#503 - Dirk Brockmann (Infektionsmodellierer)

  • Werden die Infizierten-Zahlen in diesem Sommer wieder fallen, so wie im Sommer letztes Jahr?


    Gibt es etwas wo die Modelle bei Korona falsch gelegen haben in der Prognose?


    Ich hoffe 2 Fragen sind okay. Wo ich grade nochmal den Teaser lese. Würde man da nicht eher einen Mediziner erwarten, als Experte für epidemiologische Modellierungen, oder sogar einen Mathematiker, statt einem Physiker?

  • Danke erstmal Tilo , dass du meinen YouTube Kommentar unter dem Video von Melanie Brinkmann hiermit umgesetzt hast. Ganz viel Liebe an dich:*

    Jetzt zu den Fragen:

    1. Sind mathematische Vorhersagemodelle von den Grundsätzen her vergleichbar (z.B. Klimamodell vs. epidemiologisches Modell)?

    2. Kann man zukünftige Pandemien voraussagen? Und wenn ja, wie funktioniert das genau?

    Danke nochmal!

  • "Wie ist deine Einschätzung der Lage in Tübingen, wo die Inzidenz zwar auch steigt, aber nicht so rapide wie im Umland und die Dunkelziffer vermutlich extrem niedrig ist aufgrund der hohen Testrate? Wie stark kann das den R-Wert der neuen Mutante nach unten drücken? "

    Angabe mit zwei Stellen nach dem Komma reicht ;)

  • Mich würde interessieren:

    -Welcher Trugschluss der Verschwörungsvermarkter/ Politiker bezüglich Corona stört dich am meisten?


    -Stimmst du mit Prof. Meyer-Hermann überein, dass nach den Hochrisikogruppen insbesondere Menschen mit vielen zwischenmenschlichen Kontakten (also auch jüngere Menschen) eine höhere Priotisierung bei der Impfung erhalten sollten?

  • Für mich ein außergewöhnlich interessantes interview mit einem sehr sympathischen Gesprächspartner , das mir Einblicke in Bereiche gibt, die bisher völlig außerhalb meiner Wahrnehmung lagen. Tolles Ding, Danke dafür!

    P. S. Kleine, aber nicht unwesentliche Info für Herr Brockmann:

    Auch die eingehende Beschäftigung mit der italienischen oder anderen Sprachen eröffnet immerwährend neue Horizonte und ist ein konstitutiv - kommunikatives Element einer endosymbiotisch funktionierenden Welt, die ständig in Bewegung ist. Also nur Mut, Angst vor Entzauberung ist völlig unbegründet.

  • Da gäbe es sehr viel anzumerken. Ich belasse es mal bei vier:


    1. Es gibt eine berühmte Oxford-Debatte zwischen (u.a.) Dawkins und Margulis von 2012 (scheint leider teilweise depubliziert worden zu sein):


    http://www.voicesfromoxford.org/margulis-dawkins-debate/


    2. Über die Bedeutung kann man sich sicherlich streiten, aber so ganz würde ich den "Niedrig-Inzidenz-Tourismus" nicht als Karikatur abtun. Mal aktuell anekdotisch, das scheint zum Beispiel in Tübingen eine gewisse Sorge zu sein. Und da ist es natürlich nur ein "Lockerungstourismus", denn eine niedrige Inzidenz haben sie offenbar auch nicht mehr.


    https://www.swr.de/swraktuell/…inger-innenstadt-100.html


    Zitat

    Seit fast zwei Wochen läuft in Tübingen ein Modell, wie Lockerungen trotz anhaltender Coronavirus-Pandemie möglich sind - und auch am Samstag strömten bereits früh viele Menschen in Stadt. [...]


    Die Zahl der Tickets für Auswärtige ist auf 3.000 begrenzt. Sechs der neun Teststationen sind nur für Besucher aus dem Kreis Tübingen reserviert. Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) bat im SWR-Interview darum, dass keine Tagestouristen von weiter weg kommen sollten. Die Entscheidungen, sechs Stationen für Tübinger zu reservieren, sei ein erster Schritt, so Palmer.


    3. (bei 1h50m35s) Ich glaube, es gibt ein Missverständnis, inwiefern man in Großbritannien den Spielraum für die Verschiebung der Zweitdosis ausgereizt hat. Die Entscheidung dazu wurde am 4. Januar getroffen. - Man müsste jetzt nochmal genau anschauen, was sie für den jeweiligen Impfstoff kommuniziert haben, wie weit sie den Zeitraum ausdehnen. - Bei Astrazeneca sind die 12 Wochen durch gewisse Daten abgedeckt gewesen. Sie scheinen aber von der Praxis her bei Comirnaty etwa im durch die Studienzeitraum abgedeckten Zeitraum von 42 Tagen geblieben zu sein. Man kann das hier beim britischen Datenportal sehen, wenn man auf die kumulative Kurve für die Zweitdosis blickt:


    https://coronavirus.data.gov.uk/details/vaccinations


    Zum einen waren schon 400 K Personen zweitgeimpft. Das ist die erste Gruppe von Personen aus dem Dezember, für eine Million weitere mit Comirnaty geimpfte Personen wurde die Zweitdosis rausgeschoben, wobei man sie bis zum 14. Februar in kleineren Mengen nochmal über 100 K weiteren Personen gegeben hat. Ab dem 15. Februar setzen dann vermehrt Zweitimpfungen ein. Und das sind vom 4. Januar aus 42 Tage. Man wird bei einigen Erstgeimpften den Zeitraum überschritten haben, denn es dauert eine Weile bis eine größere Zahl von Zweitimpfungen zusammen ist. Aber man ist sicherlich näher an den 42 Tagen dran, als am doppelten Zeitraum, also 12 Wochen. Die ersten Astrazeneca-Zweitimpfungen dürften dagegen erst im April anstehen, wenn die 12 Wochen dafür rum sind. Ich vermute, dass sie auch da nicht über den Studienzeitraum hinausgehen werden. Also eigentlich hätten sie sich nur entschlossen, den noch abgedeckten Rahmen auszuschöpfen.


    4. Die Frage nach "nur Modelle": Also ich sage mal so, im Gehirn des Fragestellers existieren auch nur in neuralen Strukturen abgelegte Modelle. Die volle Komplexität der Welt kommt da sowieso nie an, denn die menschliche Sensorik und Signalverarbeitung reduziert sehr viel, aber natürlich kann man die Welt nur durch teilweise genetisch vorbestimmte und durch Erfahrung trainierte Modelle begreifen.

  • Ich bezweifel die These des "Naturgesetzes" für die zurückgelegten Wegstrecken. Der Zusammenhang von hohem Vermögen und CO2-Ausstoß ist ein Beleg dafür, dass wer viel hat auch viel reist. Da der ebenfalls auf der Makroebene umgesetzt ist, kann man den ins Verhältnis zu den Bewegungsdaten setzen und mich würde es wundern, wenn die Verteilung von Vermögen, die bei der Verteilung der CO2 Emission abgebildet ist nicht auch die Verteilung der Bewegungsdaten bestimmen würde. Damit ist es nicht einfach ein Naturgesetz, sondern eine Folge sozialer Mechanismen.


    Eine andere mögliche Korrelation wäre im Verhältnis zu Gesundheits (und Alters-)daten, denn man muss für eine Reise nicht nur den nötigen Proviant aufbringen, sondern auch die Gesundheit dafür haben. Ist die Altersstruktur von Gesellschaften zu bestimmten Zeitpunkten ein Naturgesetz? Ich denke nicht, da der Mensch sich ja genau darüber kollektiv hinwegsetzt.. und anderem mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen.


    Spannend finde ich die Wellenmetapher zur Pest, die jetzt in der Coronapandemie durch den modernen Verkehr in eine Metapher von "Funkenflug" verändert wird.

  • Ich bezweifel die These des "Naturgesetzes" für die zurückgelegten Wegstrecken.

    ich würde da gewisse randbedingungen berücksichtigen...im mittelalter waren die strecken im schnitt kürzer (skalierung), d.h. es hängt ggf. auch von der technizität einer sesshaften population ab. aber ich bin noch mitten im interview...echt cool bisher :thumbup:
    (die beobachtung die beobachtung auf die tranportwege einer gesellschaft zu richten [blutbahn der der gtesellschaft] hatte ich übrigens vor ca. nem jahr mal in den covid-thread fabuliert)

  • Ich glaube tatsächlich auch dass der Begriff "Naturgesetz" falsch gewählt ist, denn dann müssten im Prinzip auch Tiere nach diesem Gesetz reisen, und sogar Aliens auf anderen Planeten etc, Aber er sagt ja selbst im Interview, dass nicht einmal in allen Ländern und Gesellschaften das Gesetz identisch anwendbar ist (Stichwort Ureinwohner).


    Aber daran sollte man sich nicht aufhalten, es ist einfach ein fachfremder falsch gewählter Begriff. Keine Ahnung was der richtige Begriff wäre, eine Gesetzmäßigkeit in Menschlichem Verhalten bestimmter Gesellschaften, oder so. Mindert ja nicht den Erkenntniswert. Aber es ist halt im Menschen angelegt, und keine Konstante wie die Lichtgeschwindigkeit oder so etwas.

  • Über seine Aussage, dass es ein Naturgesetz ist bin ich auch gestolpert, hab es dann aber beim Anhören auch als eher unwesentlichen Nebenschauplatz bzw. schlicht mögliche Ungenauigkeit oder Ausdruck von Ego gewertet.

    Nachdem es jetzt hier doch zu nem Diskussionspunkt wird hab ich nochmal etwas darüber nachgedacht. Wie wohl leider recht häufig haben wir hier einfach ne Ungenauigkeit in der Definition bzw. keine allgemeingültige Definition des Wortes und auch der damit beschreibenden und benennenden Sache und Eigenschaften.

    Mit den Naturgesetzen meint man im weiten Sinn die Naturordnung überhaupt, d.h. die Struktur der Welt, des Universums. In diesem Sinn sprechen schon Aristoteles und Platon von Naturgesetzen. Im engeren Sinne sind Naturgesetze meist quantitative Zusammenhänge zwischen beobachteten oder vermuteten Erscheinungen der realen Welt, die oft als Gleichungen formuliert sind.

    [...]

    Die Naturgesetze sind einerseits die Regelmäßigkeiten im Verhalten realer Systeme selbst,
    andererseits bezeichnet man mit dem Begriff „Naturgesetz“ aber auch die sprachlichen oder mathematischen Beschreibungen dieser Regelmäßigkeiten. In der Definition spricht man von Regelmäßigkeiten, statt etwa von Gesetzmäßigkeiten, um die Gefahr einer Zirkeldefinition zu meiden. Regelmäßigkeiten können dann allerdings nicht mehr über den Begriff der Naturgesetze definiert werden.

    Reale Systeme sind etwa: [...] Zu ihnen gehören aber auch Individuen wie Aristoteles [...] ebenso Artefakte wie Pendel, Uhren, (Anm.: Menschen) [...]


    NaturGESETZE werden teilweise auch als Vorschriften mit Erlasscharakter angesehen, die
    normative Elemente enthalten. Diese Bedeutung schwächt mit zunehmendem Wissensfortschritt allerdings immer weiter ab. Eine weitere alternative Charakterisierung der Naturgesetze stellt die Auffassung des Instrumentalismus dar. Nach dieser sagen die Naturgesetze nichts über die Welt aus, sondern sind nur Werkzeuge/Instrumente, um von Aussagen zu weiteren Aussagen zu kommen.

    Naturgesetze, im Sinne der modernen Wissenschaften ein Schema, Phänomene der Natur in eine mathematisch formulierbare Beziehung zu bringen. Diese neuzeitliche Auffassung wurde stark von Kepler, Galilei und Descartes geprägt.

    [...]

    Welches die hinreichenden und notwendigen Bedingungen sind, damit eine bestimmte Aussage tatsächlich als Naturgesetz anerkannt wird, ist in der Wissenschaftstheorie bis heute nicht vollends geklärt. Die meisten Physiker nehmen wohl die pragmatische Haltung ein, daß eine Aussage dann Gesetzescharakter hat, wenn sie auch ohne Überprüfung aller Einzelfälle annehmbar ist, gleichzeitig ihre Annahme aber nicht von der Überprüfung nur bestimmter Einzelfälle abhängt. [...]

    Within metaphysics, there are two competing theories of Laws of Nature. On one account, the Regularity Theory, Laws of Nature are statements of the uniformities or regularities in the world; they are mere descriptions of the way the world is. On the other account, the Necessitarian Theory, Laws of Nature are the “principles” which govern the natural phenomena of the world. That is, the natural world “obeys” the Laws of Nature. This seemingly innocuous difference marks one of the most profound gulfs within contemporary philosophy, and has quite unexpected, and wide-ranging, implications.

    [...]

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