Klimawandel [Sammelthread]

  • Es ist auch keine angebliche "Brückentechnologie", wie von der Lobby behauptet.

    Eine Brückentechnologie ist es halt einfach daher weil man die gleiche Infrastruktur sowohl für fossiles Erdgas als auch für - mit EE erzeugbaren Gasen wie z.B. - Wasserstoff oder Methan nutzen kann, in Kombination mit den bereits aktuell vorhandenen 230TWh Gasspeicher ist das eine unserer besten Optionen für die Energiewende, dafür müssen wir nur noch zusätzlich ein paar GW Elektrolyseure aufstellen, eigentlich hätten wir damit schon eher anfangen müssen, so wie mit allem anderen bei der Energiewende.

  • Ja, aber dafür hat man Methan, was wie jeder weiß, viel gefährlicher als CO2 ist. Studie nach Studie zeigt, dass gas pipelines leaken und dabei erhöhte Mengen Methan austritt.

    Ja, aber Methan tritt auch auf ganz natürlichem Wege ständig irgenwo aus.

    Ich fürchte mich ja ein wenig vor den Permafrostböden in Sibierien usw. wenn das Eis da schmilzt. Zum einen tritt dann recht viel Methan aus und zum anderen könnten Mikroorganismen uns das Leben noch schwerer machen.

  • Also dass es dieses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage aus dem Gasmarkt gibt und Gazprom seine Lieferungen nicht deutlich erhöht hat, ist klar. Die Frage ist aber nach der Motivation und hier gibt es ein langes Erklärstück, das mal auf die Produktionsseite und das Verteilungsnetzwerk schaut. Und da ist der Schluss tatsächlich ein anderer, nämlich, dass Gazprom den Bedarf nicht in einem Maße bedienen kann, wie man sich das in der EU wünschen würde, produktionsseitig vermutlich schon, obwohl es auch dort Probleme gibt, aber durch die langfristige Veränderung des Verteilungsnetzwerks tatsächlich nicht ohne Nord Stream 2.


    https://www.intellinews.com/lo…as-prices-soaring-221422/


    Lohnt sich in der Gesamtheit zu lesen, aber ich nehme mal ein paar Sachen raus, die denke ich die Idee der Erpressung einer Nord Stream 2-Inbetriebnahme konterkarieren:


    Der v-förmige Gasmarkt wird in den Abschnitten "Gas glut in 2020 pushed prices and production down" und "Bounce-back in 2021" erläutert. Gazprom hat in 2020 die Produktion entsprechend des einbrechenden Preises deutlich runtergefahren und hat auch die eigenen Gasspeicher in der Zeit nicht gefüllt:


    Zitat

    Facing shrinking and uncertain demand during 2020, Gazprom laid the foundations for the current supply crunch by also drastically reducing the pumping of gas into its domestic underground gas storage facilities by 20 bcm, down 38% y/y to 33 bcm.


    Sie haben zudem Ende 2019 einen neuen Liefervertrag über die ukrainischen Pipelines vereinbart - wohl wegen der US-Sanktionen. Ich verstehe es so, dass es die Erwartung gab diesen in der Form nicht mehr zu benötigen, wäre Nord Stream 2 fristgerecht fertig gestellt worden.


    Zitat

    As it turned out, Russia’s national supplier Gazprom signed off on a new transit deal at the last minute that commits the Russian gas giant to send 40 bcm via Ukraine’s Druzhba pipeline until 2024.


    Das heißt sie müssen jetzt über diese Route mehr Gas schicken, als sie es in der langfristigen Planung bei dem sich noch vor der Pandemie abzeichenden Rückgang der Nachfrage im Markt erwartet haben. Nur hat Gazprom auch für den russischen Bedarf zu wenig, jedenfalls innerhalb der Verteilung. Die gleichen Versorgungsprobleme soll es trotz hoher Produktion in Russland geben:


    Zitat

    Russia is suffering from the same supply and storage problems as Europe which has put added pressure on its ability to supply Europe with gas. Rather than cutting supplies, as bne IntelliNews has reported Gazprom is currently producing record amounts of gas and exporting record amounts.


    Was heißt in innerhalb der Verteilung? Das ist für mich die neue Erkenntnis hier. Im Prinzip ist genug Gas vorhanden, aber Gazprom kann das nicht beliebig innerhalb von Russland herumschieben. Europa wurde mit der Route über die Ukraine bisher von einem großen Gasfeld versorgt, das aber das Ende seiner Wirtschaftlichkeit erreicht hat. Es gibt neue Gasfelder, die es ersetzen sollen. Diese sind an die nördlichen Pipelines angeschlossen, zu denen Nord Stream gehört:


    Zitat

    The falling output at Cenomanian has been replaced by the relatively young fields in Yamal that feed the northern system of pipelines that include Nord Stream 1 & 2 pipelines to Germany, but with Nord Stream 1 already working at full capacity and Nord Stream 2 yet to go into operation, the enormous reserves of gas in Yamal are unavailable during the current crisis.


    Das Problem ist, dass man das Gas nicht in den nötigen Mengen von dort auf die zentrale Route umleiten kann, um Nord Stream 2 zu umgehen:


    Zitat

    And it is not possible to divert gas from Yamal and the northern pipeline system to the central pipeline system and on to Europe via Ukraine. There are interconnections, but the 40-year-old central pipeline network has already been slated for decommissioning and during the lead-up to the winter season the interconnectors are already at full capacity as Gazprom, like Europe, is rushing to fill Russia’s domestic storage facilities with enough gas to get through the winter: in September Gazprom had 25bn cubic metres in storage out of the total of 75 bcm it needs during the cold months.


    Die Russen haben ihr Netz von der zentralen Route wegentwickelt, hin zur nördlichen Route zu uns, aber auch zur südlichen Route in die Türkei, die jetzt auch ein großer Abnehmer ist. In die zentrale Route wurden dagegen nicht mehr viel investiert:


    Zitat

    Nord Stream 2 has been criticised as being economically superfluous, as Ukraine has plenty of capacity (an estimated total of around 145 bcm) to transit all the gas Russia wants to send to the west. But that ignores the fact that in addition to the decline of the Cenomanian fields, the pipelines serving it are also at the end of their useful life and are due to be decommissioned.

    “Gazprom has already announced that it will be decommissioning the older pipelines in the Central corridor in line with the reduction of flows from NPT caused by production declines there. Some of these pipelines have been in operation for over forty years and have passed the limits of their economic life, imposing high repair and maintenance costs on Gazprom,” Yermakov said. “This means that the capacity of Russian pipelines leading towards the Ukrainian transit corridor is going to decline substantially in the future, limiting the volumes of gas available for the Ukrainian route.”


    Unter den besonderen Bedingungen der auch hohen inländischen Nachfrage gibt es für diese zentrale Route zu wenig Gas. Also ja, vermutlich könnten sie mit zusätzlichen Exporten über die Ukraine gerade viel im europäischen Markt verdienen - wobei die Konditionen jenseits des abgeschlossenen Vertrags nicht mehr so günstig sind:

    Zitat

    Gazprom remains reluctant to book more export capacity – GTSOU is also offering “interruptible” capacity where space in the pipeline is not guaranteed – partly as transit via Ukraine is now by far the most expensive option and GTSOU has not been offering the usual 60% discount for interruptible capacity.


    Aber dadurch, dass sie das Gas selbst benötigen, ist das trotz des guten Preises wohl immer noch eher ein Gefallen für uns, den Ausgleich für unsere wegbrechenden Gasquellen (heimisch, LNG in Konkurrenz mit Ostasien) zu besorgen. Dazu kommt dann nehme ich an der Aspekt, dass sie die Ukraine nicht mehr als nötig finanzieren wollen.


    Zitat

    Germany would have taken even more – enough to avoid the current supply crisis – had Nord Stream 2 been completed as scheduled at the end of last year.


    Thanks Trump.

  • Ja, aber Methan tritt auch auf ganz natürlichem Wege ständig irgenwo aus.

    Ich fürchte mich ja ein wenig vor den Permafrostböden in Sibierien usw. wenn das Eis da schmilzt. Zum einen tritt dann recht viel Methan aus und zum anderen könnten Mikroorganismen uns das Leben noch schwerer machen.


    Ja, das ist einer von diesen Kippunkten. Wenn das Methan aus dem Permafrost kommt, kippt nämlich auch die sibirische Pipeline, weil der Boden weich wird, und dann kommt noch mehr Methan aus der Pipeline.

  • Gute Arbeit! Danke!

  • Ja, aber Methan tritt auch auf ganz natürlichem Wege ständig irgenwo aus.

    Ich fürchte mich ja ein wenig vor den Permafrostböden in Sibierien usw. wenn das Eis da schmilzt. Zum einen tritt dann recht viel Methan aus und zum anderen könnten Mikroorganismen uns das Leben noch schwerer machen.

    Ja das stimmt, von den Permafrostböden wird sogar gesagt, sie werden in den nächsten 10 Jahren auftauen (das war vor zwei jahren oder so). Und wenn das passiert, gibt es eine riesige Katastrophe, wahrscheinlich in allen denkbaren Richtungen. Und nach wie vor gilt:


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    (und keine brückentechnologie sry, ich weiß, es ist schwer, aber so ist die realität)

  • Jetzt sag aber nicht, dass Atomkraft stattdessen die bessere alternative wäre.

    Nee, dafür hat man zuviel verpasst. Im Kalten Krieg wurde massiv Plutonium für Kernwaffen und U-Boote hergestellt, so dass die Energiegewinnung damit immernoch heutzutage am günstigsten, aber halt auch am gefährlichsten, ist. Man hat einfach nicht in alternative Reaktoren investiert und mit der Umweltbewegung war dann auch Ende damit.

  • Nee, dafür hat man zuviel verpasst. Im Kalten Krieg wurde massiv Plutonium für Kernwaffen und U-Boote hergestellt, so dass die Energiegewinnung damit immernoch heutzutage am günstigsten, aber halt auch am gefährlichsten, ist. Man hat einfach nicht in alternative Reaktoren investiert und mit der Umweltbewegung war dann auch Ende damit.

    Was genau meinst Du mit alternativen Reaktoren? Denn ganz egal wie sicher die am Ende sind, die Hinterlassen ja auch keinen Feenstaub.

  • Was genau meinst Du mit alternativen Reaktoren? Denn ganz egal wie sicher die am Ende sind, die Hinterlassen ja auch keinen Feenstaub.

    Es gibt ja viele Konzepte von Kernreaktoren, die z. B. die Abfälle wieder als Rohstoff benutzen (oder sogar die derzeit existierenden abfälle) und so einen Kreislauf schaffen oder auch welche bei denen die Halbwertszeit nur ein paar Jahrzehnte ist mit passiven Sicherheitsmechanismen ohne Nachbrennen des Materials, so dass eine Kernschmelze unmöglich wird. Aber das sind alles nur Konzepte auf dem Papier, an ein paar wird geforscht. Mir wäre ein Planet, der hier und da etwas verstrahlt ist lieber als ein kochender Planet, aber wie gesagt, dazu ist alles noch zu wage und natürlich gibts noch massive politische Probleme und halt die investitionen fehlen, weils zu teuer (wegen kaltem krieg) und ungewiss ist.



    Hier ein Podcast von 20 Minuten der kritisch, aber ausgewogen ist.

    https://www.spektrum.de/podcas…der-generation-iv/1789523


    Andere Idee ist das Projekt Pacer:


    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Project_PACER


    Fussion durch explodierende Kernwaffen in einem Berg, der hermetisch abgeriegelt ist. 😅 Gute Idee, aber auch politisch sehr schwierig.

  • Ja, forschen können die ja auch ruhig weiter. Es gibt aber auch nicht wenige Leute, die im Winter nicht so schrecklich gern Frieren würden und deshalb noch eine Zeitlang mit Gas heizen wollen/müssen.

    Diesen Kompromiss sollte man schon noch bereit sein einzugehen.

  • Nee, dafür hat man zuviel verpasst. Im Kalten Krieg wurde massiv Plutonium für Kernwaffen und U-Boote hergestellt, so dass die

    Damit meine ich übrigens, dass im Kalten Krieg massiv in die Entwicklung der klassischen Plutoniumreaktoren investiert wurde und es deswegen Innovationen in dem Bereich gab, wodurch diese Technologie günstiger wurde. Deswegen ist es derzeit so teuer in alternative Reaktormodelle zu investieren.

  • Pass aber auf den Außenmantel von dem Ding auf, der wird nämlich früher oder später auch radioaktiv vor sich hinstrahlen und müsstest ihn ersetzen, bevor komplett mit Neutronen zerlegt wird. Aber die Abwärme von dem Ding (immerhin so ein paar Millionen °C) hält dich zumindest warm. Ruf mich mal an, wenn das Ding läuft - ich bring Popcorn.


    Edit: ich mein natürlich nicht den Außenmantel vom Kachelofen.

  • Im Kalten Krieg wurde massiv Plutonium für Kernwaffen und U-Boote hergestellt, so dass die Energiegewinnung damit immernoch heutzutage am günstigsten, aber halt auch am gefährlichsten, ist. Man hat einfach nicht in alternative Reaktoren investiert und mit der Umweltbewegung war dann auch Ende damit.

    ...

    Damit meine ich übrigens, dass im Kalten Krieg massiv in die Entwicklung der klassischen Plutoniumreaktoren investiert wurde und es deswegen Innovationen in dem Bereich gab, wodurch diese Technologie günstiger wurde. Deswegen ist es derzeit so teuer in alternative Reaktormodelle zu investieren.

    Nette Propaganda, aber die gesamte Infrastruktur für die Atomkraft gibt es nur aus militärischen Gründen...wer die Märchengeschichten der Atomlobby verbreitet setzt sich daher für militärische Interessen bzw Atomwaffen ein. Zivile privatwirtschaftliche Stromerzeugung hat zu keinem Zeitpunkt Sinn gemacht.


    Zu diesem Ergebnis kommen übrigens nicht nur Umweltorganisationen sondern sogar mittlerweile auch das DIW z.B. :

    In der sich verschärfenden Diskussionen über wirksamen Klimaschutz wird sowohl in Deutschland als auch in Europa und weltweit die Atomkraft als „saubere Energie“ ins Spiel gebracht. Vor diesem Hintergrund analysiert dieser Bericht ihre historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Kosten und Risiken. Die Ergebnisse zeigen, dass Atomkraft aufgrund radioaktiver Strahlung für über eine Millionen Jahre mitnichten als „sauber“ bezeichnet werden kann, sondern für Mensch und Umwelt gefährlich ist. Zudem fallen hohe Risiken bezüglich Proliferation an. Eine empirische Erhebung aller jemals gebauten 674 Atomkraftwerke zeigt, dass privatwirtschaftliche Motive von Anfang an keine Rolle gespielt haben, sondern militärische Interessen. Selbst bei Vernachlässigung der Kosten für den Rückbau der Atomkraftwerke und die langfristige Lagerung des Atommülls wären rein privatwirtschaftliche Investitionen in Atomkraftwerke mit hohen Verlusten verbunden – im Durchschnitt knapp fünf Milliarden Euro pro Kraftwerk, wie eine betriebswirtschaftliche Simulation zeigt. In Ländern, in denen noch Atomkraftwerke gebaut werden, wie etwa China und Russland, spielen private Investitionen auch keine Rolle. Atomkraft ist zu teuer und gefährlich und daher keine Option für eine klimafreundliche Energieversorgung

  • ...wobei das DIW schon dazu hätte schreiben können, dass von dem vielen Steuergeld, das die Staaten in den Aufbau der "zivilen" Atomkraft investiert haben - wie auch bei der konventionellen Waffenentwicklung - ein ordentlicher Batzen dennoch bei privaten Energiekonzernen und Kraftwerksherstellern gelandet ist.

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