den der seltsame Ungeist unseres ewigen Forentrolls immer wieder produziert, wenn er aus kapitalismuskritischen Linken "Faschisten" macht, weil sie die "faschistischen" Corona-Maßnahmen des von globalisierten Eliten unterwanderten Merkel-"Regimes" nicht mit gleicher Vehemenz wie er und seine verqueren Vordenker als vollkommen nutzlos anprangern und sie damit quasi zu UnterstützerInnen einer gegen den wahren Volkswillen gerichteten, totalitären Strategie zur endgültigen Unterwerfung unter das Elitenregime der Kozerne und Superreichen Miliardäre erklärt.


    Allerdings sind auch diese beiden Vergleiche, die ich hier gerade angestrengt habe nicht so wirklich zielführend, wenn man über die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA redet, weil dort das Ausmaß der sozialen Katastrophe nicht erst durch den pandemiebedingten Wirtschaftseinbruch, sondern schon lange zuvor durch eine zutiefst vom Geist des neoliberalen Spätkapitalismus geprägte Politik auf beiden Seiten des politischen Spektrums ungleich größer ist, als hier auf der deutschen Insel der glückseeligen Exportüberschussweltmeister.


    Diese Katastrophenstimmung befeuert die Ängste auf beiden Seiten. Dabei spielt es eigentlich gar keine Rolle, ob die "Aufständischen" selbst unmittelbar vom sozialen und ökonomischen Absturz bedroht oder bereits abgestürzt, oder ob sie noch halbwegs gut versorgte MittelschichtsbewohnerInnen sind, die das ganze Elend nur aus der Ferne wahrnehmen, wenn sie den Fernseher anschalten, oder mit ihren Autos durch die Favelas fahrenm, die sich mittlerweile in den großen Ballungsräumen bilden, weil so viele Leute ihre Lohnarbeit verloren haben und obdachlos geworden sind. Der Effekt der absoluten Verunsicherung breitet sich in der gesamten Mittelschicht aus und treibt auch den Leuten, die noch etwas zu verlieren haben die nackte Verlustangst ins Gebein.


    Die "linke" - also eigentlich die liberale bis neoliberale - Seite des Zweiparteiensystems verweigert sich - vielleicht nicht in der feierlichen Rhetorik des neuen Präsidenten, aber in der gesetzgeberischen und exekutiven Praxis - dabei eigentlich genauso der Erkenntnis, dass der amerikanische Traum ausgeträumt ist, und dass auch demoratische Präsidenten dazu maßgeblich beigetragen haben, wie die "rechte" Seite.

    Der unterschied ist nur, dass die Demokraten anstelle einer Verschwöung globalistischer, sozialistisch-totalitärer Eliten eine Verschörung von totalitären, faschistischen white supremacists für die politische Malaise verantwortlich machen, während sie gleichzeitig - ebenso wie die Republikaner - alles dafür getan haben, die ökonomische Fehlentwicklung, welche der ganzen angstgetriebenen Wut, den social media #shitsorms und #hatspeeches, und den diversen Strassenschlachten bis hin zur Erstürmung des Parlaments eigentlich zu grunde liegt, wie eine Naturgewalt zu behandeln, deren Auswirkungen man nur managen, die man aber eigentlich gar nicht verhindern könne, weil das im Kapitalismus nunmal so ist und weil der Kapitalismus das Ende der Geschichte darstellt.


    Und die einzige gesellschaftliche Bewegung, die zumindest noch in irgend einer Form gegen diese völlige Aufgabe der politischen Handlungsfähigkeit zugunsten einer Unterwerfung alles Politischen unter das absolute Primat der kapitalistischen Ökonomie aufbegehrt hat, wurde von genau den Leuten aus der eigenen Partei systematisch verhindert und marginalisiert, die sich jetzt um Joe Biden und die demokratische Parteiführung scharen, um gemeinsam den "faschistischen" Trumpismus in einem Schauprozess zu bekämpfen, während die Verelendung der Bevölkerung weiter ihren nahezu ungebremsten Lauf nehmen kann.


    Da kann man jetzt als angehöriger des abgeklärten linksliberalen Bildungsbürgertums mit den Schultern zucken und sagen:"Tja. Ist halt so.", oder man kann sich fragen, ob es für linke Bewegungen, auch diesseits des Atlantiks, wirklich sinnvoll ist, sich mit neoliberaliserten Ex-Sozialdemokraten auf eine Theorie von der "Faschistischen" Verschwörung gegen die Menschlichkeit als Hauptziel des politischen Widerstandes zu einigen, oder ob es im Hinblick auf eine tatsächliche, materielle (nicht rein ideologische!) Veränderung der Verhältnisse nicht vielleicht ziehlführender wäre, den auch in Europa überall aufkeimenden Rechtsnationalismus und völkischen Rassismus als Symptom jener Verhältnisse zu begreifen, und nicht als deren Ursache.

  • [Trail of banruptcies, tax debt...]

    Mentioned by angry Jimmy.

    Easy prediction to make, trifft halt leider auf sehr viele Amerikaner zu.


    Die Frage müßte doch also lauten: warum wurde diese Untergruppe von ihren Schulden motiviert einen Angriff auf die Demokratie zu starten um ihren ebenso in finanziellen Nöten steckenden Sektenguru erneut ins Amt zu hieven während andere Amerikaner mit debt history das nicht taten?? Vielleicht weil es eine eher schwache Korrelation ist? Oder vielleicht weil sie faschistoide white supremacists sind?


    Man kann wie gesagt alles vom hundertsten ins tausendste analysieren und dann findet man Ende noch raus das viele rioter eine schwere Kindheit hatten oder nicht gestillt wurden oder so. Die Frage ist nur ob solche Informationen dann tatsächlich noch brauchbares signal sind oder nicht vielmehr bedeutungsloser noise...

  • Naja, man kann ja auch mal in Erwägung ziehen, dass nach dem Finanzcrash viele Existenzen rasiert wurden, die noch heute vor den Scherben ihrer Existenz (und der ihrer Eltern) stehen, während es eigentlich allen von den Drahtzieher dieser Zäsur besser geht, als damals.


    Dass daraus eine kritische Masse entsteht, die einfach mal den Molotowcocktail ins System werfen wollen und den dafür jedes Mittel legitim erscheint, ist nicht unwahrscheinlich - mit Abstrichen vielleicht auch nachvollziehbar. Darunter sind dann auch mal ehem. Obama Wähler zB.


    Dieser Analyseansatz bietet zumindest viele Stellschrauben und Ansätze abseits eines Polizeistaates, den es schlicht braucht, um gemäß des alternativen Narrativ - alles Faschisten und Nazis – zu reagieren.

  • Dass daraus eine kritische Masse entsteht, die einfach mal den Molotowcocktail ins System werfen wollen und den dafür jedes Mittel legitim erscheint, ist nicht unwahrscheinlich - mit Abstrichen vielleicht auch nachvollziehbar. Darunter sind dann auch mal ehem. Obama Wähler zB.

    Oh, ich bestreite nicht das unter den Trump-Wählern 2016 Leute sind auf die diese Analyse zutrifft.


    Aber das Personal auf dem "stop the steal"-Protest? Die capitol rioter? Nein, und über die reden wir hier ja. Das hat mit Ratio oder Frust nix mehr zu tun, das ist wahlweise Ideologie, Verblendung oder totale Verblödung / Wahnsinn.


    Ich glaube nicht das man nach langer Analyse rausfindet das das ja nur besorgte Bürger seien die man mit sonderpädagogischen Maßnahmen noch davon überzeugen kann das Pelosi kein Kinderblut säuft. Die sind irredeemable und führergläubig und werden es wohl auch bleiben.


    Wenn es denn tatsächlich den Leuten unter Trump wirtschaftlich spürbar / zählbar besser ergangen wäre als unter Obama könnte man sich das vielleicht noch irgendwie zurechtbeten. Aber so... Ideologie, faschistoid oder von mir aus white supremacist wenn man sich an dem F-Wort stören will.


    Und von diesem "das führt zum Polizeistaat"-Narrativ bin ich auch nicht sonderlich überzeugt. Die USA sind doch schon mitten drin. Ich hab auch noch nicht davon gehört das Biden irgendwelche weitergehenden Gesetzesverschärfungen oder Überwachungspakete plant, das ist ja ein mögliches Szenario das manchmal zwischen den Zeilen durchscheint.


    Wozu? Der Sicherheitsapparat hat doch schon alles was er an technischen Miteln braucht, dank der Bush Jr / Patriot Act. Der einzige Unterschied wäre das die Sicherheitsorgane jetzt nach innen und nicht mehr nach aussen lauschen und fahnden.

  • Na die Frau, die im Capitol erschossen wurde, war zB - so wurde berichtet - eine Obama Wählerin.


    Bidens Dems haben auch schon laut darüber spekuliert, ob der Patriot Act und die Terrorbekämpfung nicht vielleicht auch auf das Inland und Staatsbürger ausgeweitet werden sollten.


    Dass die nicht schon eh viel illegales im eigenen Land tun, wissen wir ja nun. Aber hier wird dafür jetzt versucht, breiten Konsens zu manufaktieren. Das darf natürlich nicht sein.


    Ich bin ja auch kein Freund davon, Fehlverhalten homöopathisch zu verzerren. Und natürlich sind Vereinfachungen in keine Richtung richtig. Nur scheint mir diese Supersimplifizierung zu keinem guten Ziel zu führen, während die ökonomisch-soziologischen Zusammenhänge so offensichtlich sind.

  • Ich bin ja auch kein Freund davon, Fehlverhalten homöopathisch zu verzerren. Und natürlich sind Vereinfachungen in keine Richtung richtig. Nur scheint mir diese Supersimplifizierung zu keinem guten Ziel zu führen, während die ökonomisch-soziologischen Zusammenhänge so offensichtlich sind.

    Ich denke die Analyse der Gesamtsituation ist im Großen und Ganzen richtig und mag auch erklären warum Trump in 2016 gewählt wurde. Aber die Anwendung der Thesen auf diesen konkreten Fall hinkt halt für mein Verständnis ganz gewaltig.

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