Populismus - Freund oder Feind der Linken?

  • Na, das nenne ich mal List der Vernunft: Du gibst die Antwort, ohne dass ich auf Deinen Vorschlag hin schon die ‚konkrete‘ Frage gestellt hätte. Hier haben wir, glaube ich, einen guten Ansatz zur Verständigung:

    Ich halte es allerdings ebenfalls für absolut fatal, den Wandel des Bewusstseins zu fordern, ohne dabei Wege aufzuzeigen, die es den Menschen erlauben, verinnerlichte kapitalistische Wertvorstellungen und Lebensentwürfe zu überdenken, ohne dabei ins kalte Wasser gestoßen zu werden, weil Letzteres eigentlich immer zu Schockstarre und radikaler Abwehr führt, die dann entweder mit brutaler Gewalt bekämpft und gebrochen werden müsste, oder zu noch mehr "Rückbesinnung" auf etablierte Traditionen und Denkweisen, und damit zum endgültigen Sieg der Reaktionäre führen würde."

    An dieser Stelle muss ich an meinen Sohn Theo denken. Er führt, wenn ich behaupte, ohne die Abschaffung des Kapitalismus werde es wohl kein Umdenken geben können, gern Daryl Davis an, der durch freundliches Auftreten bewirkt hat, dass der Ku Klux Klan in Maryland sich aufgelöst hat. Ich fürchte nur, Davis ist eine Erscheinungsform des zweiköpfigen Kalbes: Es ist nicht unmöglich, aber es ist sehr, sehr selten.


    Selbstverständlich hast Du Recht: Tische einem AfD-Wähler auf, er sei ein rettungslos verblödetes Subjekt der Verhältnisse, und er wird Dir keinen Kuchen anbieten, höchstens einen Baseball-Schläger (was heißt Baseball eigentlich auf Deutsch: Stützpunktball?).

    Und hier erst scheiden sich unsere Geister. (Den Einwurf von JonnyBadFox, Du wollest den Kapitalismus nicht abschaffen, nehme ich mal als unernsten Beitrag in einem Forum, in dem sich einige offenbar schon sehr lange kennen und Codes benutzen, die ich (noch) nicht verstehen kann.) Es ist meiner Ansicht nach eine grundsätzliche Frage, die sich in der um die Forderung nach offenen Grenzen zeigt:


    Ist es besser, auf die AfDler zuzugehen, indem man ihnen etwas von ihrem Wahn zugibt, oder ist es besser, bei der Wahrheit zu bleiben und sie kommen zu lassen?


    Du sprichst Dich mit De Masi und Wagenknecht zusammen für die erste Antwort aus. Und mir scheint, diese Antwort krankt an zweierlei:


    Erstens missachtet sie die bei AfDlern zu unterstellende Psychodynamik. In #53 habe ich versucht, die Untauglichkeit des Mittels der Verstellung gegenüber AfDlern, zu deren Ideologie es gehört, Linke für Lügner zu halten, zu zeigen: Wer die Neurose/Psychose bestätigt, wird zu ihrer Auflösung nicht beitragen. In #59 ging es mir darum, dass Deine Antwort dazu tendieren lässt, die Lüge, die man aussprechen zu müssen glaubt, um Zugang zu den AfDlern zu finden, zur Wahrheit umzudeuten. Die „Wortklauberei“ sollte das belegen.

    Nehmen wir nochmal eine andere Perspektive ein: Die Angst vor Flüchtenden wird nicht dadurch besänftigt, dass die Grenzen geschlossen werden. Die Angst vor Flüchtenden hat doch im Grunde mit Flüchtenden so wenig zu tun wie der Antisemitismus mit Juden. Die Angst, die solchen neurotischen oder psychotischen Ängsten zugrunde liegt, ist eher als die Angst der Alleingelassenen, Verächtlichen, Unterdrückten unter kapitalistischen Verhältnissen zu verstehen, deren wahrer Grund nur mit der Abschaffung ihrer Ursache, des Kapitalismus, verschwinden kann. (Wurzel des Problems ist übrigens nicht erst die Ideologie von Wohlstand und Freiheit, sondern schon das Tauschprinzip selbst. Dieses macht bereits die Menschen unglücklich, schlägt sie mit Traumata, deren Ursachen sie nicht sehen können.) Deshalb geht das Zugeständnis geschlossener Grenzen an den Ängsten der AfDler vorbei. Wir wissen doch: Je weniger Ausländer:innen da sind, desto größer die Xenophobie.



    Zweitens scheint die praktische Politik, die aus Deiner Antwort folgt, bereits oftmals gescheitert zu sein. Wenn Du meine Identifizierung des ‚linken Populismus‘ in der eingangs gestellten Frage mit der seit langem sattsam bekannten ‚Realpolitik‘ (Von Ebert bis Fischer) nicht mitmachen willst; wie beurteilst Du die Versuche der CDU/CSU, AfD-Abtrünnige mit AfD-Politik wiederzugewinnen? Die sind doch klar gescheitert, oder nicht (Siehe Kling: Originalmarkenkacke)? Um wieviel weniger können Linke, die im Feindbild der AfD gleich neben den Flüchtenden stehen, auf diesem Weg erfolgreich sein?



    Zusammenfassend möchte ich als gebranntes Kind betonen, dass ich weder die AfDler noch Wagenknecht oder De Masi, und ganz sicher nicht Dich für rettungslos verloren und verächtlich halte, weil ich das Fallenlassen der Forderung nach offenen Grenzen falsch und sogar schädlich finde.


    Meiner Ansicht nach gibt es keinen anderen gangbaren Weg, als die Kranken kommen zu lassen. Es gibt Neurotiker:innen und sogar Psychotiker:innen, die bei entsprechendem Leidensdruck Krankheitseinsicht zeigen und Sympathie für eine Therapie entwickeln. Hier wäre mit aller Empathie zu helfen. Angesichts der Übermacht der Verhältnisse ist die Chance winzig klein. Aber mehr haben wir nicht. Leider.


    Und, ebenfalls wiederholt: Zeig mir die Erfolgsaussichten Deiner Antwort, aktuell, aus der Geschichte, als realistischer Entwurf. Wie gesagt, es wäre zu und zu schön (Margarete Kempowski), wenn ich mich täuschen sollte. Sag mir Ort und Zeit, und ich latsche mit auf die Demo. Ich war schon als Teamer auf evangelischen Jugendfreizeiten. Das bedeutet, ich bin mir für nichts zu schade.

  • Bei dem Thema Geflüchtet -wenn ich mit AfD Wählern rede

    Versuche ich dazu erstmal gar nur zu sagen.

    Sondern darauf hinzuweisen, wie wir diese Länder ausbeuten.

    Das Beispiel mit unsren subventionierten Hühnern,wo die Teile,für die unser mitteleuropäischer Luxusgaumen zu verwöhnt ist werden exportiert- die Landwirtschaft dOrt kaputt gemacht...

    Da gibt es ja x Beispiele.

    Die Geflüchtet en sind ha nur das sichtbare Symptom der Ausbeutung / des Kapitalismus.

    Es bringt nix -weder in realer Politik noch im Gespräch mit AFD Wählern einfach zu sagen "lasst sie alle herkommen"

    (Das bezüglich Armutsflüchtlungen..Asylrecht ist wieder was anderes)


    Das sieht jeder ein.

    Und kaum einer findet das richtig und gut.

    Also wie gesagt-das ist meine Taktik ...Die Frage erstmal gar nicht zu beantworten sondern einen Bogen zu den Ursachen zu schlagen.

  • wie beurteilst Du die Versuche der CDU/CSU, AfD-Abtrünnige mit AfD-Politik wiederzugewinnen?

    Okay. Das ist ja mal eine konkrete Frage.


    Kurz beantwortet: Ich beurteile das Gebahren der Unionsparteien als pure Heuchelei und als das sprichwörtliche gießen des Benzins ins Feuer.


    Etwas länger beantwortet sage ich dazu, dass die AfD hauptsächlich von neoklassichen Ökonomen und Ex-Mitgliedern konservativer und "liberaler" "Altparteien" gegründet wurde, deren anfänglicher Schwerpunkt gar nicht die sogenannte "Flüchtlingskrise" war, weil die zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht stattgefunden hatte, sondern die sogenannte "Euro-" bzw. "Staatschuldenkrise", die eigentlich eine Fortsetzung der Finanzkrise von 2008/9 war, sowie das in deren Zuge veranstaltete Schmierentheater um die sogenannte "Rettung" Griechenlands, welche eigentlich eine Rettung hauptsächlich französischer und deutscher Banken war, die sich zuvor mit hochverzinsten griechischen Staatsanleihen verspekuliert hatten, und nun ihre Brüsseler, Berliner und Frankfurter Lobbyapparate erfolgreich darauf angesetzt hatten, diese Sozialisierung ihrer Verluste in einer Beispiellosen Verdrehung der historischen und volkswirtschaftlichen Tatsachen den Griechen und anderen angeblich zu lange "über ihre Verhältnisse" lebenden Ausländern in die Schuhe zu schieben, welchen man jetzt - leider, leider - strenge "Hausaufgaben" zur Auflage dafür machen müsse, dass deutsche und andere europäische Leistungsträger ihnen den Schaden ihres bisherigen Schlendrians mit ihren hart erarbeiteten Steuergeldern reparierten.


    Geschürt wurde dieses, völlig an der Realität vorbei konstruierte Narrativ aber Hauptsächlich nicht vom kauzigen Professor Lucke und seiner kleinen Kamarilla aus national-neoliberalen und marktradikalen Kapitalverstehern, sondern unter anderem von lupenreinen Demokraten wie dem damaligen Bundesfinanzminister Schäuble, seinen Amtskollegen aus anderen Exportüberschussländern, diversen EntscheiderInnen und hochrangigen Verwaltungsfunktionären aus der EU-Kommission, und ganz besonders leidenschaftlich von einem Großteil der deutschen Medien - allen voran den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.


    Als dann die sogenannte "Flüchtlingskrise" wie eine "Flut" über den armen deutschen Steuerzahler herein brach, war es unter anderem unser zukünftiger Kanzlerpräsident, der absolut gewissenlose politische Opportunist M. Söder, der sich in seiner damaligen - mit der eigentlichen Thematik überhaupt nicht befassten - Funktion als bayerischer Finanzminister nicht entblödete, durch sämtliche TV-Talkshows zu tingeln und in jedes Kameramikro das ihm vor seine bräsige Fresse gehalten wurde, hinein zu blöken, dass die innere Sicherheit nun die größte Sorge der deutschen Bevölkerung sei.


    Was ich mit dieser schon wieder viel zu langen Ausführung sagen will, ist zum einen, dass die AfD ein absolutes Gewächs herrschender Verhältnisse ist, welche schon lange vor ihrem Kometenhaften Aufstieg in die Bundespolitik bestanden, und dass sie von genau den "Altparteien" und ihren diversen Kopftuchdebatten, "Kinder statt Inder"-, oder "Das Boot ist voll!" Kampagnen vergangener Wahlkämpfe heran gezüchtet wurde, die sich jetzt verzweifelt von ihr zu distanzieren suchen, indem sie sich selbst als aufrechte DemokratInnen inszenieren, und damit natürlich erst recht all jene WählerInnen gegen sich aufbringen, die ihnen zuvor noch in den rechtspopulistischen Abgrund gefolgt waren, und sich dort dann von ihnen verlassen fühlten, als Merkel den fürchetrlichen "Verrat" beging, die Grenzen einfach nicht mit Waffengewalt noch dichter zu machen , als sie es - nach mehreren deutschen, und auf deutsches Betreiben hin durchgesetzten europäischen Asylrechts-"Reformen" - ohnehin schon waren.


    Um wieviel weniger können Linke, die im Feindbild der AfD gleich neben den Flüchtenden stehen, auf diesem Weg erfolgreich sein?

    Und dieser Satz mit Fragezeichen dahinter ist dann halt leider schon wieder gar keine Frage sondern eigentlich eine Unterstellung.


    Ich beantworte sie trotzdem so: Natürlich können Linke auf diesem Weg nicht erfolgreich sein.


    Das Problem hierbei ist, dass Du - und die identitären Linken in der Partei - davon ausgehen, dass dieser Weg des Bekämpfens von Rechtspopulismus mit Rechtspopulismus die einzige Alternative zu ihrer eigenen absoluten Forderung nach offenen Grenzen für alle, und dass zwischen diesen beiden Extrempositionen keine andere Haltung möglich - oder jedenfalls für Linke nicht tolerierbar - sei.


    Zur Frage nach der praktischen Anwendung linkspopulistischer Politik würde mir tatsächlich die Berliner Wohnungspolitik und der MieterInnen-Aktivismus einfallen. Aber ich habe jetzt gerade keine Zeit dazu, das weiter auszuführen.

  • Was ich mit dieser schoin wieder viel zu langen Ausführung sagen will, ist

    mir schon bekannt gewesen. Und ich ahnte auch schon, dass wir uns da im Wesentlichen einig sein dürften. Wenn Du Dir die Freiheit nimmst, den Absatz, dem Du meine Frage entnommen hast, von Beginn zu lesen, wird Dir auffallen, dass ich mich nach Deinem Urteil zur Politik der CDU/CSU hinsichtlich der Grundfrage, die ich etwas weiter oben fett markiert hatte, erkundigen wollte.


    Ich fragte: "Um wieviel weniger können Linke, die im Feindbild der AfD gleich neben den Flüchtenden stehen, auf diesem Weg erfolgreich sein?" Du antwortest:

    Natürlich können Linke auf diesem Weg nicht erfolgreich sein.


    Das Problem hierbei ist, dass Du - und die identitären Linken in der Partei - davon ausgehen, dass dieser Weg des Bekämpfens von Rechtspopulismus mit Rechtspopulismus die einzige Alternative zu ihrer eigenen absoluten Forderung nach offenen Grenzen für alle, und dass ziwschen diesen beiden Extrempositionen keine andere Haltung möglich - oder jedenfalls für Linke nicht tolerierbar - sei.

    Zunächst habe ich gedacht – Moment, ich muss erstmal wieder aus dem Topf mit den identitären Linken aussteigen; immer wieder klettere ich hinaus, immer wieder werde ich hineingesteckt; scheint mein Schicksal zu sein – so, besser. Also, zunächst habe ich gedacht, jetzt habest Du endlich zugegeben, dass die Kulanz gegenüber AfDlern, die Forderung nach offenen Grenzen fallenzulassen, falsch ist, weil Du Dich ja gegen Rechtspopulismus gegen Rechtspopulismus aussprichst. Aber da täusche ich mich wohl, denn Du wendest Dich gleich anschließend doch wieder gegen die "Extremposition" Forderung nach offenen Grenzen.

    Aber da stimmt doch etwas nicht, oder? Da knirscht es in der Argumentation, nicht wahr? Ich glaube, es ist Folgendes: Die Aufgabe der Forderung nach offenen Grenzen aus Rücksicht auf die Gefühlslage der AfDler ist schon der Rechtspopulismus, mit dem man dem Rechtspopulismus beikommen will, auch wenn man jenen Linkspopulismus nennt. Und zum Fallenlassen der Forderung nach offenen Grenzen gibt es nun mal nur eine Alternative: eben diese Forderung zu erheben. Tertium non datur, würde ich mal sagen: Ein Ball ist entweder blau oder nicht blau. Da kann es keine andere Haltung geben. Außer kleinkariert.

    Dass man unabhängig von der Frage nach offenen Grenzen hilfreiche Politik machen kann und sollte, ist, wie immer, unbestritten. Sobald man aber die Forderung nach offenen Grenzen fallen lässt, um den AfDlern zu gefallen, ist man automatisch Populist, auch wenn einem Namen und Begriff nicht gefallen.

  • Sobald man aber die Forderung nach offenen Grenzen fallen lässt, um den AfDlern zu gefallen, ist man automatisch Populist, auch wenn einem Namen und Begriff nicht gefallen.

    Was ist wenn jemand, sagen wir mal ich, gegen eine generelle Öffnung der Grenzen ist, unabhängig von der Position der AfD, bin ich dann auch Rechtspopulist?

  • Nein, kann ja zum Beispiel sein, Du bist gegen die Öffnung der Grenzen, weil Du gar keine Grenzen willst. Oder Du hast ein mir unbekanntes, gutes Argument dafür. Mir geht es hier tatsächlich nur um die Gretchenfrage für die Linke: Ist es harmlos oder sogar taktisch geboten, die Forderung nach Grenzöffnung fallen zu lassen, um Rechte zurückzugewinnen, wissend, dass eigentlich die Grenzen offen sein sollten.

  • Aber da täusche ich mich wohl, denn Du wendest Dich gleich anschließend doch wieder gegen die "Extremposition" Forderung nach offenen Grenzen.

    Aber da stimmt doch etwas nicht, oder? Da knirscht es in der Argumentation, nicht wahr?


    Also dann schreibe ich jetzt einfach mal folgendes.


    Ich persönlich - also der mittelalte, weiße Mann, der sich hier hinter dem roten Affen Primaten-Avatar versteckt - bin absolut dafür, die Grenzen nicht vor all jenen zu veschliessen, die aus der Not in ihren ökomonisch armen, von Hungersnöten, Kriegen, Natur- und Klimakatastrophen und von wirtschaftlichem Imperialismus durch - unter anderem - mein Herkunftsland und zu - unter anderen - auch meinen eigenen Gunsten als Konsument billiger Nahrungsmittel, Kleidung, Technologie etc. - geplagten Herkunftsländern dort hin fliehen, wo die Bomben hergestellt werden, die ihre Städte zerstören und wo das Geld hinfliesst, das mit ihrer Ausbeutung verdient wird.


    Es ist für mich aus meiner eigenen moralischen Perspektive betrachtet absolut klar und nicht bestreitbar, dass es mir nicht zusteht, diesen Geflüchteten und allen die noch flüchten werden die Sicherheit und den materiellen Wohlstand zu verweigern, die ich selbst durch das reine Glück meiner Geburt als deutscher Staatsbürger hier geniesse. Ich persönlich halte jede Haltung die sich auf die Verneinung dieses unbestreitbaren Missverhältnisses gründet für falsch und für eine Verleugnung der Realität.


    Meine Kritik an den identitären Linken, mit denen ich Dich nur deshalb in einen Sack stecke, obwohl Du immer wieder betonst, dass Du da gar nicht hinein gehörst, weil Du Dir in dieser Frage ihren Absolutheitsanspruch zu eigen machst, besteht nicht darin, dass ich die idee einer offenen Gesellschaft für alle Menschen für falsch hielte, sondern darin, dass ich eine Politik, die sich nur noch von moralischen Kategorien leiten lässt für absolut ungeeignet halte, eine solche Gesellschaft jemals herbei zu führen, weil diese moralische Erhöhung des eigenen Standpunktes automatisch all jene die ihn nicht teilen erniedrigt, ausschliesst und ihnen die Grenzen des Denkbaren vor der Nase zu schlägt.


    Die verabsolutierte Forderung nach offenen Grenzen steht damit im Widerspruch zu der Ausgrenzung Andersdenkender die sie selbst praktiziert. Die Offenheit die man vom Rest der Gesellschaft fordert, verweigert man ihr damit gleichzeitig dort wo sie der eigenen Haltung nicht folgt. Das ganze verkommt damit zu einer reinen Frage der "richtigen" Ideologie. Die eigene Überzeugung wird in den Stand eines unumstösslichen Dogmas erhoben. Die Ablehnung der Häretiker erklärt sich tautologisch daraus, dass sie mit den Maßstäben der eigenen Moral gemessen unmoralische Unmenschen sind.


    Meine eigene Überzeugung kann ich bis zum Erbrechen in endlosen Diskussionen verteidigen und hochmütig darauf bestehen, dass alle die sie nicht teilen Vollidioten oder feindliche Ideologen seien. Das interessiert im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang kein Schwein.

    Aber in dem Moment wo ich nicht mehr meine persönliche Haltung vertrete, sondern für eine Gruppe spreche, die einen Anspruch auf Gesellschaftlichen Einfluss erhebt und sich dabei auch noch darauf beruft, die Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung zu befreien und für eine neue, bessere Welt zu kämpfen, welche zum Grundsatz haben soll, dass die bürgerliche Gesellschaft und ihre Klassengegensätze gegen eine Assoziation ausgetauscht wird...:


    [...] worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist,...


    ...dann mache ich mich unglaubwürdig, wenn ich all jene die sich nicht bereits in die von mir und meiner Gruppe gewünschte, oder gar in eine gänzlich andere Richtung entwickelt haben, kategorisch davon ausschliesse, und ihnen jede Chance darauf verweigere, sich in die "richtige" Richtung zu entwickeln.


    Ich weiß dass das schwer ist. Ich habe auch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel und ich bin in Verhältnissen aufgewachsen, und ihnen so bald ich konnte entflohen, die sich absolut nicht in die von mir gewünschte Richtung entwickeln.

    Aber wenn ich als Linker nicht mehr daran glauben würde, dass linke Argumente letztendlich die besseren sind, weil sie eigentlich auch ohne ideologische oder moralische Verabsolutierung Sinn ergeben, wenn man anderen Menschen die Möglichkeit dazu gibt, sie nachzuvollziehen und sie ihnen nicht oktroyiert wie ein religiöses Dogma, dann bin ich kein Linker mehr sondern einfach nur noch ein zynischer Nihilist.


    Besser kann ich das jetzt nicht erklären.

  • weil Du Dir in dieser Frage ihren Absolutheitsanspruch zu eigen machst, besteht nicht darin, dass ich die idee einer offenen Gesellschaft für alle Menschen für falsch hielte, sondern darin, dass ich eine Politik, die sich nur noch von moralischen Kategorien leiten lässt für absolut ungeeignet halte, eine solche Gesellschaft jemals herbei zu führen, weil diese moralische Erhöhung des eigenen Standpunktes automatisch all jene die ihn nicht teilen erniedrigt, ausschliesst und ihnen die Grenzen des Denkbaren vor der Nase zu schlägt.

    Ich denke wir können uns alle darauf einige, dass kaum jemand sich "nur (!) noch von moralischen Kategorien leiten lässt", trotzdem ist das irgendwie immer wieder der Vorwurf an diejenigen die sich gegen einen Populismus aussprechen. Was sie dann auf eine Stufe stellt mit den spalterischen Identitätsverfechtern, ob sie sich diese Politik zu eigen machen oder nicht.


    Nicht verstehen kann ich das gleichzeitige einfordern eines Populismus bei der vehementen Ablehnung von Moral als poilitsche Kategorie. Gerade die Moral ist doch ein ganz wesentlicher Bestandteil von Populismus. Oder besser Moralisierung, denn was moralisch ist liegt ja am Ende im Auge des Betrachters.

    Im Trump Populismus ist der Besitz von Waffen und America First zum Beispiel problemlos und gut mit den Moralvorstellungen der Anhänger zu vereinen. Die Weisheit der kleinen Leute unterscheidet sich dort ganz deutlich von dem was wir hier den kleinen Leuten gerne als Weisheit andichten wollen.


    Wie soll ein linker Populismus als Antwort auf die vermeintliche Moralfixierung der heutigen gesellschaftlichen Linken funtionieren, wenn er sich nicht linker Moralvorstellungen bedienen kann, weil diese als Thema verbrannt sind?

  • Sieh an, sieh an, sollte ich tatsächlich auf dem Holzweg gewesen sein? Die Hauptsache für Dich ist das Dogma und die Verdammung der Häretiker, die Deiner Ansicht nach auch bei unserem Thema notwendig mit dem Dogma verbunden sein soll. Und von dort aus kritisierst Du die Forderung nach offenen Grenzen, nicht wegen dessen taktischer Funktion.

    Na, das vereinfacht alles. Die Windmühlen, gegen die ich offenbar ritt, zeigten aus meiner Sicht einen fatalen Irrtum. Das, was ich jetzt endlich, danke für Deine Beharrlichkeit, hoffentlich, verstanden habe, ist in meinen Augen: logischer Mumpitz. Was Du mit obigem Beitrag behauptest, ist, um das Beiwerk verkürzt und gleichnamig gemacht: Das ideologische Beharren auf Menschlichkeit ist unmenschlich.

    Dogmen sind deshalb abzulehnen, weil sie zu Unterdrückung führen. Das Dogma: Gegen Unterdrückung! ist die Ausnahme. Selbstverständlich ist offen zu diskutieren, was denn human sei und was nicht. Aber moralischen Relativismus zu fordern, ist selbst Ideologie, und zwar zumeist kleinbürgerliche (Siehe De-Sade-Kapitel in der DdA). Moralischer Relativismus ist außerdem reaktionär: 'Jeder soll nach seiner Facon selig werden; also, bis ich ihn einberufe und in irgendeinem Krieg verheize' (Frei nach Fritz zwo).

    Und nein, darum bist Du kein Scheusal. Du hast Dich in meinen Augen nur getäuscht. Mehr Mut, Mann! Sapere Aude! Die Kapitalisten werden mit Gewalt von den Schalthebeln der Macht entfernt werden müssen. Auf der Barrikade aber ist Hadern und Grübeln scheiße. Da sollte man/frau schon entschlossen sein. Sonst übt man Verrat an all denen, die über die Jahrhunderte für die Befreiung der Menschheit ins Gras gebissen haben. Das geht doch nicht.

  • Hier zum Beispiel

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Spätestens bei diesem Appell müssen einem doch die Augen aufgehen, öder nicht?:

    "Das heißt aber auch, dass nicht mehr unbedingt ein moralisches Vorbild ist, wer sich einfach nur maßvoll, ausgleichend, besonnen verhält und einem klassischen Tugendkanon entspricht."

    Wenn das nicht meine Mama war, dann war es wohl Herr Ullrich. Und wenn er schon mal dabei ist, kann er ja auch gleich noch die zeitgenössische Kunst schlachten und dem Röhrenden Hirsch und der sexy Zigeunerin, gerahmt in Eiche-rustikal-Optik, nachtrauern:

    "Es passiert dann Ähnliches wie in der Kunst. Als diese in der Moderne vor allem originell sein sollte, führte das nicht nur zu Regelbrüchen, sondern auch zu unverständlichen Extremen. Dagegen wurden traditionelle Eigenschaften von Kunstwerken, etwa die Schönheit, ausdrücklich abgelehnt."

    Wolfgang Ullrich, ein Name, den man wohl nicht mehr loswerden wird, weil er einen in seine schlimmsten Alpträume jagt.

  • Im Trump Populismus ist der Besitz von Waffen und America First zum Beispiel problemlos und gut mit den Moralvorstellungen der Anhänger zu vereinen. Die Weisheit der kleinen Leute unterscheidet sich dort ganz deutlich von dem was wir hier den kleinen Leuten gerne als Weisheit andichten wollen.

    Im Bernie Sanders Populismus ist das mit den Waffen leider ganz genau so. Der hat sich auch bis heute nur für eine Verschärfung der Überprüfung von WaffenkäuferInnen und für einen Bann von Sturmgewehren und anderem Schnellfeuergerät für den Privatgebrauch ausgesprochen. Das heiße Eisen Waffenverbot hat selbst er nicht angefasst.


    Und auch bei Sanders war die Ablehnung von Freihandelsabkommen - vor allem des Transpazifischen - ein wichtiges Thema. Der ganze Green New Deal von AOC & co. den Sanders unterstützt, zielt darauf ab, gleichzeitig mit der Förderung erneuerbarer Energien und dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen die Binnenwirtschaft der USA wieder zu beleben und notfalls auch per staatlicher Investition neue, gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen.


    Ist Bernie Sanders für Dich also ein verkappter Nationalist und Rechtspopulist?


    Oder liegt's vielleicht dann doch einfach nur daran, wie man seine Ideen politisch transportiert?

  • 'Jeder soll nach seiner Facon selig werden; also, bis ich ihn einberufe und in irgendeinem Krieg verheize' (Frei nach Fritz zwo).

    Das ist soweit zu frei zitiert, da muss der Bayer dem großen Preußen noch zur Seite springen. Die Toleranz des Alten Fritz in Religionsdingen würden wir uns heute für höhere Anteile der Bevölkerung wünschen, da ist eine solche Entstellung seiner Anordnung unangebracht.

    Deine höfliche und äußerst voluminöse Vortragsart kommt dennoch immer dahin zurück, alles ausserhalb deines Meinungskorsetts des des Irrtums zu zeihen oder eben mit lapidarem "Das geht doch nicht" abzkanzeln.

    So kann man natürlich keinen Populismus betreiben, der irgendwen erreichte der nicht schon vorher von der eigenen Position überzeugt gewesen wäre. Alle anderen die es vielleicht zu überzeugen gilt werden vermutlich keinen Sinn darin erkennen können. Ziemlich fruchtlose Arbeit.

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