Klimawandel [Sammelthread]

  • Gemeint ist ZUSÄTZLICH. Gas ist freilich 2050 noch voll drinn.




    ...finde den Ausbaupfad bis 2030 ja schon äußerst spektakulär. Meiner Ansicht nach wird das noch um einiges schlechter laufen als die Impfkampagne, wenn man mal bedenkt, wieviel Windkraftprojekte derzeit so umgesetzt werden... (1,4 GW letztes Jahr bei 3.000 Vh sind das stolze 4,2 TWh) Man schaue auf die Grafik und beurteile selber wie realistisch das alles ist... oder man nimmt einfach mal aktuelle Charts.



    Quellen:


    https://nkro22cl16pbxzrpzy39be…excerpt_120321-002-CO.pdf


    https://www.agora-energiewende…on/21.03.2021/24.03.2021/

  • Wenn bis Ende 2022 12GW vom Netz gehen und keine Speicher in gleichem Umfang existieren.... wird es bei Dunkelflauten eben mit Sicherheit Importe geben.

    Wir haben insgesamt etwas über 217GW Generatorleistung am Netz, hier mal eine halbwegs aktuelle Übersicht...

    gusjhh.jpg

    ...wenn wir davon Solar und Wind onshore+offshore - zusammen etwa 117GW - abziehen bleiben noch etwa 100GW über.

    Bis Ende 2022 gehen dann noch 8GW wegen dem Atomausstieg vom Netz, bleiben noch 92GW.

    Durch den Kohleausstieg gehen bis Ende 2022 etwa 2,5GW Braunkohle vom Netz, bleiben also nicht ganz 90GW. Bevor jetzt die Frage kommt was mit der Steinkohle ist, die wird zwar auch abgeschaltet, bleibt aber (zumindest teilweise) in sogenannter Sicherheitsbereitschaft, die Leistung ist also rein technisch verfügbar, ähnlich ist es übrigens bei einigen Braunkohlekraftwerken die in der Vergangenheit abgeschaltet wurden.

    Von den 90GW müssen wir dann ehrlicherweise nochmal 5GW abziehen weil Biomasse und Wasserkraft zwar in Grundlast laufen, aber nicht mit voller Generatorleistung.


    Bleiben also etwa 85GW an "konventioneller" Leistung über. Ich habe gerade mal die ersten 12 Wochen von 2021 durchgesucht und maximale Stromerzeugungsspitzen von 80-85GW gefunden, also selbst ohne PV+WInd immernoch innerhalb der rein technisch verfügbaren Leistung, wenn auch schon knapp.

    Und da ist der Export schon dabei, wenn man nur den Verbrauch für Deutschland haben will kann man von 80-85GW noch mal etwas abziehen und liegt dann eher so bei maximal 75-80GW Spitzenverbrauch für DE. Und ein paar GW liefern die PV und WKA Anlagen zur Tagesmitte (wenn die Spitzen auftreten) auch immer, selbst unter schlechten Bedingungen sind trotzdem noch ein paar GW da welche zusätzlich als Puffer dienen. Kurzfristig sehe ich da kein Drama.


    Langfristig sollten wir aber tatsächlich langsam etwas mehr Leistung installieren, wegen der Reaktionszeit für die Rampen der EE machen da auch nur Gasturbinen/Gaskraftwerke Sinn, laut dem Beitrag von Fernbedingung bzw pv-magazine sind 10GW bis 2050 interessanterweise anscheinend schon ausreichend, ich hätte ja wegen mehr Reserve eher 20-25GW zusätzliches Gas Backup eingeplant weil es ja doch schon ein paar GW Kohlekraft sind die da wegfallen.


    Edit: Habe nochmal nachgeguckt wieviele Gaskraftwerke bis 2023 in Planung/in Bau befinden, sollen insgesamt anscheinend etwa 3,5GW werden die auch wieder dazu kommen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/…kraftwerke_in_Deutschland

  • Bitte geh nicht davon aus, dass der konventionelle Kraftwerkspark auf dem Papier auch wirklich so zur Verfügung steht. (Wartungen, Schäden etc.) Ehrlicherweise muss man da grob von 85% ausgehen. Das halte ich schon für „optimistisch“.

    Also ich glaube diesen Studien.

  • Bitte geh nicht davon aus, dass der konventionelle Kraftwerkspark auf dem Papier auch wirklich so zur Verfügung steht. (Wartungen, Schäden etc.) Ehrlicherweise muss man da grob von 85% ausgehen.

    Moment, die Braunkohle z.B. hat alleine 85% Volllaststunden pro Jahr, aber Volllaststunden oder Nutzungszeit/Nutzungsgrad ist halt nicht das gleiche wie die technische Verfügbarkeit, die liegt soweit mir bekannt höher, ich müsste das jetzt auch erst für die jeweiligen Kraftwerke nachgucken, aber ich glaube es waren mind. eher so 90-95% bei den meisten Anlagen, teilweise auch noch höher.


    Die Windkraft (onshore) wird z.B. auch mit einer technischen Verfügbarkeit von 95-98% angegeben. Offshore sind es nur 90% technische Verfügbarkeit, liegt vermutlich daran das die Wartung dort komplizierter ist als an Land und das die Nutzungszeit offshore bei 40% liegt, bei onshore sind es nur 25%. Wobei diese Nutzungszeit halt in Volllaststunden gerechnet wird und die Anlagen realistisch gesehen viel mehr Zeit in Teillast verbringen, ähnlich ist das auch bei anderen Kraftwerken.

    Also ich glaube diesen Studien.

    Ich guck mir die Zahlen lieber selber an, Studien sind halt auch nicht immer neutral und ich bin mir noch nicht sicher was ich davon halten soll was dort verbreitet wird, gerade auch weil Vorhersagen für die (langfristige) Zukunft meiner Erfahrung nach ziemlich problematisch sind, dafür gibt es zu viele unbekannte Faktoren.

  • Moment, die Braunkohle z.B. hat alleine 85% Volllaststunden pro Jahr, aber Volllaststunden oder Nutzungszeit/Nutzungsgrad ist halt nicht das gleiche wie die technische Verfügbarkeit, die liegt soweit mir bekannt höher...

    Braunkohle 2020:

    > 20 GW Leistung / 82 TWh / 4.100Vh


    Steinkohle 2020:

    > 23 GW Leistung / 36 TWh / 1.500Vh


    Kernenergie 2020: 7.600Vh


    Gas 2020: 2.000Vh


    ....


    100% = 8.760Vh

  • Vh bzw Vlh bzw Volllaststunden haben aber wie gesagt nicht wirklich was mit der technischen Verfügbarkeit von Kraftwerken zu tun.


    Vh bzw Vlh ist soweit mir bekannt eher ein theoretischer Wert der einfach die gesamte erzeugte Energiemenge (auch aus Teillast und fast schon Leerlauf) bei theoretisch angenommener maximaler Generatorleistung nennt, daher schrieb ich...

    Die Windkraft (onshore) wird z.B. auch mit einer technischen Verfügbarkeit von 95-98% angegeben. Offshore sind es nur 90% technische Verfügbarkeit...

    ...die Nutzungszeit offshore bei 40% liegt, bei onshore sind es nur 25%.

    Wobei diese Nutzungszeit halt in Volllaststunden gerechnet wird und die Anlagen realistisch gesehen viel mehr Zeit in Teillast verbringen, ähnlich ist das auch bei anderen Kraftwerken.

    Die Vlh bzw Volllaststunden sagen daher nicht wirklich was über die technische Verfügbarkeit des jeweiligen Kraftwerks, darum liegt die technische Verfügbarkeit von Wind onshore wie gesagt auch zwischen 95-98% während gleichzeitig "nur" 25% jahresnutzungszeit in Vlh aka Volllaststunden angegeben ist.

    Wobei bei der Windkraft die tatsächliche Nutzungszeit in Teillast eher so bei 80-90% (bis zu 8000 Stunden Betriebszeit pro Jahr, nur halt öfter auch Teillast mit wenig Leistung) der Jahreszeit liegt.

  • Kritik an Klimastudie: Firmen erkaufen sich Mitsprache

    Die Deutsche Energie-Agentur beteiligt Unternehmen an der Erstellung einer Klimastudie – gegen Geld. Die NGO LobbyControl kritisiert das scharf.


  • Vh bzw Vlh bzw Volllaststunden haben aber wie gesagt nicht wirklich was mit der technischen Verfügbarkeit von Kraftwerken zu tun.

    Erst argumentierst Du damit, dann ist es wieder egal. Es ist klar definiert was Volllaststunden bedeuten.


    Es ist jetzt nur schwer rauszufinden wieviel Leistung wirklich ständig zur Verfügung steht. Rückblickend auf einzelne Zeitscheiben übertragen ist das Rätselraten. Volllaststunden können Anhaltspunkte liefern, mehr aber auch nicht. Im Agorameter könnte man sich extrem teure Stunden raussuchen. Da läuft in der Regel alles, was laufen kann und man sollte so auf die zu dem Zeitpunkt verfügbare Spitzenlast kommen. Im besten Fall sucht man sich zudem teure Stunden, in denen importiert werden musste. Auch wenn man hier noch argumentieren kann, dass Reserveleistung hinzuzufügen wäre.


    Nach den Zahlen, die ich kenne, gehe ich von round about 65 -70GW aus, Mit Reserve sind es meinetwegen auch 80GW. Mehr sicherlich nicht. Davon fallen jetzt ungefähr 10GW weg. (Kernkraft geht nicht Reserve) Bleiben also 55-70GW. Spitzenverbrauch liegt bei 80GW und in den allermeisten Fällen kommen ja auch die restlichen Strommengen aus den erneuerbaren. Ja, wir waren etwas überdimensioniert, aber nur bis hierhin.


    [Vh] ist übrigens eine Abkürzung, die in der Literatur durchaus Verwendung findet; https://www.montelnews.com/de/…-53-erhht--bnetza/1144236

  • Erst argumentierst Du damit, dann ist es wieder egal. Es ist klar definiert was Volllaststunden bedeuten.

    ...

    [Vh] ist übrigens eine Abkürzung, die in der Literatur durchaus Verwendung findet;

    Es ging mir zu keinem Zeitpunkt um Vh/Vlh/Volllaststunden sondern es ging mir darum das sowohl die Nutzungsdauer als auch die technische Verfügbarkeit der ganzen Kraftwerke in den meisten Fällen deutlich höher ist als die Anzahl der Volllaststunden, deine 85% halte ich für übertrieben weil die meisten Kraftwerke keine 15% der Jahreszeit in Wartung verbringen, wenn es 5-10% der Zeit sein würde ist das mMn schon viel, meist ist sogar noch weniger.


    Aber mal angenommen du hättest Recht, selbst wenn das so sein sollte muss das kein Problem sein, so ein 15% Zeitraum für Wartung kann in den meisten Fällen auch einfach dahin geschoben werden wo es technisch machbar ist, also vorallem im Sommer (wird auch jetzt schon öfter so gemacht) wenn der Bedarf generell niedriger ist und die PV mittlerweile fast jeden Tag zuverlässig 15-20GW aufwärts zur Mittagsspitze liefert.

    Daher finde ich das man noch nicht so eine Panik vom Import und Blackout verbreiten muss...man sollte lieber Panik wegen dem Klimawandel und dem nicht ausreichenden Ausbau von PV und Windkraft haben, da wären wir dann auch wieder näher am Thema.

  • Sechs Kinder und Jugendliche aus Portugal verklagen 33 europäische Staaten vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf mehr Klimaschutz - bislang mit erstaunlichem Erfolg.


    [...] Das Engagement der Kinder und Jugendlichen geht auf ein heftiges Feuer im Sommer 2017 zurück, das ihre Heimatregion in Asche verwandelte. 65 Menschen verbrannten oder starben an einer Rauchvergiftung, etwa 200 Menschen wurden teils schwer verletzt.


    [...] Die jungen Leute berufen sich in der Anklageschrift darauf, dass die Feuerkatastrophen eine direkte Folge der globalen Erwärmung seien. Sie beschreiben, wie Brände und Hitze ihre Gesundheit beeinträchtigten, Schlafstörungen, Allergien und Atembeschwerden auslösten. Sie hätten kaum mehr einer körperlichen Tätigkeit im Freien nachgehen können, teilweise wären ihre Schulen geschlossen worden.


    [...] Die Klage zielt auf die Artikel 2 und 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention ab, das Recht auf Leben und das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens. Deshalb müssten die beklagten Staaten ihre Verpflichtungen im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens einhalten, mit dem Ziel, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten.


    [...] Denn eigentlich müssen Kläger erst den nationalen Gerichtsweg durchlaufen, bevor sie nach Straßburg dürfen. Zudem haben die dortigen Richter so viel zu tun, dass Klagen oft jahrelang in der Schublade schlummern. Doch es kam anders.

    Die Richter in Straßburg erklärten, es sei den Klägern nicht zuzumuten, erst in 33 Ländern den Rechtsweg zu gehen. Sie räumten dem Sachverhalt eine erhöhte Dringlichkeit ein. Nach nur etwas mehr als zwei Monaten forderten sie im vergangenen November die Staaten auf, Stellung zu nehmen. Darunter die gesamte EU, aber auch Russland und die Türkei. Für die Bundesregierung hat das Justizministerium den Fall übernommen. Den Antrag aller Staaten gegen den Status der Dringlichkeit wies das Gericht zurück und gewährte nur einen Fristaufschub bis zum 27. Mai 2021.


    [...]Die Richter seien geschockt von den Fakten, einen offensichtlicheren Verstoß gegen die Menschenrechte könne es gar nicht geben.


    aus: https://www.sueddeutsche.de/po…gendliche-klage-1.5245950

  • Das ist ja sehr schön.

    Aber ehrlich frage ich mich,wie man von den Fakten geschockt sein kann.

    Ich könnte böse Witz machen über Wien und Richter im Keller..

    Aber immerhin wo auch immer sie die letzten Jahrzehnte waren- wenigstens sind sie JETZT geschockt.

    Und hoffentlich bleibt es nicht bei schockiert sein und lauwarmen Worten.

  • Seeeehr langer Artikel:

    Green Capitalism: The God That Failed

    In what scientists have called “The Great Acceleration,” the engine of global capitalist economic development since 1950 has now engulfed nearly the whole world and accelerated at an ever-faster speed, overwhelming our small blue planet’s finite natural resources and limited ability to withstand pollution in a last great fire sale of global upper and middle-class overconsumption. Yet the powers that be, governments and their corporate masters, tell us that growth and consumption must grow even faster if we want to keep our jobs, but “not to worry” because their “green jobs,” “carbon taxes” and the like will brake the slide to ecological collapse. This article, originally published January 9, 2014, shows why this patently phony delusion is, nonetheless, so attractive, and why “green capitalism” is a plan for the collapse of civilization and global ecological suicide.


    The results are in: No amount of “green capitalism” will be able to ensure the profound changes we must urgently make to prevent the collapse of civilization from the catastrophic impacts of global warming.


    II. DELUSIONS OF “NATURAL CAPITALISM”

    Paul Hawken was right: We need a “restorative economy,” an economy that lives within nature’s limits, that minimizes and even eliminates waste from production, and so on. But he was completely wrong to imagine that we could ever get this under capitalism.

    In what follows I am going to explain why this is so and, in conclusion, state what I think are the implications of this critique. To start with, I’m going to state five theses about green capitalism and then develop these arguments in the rest of this article.

    1. First, the project of “sustainable” “green” capitalism was misconceived and doomed from the start because maximizing profit and saving the planet are inherently in conflict and cannot be systematically aligned even if, here and there, they might coincide for a moment. That’s because, under capitalism, CEOs and corporate boards are not responsible to society; they’re responsible to private owners and shareholders. CEOs might embrace environmentalism so long as this also increases profits, but they’re not free to subordinate profit maximizing to saving the world – because to do so would be to risk shareholder flight or worse. I claim that profit-maximization is an iron rule of capitalism, a rule that trumps all else and sets the possibilities and limits of ecological reform – and not the other way around, as green capitalism theorists suppose.
    2. Second, no capitalist government on Earth can impose “green taxes” that would drive the coal industry or any other industry out of business, or even force major retrenchments by suppressing production because, among other important reasons, given capitalism, this would just provoke recession and mass unemployment – if not worse. This means the carbon tax strategy to stop global warming is a non-starter. Without green taxes, the entire green capitalist project collapses.
    3. Third, green capitalism enthusiasts vastly underestimate the gravity, scope and speed of the global ecological collapse we face and thus unrealistically imagine that growth can continue forever if we just tweak the incentives and penalties a bit here and there with green taxes and such. But the capitalist market system is inherently eco-suicidal. Endless growth can end only in catastrophic eco-collapse. No amount of tinkering can alter the market system’s suicidal trajectory. Therefore, like it or not, humanity has no choice but to try to find a way to replace capitalism with some kind of post-capitalist ecologically sustainable economy.
    4. Fourth, green capitalism theorists grossly overestimate the potential of “clean green” production and “dematerializing” the economy, whereas, in reality, much if not most, of the economy – from resource extraction like mining and drilling to metals smelting and chemicals production – as well as most manufacturing and many services cannot be greened in any meaningful sense at all. This means that the only way to reduce greenhouse gas emissions by the 80 percent that scientists say we need to do to save the humans, is to enforce a drastic contraction of production in the industrialized countries, especially in the most polluting and wasteful sectors. Most industries will have to be sharply retrenched. Some, the very worst polluting and wasteful, will have to be closed entirely. Because, under capitalism, industries can’t be expected to voluntarily commit economic suicide, even to save the humans, the only way to carry out these necessary contractions and closures is to nationalize industry and socialize the losses, redeploy labor to sectors society does actually need to develop, like renewable energy, public transit, decent housing for all and so on and shorten the working day to spread the remaining work around.
    5. Fifth, consumerism and overconsumption are not “dispensable” and cannot be exorcised because they’re not just “cultural” or “habitual.” They are built into capitalism and indispensable for the day-to-day reproduction of corporate producers in a competitive market system in which capitalists, workers, consumers and governments alike are dependent upon an endless cycle of perpetually increasing consumption to maintain profits, jobs and tax revenues. We can’t shop our way to sustainability because the problems we face cannot be solved by individual choices in the marketplace. The global ecological crisis we face cannot be solved by even the largest individual companies. Problems such as global warming, overfishing and ocean chemistry are beyond the scope of nation states. They require national and international economic planning. That requires collective bottom-up democratic control over the entire world economy. And because global economic democracy could thrive only in the context of rough economic equality, this presupposes a global redistribution of wealth as well. [...]
  • Der Preis des Lebens

    Wie sieht es aus mit der »Harmonie von Ökonomie und Ökologie«? Über die Tücken der kapitalistischen Logik

    Das Lager der Klimaschützer ist gespalten: Die einen machen die kapitalistische Kalkulation mit Ausgaben und Einnahmen für den Klimawandel verantwortlich und fordern »System Change, not Climate Change!«. Die anderen dagegen sehen den Schutz des Klimas im Kapitalismus gut aufgehoben. Für sie ist der Klimawandel keine Folge der Konkurrenz um Profite und Kostensenkung, sondern ein Fall von »Marktversagen«. Um dieses Versagen zu korrigieren, brauche die Natur vor allem eins: einen Preis. Denn verursache die Schädigung der Umwelt erst ausreichend Kosten, so werde ihr Schutz zum betriebswirtschaftlichen Ziel und damit zur Realität. Die über die Bepreisung der Natur angepeilte »Harmonie von Ökonomie und Ökologie« hat allerdings ihre Tücken. Denn sie will sich der kapitalistischen Logik bedienen und lässt sie damit gelten.[...]

    Natürlich bleibt die Frage, ob sich die Vorhersagen von Stern und Sukhdev als zutreffend erweisen – schließlich ist es für Ökonomen schon schwierig, das Wirtschaftswachstum im laufenden Quartal zu prognostizieren. Umso schwerer ist eine Prognose über Jahrzehnte hinweg unter Katastrophenbedingungen. Davon abgesehen jedoch ist die ökonomische Betrachtungsweise bereits folgenreich. In ihr gilt Naturzerstörung zum einen nicht länger als logisches Ergebnis der kapitalistischen Produktion und Kalkulation, sondern als marktwirtschaftlich ineffizient.[...]

    Der Preis der Umwelt soll also ein Wunder vollbringen: Einerseits soll er niedrig genug sein, damit er die Profitkalkulation nicht zerstört oder – wenn er nur national eingeführt wird – den betroffenen Unternehmen Wettbewerbsnachteile gegenüber der Konkurrenz beschert. Andererseits soll er hoch genug sein, um Umweltzerstörung zu verteuern und dadurch die Entwicklung und Anwendung klimafreundlicher Technologie voranzutreiben. Diese Technologie wiederum soll teuer genug sein, um ihren Entwicklern einen Profit zu bescheren und gleichzeitig für ihre Anwender so billig, dass ihr Einsatz unter den Kosten der Umweltbelastung liegt – im Falle des Klimaschutzes unter den Kosten für Treibhausgasemissionen. Und schließlich soll die Technologie auch noch so effizient sein, dass das Verhältnis der Kosten der Umweltbelastung und der Kosten der Technologienutzung zu einer Senkung der Emissionen führt, die den CO2-Zielen entspricht.

    Dass das funktioniert, ist unsicher, eher sogar unwahrscheinlich. Schon weil die Bepreisung der Natur die Entwicklung einer Klimatechnologie rentabel machen soll, die es noch gar nicht gibt. Solange es sie nicht gibt, bleibt der Klimaschutz dem Wirtschaftswachstum untergeordnet. Wenn der deutsche Sachverständigenrat derzeit fordert: »Die enormen Mittel, die für die konjunkturelle Wiederbelebung eingesetzt werden, müssen konsequent an den Zielen des Umweltschutzes ausgerichtet werden«, dann liegt die Priorität auf der »konjunkturellen Wiederbelebung« – und die soll dann halt so »grün« wie möglich sein.

    Die CO2-Steuer erlöst uns nicht

    Kapitalismus - Eine Abgabe als Rettung vor dem bösen Klimawandel? So wird die Umweltkrise als Feind von außen inszeniert. Dabei ruft unser System sie hervor


    [...]Sie soll klimaschädliches Produzieren und Konsumieren teuer machen und dafür sorgen, dass Industrie und Bürger von selber Kohlendioxid reduzieren, während Verbote von Kurzstreckenflügen oder SUVs, der radikale Umbau des Verkehrs- und Energiesektors oder der Landwirtschaft als nicht verhandelbar gelten. Darüber hinaus soll die CO₂-Steuer als Umverteilungmechanismus wirken: Während die Vermögen und Privilegien der Reichen unangetastet bleiben, sollen Ärmere durch eine Art Trickle-down-Effekt von der CO2-Steuer profitieren, indem die Abgabe wieder ausbezahlt wird. Eine seltsame Vorstellung von Gerechtigkeit, schließlich beträgt der CO2-Fußabdruck der Reichen mehr als 130 Tonnen pro Kopf und Jahr. Zehn Mal mehr als der Durchschnittsdeutsche und so viel wie 400 Bangladescher pro Jahr ausstoßen.

    Die Beschränkung auf das Marktinstrument CO2-Steuer setzt am Ende einer langen Kette der Zerstörung an und ist Teil einer Entpolitisierung, wie ihn der belgische Geograf Erik Swyngedouw beschreibt: Der Klimawandel würde als ein Feind von außen inszeniert, der den Kapitalismus bedrohe. „Die Probleme erscheinen deswegen nicht als Ergebnis des Systems, eines Ungleichgewichts von Macht, einflussreichen Netzwerken der Kontrolle, zügelloser Ungerechtigkeit oder von fatalen Fehlern, die diesem System eingeschrieben sind – stattdessen wird ein Außenseiter verantwortlich gemacht.“ Dieser Eindringling könne nur von innen heraus, mit den Mitteln des Kapitalismus, bekämpft werden. „Mit anderen Worten: Wir müssen uns radikal ändern, aber im Rahmen der bestehenden Umstände, sodass sich nichts wirklich ändern muss“, schreibt Swyngedouw. Und CO2 ist die Währung der Green Economy, die suggeriert, dass unser System völlig in Ordnung ist und „Auswüchse“ technologisch in den Griff zu bekommen sind.

    Was BP, Shell & Co. wollen

    Aber wie beim grandios gescheiterten Emissionshandel ist die CO2-Steuer an die Zerstörung von Klima und Umwelt gekoppelt. Die Verschmutzer können sich ihr vermeintliches Recht auf Verschmutzung kaufen. Auch die CO₂-Steuer ist nicht vor dem Einfluss der Industrie gefeit: Die hat ihre Privilegien, die für all die Zerstörung verantwortlich sind, immer ordnungspolitisch durchgesetzt. Würde das Märchen vom freien Markt stimmen, hätten Airlines und fossile Energien kaum eine Chance, sie wären zu teuer. Sie sind groß und mächtig geworden, weil sie subventioniert wurden.

    Sozial- und Umweltverbände fordern gerechte Verteilung der CO2-Kosten im Mietsektor: Weitergabe des CO2-Preises an Mieter sofort unterbinden

    Gemeinsame Pressemeldung vom 15.01.2021


    Mit der Einführung des CO2-Preises zum 1. Januar 2021 werden im Gebäudesektor die Kosten zu 100 Prozent an die Mieterinnen und Mieter durchgereicht. Dadurch verpufft der Effekt der CO2-Bepreisung im Mietwohnbereich völlig. Vermieter werden nicht zum Austausch ihrer Heizanlagen angehalten, da sie die Kosten vollständig umlegen können. Mieterinnen und Mieter stehen trotz Corona-Krise und wirtschaftlicher Folgen vor steigenden Heizkosten, die allein dieses Jahr in einer durchschnittlichen Wohnung bis zu 125 Euro betragen können.

    Die Bundesregierung hatte bereits im 2019 verabschiedeten Klimaschutzprogramm angekündigt, Änderungen im Mietrecht zu prüfen, um die Umlagefähigkeit der CO2-Bepreisung zu begrenzen. Dazu liegen seit September 2020 von den SPD-geführten Bundesministerien für Umwelt, Justiz und Finanzen Vorschläge vor, die vom Koalitionspartner ignoriert wurden. Laut Medienberichten soll jetzt von den beteiligten Ministerien ein Fahrplan erstellt werden, um Lösungen zur Verteilung der CO2-Kosten zu erarbeiten. Dass dabei die Effizienzklassen des Gebäudes stärker berücksichtigt werden sollen, ist zwar grundsätzlich zu begrüßen. Aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit und rechtlichen Belastbarkeit der unterschiedlichen Energieausweis-Typen, ist aber eine praktische und vor allem schnelle Umsetzung dieser Lösung nicht zu erwarten.

    Der Deutsche Mieterbund, der Paritätische Gesamtverband, die Deutsche Umwelthilfe und der Sozialverband Deutschland fordern daher eindringlich eine sozial gerechte und klimapolitisch wirksame Verteilung der Kosten. Die Umlage des CO2-Preises auf Mieterinnen und Mieter, die am 01.01.2021 begonnen hat, muss schnellstmöglich unterbunden werden.[...]


    Aber das hat natürlich alles nichts damit zu tun, dass privatwirtschaftliche Interessen (wie zum Beispiel die der Vermieterverbände, denen dabei eine Milliardenschwere Immobilien- und Investmenlobby mit ihrem privaten Investitionsmonopol für dringend benötigten Wohnraum in Ballungsgebieten hilf- und einflussreich zur Seite steht) bei der politischen Klasse mehr Gehör finden, als Sozialverbände oder linke NGOs, die das mit der "externalisierung" von CO2-Steuern und Emissionszertifikatspreisen auf abhängig beschäftigte oder mietende EndverbraucherInnen nicht so vorteilhaft sehen.


    Das liegt einfach nur daran, dass der Staat zu schwerfällig und bürokratisch ist, und dadurch die unsichtbare Hand immer wieder daran hindert, aus dem Klimaschutz endlich ein besseres Geschäft zu machen, als aus der bisherigen energetischen Umsetzung fossiler Brennstoffe in Wohlstand für Alle™ durch Effizienz, Innovation und quantitatives Wachstum.


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