Populismus - Freund oder Feind der Linken?

  • "Populismus" hat in den USA eine negative Bedeutung, in Europa ist der Begriff aber positiv besetzt. Vielleicht daher deine Verwirrungen. In den USA hassen Politiker die Bevölkerung als Klassenfeind, in Europa sind wir noch nicht so weit. Finde nicht, dass es Sinn macht, in diesem Kontext die USA und Europa zu vergleichen oder da Zusammenhänge zu suchen. Anderes Land andere Kultur und so.

  • Ich wüsste nur gern wo dein Problem damit ist, wenn du dich nun tatsächlich auf banale Autorität beziehst, die, wie ich bereits sagte, Grundlage eines jeden Mandats ist? Also was ist das Problem mit einem solchen "Autoritären Populismus".

    Mein Problem ist tatsächlich die Fixierung auf Einzelpersonen. Damit läuft man Gefahr, dass die Bewegung verpufft, wenn die Person nicht liefern kann oder die Person muss ihre Autorität ins lächerliche steigern. Dann bekommt man Alo Presidente oder Putin mit nacktem Oberkörper auf dem Pferderücken.

    Und da frage ich mich ob ein Populismus ohne Leitfigur überhaupt möglich ist. Waren Syriza oder Podemos das richtige? Die waren ja auch nur kurz erfolgreich.


    Vielleicht kann dieser Long Read Artikel aus dem Guardian ja ein wenig die Positionen versöhnen. Ich habe den Eindruck trotz des Titels ist der Autor einem Sanders Populsimus nicht abgeneigt. Hier das Fazit als Appetizer


    https://www.theguardian.com/ne…nt-going-to-save-the-left

    Zitat

    The project of re-establishing the cultural hegemony of social democratic ideas is going to require the mobilisation of people outside of the existing political parties, including the social democratic ones. In most countries, these parties are anyway run by people who joined during the height of the third way, which they erroneously consider to be the height of “real” social democracy. Similarly, ideological rejuvenation should happen in collaboration with, but independent from, Green and “radical left” parties, which have overlapping but fundamentally different ideological projects.


    The revival of social democracy will require a new cultural and political infrastructure, centred, at first, outside of electoral politics. It should include the trade unions, which, despite weakened membership and power, still have better connections to working people. It should include progressive minority organisations, particularly those focused on socioeconomic concerns, and new grassroots organisations, rooted in local communities.


    In short, reviving social democracy will require a new social democratic movement – one that is bigger, bolder and more energetic than the existing parties.

  • Ich glaube, eigentlich war die Sanders-Kampagne eher auf die Hauptforderung M4A zugeschnitten, als auf die Person Bernie Sanders. Und diese hatte ja selbst dann noch nie dagewesenen Rückhalt im gesamten politischen Spektrum, als er längst bedingungslos kapituliert hatte.

    Bernie Sanders in dieser Reihe wäre zwar witzig, aber komplett out of character. Er war eigentlich auch nie jemand, der durch seine Präsenz überzeugen konnte, sondern durch Positionen.

    Anders als Corbyn, der rhetorisch wirklich gut war.

  • Einzelne Personen oder Gruppen, die die "Revolution" durchführen, hat immer so was leninistisches, da stimme ich dir zu. Aber gerade bei Sanders und Corbyn war es ja so, dass sie wieder die Verbindung von Politik und Bevölkerung gesucht haben und es auch geschafft haben. Die Politiker sind praktisch idealerweise nur das Vektil, direkter Repräsentant, der Bevölkerung oder halt der Wähler. Aber stimmt, um wirklich etwas zu verändern, wirklich eine Transformation herbeizuführen, um die ganzen Probleme zu stemmen, brauchen wir eine Massenmobilisation von nie gekanntem Ausmaß. Ein Plan, wie so etwas gemacht werden kann, ist z. B. das Glasgow Agreement:


    https://glasgowagreement.net/en/


    The purpose of the Glasgow Agreement is to reclaim the initiative from governments and international institutions by creating an alternative tool for action (inventory and climate agenda) and a space for strategy and coordination for the climate justice movement. Until now the climate justice movement has had a very big focus on pressuring governments to take action on climate, or to push for stronger international agreements within the framework of the UN Framework Convention on Climate Change (UNFCCC), such as the Kyoto Protocol in 1997 or the Paris Agreement in 2015. Meanwhile, emissions have continued to rise. Hence the Glasgow Agreement proposes that civil society proposes its own plan of action, no longer waiting for governments and international institutions to do so. We aim to use a vast array of strategies and tactics, including civil disobedience, to achieve the necessary emissions cuts to prevent a 1.5ºC temperature rise by 2100.


    Das ist IMO die einzige Lösung. Über direktdemokratische Repräsentation und Rotationsprinzip könnte man lokale Räte aufbauen mit Filiationsprinzip wie es neoliberale Think Tanks machen, d. h. eine lokale Bewegung gründet die nächste lokale Bewegung. Eine Bewegung von Bewegungen.

  • Auch in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA, die zu Zeiten von Martin Luther King noch eine starke Betonung auf die ökonomischen Aspekte der rassistischen Benachteiligung gelegt, und darüber zum Teil auch den Anschluss an unterprivilegierte weiße Schichten gesucht und gefunden hatte, lässt sich heute eine Spaltung in zwei Lager beobachten, die dazu führte, dass der eher um ökonomische Gleichberechtigung und Klassensolidarität bemühte, kapitalismuskritische Teil gegenüber einer den Rassimus selbst als alleinige Ursache für die Benachteiligung ausmachenden Bewegung ins hintertreffen geriet, die wiederum anschlussfähiger an die gehobene Mittelschicht, das urbane Großbürgertum und das Kapital ist, welche auch schon hinter der Kandidatin Clinton und der demokratischen Parteiführung als Großspender und ZuarbeiterInnen aus dem Wissenschafts- und Medienbetrieb standen.

    Für die Existenz dieser Spaltung bei den Linken hätte ich gerne Beweise, für De und USA (da beides ja hier vermischt wird), und unter anderen ein Beweis, der zeigt, dass es sich nicht nur um ein hochgezogenes Narrativ der Rechten handelt, das unkritisch übernommen wird und somit eine echte Kritik der Linken verfehlt bzw. das diese Form der Kritik im ganzen nur ein Strohmann ist.

  • Ich habe gesagt diese Art von Populismus, also eine auf eine Einzelperson zugeschnittene Kampagne, ist autoritär. Finde ich im Fall der Sanders Kampagne sogar recht offensichtlich.

    Das muss man aber auch so sehen wollen, um es so zu sehen.


    Ein großer Unterschied zwischen Sanders und den anderen Kandidaten beider Parteien war ja gerade, dass er so viele UnterstützterInnen in lokalen Gruppen hatte und da sehr viel grass roots organizing statt fand. Zum Beispiel:


    The People for Bernie Sanders (also known as People for Bernie) is a grassroots movement that arose to support the candidacy of Bernie Sanders during the Bernie Sanders 2016 presidential campaign. People for Bernie, independent from the official campaign and largely organized via social media, grew to over 1 million followers on Facebook. Founded by Occupy Wall Street participants, People for Bernie Sanders became a major organizing force for progressive figures during the 2016 presidential campaign, responsible for coining the hashtag #feelthebern.[2] People for Bernie is closely linked to other progressive groups like National Nurses United and Democratic Socialists of America.

    [...]

    The People for Bernie Sanders claims a decentralized organizing model that descends from the Occupy Movement. Their core operating principle is a "permission machine" – volunteers bring ideas to the group, and the group helps them achieve their goals without any centralized decision making process.


    Es ist natürlich nicht zu bestreiten, dass die ganze Kampagne auf ihn zugeschnitten war. Das liegt aber auch daran, dass das in den USA nunmal leider so ist mit der direkten Präsidentschaftswahl. Es kann am Ende nur einen "Commander in Chief" geben. Steht so in der Verfassung.


    Wenn man in Deutschland an linke Regierungen denkt, dann fällt einem eigentlich auch nur "Bodo Ramelow" ein und nicht "Der Thüringer Landesverband von DIE LINKE und seine Ortsverbände". Man kann ja zu recht kritisieren und ganz doof finden, dass aus jeder Wahl am Ende so ein Pferderennen unter den SpitzenkandidatInnen für die Regierungsämter wird und kein gleichberechtigter Diskurs über die jeweiligen Inhalte. Aber wie soll denn eine Linke Partei in einem politischen System, dass nun mal auf solche traditionellen Hierarchien mit entsprechenden checks and balances aus den Parlamenten aufgebaut ist, irgendwo in politische Entscheiderpositionen kommen, ohne irgendwen aus ihren Reihen als oberste/n EntscheiderIn zur Wahl zu stellen?


    Wenn die Linke warten will, bis das politische System geändert ist, bevor sie ernsthaft and der Überwindung des Kapitalismus arbeitet, der dem ganzen Apparat zugrunde liegt, dabei die abhängig beschäftigte Bevölkerung am Arbeitsplatz in tatsächlich autoritäre, undemokratische Verhältnisse zwingt, und ihnen das als völlig normales, quasi-natürliches Machtverhältnis ins Hirn setzt, dann fürchte ich, wird sie immer noch darüber diskutieren, ob man die offenen Grenzen jetzt ins Parteiprogramm schreiben soll oder nicht, wenn ein rechtspopulistischer Kanzlerpräsident längst die Armee an den Landesgrenzen aufmarschieren lässt.


    Das ist doch hier der Kern des Problems. Die Rechten sind populistisch. Und sie haben damit leider Erfolg.

  • Meiner Meinung nach, gibt es eine solche Spaltung nicht. Das Problem liegt allgemein an den heutigen Linken. In den 60-70iger gab es sowohl in den USA als auch in De neue soziale Bewegungen, die, nachdem der einigermaßen gut funktionierende keynesianische Wohlfahrtsstaat für egalitäre Wachstum gesorgt hat, andere politische Ziele hatten wie Schwulenrechte, Frauenrechte, Rechte der Schwarzen usw. Identitätspolitik wurde wichtig, eben wenn der Bauch erstmal gefüllt ist, ist die Vermögensungleichheit nicht mehr so wichtig (bis zu den Krisen dann). Mit der New Left, die sich von den Kommunisten und Sozialisten distanziert hat, kamen dann identitätspolitische Punkte in die Programme linker Bewegungen. Es ist nicht so, dass es eine Gruppe von linken gäbe, die nur idpol zum Thema haben und dann eine andere, die nur Kapitalismuskritik, Vermögensungleichheit zum Thema haben. Alle linken Bewegungen, ob parlamentarisch oder nicht, haben identitätspolitische Programme aufgenommen. Jede linke Bewegung hat beides dabei. Und das ist das allgemeine Problem bei den linken heutzutage, weil nicht vereinbar mit reaktionären Weltbildern. Die Idpol ist dann ein gefundenes Fresse für rechte Demagogen, die damit alles möglich in Verbindung bringen wie z. B. Kinder schwul machen. Von den Medien wird dann noch aufgrund höherer Klickzahlen, Werbekunden durch sensationalistischer Artikel dann alles in Masse verbreitet. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

    Jetzt gibt es ja noch "linke" Politiker, die idpol machen aber nie Ungleichheit erwähnen (wie Clinton). Dieses Phänomen kommt in unternehmensnahen Kreisen vor (wie in der Politik eben, z. B. auch Merkel bissl). Das ist IMO aber reine Propaganda, auf beiden Seiten, weil die westliche Welt ja nicht mehr nur aus einer weißen Bevölkerung besteht

  • Für die Existenz dieser Spaltung bei den Linken hätte ich gerne Beweise, für De und USA (da beides ja hier vermischt wird), und unter anderen ein Beweis, der zeigt, dass es sich nicht nur um ein hochgezogenes Narrativ der Rechten handelt, das unkritisch übernommen wird und somit eine echte Kritik der Linken verfehlt bzw. das diese Form der Kritik im ganzen nur ein Strohmann ist.



    Falls es irgendwen tatsächlich interessiert, wie ich zu der ungeheuerlichen Behauptung kam, in der amerikanischen Linken, bzw. insbesondere in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung sei ebenfalls eine Spaltung über den Umgang mit identity politics und Rassismus zu bemerken, dann lese er/sie sich zum Einstieg mal folgenden Artikel aus einer unbedeutenden, obskuren Hinterhofpostille mit praktisch null nationaler Reichweite durch, in welchem darüber berichtet wird, wie die New Yorker Dépendance der Democratic Socialists of America (DSA) - der größten amerikanischen Sammelbewegung für linke Organisationen aus allen möglichen Parteien und NGOs - einen schwarzen, marxistischen Historiker, Bernie Sanders-Unterstützer, und langjährigen Bürgerrechtler im April des letzten Jahres davon abhielt, einen Vortrag auf einer ihrer Veranstaltungen zu halten, weil er sich zuvor erdreistet hatte, einen Artikel zu verfassen, in welchem er auf genau jene von mir erwähnte Spaltung und ihre kontraproduktive Wirkung im Kampf gegen den strukturellen Rassimus und die Ungleichheit bei der Pandemiebekämpfung in den USA hinwies:

    A Black Marxist Scholar Wanted to Talk About Race. It Ignited a Fury.

    The cancellation of a speech reflects an intense debate on the left: Is racism the primary problem in America today, or the outgrowth of a system that oppresses all poor people?

    Der Artikel, der zu diesem spalterischen Empörungstheater führte, kann hier nachgelesen werden:


    Adolph Reed Jr.: Disparity Ideology, Coronavirus, and the Danger of the Return of Racial Medicine - Common Dreams


    Weitere Artikel - wahrscheinlich auch alles nur als links getarnte, rechte "Narrative" - zur Kontroverse über den Umgang der US-Linken mit dem Rassismusproblem von beiden Seiten des links-internen Grabenkampfes um "race reductionism" vs." class reductionism":


    Adolph Reed Jr.: Antiracism - a neoliberal alternative to a left - Dialectical Athropology, Volume 42, pages105–115(2018) (-> Link via Springer.com)


    Tatiana Cozzarelli: Class reductionism is real, and it's coming from the Jacobin Wing of the DSA - LeftVoice.org


    Briahna Joy Gray: Beware the Race Reductionist - The Intercept


    Uday Jain: White Marxism - A Critique of Jacobin Magazine - New Socialist


    Niles Niemuth: The cancellation of professor Adolph Reed, Jr.’s speech and the DSA’s promotion of race politics - World Socialist Website


    Mike Harman: Identity crisis - Leftist anti-wokeness is bullshit - libcom.org


    Redaktionelles Kommitee: Spiraling anti-Marxism in the DSA - Class Unity (DSA)


    Paul Heideman & Jonah Birch: The trouble with anti-anti-racism - SocialistWorker.org


    Cedric Johnson: The Triumph of Black Lives Matter and Neoliberal Redemption - NonSite.org


    ____________________________________________________


    The 1619 Project - The New York Times Magazine

    ( "1619" war eine Artikelserie der NYT, in dem sich mehrere, ausschliesslich schwarze AutorInnen zur Geschichte der Sklaverei und des Rassimus äußern sollten, um eine nicht-weiße Perspektive auf die Thematik zu bieten. Der Name leitet sich aus dem Jahr ab, in dem angeblich das erste Schiff mit Sklaven aus Afrika die späteren USA erreichte.)


    Adam Serwer: The Fight Over the 1619 Project Is Not About the Facts - The Atlantic


    Niles Niemuth, Tom Mackaman, David North: The New York Times’s 1619 Project: A racialist falsification of American and world history - World Socialist Website


    Robin Marie: Coates, Haider, and the Tangle of Race & Class - Society for U.S. Intellectual History


    etc. pp

  • Also ich verstehe nicht, welcher normaler Mensch, das neue Parteiprogramm der SPD ließt und versteht. Das ist ein solches durcheinander.


    Aber auch Linke mit ihren Sprachverwirrungen stoßen in eine ähnliche Richtung. Welcher Mensch der 40Stunden in der Woche am Band, Krankenbett und Büro arbeitet achtet bitte auf gender gerechter Sprache und sonstigen bürgerlichen Gerede. Ja sowas ist auch wichtig, aber auch sehe bildungsbürgerlich und damit vermutlich für die Grünen wichtig und richtig. Die SPD und auch die Linken sollten vielleicht wieder mehr die Sprache der arbeitenden Bevölkerung lernen. Und das bedeutet auf die Straße gehen, in die Gewerkschaften auf Feste/Sport (Etc.) statt sich auf Twitter über Personen aufzuregen, die die falschen Wörter in den Mund genommen haben.

    (Thierse wohl aktuell bestes Beispiel, der es eigentlich gut auf dem Punkt bringt)

  • Das ändert auch nix an der Sache. Es gibt keine Spaltung. Ich kann genauso viele Artikel posten, die das Gegenteil behaupten, übrigens hast du die Artikel mal selbst gelesen? ;) Die Aufnahme von Idpol ins Programm linker Bewegungen ist das Problem. Es gibt keine Spaltung in einzelne Gruppen, so wie du das behauptest. Wie willst du dir eine linke Bewegung vorstellen, die keine Idpol im Programm hat? Das ist unmöglich heutzutage, gerade auch weil Idpol viele Wähler oder Anhänger der Linken betrifft. Das deckt sich auf mit dem was der eine User hier geschrieben hat, und der praktische Erfahrung. Und die Artikel behandeln alle nur die USA. Auch der Populismusvergleicht macht keinen Sinn, weil Populismus in den USA negativ, in De aber positiv besetzt ist, und das muss man in betracht ziehen. Aber dir gehts ja nicht um Argumentation 😉 Mit Radlibs zu diskutieren macht sowieso keinen Sinn.

  • Identitätspolitik: Bisher habe ich den Kampf gegen Rassismus, Sexismus etc. durchgängig mit Sympathie betrachtet. Dessen Verbindung zur Kritik der politischen Ökonomie schien mir höchstens die sein zu können, dass jener als Sprungbrett zu dieser diente. Dass man, wie die von Utan in #1 zitierte Rede Hillary Clintons beweist, beide gegeneinander ausspielen könnte, wäre mir nicht eingefallen. Danke für die Aufklärung.


    Was heißt überhaupt Populismus? Utan hat einige Begriffsbestimmungen in #1 aufgelistet, die sich für mich folgendermaßen zusammenfassen lassen: Populismus ist eine Form der politischen Überzeugungsarbeit, deren Spezifikum ist, dass sie mindestens auch auf das Gemüt, das Gefühlsleben, Sympathie und Antipathie des Publikums zielt. Die Sympathie für die politische Forderung soll nicht nur über die inhaltliche Argumentation selbst erzielt werden, sondern über die Anknüpfung an angenehme Assoziationen der Adressat:innen, welche nicht zum Inhalt dieser Forderungen gehören. Wenn man gehässig wäre, könnte man frei nach Clausewitz sagen, dass auch der beste und linkeste Populismus die Fortsetzung der sich auf der Luxuskarosse rekelnden, halbnackten Schönheit mit etwas anderen Mitteln ist.


    Da wir nicht gehässig sind, lassen wir das, und sagen so: Ein linkes Straßenfest ist im besten Sinne populistisch, weil es heitere Stimmung, gemeinsames Verschnabulieren orientalischer Snacks, lustige Spiele etc. mit links verbindet. Linke Sozialarbeiter:innen sind im besten Sinne populistisch, wenn sie im proletarischen Milieu in eigener Person dafür zeugen, dass Linke keineswegs von Natur aus hochnäsige, blutsaugende, sexbesessene Mörder:innen sind. Auch im besten Sinne populistisch ist ein hübscher, knackiger Interviewer mit und ohne Frisur, dessen Anblick und angenehm sonore Stimme interviewte Damen regelmäßig so ein bisschen, sagen wir mal: fahrig machen.


    Andererseits wird Populismus, mindestens hier und heute, durchgängig abwertend gebraucht und ist mit der reaktionären, rechten Seite verbunden ( JonnyBadFox: Du behauptest das Gegenteil. Wundert mich sehr. Ich kenne außerhalb dieses Forums Populismus nur als Schimpfwort). Sollte der Begriff also für die linke Seite gerettet werden? Ich rate ab, und zwar aus vier Gründen:

    • Was an linken Forderungen sexy sein kann, ist mit ihrem Inhalt direkt verbunden, muss nicht populistisch von außen draufgelegt werden: Ein schönes Leben ohne ökonomischen Druck, ein Genuss der menschlichen Vielfalt, gesellschaftliche Geborgenheit als Voraussetzung für schrankenlose individuelle Ausbildung und Verwirklichung. Ist das linke Straßenfest nicht ein Vorschein auf entspanntes, fröhliches Leben? Sind linke Sozialarbeiter:innen nicht das Beispiel für allgemeine Zuwendung unter den Menschen? Liegt im Schwarm für ein Charakterkinn mit süßem Lächeln nicht der Traum von der Liebe? Und ist dies alles nicht der Inhalt linker Politik?
    • So gut der bestmögliche linke Populismus auch gemeint ist, er ist eine Form der Manipulation, deren die Manipulierten nicht nur stets inne werden können und ihre mühsam erschlichene Sympathie wieder abziehen, die auch grundsätzlich nicht zu Linken, also zum Ziel einer freien Assoziation freier Menschen, passt. Eine Entscheidung zur Freiheit kann nichts anderes sein als eine freie Entscheidung. Wenn die Geschichte der Linken eines lehrt, dann, dass man Menschen nicht beglücken kann.
    • Hat man erst einmal den Mechanismus des Populismus für sich reklamiert, kommt sein Missbrauch gratis gleich mit, nämlich die Anknüpfung der linken Politik nicht an die Utopie, sondern ans Ressentiment. Zu Beginn dieser Diskussion ging es um die Forderung nach offenen Grenzen. Linker Populismus sollte hier heißen, die momentan nicht durchsetzbare Forderung fallen zu lassen, den Xenophoben die geschlossenen Grenzen zu geben, um sie als Wähler:innen zu gewinnen und damit politische Macht, um dann später linke Politik zu machen, z. B. die Stärkung der Seenotrettung im Mittelmeer. Es ging also darum, wie mein Papa gesagt hätte, mit der Wurst nach dem Schinken zu schmeißen. Einmal abgesehen von der irrealen Voraussetzung, die so hinters Licht Geführten würden den Betrug nicht merken: Die zurückgewonnen Wähler:innen wollen geschlosse Grenzen, damit niemand mehr kommt. Auch nicht übers Meer. Und last but not least:
    • Im politischen Geschäft droht ja stets der Sieg der instrumentellen Vernunft. Heute fragen sich Parteifunktionär:innen tendentiell nicht mehr, wofür die Partei steht, sondern wie sie ihr ‚Profil‘ gestalten müssen, um erfolgreich zu sein. Sie haben gar keine Überzeugungen mehr, sondern sind nur noch populistisch. Das ist doch nicht akzeptabel für Linke. Anders gesagt: Sicher bedeutet ein Kompromiss, Forderungen fallen zu lassen, um auf anderem Gebiet etwas zu erreichen. Aber die Forderung nach offenen Grenzen? Die unmittelbare Nothilfe für vom Tode bedrohte Menschen? Wie will man Frieden predigen, wenn man gegen Mord nicht wenigstens etwas sagt?


    Nichts gegen die Popularisierung linker Politik. Darum geht es ja. Aber nicht unter dem Begriff des Populismus und nicht mit dessen Mitteln. Ein Populismus, der ehrlich ist und links, ist keiner mehr.

  • Dass es keine Spaltung zwischen den Gruppen gibt, ist vielleicht sogar das Problem. Wenn es linke Bewegungen gibt, die sich überwiegend nur zum Ziel gesetzt haben, Klassengegensätze zu überwinden. Wäre gar nicht so schlecht, wenn sich dann eine neue Front bildet. Es wäre schon zu begrüßen, wenn sich die antikap. Gruppen von den idpol Gruppen abspalten. Es gibt ein paar Gruppen wie die Tankies, aber das sind auch extreme Nationalisten.


    Aber ist auch schwierig, weil die westlichen Gesellschaften eben diverser geworden sind und man so vielleicht nicht alle miteinbeziehen. Diese Probleme hängen ja zusammen sehr stark. Aber könnte funktionieren 🤔

  • @Hey Fisch vwg "wäre mir nie eingefallen,dass das zu Spaltung"

    Ich glaube, selbst Rosa Luxemburg sah diese Gefahr schon.

    Sie hat auch immer betont,dass die Frauenfrage nur innerhalb der sozialen Frage zu lösen sein wird.


    Ich muss mal überlegen wie ich diese Rede finden kann.Die habe ich vor 25Jahren mindestens als eine der ersten politischen Sachen gelesen, die mir nachhaltig Eindruck gemacht haben..

    Ich habe das immer als Warnung behalten sich nicht zu verzetteln und vor lauter kleineren "Kaputtstellen" an denen Menschen in kleineren Teams beschäftigt sind nicht zu vergessen, dass es eine große Baustelle ist auf der wir alle arbeiten.

    Dass nicht die einzelnen Teams meinen ihre Arbeit sei wichtiger oder ihre ist sei eigentliche Projekt.

  • Linker Populismus sollte hier heißen, die momentan nicht durchsetzbare Forderung fallen zu lassen, den Xenophoben die geschlossenen Grenzen zu geben

    Das ist aber doch wieder diese traurige Schwarz/Weiß-Angelegenheit. Irgendwie scheinen die GegnerInnen des Populismus da viel radikalere geistige Grenzen zu ziehen, als ihre linken BefürworterInnen.


    Warum lässt man z.B. die Grenzen nicht einfach erstmal so halboffen wie sie sind, und versucht stattdessen den Leuten zu erklären, dass es da in erster Linie darum geht Menschen aus ärgster Not zu retten, und nicht darum (die angeblichen) "Millionen von billigen Arbeitskräften" ins Land zu holen?


    Das kann ich meiner auch nicht so furchtbar ausländerfreundlichen Familie in der westdeutschen Provinz (fast alles seit Jahrzehnten stramme, traditionelle sPD-WählerInnen übrigens) durchaus klar machen: die finden das auch nicht gut, wenn die Leute und ihre Kinder im MIttelmeer ertrinken, oder unter unwürdigsten Bedingungen in irgendwelchen Auffanglagern eingesperrt werden.

    Aber sie glauben halt leider auch das schon lange vor dem Höhenflug der sogenannten "Alternative" durch die alten "Volks"-Parteien geschürte "Narrativ" von den "Wirtschaftsflüchtlingen", die sich hier in die "soziale Hängematte" legen wollen, während sie selbst ihr Leben lang hart arbeiten mussten um sich ihre schmale Rente zu verdienen.

    Da wird es dann schon schwerer, klar zu machen, dass die Flüchtenden vor allem vor einer wirtschaftlichen Notlage fliehen, die wir hier im reichen Westen mit zu verantworten haben.

    Man lässt sich halt nicht gerne die eigenen Lebenslügen vorhalten.


    Und natürlich weiß ich, dass das mit den "Millionen von billigen Arbeitskräften", die da angeblich kommen würden, wenn man die Grenzen öffnete, tatsächlich ein rechter Strohmann ist, aber den muss man ja nicht dadurch noch weiter ausstopfen, dass man der Gegenseite ständig Munition für ihre Ressentiments liefert, indem man diese Forderung so öffentlich wie ein "Antifaschistisches" Schutzschild vor sich herträgt, obwohl man ja eigentlich weiß, dass sie auf absehbare Zeit sowieso nicht erfüllt werden kann.


    Das ganze wäre natürlich eine Gratwanderung. Aber ich sehe immer noch nicht, was die Alternative dazu sein soll. Denn wir sehen doch überall, wie erfolgreich die Rechten auch in unseren europäischen Nachbarländern mit ihrem Populismus sind, der eben nicht darauf aus ist, eine Balance zwischen den Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu finden, um gemeinsam mehr Macht - auch gegen den von Kapitalinteressen usurpierten Politikapparat! - auf die Straße zu bringen, sondern eine möglichst harte Polarisation herbeizuführen, die ihre Gegner schwächt und in Grabenkämpfen aufreibt, um sich dann selbst als einzig wahre Vertretung der "einfachen Leute" auszugeben und sich damit an die Spitze des Apparates zu setzen.


    A Propos Identitätspolitik: Hier in Berlin, wo der ehemalige spD-Bürgermeister Wowereit vermutlich einen der wichtigsten Schritte für die Gleichbehandlung von Homosexuellen tat, als er im damaligen Wahlkampf einfach ganz souverän seiner Rede hinzufügte: "Ach übrigens - Ich bin schwul und das ist auch gut so!", haben die großen und sehr lustigen Paraden am Christopher Street Day und zum Karneval der Kulturen wahrscheinlich hundertmal mehr zur Akzeptanz queerer Menschen auch unter der nicht so linksliberalen Normalbevölkerung geführt, als jeder noch so gut gemeinte Aktivismus unter intellektuellen Linken, der am Ende von der Mehrheit der Gesellschaft sowieso überhaupt nicht registriert, oder einfach nicht verstanden wird.


    Auch solche - identitätspolitischen - Themen sind doch kein eisern in Stein gemeißelter Widerspruch zu einem linken Populismus. Es kommt halt darauf an, ob man sie positiv besetzen kann, oder ob man der halben potenziellen Wählerschaft aus ihrem Unverständnis einen moralischen Vorwurf macht, von dem sie sich bevormundet und herabgesetzt fühlen.

  • habe nicht gefunden was ich suche.

    Aber dieses Zitat


    Zitat

    Clara ist gut, wie immer, aber sie läßt sich irgendwie ablenken, sie bleibt in Frauenangelegenheiten stecken und befaßt sich nicht mit allgemeinen Fragen. Also bin ich ganz allein." – Rosa Luxemburg an Leo Jogiches um 1890

    Aus diesem Buch

    Sorry ist "ein wenig" offtopic.

    Aber zu schade es für mich zu behalten - glaube das Buch ist ganz interessant.


    https://www.grin.com/document/438854

  • Das ist aber doch wieder diese traurige Schwarz/Weiß-Angelegenheit. Irgendwie scheinen die GegnerInnen des Populismus da viel radikalere geistige Grenzen zu ziehen, als ihre linken BefürworterInnen.


    Warum lässt man z.B. die Grenzen nicht einfach erstmal so halboffen wie sie sind,

    Aber man muss doch etwas tun! Die Rechten werden mit ihrem Populismus immer mächtiger, die Flüchtenden brauchen Hilfe, da muss man politische Macht erobern, da darf man nicht mit seinen hehren, in unverständlichem Kauderwelsch ziselierten Prinzipien auf seinem fetten, faulen Arsch sitzen bleiben und sich auch noch überlegen fühlen! Man muss nehmen, was man kriegen kann, um den Leuten zu helfen! Politik ist nunmal ein schmutziges Geschäft, das kann man nicht über Nacht ändern!

    Ich kann das gut verstehen. Es erinnert mich an den Beginn meines Studiums. Ich hatte die Minima Moralia von Adorno gelesen; und als meine Begeisterung über die brillanten Formulierungen, die ungeahnten Beobachtungen, den Umstand, dass hier jemand war, der in überzeugender Weise all den Mächtigen, von meinen Eltern bis zur Bundesregierung, widersprach, als diese Begeisterung sich gesetzt hatte, überkam mich der gerechte Zorn: Ich war gerade Zwanzig, und nun sollte ich mein Leben mit nichts weiter verbringen als ‚unprätentiös leben, mit nichts als der Scham darüber, dass mir in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibe‘? Was für eine Unverschämtheit! Was für eine faule, beschissene Feigheit!

    Für mein Gefühl ist linker Populismus nicht einfach nur zum Misslingen verurteilt. Er ist schädlich, indem er guten Willen korrumpiert. All die ‚realistisch‘ Gewordenen, von Friedrich Ebert bis Josef Fischer, sind meiner Ansicht nach keine Unfälle, sondern Ergebnis dessen, was Marx in der sechsten Feuerbachthese benannt hat, und dessen ubiqitäre Gewalt man unter anderem in der Minima Moralia nachlesen kann.

    Der Grundsatz: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!, ist doch hohles Getute. Aber er wirkt eingängig und plausibel, weil die Ideologie des Kleinbürgers aus Leistung und Erfolg besteht. Man legt Hand an, man schmiedet sein Glück, man sitzt nicht vergrübelt da, man krempelt die Ärmel auf. Und aus dieser Wurzel kommt der Praktizismus, der alles anerkennt, nur nicht die Nachricht, dass die Türen verrammelt sind.

    Ich stelle mir vor, es geht schleichend, von einem winzig kleinen faulen Kompromiss zum nächsten. Und irgendwann verteidigt man die Agenda 2010 mit dem fidelen Satz, es mache schließlich nichts, wenn auch mal ein Sozialdemokrat etwas von Wirtschaft verstünde.

    Es fängt winzig klein an: Die Grenzen sind halboffen? Sind sie das? In Wirklichkeit sind sie das nicht, oder? Sie sind nicht vollkommen geschlossen, aber fast. Stimmt doch, oder? Warum also „halboffen“?

    Die Gegner:innen des Populismus scheinen viel radikalere Grenzen zu ziehen als die Befürworter:innen? Du benutzt ‚radikal‘ abwertend? Wie lange schon? Du weißt doch ganz genau, dass ‚radikal‘ eigentlich ein Lob sein muss, oder? Und der Begriff ‚Grenzen‘, hat er nicht hier die Funktion, eine unzulässige Gleichsetzung von theoretischen Grenzen und Staatsgrenzen zu suggerieren? Damit die, die offene Grenzen fordern, gleichzeitig enge Grenzen ziehen, und damit in einem logischen Salto Mortale ad absurdum geführt werden können? Auch die „traurige Schwarz/Weiß-Angelegenheit“: Geht der Forderung, Grenzen zu öffnen, allein dadurch, dass sie Nothilfe als Prinzip setzt, die Farbe aus, wird sie durch ihre Entschiedenheit schon einseitig, undifferenziert, unterkomplex? Und zuletzt: Wo sind eigentlich meine Argumente hin entschwunden? Nicht satisfaktionsfähig? Nicht der Rede wert, weil doch eins feststeht wie der Fels in der Brandung: Es muss etwas getan werden, koste es was es wolle, und wenn es auch die Vernunft kostet?

    Die Minima Moralia wurde um das Jahr 1945 herum geschrieben. Ich will gerne glauben, dass die damalige Analyse allzu sehr von den Nazis beeindruckt war. Damals galt in Lüneburg die Empfehlung ‚Resignation‘, ein Aufsatz Adornos über eben die Anklage, die Kritische Theorie habe resigniert. Wie schon gesagt, ich bin mir gar nicht zu schade, im Sinne des christlichen Bäumchen Pflanzens trotzdem auf Demos zu gehen usw. Aber linker Populismus? Da hätte ich gern etwas mehr als das Argument, Müßigkeit sei aller Laster Anfang.

  • man könnte sich ggf. mal anschauen wie populistische parteien den stimmenfang funktional realisiert haben: was uns derzeit wie eine wiederauferstehung des populismus vorkommt, könnte auch das echo der neuen medien sein. viele populistische parteien und bewegungen nutzen die neuen möglichkeiten des digitalen raums um themen und stimmungen zu analysieren, manipulieren und für sich nutzbar zu machen (Cambridge Analytica, trump-tweets, etc.)

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