In den letzten Wochen kamen ne Menge solcher Nachrichten. Und sicherlich hat die Ukainische Armee taktische Erfolge die Russische Wirtschaft und Logistik anzugreifen. In fast allen Beiträgen dazu wird zwar aufgezeigt, wie der Zermürbungskrieg Russland schadet, aber aus der Logik dieser Strategie folgt ja nicht, dass es Russland nicht schadet, sondern das es der Ukraine mehr schadet. Und entsprechend ist es merkwürdig, dass die Situation in der Ukraine kaum Teil der Analyse ist.
Nun es ist weiterhin nicht so leicht einzuschätzen, woher das kommt. Angefangen natürlich damit zu wissen, wie sehr man der eigenen Einschätzung der Lage trauen kann. Aber das mal beiseite, denke ich es ist durchaus klar, dass es hier eine mediale Kampagne gab, nicht nur das Narrativ vom Patt wiederherzustellen, was durch eine Phase von unspektakulärem territorialen Fortschritt der Russen - daran wird das ja gemessen - ermöglicht wurde, sondern darüberhinaus von einer Wende im Krieg zu sprechen.
Die Frage ist für mich vorallem, ob das mit Hinblick auf den NATO-Gipfel und sein Umfeld an Konferenzen hin geschehen ist bzw. mit der Hoffnung Trump nochmal zu mehr Unterstützung für die Ukrainer zu bewegen oder ob es doch eher die narrative Vorbereitung für das Einfrieren des Konflikts ist, weil die Europäer in Wirklichkeit einen russischen "Durchbruch" fürchten, was auch immer genau das in ihrer Vorstellung ist. Merz zum Beispiel erzählt relativ konsistent, dass die Russen mal einsehen müssen, wie es (im Westen in der Zeitung) steht, und dass es einen Waffenstillstand braucht.
Da ich davon ausgehe, dass sich der Großteil unserer Medien in freiwilliger Gleichschaltung befindet, muss man sich fragen, woher das kommt und ich vermute es ist der Irankrieg. Man hat es zwar schon länger nicht mehr gehört, aber das Bild von der Tankstelle mit Kernwaffen ist weiterhin wirksam. Es gibt eine völlig überzogene Vorstellung bei uns, wie zentral der Export von Erdöl und Erdgas für die russische Wirtschaft ist. Deswegen hieß es mit dem Beginn des Irankrieges ziemlich einhellig Trump hat Putin gerettet. Was dann aber durch die wenig veränderte Lage in der Ukraine bald in ein Gefühl umgeschlagen ist, das ich schonmal beschrieben habe:
[...] na jetzt wo die US-Amerikaner komplett abgelenkt sind, müsste doch der russische Durchbruch erfolgen. [...]
Ebenfalls gefühlt passiert stattdessen sogar das Gegenteil: Die Ukrainer greifen die russische Infrastruktur verstärkt an. In der Phantasie zugespitzt, nichts kann mehr exportiert werden, alle Raffinerien werden ausgeschaltet. Und dann fällt auch noch das, was man für den Erdölpreis hält (wobei zugegeben zumindestens für bestimmte Exporte das erzielbare Einkommen an offizielle Indices gekoppelt sein wird.).
Am Ende sollte man nie vergessen, als wir hier mal vor vier Jahren gestartet sind, dachte man die Russen bekommt man wirtschaftlich schnell klein. Ohne die Studie anzuschauen (sie sagen da sie würden Expertenmeinungen zusammenbringen, nicht unbedingt der vielversprechendste Ansatz), präsentiert sie sich jenseits des Titels nur vorsichtig optimistisch und ich denke das ist nicht nur wissenschaftliche Zurückgenommenheit:
https://www.kielinstitut.de/pu…r-economy-hits-its-limits
ZitatEndgame: Russia’s war economy hits its limits
Four years after Russia's full-scale invasion of Ukraine, the Russian economy is showing clear signs of structural exhaustion. The contours of a genuine economic endgame are coming into view for Russia. This is the finding of a new Kiel Report published by the Kiel Institute for the World Economy and the Stockholm Institute of Transition Economics.
Die Konturen eines "endgame" (also einer längeren Phase) beginnen sich abzuzeichnen. ![]()
Zitat"In the first years of the war against Ukraine, Russia's economy has proven more robust than many expected, but now the buffers are depleted," says Moritz Schularick, President of the Kiel Institute for the World Economy and co-author of the report's overview chapter. “The underlying foundations of the economy have weakened considerably. Fiscal reserves have been largely exhausted, growth has come to a standstill, and the country's dependence on China is becoming ever more pronounced. At the same time higher oil prices as a result of the war in the gulf will likely only bring temporary fiscal effects", warns Schularick.
"Warnt"
. Die wollen sich wohl tatsächlich als neutral sehen.
Also die These scheint zu sein, die gute Situation, in der sich Russland befunden hat, mit Wachstum, mit hohen Investitionen in die eigene Wirtschaft, mit finanziellem Spielraum bei niedriger Staatsverschuldung endet. Jetzt kann man sich die Frage stellen, ist das, was darauf folgt, wirklich bereits ein "endgame"?
Nebenbemerkung hier findet sich wieder der erstaunlich unreflektierte westlich-suprematische Topos der Abhängkeit von China, ein offensichtliches Übel als solches:
ZitatMoscow depends on Beijing for trade, technology, and finance
A central finding of the report is Russia's increasing economic dependence on China. China now accounts for approximately 35 percent of Russia's total foreign trade and supplies the overwhelming majority of critical dual-use goods and military-relevant components entering the country.
Zitat"The notion of a 'no-limits partnership' masks a growing asymmetry," says Alicia García-Herrero, Senior Fellow at Bruegel and co-author of the report. "Russia has gained an economic lifeline, but China has gained leverage. Moscow increasingly depends on Beijing for trade, technology, and finance, while China remains free to dictate the terms of the relationship. This is becoming a partnership of dependence rather than one of equals."
Sieht man auch daran, dass viele "Experten" (weiß nicht ob diese hier) vor dem Krieg davon ausgegangen sind, dass die Russen vom Westen, spezifisch europäischem Einkauf von russischen Energieträgern, komplett abhängig sind, daher die Zuversicht Russland mit Sanktionen schnell wirtschaftlich zu vernichten. Ich bin mir sehr sicher, dass da niemand je einen Gedanken daran verschwendet hat zu "warnen", obwohl das ja offenkundig überaus angebracht gewesen wäre, wenn es denn gestimmt hätte.