Nach den Rechten sehen (Sammelthread)

  • Achso. Dass er ständig meint, die Leute müssen aufgeklärt werden, hat ja gar nichts mit von Oben herab zu tun, was? ;) Abgesehen davon, seine Beiträge sind doch voll von der Aussage, die auf der Demo hätten doch alle keine Ahnung vom Kapitalismus.


    Roy Hä? Ich hab nirgendwo diejenigen kritisiert, die auf der Demo Kapital und Staat kritisiert haben. Mach ich doch auch und finds auch wichtig. Nur versuche ich nicht bei jeder Gelegenheit den Leuten selbst die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben, indem ich behaupte sie seine zu indoktriniert und das wäre alles in Stein gemeiselt. Die Beiträge von Valentin und fruchti waren die einzigen, die sich auf die Seite der Demonstranten gestellt haben.


    Übrigens eine interessante Umfrage:


    https://www.medienservice.sachsen.de/medien/news/1072653



    Das ist der Oberhammer. 82 fucking % haben wenig oder kein Vertrauen in die Bundesregierung. Übrigens auch interessant: 87% wollen mehr Einflussnahme in der Politik. Die sind doch sowas von reif für grundlegende Änderungen.


    Das Problem ist, sie wissen halt nicht, was sie konkret machen sollen, weil es halt linke wie z. B. Utan gibt, die halt immer wieder Ausreden suchen, dass das ja alles gar nicht stimmt und in Wirklichkeit lieben die die Regierung und was weiß ich.


    Was mir auch gerade eingefallen ist als ich die Umfrage gelesen hab: Vielleicht könnte man es auch anders interpretieren. Die Leute haben die Demo für sich selbst gemacht. Einfach um untereinander Solidarität gegen Rassismus zu zeigen, einfach um mal wieder gemeinsam was zu machen, und zu zeigen, dass man zusammenhält. Die Parteien werden vielleicht gar nicht von den Besuchern der Demo in Verbindung mit der Demo gebracht😅(weil die insgesamt alle scheiße sind).


    Ok die Umfrage war nur für Sachsen, aber in anderen Bundesländern sieht es bestimmt ähnlich aus.


    (und ja ich weiß viele leute in Sachsen wählen die AfD, aber diese Umfragen zeigen doch, dass die Ursachen dafür komplexer sind)

  • Hä? Ich hab nirgendwo diejenigen kritisiert, die auf der Demo Kapital und Staat kritisiert haben. Mach ich doch auch und finds auch wichtig. Nur versuche ich nicht bei jeder Gelegenheit den Leuten selbst die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben, indem ich behaupte sie seine zu indoktriniert und das wäre alles in Stein gemeiselt. Die Beiträge von Valentin und fruchti waren die einzigen, die sich auf die Seite der Demonstranten gestellt haben.

    Das hast Du ja nicht und deshalb hab ich nachgefragt. Du hast aber die Kritik hier kritisiert, die das gleiche zum Ausdruck brachte. Dabei wird ja hier, wie in den Reden, nicht dem Demonstranten eine Schuld gegeben, sondern Zusammenhänge angeboten, die über das oberflächliche Narrativ hinausgehen. Zusammenhänge, die Du genauso siehst.


    Wenn sich damit jemand angeklagt fühlt, spricht das zumindest für ein Stück Selbstreflexion und muss nicht schlecht sein. Schlecht ist aber, wenn diese Redner, oder Foristen hier, angeklagt werden, weil sie diese Zusammenhänge auf die Tagesordnung bringen. Verstehste? :)


    ps. Schön, dass Du wieder Beiträge verfassen kannst.

  • Das Problem ist, sie wissen halt nicht, was sie konkret machen sollen, weil es halt linke wie z. B. Utan gibt, die halt immer wieder Ausreden suchen, dass das ja alles gar nicht stimmt und in Wirklichkeit lieben die die Regierung und was weiß ich.

    Ja, klar. Ich sage immer dass alle die Regierung lieben. Genau das sage ich, Du Märchenonkel.

  • https://logbuch-netzpolitik.de/lnp482-meuchelpuffer

    Zitat

    Ein Logbuch:Netzpolitik Spezial zur Recherche "Geheimplan gegen Deutschland" von correctiv


    Kaum ein im Netz veröffentlichter journalistischer Bericht hat Deutschland so in Aufruhr versetzt wie die umfangreiche Recherche von correctiv über ein geheimes Treffen von Rechtsextremen und Neonazis Ende November letzten Jahres in Potsdam. Der unter dem Namen "Geheimplan gegen Deutschland" berichtet ausführlich von der im Landhaus Adlon abgehaltenen Zusammenkunft und den dort diskutierten "Masterplan" für eine breit angelegte Deportation von Ausländern und deutschen Staatsbürgern aus Deutschland.

    Die Reaktion fiel prompt und umfassend aus. Überall in Deutschland kam es zu spontanen Demonstrationen bei denen weit über eine Million Menschen auf die Straße ging um gegen die menschenverachtenden Pläne und vor allem die bei diesem Treffen prominent vertretene AfD zu demonstrieren.

    Wir sprechen mit Jean Peters von correctiv, der an der Recherche beteiligt war und auch als Autor maßgeblich für die Adaption der Ereignisse im Rahmen eines im Berliner Ensemble aufgeführten Theaterstück verantwortlich war über die Personen und Inhalte des Treffens, die Arbeit von correctiv und über die Reaktionen der Öffentlichkeit und der AfD auf die Ereignisse.

  • Hmm...:/


    Was ist Faschismus?


    „Faschismus ist eine Form rechtsextremer Ideologie, die die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft, die alle anderen Loyalitäten übersteigt, verherrlicht. Er betont einen Mythos von nationaler oder rassischer Wiedergeburt nach einer Periode des Niedergangs und Zerfalls. Zu diesem Zweck ruft Faschismus nach einer ‚spirituellen Revolution‘ gegen Zeichen des moralischen Niedergangs wie Individualismus und Materialismus und zielt darauf, die organische Gemeinschaft von 'andersartigen' Kräften und Gruppen, die sie bedrohen, zu reinigen. [...]

    „Faschismus kann definiert werden als eine Form des politischen Verhaltens, das gekennzeichnet ist durch eine obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit, wobei eine massenbasierte Partei von entschlossenen nationalistischen Aktivisten in unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten demokratische Freiheiten aufgibt und mittels einer als erlösend verklärten Gewalt und ohne ethische oder gesetzliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt.“[

    Nein, das wäre wirklich eine Verdrehung der Tatsachen. "Das Volk" - die demokratische Opposition gegen die faschistische Opposition - ist gottseidank keine "organische Gemeinschaft, die alle andern Loyalitäten übersteigt". Sie stärkt sich nicht in "unbequemer, aber effektiver Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten" zur "inneren Säuberung". Sie vereinzelt sich einfach ganz demokratisch in diverse, plurale Machtfraktionen und ihre zivilen Anhänge, die sogleich im freien Wettbewerb auf dem Marktplatz der Ideen darum konkurrieren, wer den leichtsinnigen Extremismus politischer Randexistenzen am zuverlässigsten unter den alten schweren Teppich der Mitte kehrt, bis er darunter erlahmt und erstickt.


    [...] Wenn aus den aktuellen Demonstrationen etwas von Dauer entstehen soll, muss sich so etwas wie ein gemeinsamer Geist bilden, über die Grenzen der politischen Lager hinweg. Die Bewegung darf sich nicht direkt nach dem Start zerstreiten. Kann das gelingen? Schon am ersten Wochenende waren fast überall Unstimmigkeiten zu erkennen, erste Risse, die zur Spaltung führen können. Auf der Kundgebung in München am vergangenen Sonntag etwa griff eine Aktivistin auf der Bühne die CSU an und die Flüchtlingspolitik der Ampel. Die Bundesregierung habe »gerade erst beschlossen, die Seenotrettung zu kriminalisieren«, wetterte sie. Ein älterer Mann in der Menge wandte sich ab. »Zu links«, lautete sein Urteil. Er fühlte sich sichtlich unwohl.

    Es gibt Städte, da rufen Junge Union oder CDU mit zur Demonstration auf. In Freising sprachen Politiker von CSU und Freien Wählern auf der von der Grünen Jugend organisierten Versammlung. Doch nicht überall läuft es so. In Frankfurt am Main stellte sich die frühere Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) am vergangenen Wochenende vor mehr als 35.000 Menschen demonstrativ neben ihren Nachfolger Mike Josef von der SPD auf die Bühne. Die örtliche CDU dagegen hatte nicht zur Teilnahme aufgerufen. »Wir wurden schlicht und ergreifend vom Veranstalter nicht gefragt«, sagt CDU-Kreisgeschäftsführer Thorsten Weber. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Sie hätten auch Probleme mit einem Teil der Veranstalter, räumt Weber ein. Unter den knapp 80 Organisationen seien einige, die durch radikale Aussagen aufgefallen seien, etwa eine lokale Antifa-Gruppe. Außerdem müssten sich die Aufrufe zu solchen Kundgebungen eindeutig »gegen Rechtsextremismus« richten, sagt Weber, »nicht pauschal gegen rechts«. Auch die CDU werde schließlich zum rechten Parteienspektrum gezählt. Auf der anderen Seite des demokratischen Spektrums regt sich ebenfalls Kritik. Für Teile der politischen Linken sind die Kundgebungen zu mittig. Die Linken und ganz Linken monieren, dort werde das Leid von Flüchtlingen ignoriert, Betroffene kämen zu wenig zu Wort.

    Auf den Plätzen stehen derzeit Menschen zusammen, die sehr unterschiedlich auf die Welt blicken, vor allem auf Flucht und Migration, aber auch auf Verteilungsfragen, Sozialpolitik. Im Alltag tragen sie politische Konflikte aus, mitunter hart. Nun müssen sie gemeinsam kämpfen statt gegeneinander.

    Lässt sich diese Spannung auflösen? [...]

    Was da nicht hilft, sind allzu linke Parolen. Mit »Alerta, alerta, antifascista!«, dem Klassiker der antifaschistischen Aktion, habe man bei der Demo einige Ältere irritiert. Im Spremberger Bündnis wird nun diskutiert, was man beim nächsten Mal noch rufen könnte. Vielleicht bringt das etwas. Vielleicht fühlen sich dann weniger Menschen abgeschreckt, die sich zur bürgerlichen Mitte zählen. Vielleicht kommen dann noch ein paar mehr.[...] Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Stärkung der Demokratie schon vor Jahren zum Thema gemacht. In dieser Woche besuchte er Vietnam – um dort unter anderem darüber zu sprechen, wie mehr Fachkräfte nach Deutschland kommen könnten. Normalerweise gehört es sich nicht für das Staatsoberhaupt, sich aus dem Ausland zum politischen Tagesgeschehen in Deutschland zu äußern. Aber was ist schon normal in diesen Tagen? Am Mittwoch macht Steinmeier eine Ausnahme und meldet sich aus Ho-Chi-Minh-Stadt zu Wort: »Die demokratische Mitte unserer Gesellschaft ist erwacht und spürt ihre Verantwortung«, sagt er. Für nächste Woche hat er Wirtschaftsführer, Gewerkschafter und Verbandschefs ins Schloss Bellevue eingeladen. Zu einem Demokratiegipfel. Ein Anfang ist da. Jetzt soll es weitergehen.

  • Ich werde geblockt wegen eines harmlosen Vergleiches, und der darf sowas hier posten? Alles klar.

  • Nachtwey lässt bei seiner Überraschung über den großen Zulauf der Anti-AfD Proteste leider unter den Tisch fallen, dass erst eine Woche zuvor ebenfalls ziemlich große und laute Proteste des deutschen Bauern- und Mittelstandes die politische Debatte im Land dominiert, und dass sich nicht wenige Leute ziemlich darüber erschrocken hatten, wie erfolgreich sich rechte Demagogen daran andocken konnten.


    Er bestätigt aber vor allem das, was die Wahlumfragen sowieso zeigen: Bundesweit knapp 80% - und selbst im "braunen" Osten immerhin noch ca. 70% - der Befragten wollen die Völkischen nicht wählen und ziehen ihnen die demokratischen Nationalisten vor.


    Das Problem ist halt, dass die demokratischen Nationalisten aus verschiedenen, gegeneinander um die Macht konkurrierenden Parteien bestehen, während die völkischen Nationalisten sich hinter einer einzigen Partei versammeln.

  • Mehr rechtsradikales Gedankengut im SPIEGEL:

    Hunderttausende demonstrieren gegen die AfD – und jetzt?

    Die Massendemos gegen menschenverachtende Politik und völkische Fantasien sind erfreulich. Doch was bleibt am Ende von der Symbolik übrig?


  • "[...] Die Wiedererweckung der Totalitarismusthese auch in der Wissenschaft (als politisches Kampfmittel war sie immer ein zentrales Element der herrschenden Ideologie) hat ihre Hauptfunktion darin, die radikaldemokratischen und sozialistischen Kräfte der Bundesrepublik als »totalitär« und somit verfassungsfeindlich zu denunzieren und auf diese Weise ihre politische Unterdrückung zu rechtfertigen.

    Das in der Periode des Kalten Krieges sehr starke Element des ideologischen Kampfes gegen die sozialistischen Ländern tritt demgegenüber zurück. Daß die Totalitarismusthese zur Analyse dieser Länder ziemlich unbrauchbar war, wurde seit dem Ende der 60er Jahre wissenschaftlich kaum noch bestritten (obgleich in der politischen Agitation dieses Element natürlich weiter benutzt wurde).


    Allerdings bleibt bei diesen Autoren auch jetzt eine antifaschistische Frontstellung erhalten. Sie sehen sich als Verteidiger der parlamentarischen Demokratie gegen den rechten wie den linken »Radikalismus« und wollen auch keineswegs den Marsch in den autoritären Staat unterstützen, wie ihn die konservativ-reaktionären Kräfte anstreben und die Autoren der neuen »Führertheorie« ideologisch begründen. Dem realen politischen Effekt nach war allerdings die Totalitarismusthese immer primär gegen die Linke gerichtet. Sie hat nach 1949 keineswegs den massenhaften Einzug ehemaliger Nationalsozialisten in den Staatsdienst (bis hinauf in die Führungspositionen) verhindert, und auch heute bedeutet sie keine ernsthafte Einschränkung rechtsextremer Aktivitäten.


    Das erneute Erstarken der Führertheorie und der Totalitarismusthese äußert sich jedoch nicht nur in den besonders extremen Formen der »Hitler-Welle« und der staatlich sanktionierten Formel des »Radikalismus von links und rechts«. Es äußert sich mindestens ebenso folgenschwer im wissenschaftlichen Alltag, zum Beispiel darin, daß alle diejenigen Richtungen, die am Ende der 60er Jahre durch die neuen Entwicklungen und Thesen verunsichert waren, nun beruhigt zu ihrem alten Schema zurückkehren konnten - zumal sie angesichts der Einschüchterung der Studenten und der zum Teil wiederhergestellten persönlichen Abhängigkeit der jüngeren Wissenschaftler nun auch wieder bessere Durchsetzungschancen an den Hochschulen hatten.


    Das erneute Erstarken dieser Theorien äußert sich auch darin, daß wesentliche Elemente davon auch von solchen Autoren wieder stärker betont werden, die im übrigen ganz andere Positionen vertreten. So werden diese Elemente zum Beispiel zusammengebracht mit den Fragestellungen der herkömmlichen Politikwissenschaft, die sich auf politische Institutionen und Eliten konzentriert. Mit diesem Verfahren können reale Machtkämpfe zwischen verschiedenen Führungsgruppen im faschistischen System sehr genau beschrieben und kann doch die zentrale Frage nach den sozialen Triebkräften der Diktatur und der Expansion ausgeklammert oder durch den Rekurs auf die Führertheorie umgangen werden. [...]


    Eine beträchtliche Verschärfung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung brachten die 80er Jahre. Im Gefolge der 1982 gebildeten »Regierung der Wende« wurde 1984/85 eine ideologische Offensive gestartet, die auf Rehabilitierung des Nationalismus zielte.

    Ein neues Bewußtsein »nationaler Identität« werde gebraucht, so hieß es, um die vielfältigen Krisen und Gefahren der Gegenwart zu bewältigen.52 Es schloß sich eine von angesehenen konservativen Historikern getragene und vom rechten Flügel der Unionsparteien und großbürgerlichen Zeitungen massiv unterstützte Offensive an, die insbesondere den Krieg des deutschen Faschismus gegen die Sowjetunion zu rehabilitieren suchte und auch die riesigen Verbrechen des Faschismus einschließlich des Massenmords an den Juden zu relativieren unternahm.


    Bei diesem »Historikerstreit«53 gelang der Rechten allerdings kein Erfolg: Liberale und linke Historiker bezogen entschiedene Gegenpositionen und erwiesen die Thesen der konservativen Historiker als wissenschaftlich unhaltbar und politisch gefährlich. Auch innerhalb der Union erhoben sich Gegenstimmen - besonders wirksam in Gestalt des Bundespräsidenten Weizsäcker. So führte der Versuch der Rechten, herauszutreten »aus dem Schatten Hitlers« (F.J. Strauß), um unbefangen wieder Machtpolitik auf der Basis neu gewonnener ökonomischer und militärischer Potenz treiben zu können, nicht zum Erfolg. Allerdings trug er wesentlich dazu bei, nationalistische Denkmuster wieder salonfähig zu machen.


    Die zentrale Frage all der vielfältigen Kontroversen in der Faschismusdiskussion ist nach wie vor, ob die Errichtung der faschistischen Diktatur und deren Politik von den gesellschaftlichen Bedingungen, Kräften und Interessen her erklärt werden, ob also vom Kapitalismus die Rede ist oder nicht.

    Damit ist auch die Frage nach den politischen Inhalten und Gefahren der Eigentumsverfassung und nach den sozialen Grundlagen der herrschenden Klasse gestellt - und nach den Folgerungen, die sich für eine antifaschistische Strategie aus den Erfahrungen mit dem Faschismus ergeben.


    Wird die Frage nach dem Kapitalismus nicht gestellt, sondern wird der Faschismus hauptsächlich erklärt aus dem Charakter und der Geistesverfassung seiner Führer oder aus dem angeblichen Irrationalismus der Massen oder aus der als Schicksalsereignis dargestellten Wirtschaftskrise oder aus anderen angeblich schicksalhaften oder zufälligen Verkettungen von Umständen oder als Produkt des deutschen Nationalcharakters oder aus der Weitergabe bestimmter Ideen von Nietzsche bis Hitler oder aus dem Versailler Vertrag (also der Schuld auswärtiger Mächte), so läuft dies, wie in diesem Buch dargelegt, auf eine Verschleierung der Hauptsache hinaus. (Dabei ist natürlich unbestritten, daß die meisten dieser Momente im Faschisierungsprozeß eine gewisse begünstigende Rolle gespielt haben.)


    Gegen alle diese Interpretationen haben die Herrschenden denn auch nichts einzuwenden. Aus ihnen ergeben sich weder Folgerungen, die die bestehende Eigentums- und Machtverteilung berühren, noch Konsequenzen für eine realistische antifaschistische Strategie.


    Obgleich also die Bedingungen für die Entfaltung kritischer Wissenschaft schwieriger geworden sind, konnten wesentliche Errungenschaften der »Reformperiode« verteidigt werden. Grundlegende Erkenntnisse der Faschismusdiskussion wie die vom engen Zusammenhang zwischen autoritären Traditionen, ökonomischen Krisen und faschistischen Massenbewegungen oder zwischen dem deutschen Imperialismus im Ersten und im Zweiten Weltkrieg oder zwischen großkapitalistischen Interessen, Abschaffung der Demokratie und militärischer Expansion konnten nicht mehr aus der Welt geschafft werden. [...]


    Im Verlaufe der 80er Jahre haben sich die Konflikte eher noch verschärft: einerseits unternahm die »Regierung der Wende« massive Versuche, den Abbau sozialer Rechte zu beschleunigen und die Handlungsmöglichkeiten der Gewerkschaften einzuschränken. Und zugleich wurden von der politischen Rechten Ideologien gefördert, die die Ausländer als diejenigen präsentierten, die für Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot, für Umweltzerstörung und Kriminalität verantwortlich seien. In der Agitation der extremen Rechten erlangte dieses Motiv gänzlich die Dominanz. Intellektuelle der Rechten liefern für Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhaß »wissenschaftliche« Rechtfertigungen, die sich unschwer als Neufassungen rassistischer Theorien erkennen lassen.54


    In der Tat liegt eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß die Gefahren erkannt und überwunden werden können, darin, daß demokratische Wissenschaftler die wirklichen Ursachen und den wirklichen Charakter des Faschismus offenlegen. Auch aus diesen praktischen Gründen ist es sehr notwendig, alle Verschleierungs- und Verklärungsversuche zurückzuweisen und strikt die historische Wahrheit darzulegen.

    Wissenschaftliche Kontroversen über den Faschismus sind also - ob die Beteiligten das wissen oder nicht - zugleich politische Auseinandersetzungen über die Chancen der Demokratie und die Zukunft unserer Gesellschaft. Demokratische Wissenschaft und arbeitende Bevölkerung sind also, wie in so vielen Fragen, auch hier aufeinander angewiesen.


    Durch diese Verbindung zwischen demokratischer Wissenschaft und Arbeiterbewegung kann eine Kraft entstehen, die in der Tat stark genug ist, die Offensive der Rechten abzuwehren, die demokratischen und sozialen Rechte der Massen zu verteidigen und dann jene Aufgabe in Angriff zu nehmen, die die Demokratie dauerhaft festigen und die Gefahr des Faschismus dauerhaft beseitigen kann: die Überführung der Wirtschaft in die Kontrolle des Volkssouveräns, die Schaffung einer sozialistischen Demokratie, wie sie die Antifaschisten nach 1945 gewollt, die Landesverfassungen dieser Periode noch deutlich artikuliert haben und wie sie das Grundgesetz in Artikel 15 als Möglichkeit ausdrücklich gewährleistet hat. (Daß die Veränderung der Eigentumsverhältnisse allein noch keine Lösung darstellt, wenn nicht das Volk sich wirklich zum Souverän macht und durch demokratische Praxis sich die Kompetenzen aneignet, die zur Selbstregierung erforderlich sind, hat das Beispiel der DDR sehr eindringlich gezeigt.)"

    __________________________________________________

    Reinhard Kühnl: Faschismustheorien. Ein Leitfaden (aktualisierte Neuauflage), Heilbronn 1990, S. 315-322


    Schon 34 Jahre alt. Der Ausblick des Autors war sehr optimistisch.

  • Beitragsfolge. Viel Spaß.


    https://twitter.com/jburnmurdoch/status/1750849189834022932



    Zugehöriger Artikel: https://www.ft.com/content/29f…35-41bf-9d4c-994db4e12998

  • AFD Verbot, kaputte Demokratie, Correctiv (Henryk M. Broder)



    Zitat

    es ist eigentlich eine fantastische Komödie. Das wäre was für Millowitsch oder für

    Arnold und Bach oder für Labisch. Molière hätte daraus ein fantastisches Stück gemacht. Die Regierung fördert eine Politik, gegen die Parteien oder eine Partei Widerspruch erheben und daraufhin muss nicht die Politik geändert werden, es geht nur noch darum dieser Partei aus dem Weg zu schaffen.

  • den Faschisten Broder hätte ich in dem Tread auch nicht erwartet ;(


    Er verharmlost das Treffen


    https://www.freitag.de/autoren…ten-ein-hoffnungsschimmer


    Vor einigen Tagen erzählte mir im sächsischen Erzgebirge eine Schülerin nach einer Theatervorführung über „Die weiße Rose“, also den Widerstand im Nationalsozialismus: „90 Prozent in meiner Schule sind rechts.“ Und ihre Lehrerin fügte hinzu: „Es traut sich niemand mehr zu sagen, dass er nicht so ist. Nicht so rechts.“ Ob ich bezüglich der Wirksamkeit der bundesweiten Massenproteste gegen die AfD skeptisch bin, ob sie etwas bewirken werden? Ja, das bin ich. Aber für viele Menschen, gerade im ländlichen Raum in Sachsen, sind sie dennoch ein Hoffnungsschimmer.

    Kurz nach meinem Erlebnis im Erzgebirge gingen die Menschen dort auf die Straßen, wo ich mich seit Jahren als Aktivist gegen die rechte Raumnahme engagiere. Nicht nur in Leipzig, Chemnitz oder Dresden, sondern auch in Görlitz, Pirna, Torgau, Meißen und Zittau demonstrierten Tausende Menschen für den Erhalt der Demokratie und gegen den Rechtsruck. Viele meiner Mitstreitenden, die in dem Bündnis „Solidarische Vernetzung Sachsen“ zusammengekommen sind, haben das erste Mal seit Jahren wieder die Hoffnung, dass das Ruder doch noch rumzureißen sei. Schon alleine für dieses Gefühl haben sich die Massendemos der vergangenen Tage gelohnt.

    In vielen Orten sorgte der massive Druck von rechts außen auf die Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahren primär für Frustration und Resignation. Im ständigen Abwehrkampf gegen Rechtsextreme wie die AfD, Freie Sachsen, III. Weg und anderen fällt es schwer, nicht in Alltagspessimismus zu verfallen. Alternative Jugendzentren sind von rechten Schlägern bedroht. Demokratische Parteien machen auf kommunaler Ebene gemeinsame Sache mit der AfD. Antifaschist*innen werden auf offener Straße angegriffen. Die Proteste aber zeigen: Es geht eben auch anders.

    https://pbs.twimg.com/media/Dy…I2?format=jpg&name=medium

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