Cold War Reloaded - Der neue Ost-West Konflikt

  • Mich würde es freuen, wenn vielleicht Tilo in irgendeinem seiner Formate unsere Politiker oder "Experten" zu diesem Punkt befragen könnte (hab wieder zuviel Bullshit bei Anne Will gehört):


    Es wird immer behauptet, dass wenn Russland Einfluss über die Ukraine bekommt, wir mit viel schlechterer Sicherheit in Europa rechnen müssen, quasi als ob dann plötzlich auf uns ganz gefährliche NEUE Zeiten zukommen.

    Da frage ich mich dann aber, und das sollte mal die Politiker und "Experten" gefragt werden, was vor 8 jahren, vor dem Maidan-Coup, der durch die USA angestachelt wurde, war.

    Da befand sich nämlich die Ukraine auch in Russlands Einfluss, nur auf der Karte war sie ein eigenes Land. Sogar russisches Militär gab es dort, z.B. in Sewastopol.

    Wenn Russland also sich den Einfluss nur vom Westen zurückholt und es so ist wie früher oder ähnlich, wenn auch nicht sofort, wo ist dann der Unterschied zu der Zeit vor 8 Jahren, vor dem Maidan-Coup? Da haben wird doch auch ganz normal miteinander gelebt als Russland Einfluss über die Ukraine hatte.

    Es wird aber ständig so getan, als ob Russlands Einfluss in der Ukraine etwas ganz Neues wäre.

    Das ist so als ob die USA mir 100 Euro stehlen und wenn ich mir die 100 Euro zurückhole, ich dann plötzlich ein ganz gefährlicher Agressor mit noch nie dagewesener Sicherheitproblematik bin. Ja ne, Moment mal, wie nie vorher dagewesen? Die 100 Euro hab ich mir ja nur zurückgeholt und die Sicherheitsproblematik, wenn man das überhaupt so nennen kann, war ja auch da, bevor die USA mir die 100 Euro gestohlen hat, weil ich die 100 Euro davor die ganze Zeit ganz regulär hatte.

    Und welche Sicherheitsproblematik gab es überhaupt, als MEINE 100 Euro, MIR gehörten und nicht der USA? Kann mich nämlich gut daran erinnern, dass wir lange Zeit friedlich miteinander gelebt haben, bevor die USA mir die 100 Euro gestohlen haben. Insofern ist es weder eine neue, noch eine gefährliche Situation und daher entgegen dem, was ständig behauptet wird.



    PS: Natürlich kann man die Ukraine und deren Menschenleben nicht mit 100 Euro vergleichen, aber um die Uhrzeit fiel mir nichts besseres ein und außerdem stimmt es vom Prinzip her ja. Und ums Prinzip gehts hier und nicht wie gut man das umschreibt.

  • Eine weit verbreitete Sicht unter führenden Geistesgrößen der westlichen Wertesystemdoktrin geht davon aus, dass es Putin in Wahrheit überhaupt nicht um irgendwelche Sicherheitsinteressen gehe, sondern dass das alles nur vorgeschoben sei - wir erinnern uns an verschiedenen Aussagen prominenter deutscher FreiheitspolitikerInnen oder JournalistInnen auch in J&N-Interviews, denen zu folge dem Russen einfach nicht zu trauen sei, weil er notorisch lüge -, sondern dass der Kremlhitler in der liberalen Demokratie, welche sich in den letzten Jahren im Nachbarland etabliert habe die eigentliche Bedrohung seiner autokratischen Herrschaft sehe.

    Der ware Gegner und Gegenstand von Putins perverser Vergewaltigungs- und Vernichtungslust sei demnach nicht die NATO, oder die USA, sondern eben jenes freiheitlich demokratische Wertesystem, welches das ukrainische Volk sich als kollektive Einheit selbst aus freien Stücken als fortschrittliche Staatskultur angeeignet, und zu dessen weiterer Verfestigung und Absicherung gegen anti-demokratisch russische Unterwanderung das westliche Verteidigungsbündnis auf ukrainisches Gesuch hin lediglich selbstlose Hilfe geleistet habe.


    Exemplarisch kann man diese Haltung™ am Ende des folgenden aktuellen Vortrages des im Westen mittlerweile eher verpönten amerikanischen Geopolitik-Experten J. Mearsheimer beobachten, wo ein Kollege aus dem Publikum (ab 1:44:32) ihm vorhält, dass er diese wahren finsteren Beweggründe des Russensatans aus seiner Kritik am offensiven Vorgehen der USA und ihrer NATO-Verbündeten in Osteuropa in den letzten 20-30 Jahren ausklammere und daher zu dem falschen Schluss komme, dass Putin womöglich seinen Kreuzzug gen Westen tatsächlich beenden werde, sobald er die von ihm als Grund für den Angriffskrieg vorgegebenen Sicherheitsinteressen Russlands gewahrt, und die Ukraine aus dem direkten Einflussbereich des westlichen Mitlitärbündnisses gelöst sehe.



    Mearsheimer beantwortet diesen Einwurf (ab 1:52:57) mit dem Hinweis, dass er natürlich nicht mit absoluter Sicherheit wissen könne, ob seine Theorie von der Behauptung russicher Sicherheitsinteressen als Kriegsgrund richtig oder falsch sei, und dass er nicht auschliessen könne, dass sich in geheimen Archiven noch gegenteilige Quellen finden mögen, dass jedoch die vorliegende und von ihm eingehend studierte Daten- und Quellenlage keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür liefere, dass Putin in Wahrheit eine völlig andere Agenda habe.


    Es wird auch in deutschen Medien, Talkshows, Podiumsdiskussionen, hier im Forum, und sogar bei Jung & Naiv im Verhörzimmer immer wieder darauf abgestellt, dass es mehr oder weniger alleine des Russenhitler Putins autoritärem Charakter, seiner angeblichen Bewunderung für den Sowjethitler Stalin und seiner geistigen Verwandschaft zum völkisch-faschistischen Oberhitler Hitler geschuldet sei, dass jetzt in der freiheitlich-demokratischen Ukraine massenhaft unschuldige Zivilisten vertrieben, geschändet und ermordet würden.

    Dabei wird zwar regelmäßig der nebulöse Verweis angeführt, man könne Putins im Grunde faschistoide Haltung und seine wahren Beweggründe - die Eroberung und Unterwerfung Europas - in seinen diversen langatmigen Reden und Aufsätzen nachlesen. Allerdings sind bisher noch all diese Verweise den tatsächlichen Nachweis dieser Theorie schuldig geblieben. Auch auf wiederholte Nachfrage können ihre VertreterInnen keine entsprechenden Textstellen zitieren, aus denen diese Interpretation eindeutig zu belegen wäre.


    Für die öffentliche Unterstützung der westlichen defacto Kriegsbeteiligung in Form von politischen Soidaritätsschwüren, von für die Weltwirtschaft - und vor allem die Entwicklungsländer - ruinösen Sanktionen, sowie von massiven Waffenlieferungen und ganz konkreter amerikanischer Gefechtsfeldaufklärung für das ukrainische Militär und die diversen völkisch-nationalistischen Milizen, welche in den letzten Jahren unter den wachsamen Augen der westlichen Verbündeten in die ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungsstrukturen integriert wurden, ist es jedoch wichtig, den Russenführer als möglichst niederträchtigen, bösen Menschen darzustellen, der aus reiner Boshaftigkeit Böses tut und seine ungewaschenen, kulturlosen Mörderhorden dazu antreibt, böse Untaten an der ukrainischen Bevölkerung zu verüben.


    Eine rationale Analyse der von der russischen Führung seit Jahren als potenzielle Kriegsgründe vorgebrachten Argumente stünde dieser Erzählung nur quer im Wege und würde nach Jahrelanger einschlägiger Feindbildpflege auch zu viel kognitive Dissonanz erzeugen - zumal der westliche Wertejournalismus und seine mit der hochgerüsteten PR-Abteilung von Präsident Zelenskyj gut vernetzten Ortskräfte in den Köpfen des fernsehenden und youtubeklickenden Publikums an der Heimatfront ja längst etabliert hat, dass in diesem Krieg nur eine Seite ganz fürchterliche Entmenschlichungen zu verzeichnen habe, und dass es bei der Klärung der Schuldfrage daher eigentlich völlig unerheblich sei, welche historischen Entwicklungen dazu geführt haben, dass das Gemetzel überhaupt statt findet.


    Nur so konnte das propagandistische Kunststück gelingen, einen großen Teil der über die Schrecken des Krieges hoch empörten öffentlichen und veröffentlichten Meinung im Westen davon zu überzeugen, dass eine schnelle Beendigung des Mordens und Schändens unter Zugeständnissen an den russischen Aggressor für "unsere" westliche Wertegemeinschaft und für die Demokratie als solche eine inakzeptable Bedrohung darstelle, zu deren Vermeidung das heldenhafte Opfer des Ukrainischen Widerstandes und der Endsieg der Ukraine über den russischen Aggressor unerlässlich - also eine noch viele Wochen, Monate oder gar Jahre andauernde Verlängerung von Leid und Elend für die ukrainische Zivilbevölkerung alternativlos sei.

  • Das russische Militär hat 50 Generäle der ukrainischen Armee getötet, die unter anderem in der Region Mykolajiw operierten. Von dort ist Präsident Selenskyj gerade erst nach Kiew zurückgekehrt.


    Das russische Militär hat mit einem Raketenangriff einen Führungsgefechtsstand der ukrainischen Streitkräfte mit hochrangigen Offizieren zerstört.


    Das war wohl knapp, ich bin sicher sie hätten auch Zelensky erwischen können...



  • A propos...

    [...] jenes freiheitlich demokratische Wertesystem, welches das ukrainische Volk sich als kollektive Einheit selbst aus freien Stücken als fortschrittliche Staatskultur angeeignet [...]

    ...hat gerade ganz freiheitlich-demokratisch beschlossen, dass russische Musik und russische Bücher ab sofort in der Öffentlichkeit verboten sind, weil sie eine russische Identität befördern könnten - es sei denn sie stammen von geläuterten russischen KünstlerInnen, die öffentlich dem Bösen abgeschworen haben.

    Ukrainisches Parlament verbietet russische Musik in der Öffentlichkeit

    Das ukrainische Parlament hat Musik von Künstlern mit russischer Staatsbürgerschaft in der Öffentlichkeit verboten. Die Oberste Rada stimmte mit Zwei-Drittel-Mehrheit für einen entsprechenden Gesetzentwurf.


    Das teilte der Abgeordnete Schelesnjak auf seinem Telegram-Kanal mit. Im Gesetz heißt es zur Begründung, dass russische Musik separatistische Stimmungen in der Bevölkerung befördern könne. Sie würde die Annahme einer russischen Identität attraktiver machen und ziele auf eine Schwächung des ukrainischen Staates ab. Ausnahmen gelten demnach nur für Künstler, die den russischen Einmarsch in die Ukraine öffentlich verurteilt haben.

    Parallel dazu wurde der Import und die Verbreitung von Büchern und anderen Printprodukten aus Russland, Belarus und den russisch besetzten Gebieten komplett verboten. Bücher aus Russland unterlagen schon seit 2016 einer Zensur.

  • A propos...

    ...hat gerade ganz freiheitlich-demokratisch beschlossen, dass russische Musik und russische Bücher ab sofort in der Öffentlichkeit verboten sind, weil sie eine russische Identität befördern könnten - es sei denn sie stammen von geläuterten russischen KünstlerInnen, die öffentlich dem Bösen abgeschworen haben.

    Ukrainisches Parlament verbietet russische Musik in der Öffentlichkeit

    Das ukrainische Parlament hat Musik von Künstlern mit russischer Staatsbürgerschaft in der Öffentlichkeit verboten. Die Oberste Rada stimmte mit Zwei-Drittel-Mehrheit für einen entsprechenden Gesetzentwurf.

    Trifft sich ja gut, dass vorher die Opposition in der Vorzeigedemokratie gecancelt wurde.

  • Ja wie soll man denn sonst im Parlament eine Zweidrittelmehrheit für völkisch-identitären Nationalismus zustande bringen?

    Eben, damit sind sie ja auch einen großen Schritt in Richtung westliche Demokratie gegangen. Gleichschaltung der Medien ist ebenfalls durch... Welcome to the jungle.

  • Also an der "Gleichschaltung der Medien" muss man in Kiew aber schon noch ein bisschen arbeiten. Immerhin muss bei der Konsensmanufaktur darauf geachtet werden, dass sich auch mal ab und zu abseits des inneren Mainstreams bewegt wird, damit das nicht so plump und unbeholfen wirkt - Zum Beispiel hier bei uns im Vaterland der völkisch-identitären Nazifizierung, beim Nachrichtenmagazin der Freiheit:

    Deutsche Atomwaffen? Darüber muss man reden

    Atomare Abrüstung genießt seit dem Kalten Krieg hohe Wertschätzung. In diesem Geist findet heute die Wiener Konferenz zu den humanitären Auswirkungen von Atomwaffen statt. Der ganze Schrecken für Menschen und Natur wird dort diskutiert.

    Umso schlimmer, dass Abrüstung für den Westen derzeit keine sinnvolle Option ist, im Gegenteil. Putin hat den Krieg gegen die Ukraine auch deshalb begonnen, weil er nicht mit einer atomaren Reaktion der USA rechnet. Umgekehrt greift der Westen nicht energisch zugunsten der Ukraine ein, weil er Putin einen Atomschlag zutraut. Beides belegt die Logik der Abschreckung.

    Darauf folgt leider, dass vor allem eine funktionierende atomare Abschreckung große Kriege verhindern kann. Dazu gehört auch eine Debatte, die noch nicht geführt wird: Wenn sich Europa nicht hundertprozentig auf die USA verlassen kann, wenn sich Deutschland nicht hundertprozentig auf Frankreich und Großbritannien verlassen kann, braucht dann nicht auch Deutschland Atomwaffen?

    Mir läuft es eiskalt den Rücken runter, wenn ich diese Worte schreibe. Aber wenn man all das zu Ende denkt, was derzeit passiert, muss man sich dieser Frage stellen. [...]


    Wichtig für die moralisch unbefleckte identifikation mit der liberaldemokratischen Wertegemeinschaft ist, dass man bei von nationalistischer Paranoia befeuerten apokalyptischen Großmachtfantasien immer dazu sagt, dass man ein schlechtes Gewissen hat.

    Das unterstreicht den alternativlosen, pragmatischen Sachzwangcharakter der intellektuellen Zumutung, und unterscheidet den deutschen Hauptstadjournalisten natürlich fundamental von irgendwelchen Putinisten-Spinnern, die in russischen Leitmedien ihren Wahn ausleben.

  • Wichtig für die moralisch unbefleckte identifikation mit der liberaldemokratischen Wertegemeinschaft ist, dass man bei von nationalistischer Paranoia befeuerten apokalyptischen Großmachtfantasien immer dazu sagt, dass man ein schlechtes Gewissen hat.

    Jetzt fällt mir auch endlich ein, woran mich unser Verhältnis zur Friedenspolitik und Atomaren Abrüstung die ganze Zeit erinnert: Homer und sein Kumpel Zwicky. ^^


  • "[...]völkisch-faschistischen Oberhitler Hitler[...]"

    Ein Hitlervergleich, den ich akzeptiere.


    Stefan hat übrigens via Markus Preiß eine interessante Bemerkung hinsichtlich der Agrarsubventionen beleuchtet, falls man die Ukraine tatsächlich in die EU aufnähme.


    Spoiler:

    Richtig, das Budget würde ordentlich umgeschmissen und in den schönsten aller Freistaaten (Bayern) würde von den ca 1.5 MIlliarden (https://www.nabu.de/natur-und-…eu-agrarreform/25173.html) vermutlich nicht mal mehr die Hälfte landen.

    Grüße gehen raus an Manni Weber, der immer so einen schönen Ukraineanstecker trägt. Ob er das seinem Wahlklientel in Bayern verzapfen kann? Wobei, Unionswählern kann man eigentlich immer irgendwie alles verzapfen, im Zweifel wählen die eh 'ne Spur weiter Rechts oder sind auf einmal einfach "Freie Wähler".


    Long Story short: Anstelle von sehr, sehr, sehr viel Symbolpolitik, und die Diskussion darum, ob es Symbolpolitik jetzt braucht oder nicht, wäreeine Einordnung tatsächlicher Belange mal ganz nett. Einfach mal hier und da so ein paar Dinge durchkalkulieren lassen im Pispers Style (Gott hab in selig (nein, nicht tot, aber den Bühnentod hat er hinter sich)).

  • Nachdem der Manni um die Kommissionspräsidentschaft beschissen wurde, steht der wahrscheinlich eher im Lager "mir ist alles wurscht, ich kann es jetzt auch brennen sehen". Allein die Franzosen werden dafür sorgen, dass die Kohle für jetztigeuropäische Agrarökonomen weiter fließt und wenn dann zwei statt einem Drittel des EU-Budgets für Landwirtschaft draufgehen was, was soll's. Das restliche Drittel wird in Abwehr Ost (Eckart die Russen kommen!) und weiter Ost (gelbe Gefahrt, hier nicht FDP die andere) gesteckt, Infrastruktur und Klima sind überbewertet.

  • Also als alter Wehrkraftzersetzer und Chemie-Loser weiß ich zwar nicht wirklich was da drin ist, aber ich glaube zu wissen, dass es bei Bomben und Granaten sowieso eher auf die befreiende Kraft der inneren Werte ankommt.

    Ach, bei Uranmunition gelten auch Äußere Werte. Harte Schale, harter Kern, strahlender Endverbraucher.

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