Diskussionen zu Interessanten News, Sendungen, Links und sonstigen Aufregern des Tages

  • Was meinst Du konkret?

    union-coop.org

    supercoop.de


    &

    (reformierte) Genossenschaftsformen als Unternehmen


    fördern, staatlich oder bewegung ect. usw.


    Prinzipien von Union-Coop (von ihrer website):



    Generell geht es bei diesen Prinzipien nicht um Ideale, sondern um Mindeststandards. Wir haben ganz bewusst Fragen etwa nach gesellschaftlich sinnvoller Produktion oder nach der revolu­tionären Ausrichtung eines Kollektivs ausgeklammert. Diese mögen wünschenswert sein, sind für uns aber nicht Voraussetzung, um Teil unserer Bewegung zu sein – unabhängig von der Frage, wie „gesellschaftlich sinnvoll“ in der realen gesellschaftlichen Situation Hier und Heute definiert werden soll. Aus syndikalistischer Perspektive legen wir den Schwerpunkt auf Struktur und Praxis und weniger auf ideologischen Anspruch – die Akzeptanz der grundlegenden Beschlüsse und Prin­zi­pien der FAU vorausgesetzt. Nichtsdestotrotz sind wir der Überzeugung, dass eine selbstorganisierte Wirtschaft im Sinne unserer Prinzipien die sicherste Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige und gesellschaftlich sinnvolle Produktion ist.

    Auch können in Prinzipien nicht alle Eventualitäten des Lebens abgedeckt werden. Letztlich drücken sie nur einen Geist, eine Stoßrichtung aus. Und darum geht es. Nicht umsonst meinte Brecht, dass Prinzipien dafür da wären, sie zu brechen. Deshalb haben wir die Möglichkeit offen gelassen, dass es für Betriebe in einer spezifischen Situation temporäre oder auch dauerhafte Ausnahmen geben kann, sofern diese begründet und transparent gemacht werden und nicht dem grundlegenden Geist dieser Prinzipien widersprechen.

    1. Der Betrieb ist in Belegschaftshand. Er wählt eine verbindliche Struktur, die den Betrieb als kollektiven Besitz der dort jeweils Tätigen absichert und Profite einzelner Belegschafts­mitglieder und möglichst auch Dritter (Banken, private Kreditgeber usw.) verhindert.

      Kommentar

      Der Punkt dürfte weitestgehend nachvollziehbar sein. Wir haben die konkrete Rechtsform bewusst offen gelassen. Stattdessen sprechen wir von einer „verbindlichen Struktur“, da es verschiedene Formen, auch abhängig von der Branche, geben kann (Genossenschaft, Verein, GbR mit entsprechenden Binnenverträgen…), die unseren Anspruch erfüllen können. Wichtig ist uns, dass kein Privateigentum angehäuft wird und die Kontrolle über die Produktionsmittel bei den (aktuell) im Betrieb Tätigen verbleibt.Der Knackpunkt dürfte hier der Ausschluss von Profiten Dritter sein. Es wird vermutlich für einige Betriebe unumgänglich sein, verzinste Kredite von außen – oder auch von innen – aufzunehmen. Deshalb wurde diese Einschränkung auch nicht kategorisch formuliert. Dennoch halten wir eine Sensibilisierung an diesem Punkt für wichtig.
    2. Der Betrieb ist basisdemokratisch organisiert. Jedes Belegschaftsmitglied verfügt über die gleichen Rechte und Einflussmöglichkeiten in Angelegenheiten, die alle betreffen. Eine Einschränkung ist nur für befristete oder in Probezeit befindlichen Belegschaftsmitgliedern hinsichtlich von Entscheidungen, die über den eigenen Verbleib im Betrieb hinausreichen, möglich.

      Kommentar

      Auch hier dürfte sich der basisdemokratische Anspruch von selbst verstehen. Wie er sich konkret ausgestaltet, z.B. mit oder ohne Konsensprinzip, mit oder ohne Vetorecht usw., sollte dem jeweiligen Kollektiv überlassen werden. Wir haben bewusst die Möglichkeit offen gelassen, dass nicht alle über alles mitentscheiden müssen. Für uns ist es beispielsweise denkbar, dass einzelne Abteilungen oder auch Einzelpersonen, sofern sie vom Kollektiv beauftragt werden, für bestimmte Bereiche autonom handeln können.Auch haben wir an dieser Stelle versucht, das Problem von temporären Aushilfen oder möglichen Probezeiten in den Griff zu bekommen. Da es ja kein Eigentum einzelner am Betrieb geben soll, sondern nur den kollektiven Besitz der aktuell dort Arbeitenden, macht es für uns eigentlich keinen großen Unterschied, ob jemand in diesem Betrieb seit einem Tag oder 40 Jahren arbeitet, solange er in dem jeweiligem Zeitraum den gleichen Lohn und die gleichen Mitspracherechte hat – mit eben der Einschränkung, dass man nicht über Belange mitentscheidet, die man nicht selber mittragen muss.Ob dies in der Realität tatsächlich so einfach umsetzbar ist, war – genauso wie die Frage der Aushilfen selbst – einer der zentralen Punkte im bisherigen Diskussionsprozess, und ist auch noch nicht abgeschlossen. Klar ist bisher, dass Aushilfen nur temporär im Arbeitsprozess, etwa bei Produktionsspitzen, eingebunden sein und nicht hinsichtlich der Entlohnung benachteiligt werden dürfen.
    3. Der Betrieb verpflichtet sich zu Transparenz. Er ist bemüht diese weitestgehend zu gewähren, gegenüber den Belegschaftsmitgliedern sichert er sie jedoch im umfassenden Sinne, gegenüber der Gewerkschaft und der Union-Coop-Föderation zumindest in grund­legenden Fragen (u.a. Zulieferer, Entlohnung, AbnehmerInnen, Entscheidungsstruktur, Warenfluss) zu.

      Kommentar

      Die Transparenz dürfte ein grundlegender Anspruch sein. In diesem Punkt haben wir sie nur insoweit eingeschränkt, dass es eben für den einzelnen Betrieb schädlich sein könnte, wenn jeder und jede alles über ihn weiß – insbesondere die ganz normalen Konkurrenzbetriebe.
    4. Der Betrieb verpflichtet sich zu Gleichbehandlung in der Entlohnung und lehnt Beschäf­tigungsformen wie schlechter oder nicht entlohnte Praktika und Probezeiten oder auch Maß­nahmen der Arbeitsagenturen ab. Explizite Soli-Arbeit ist hiervon ausgeschlossen.

      Kommentar

      Die Entlohnung ist natürlich ein schwieriges Thema. Wir haben an dieser Stelle Kollektiven durchaus die Möglichkeit gelassen – und nicht das Ideal eines Einheitslohns gewählt –, für Leute, die z.B. besonders schwierige Tätigkeiten verrichten oder die z.B. kinderreich sind oder einen kranken Partner mitversorgen müssen, mehr zu zahlen als anderen. Auch haben wir zumindest ein Kollektiv kennengelernt, dass ganz bewusst die Arbeitsleistung vom Lohn trennt und nach dem Prinzip Bedarfslohn funktioniert. Dennoch, und das war für uns das entscheidende, sollte ein Gleichheitsgrundsatz in der Entlohnung bzw. im Falle eines Bedarfslohns der gleiche Anspruch bestehen.Ein weiterer Punkt ist die Möglichkeit von unbezahlter Soli-Arbeit. Dies ist durchaus kritisch zu sehen. Allerdings wäre ohne eine solche Ausnahme nicht einmal der Verkauf von Kaffee aus einem entsprechenden Kollektiv über einen FAU-Büchertisch denkbar, da es sich dabei um genau jene Soli-Arbeit handelt. Hier wäre zu überlegen, inwieweit dies kontrolliert werden sollte oder ob dies nicht zu bürokratisch wird.
  • 5. Der Betrieb ist solidarisch. Er verpflichtet sich dazu, die Löhne und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie nicht zu Lohndumping oder zum Unterlaufen der branchenüblichen Standards führen. Er strebt im Gegenteil die Verbesserung der Löhne und Arbeits­bedingungen in der Branche (und darüber hinaus) an. Auch über die eigene Branche hinaus bemüht er sich als wirtschaftlicher Akteur solidarisch mit der arbeitenden Klasse zu agieren.
    Kommentar

    Es ist generell schwierig, Arbeitsbedingungen in kollektiven Betrieben mit denen in „normalen“ zu vergleichen. Beispielsweise allein die Lohnhöhe als vergleichendes Kriterium zu nehmen, würde zu kurz greifen. So ist in unseren Augen bereits die selbstbestimmte Arbeit ohne Chef ein wichtiger Vorteil, der anders als etwa zusätzliche Urlaubstage oder gewisse Mitbe­stimmungsrechte in keinem herkömmlichen Tarifvertrag auftauchen dürfte und sich nur schwer monetär aufrechnen lässt. Es geht aber auch nicht darum, abstrakt die Arbeitsbedingungen in verschiedenen Betrieben zu vergleichen, sondern um die Frage, welche Auswirkungen sie aufeinander haben. In diesem Sinne darf das wirtschaftliche Agieren eines Kollektivbetriebs natürlich nicht dazu führen, dass sich die Arbeitsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen in „normalen“ Betrieben verschlechtern. Es muss klar sein, dass sich – wie auch in anderen Betrieben – dort, wo GenossInnen aktiv sind, die Arbeitsbedingungen verbessern sollten, im Betrieb wie in der Branche. Es geht aber nicht darum – es sei hier nochmals betont, da dies zu Missverständnissen führte – einen etwaigen Tarifvertrag auf einen Kollektivbetrieb anzuwenden bzw. die dortigen Arbeitsbedingungen an ihn abzugleichen. Das ist, wie eingangs gesagt, nicht möglich.

    1. Der Betrieb versucht gemeinsam mit gleichgesinnten Betrieben (Union-Coop-Föderation) und der Gewerkschaft, so weit möglich, schon jetzt ein Wirtschaften jenseits der auf Markt und Konkurrenz basierenden Warengesellschaft umzusetzen, auf Basis von Kooperation und Solidarität.

      Kommentar

      Dieser Punkt ist zugegeben vage ausgedrückt und bringt eher einen Wunsch bzw. selbstgesetzten Anspruch zum Ausdruck, als ein an harten Fakten überprüfbaren Tatbestand. Inwieweit er sich mit Leben füllt bzw. füllen lässt, hängt sicherlich auch vom Erfolg des Konzepts ab und muss sich in der Praxis zeigen.
    2. Die Belegschaft des Betriebes ist gewerkschaftlich organisiert. Die Belegschaft ist zumin­dest mehrheitlich Mitglied der FAU.

      Kommentar

      Wie gesagt, soll das Konzept einen Organisierungsprozess in Gang setzen. Die gewerk­schaftliche Präsenz im Betrieb halten wir zudem für die beste Möglichkeit, um die Einhaltung der vorherigen Union-Coop-Prinzipien zu garantieren. Das soll insbesondere auch die langfristige Existenz eines Kollektivbetriebs sichern – eine spätere Privatisierung oder die schleichende Rück­kehr in einen kapitalistischen Normalbetrieb soll verhindert werden. Dies setzt für uns einen zumin­dest mehrheitlichen Organisierungsgrad der Belegschaft in der FAU voraus. Nicht umsonst sprechen wir auch von Union Coops, also Gewerkschaftlichen Kollektivbetrieben.Das Prinzip der mehrheitlichen Organisierung in der FAU halten wir deshalb für eine Notwendigkeit. Es soll keinen „Vereinnahmungsversuch“ seitens der FAU darstellen. Es steht den übrigen Betrieben, die sich nicht mehrheitlich in der FAU organisieren wollen, frei, sich an den Union-Coop-Prinzipien nichtsdestotrotz zu orientieren. Es ist für uns sogar ein wünschenswerter Nebeneffekt, dass dieses Konzept auch in Betrieben diskutiert und vielleicht zumindest zum Teil umgesetzt wird, die nicht alle Prinzipien umsetzen wollen – oder können.Auf der anderen Seite halten wir einen gegen 100 % gehenden Organisierungsgrad in der Regel für unrealistisch. Ähnlich wie in FAU-Betriebsgruppen in „normalen“ Betrieben wird es immer Kolle­ginnen und Kollegen geben, die zu einer Mitarbeit bereit sind bzw. einen solchen Organisierungs­prozess mittragen, aber nicht bereit sind, in die FAU einzutreten
  • In dem Video oben spricht Graeme Maxton, Director des Club of Rome.

    Bevor er sich damit beschäftigt hat wie man den Klimawandel stoppen kann war er ganz klassicher Ökonom der für die Citybank und American Express gearbeitet hat.


    Die Einsicht, dass nur ein Ende des Kapitalismus den Kimawandel stoppen kann war für ihn wohl ziemlich erschütternd. Sein Vortrag ist extrem sehenswert.


    Buch Dazu "1% ist genug"

  • Der Kapitalismus ist also das Fusionskraftwerk der Systeme? ;)

    Wenn der gute Mann 1980 schon das Ende sieht.


    Was er beschreibt ist, dass es eine Unsicherheit gibt und sich etwas verändert. Das hat es im Kapitalismus aber immer gegeben, ohne dass dies das Ende des Kapitalismus bedeutet hätte.

    Ich bin beeindruckt von der geradezu titanischen Intellektualität von Marner und fruchtoase, die schon nach ein paar Minuten Beschäftigung mit Immanuel Wallerstein , immerhin seinerzeit von Soziologen Weltweit als Präsident der Internationalen Gesellschaft der Soziologie gewählt, diesen so messerscharf analysieren und wiederlegen können.


    Prof. Wallerstein der Jahrzehnte der soziologischen Fakultät in Yale angehörte, ist geradezu ein nichts angesichts der intellektuellen Leistungen von Marner und fruchtoase.


    Mit so durchdachten Argumenten wie:

    Zitat

    Lassen wir uns die Welt von nem Soziologen erklären der sich sein eigenes Fachgebiet zammspinnt, Weltsystemanalyse...


    muss ich in Erfurcht erstarren.


    Was bin ich froh in diesem Forum mit so großen Geistern diskutieren zu dürfen. Die Tiefe der Argumente ist so zwingend, dass ich das Lebenswerk eines der meistzitierten Wissenschaftler seines Faches als widerlegt ansehen muss. Blind für die Genialität der Mitdiskutanten dachte ich erst, sie würden vielleicht nur einem schweren confirmation bias aufsitzen.


    Aber nein, ich musste einsehen, seit Jahrzehnten lassen sich Soziologen weltweit von diesem Scharlatan Wallerstein an der Nase herumführen. Man fragt sich warum niemand bisher die Genialität von Marner und fruchtoase erkannt hat, warum internationale Intellektuelle weiterhin wie besessen von diesem Betrüger Wallerstein sind und ihn für sein Machwerk Weltsystemanalyse rühmen, da es doch Marner und fruchtoase in ihrem unfehlbaremn Urteil als unwissenschaftlichen Unfug entlarvt haben.


    Blind bin ich dem Guru gefolgt, ohne etwa Kritik zur Kenntnis zu nehmen oder andere Meinungen zuzulassen-. Was war ich verblendet. Danke für die Erleuchtung.

  • Kurzer Hinweis: Sahra Wagenknecht ist ursprünglich gelernte Literaturwissenschaftlerin und Philosophin. Sie hat Zeit ihres erwachsenen Lebens nach dem Ende der DDR eigentlich nichts anderes getan als Berufspolitik.

    Erst im reiferen Alter hat sie dann als (unbezahlte) Nebentätigkeit zu ihren politischen Mandaten noch mal auf Volkswirtschaft - also auf eine Sozialwissenschaft - umgeschult, und darin "promoviert".


    Scheinbar ist jedoch die hoch theoretische Vorstellung der Berufspolitikerin und nebenberuflichen Geistes- und Sozialwissenschaftlerin Wagenknecht über einen sozialen, weil endlich wieder leistungsgerechten, von einem starken Nationalstaat zum "fairen" Wettbewerb ehrbarer Kaufleute zurecht regulierten, und somit zu Wachstum durch technische Innovation getriebenen Kapitalismus (-> S. Wagenknecht: "Die Selbstgerechten" Kap. 11) in den Augen so mancher Foristen realistischer, als alle Theorie langjährig forschender SozialwissenschaftlerInnen über die Unvereinbarkeit der kapitalistischen Marktwirtschaft mit sozialer Gerechtigkeit und nachhaltigem Klimaschutz.


    Interessante Auffasung über die Praxisnähe von Theorie.

  • A Propos sozialer Kapitalismus.


    Wenn...

    Wiederaufbau unseres Sozialstaats

    ...alles ist, was einem zur gegenwärtigen globalen(!) Krise des Kapitalismus einfällt, dann sollte man vielleicht nicht so großzügig mit Spott um sich werfen, wenn andere Leute sich abmühen zu ergründen, warum genau das unter den herrschenden Verhältnissen nicht passieren wird, so lange die Politische Klasse die diesem Staat vorsteht nicht damit aufhört, ihn zur Durchsetzung der Interessen des Kapitals und zur Bedienung seines systemischen Zwanges zu quatitativem Wachstum zu instrumentalisieren.

  • A Propos sozialer Kapitalismus.


    Wenn...

    ...alles ist, was einem zur gegenwärtigen globalen(!) Krise des Kapitalismus einfällt, dann sollte man vielleicht nicht so großzügig mit Spott um sich werfen, wenn andere Leute sich abmühen zu ergründen, warum genau das unter den herrschenden Verhältnissen nicht passieren wird, so lange die Politische Klasse die diesem Staat vorsteht nicht damit aufhört, ihn zur Durchsetzung der Interessen des Kapitals und zur Bedienung seines systemischen Zwanges zu quatitativem Wachstum zu instrumentalisieren.

    Achso ihr wolt gleich die globalen Krisen auf der Welt, Kapitalismus und Klimawandel in einem Aufschlagwegwischen... viel Spaß.


    Wass soll ich denn lang schreiben über Wiederverstaatlichung der Infrastruktur, Bahn (Züge Bahnhöfe Gleise) Strom (Erzeugung und Transport), Wasser (Frisch-, Brauch- Abwasser und Klärung)...

    Am Ende kommt wieder einer und sagt "Bähh, immer noch Kapitalismus", ob der dann in Manchester- oder Sozialstaatsform dasteht ist euch doch schon wurscht

    Ncht dass das am Ende noch was mit Ideologie =O zu tun hat.

  • Ach und Utan. Wenn du möchtest, dass wenigstens ein paar Leute deine Texte lesen, mach ruhig mal aus deinen Satzungetümen 3 oder 4. BEI deinem Beitrag von heute morgen habe ich kapituliert, das grenzt teilweise an Folter.

    Vielen Dank für den Sachlichen Diskussionsbeitrag.


    Wenn man inhaltlich nichts zu argumentieren hat, dann kann man sich natürlich immer noch an der Form abarbeiten. Aber ich schreibe es gerne für Dich noch mal in ganz einfachen Sätzen:


    ______________________________________

    Sahra Wagenknecht schreibt in ihrem neuen Buch zum Teil leider Unsinn. Sie verdreht Tatsachen. Sie verkürzt und vereinfacht komplexe Zusammenhänge und verfälscht damit ihre Bedeutung. Sie beschuldigt die "Lifestyle Linken" durchaus zurecht der Übernahme übertriebener, einseitiger Sichtweisen aus dem akademischen Betrieb in den USA. Dabei unterschlägt sie allerdings, dass die denselben zugrunde liegenden Theorien ursprünglich aus Europa kommen. Außerdem übernimmt sie selbst zum Teil "rechte" Narrative aus amerikanischen Diskursen. Die darin enthaltende Kritik muss deshalb nicht komplett falsch sein. Sie lässt dabei aber Tatsachen weg, die zum Verständnis des kritisierten Phänomens wichtig wären.

    Dabei arbeitet Wagenknecht vielleicht "akribisch" aber eben nicht wissenschaftlich. Das führt dazu, dass ihren LeserInnen ein sehr einseitiger Blick auf die behandelte Thematik präsentiert wird. Das ist völlig legitim und berechtigt als Diskussionsbeitrag. Aber es ist nicht die Enthüllung der reinen Wahrheit, die manche RezipientInnen darin zu erkennen glauben.

    ____________________________________


    Meine These dazu ist, dass die Genossin Wagenknecht das nicht in böser Absicht tut. Ich glaube nicht, dass sie sich damit dem rechten Rand andienen, oder gar eine Querfront mit völkischen Nationalisten eröffnen will. Ich nehme ihr ab, dass sie tatsächlich aus der echten Überzeugung schreibt, mit ihrem Buch zur Aufklärung beizutragen. Das ändert aber nichts daran, dass sie damit selbst das Augenmerk auf ein Phänomen verlagert, welches vor allem von der rechten Seite als "Hauptwaffensystem" gegen linke Systemkritik instrumentalisiert wird.

    Sie macht es damit der Gegenseite leichter, alles was als "links" wahrgenommen wird, auf einen Kulturkampf zwischen privilegierten Intellektuellen und "einfachen Leuten" um realitätsferne Identitätspolitik zu reduzieren. Das führt dazu, dass sich genau der Teil der Gesellschaft, den die politische Linke eigentlich auf ihre Seite ziehen müsste, von linken Ideen abwendet, weil er sich davon bevormundet und verachtet sieht. In Umfragen wird deshalb zwar Wagenknecht durchaus auch in kleinbürgerlichen Kreisen geschätzt, aber ihre Partei, deren Programm gerade für gering- bis MittelverdienerInnen von allen die größten finanziellen Entlastungen bringen würde, gewinnt dabei dennoch keinen Blumentopf, weil sie in der öffentlichen Meinung nur noch als Verein privilegierter AkademikerInnen wahrgenommen wird, die den Leuten eine identitätspolitische Ideologie aufzwingen wollen.

    [edit:] Daran sind natürlich auch die von Wagenknecht kritisierten Linksliberalen schuld [/edit]. Aber sie selbst befördert damit - ob gewollt oder nicht - ihrerseits genau die Emotionalisierung und Hypermoralisierung der Debatte, die sie im Buch selbst kritisiert.


    Gleichzeitig - und das ist das eigentlich Schlimme daran - nimmt sie offensichtlich von ihrer eigenen radikalen Kapitalismuskritik früherer Bücher Abstand. Stattdessen entwirft sie ein "populistisches" Idealbild von einer kapitalistischen Gesellschaft, in welcher ein "fairer" Wettbewerb zu Wachstum durch technische Innovation führe und nicht zur Ausbeutung von Mensch und Natur, wenn man nur den supperreichen Eliten endlich ihr Leistungsloses Einkommen abnähme und den ganzen Apparat mal ordentlich mit dem starken Staat durchregulierte.

    Sie formuliert das nicht explizit als politisches Ziel (dazu steht im Buch eigentlich gar nichts konkretes mehr) aber sie stellt es mehrfach als bessere Alternative zum heutigen Zustand der sozioökonomischen Verhältnisse dar.

    Dabei verweist sie immer wieder auf die Bundesrepublik Deutschland der "50er bis 80er Jahre" und macht ganz offensichtliche gedanklliche Anleihen bei den ordoliberalen Vordenkern Ludwig Ehrhards und seiner "Sozialen Marktwirtschaft".

    Dieses - als bessere Alternative zumindest implizierte - Idealbild der deutschen Nachkregsgesellschaft, ist nach Wagenknechts Vorstellung vor allem der Globalisierung und der öffnung der Grenzen nicht nur für den Kapital- und Warenverkehr, sondern auch für ausländische Arbeitskräfte zum Opfer gefallen. Die Schuld daran verortet sie in der EU.


    Was sie dabei weitgehend ausblendet, sind sowohl die einmalige historische Entwicklung und geopolitische Lage Westdeutschlands nach dem zweiten Weltkrieg, als auch der Umstand, dass die EU vor allem deshalb so beschaffen ist, wie sie ist, weil Deutschland als stärkste europäische Volkswirtschaft seit der Wiedervereinigung auf europäischer Ebene einen ökonomisch knallhart nationalistischen Kurs erzwang und bis heute aufrecht erhält, welcher die Bundesrepublik zur Gewinnerin des Standortwettbwerbs der europäischen Nationen macht.


    Sie verschweigt nicht, dass dieser Gewinn vor allem dem Kapital, bzw. dem Großbürgertum zugute kam, oder dass er mittels systematischer Lohnstückkostenreduktion durch stagnierende Gehälter und reduzierte Sozialabgaben, und somit auf Kosten der breiten Masse der Arbeitnehmerschaft erkauft wurde.

    Aber sie erzeugt dennoch die Illusion, dass eine Renationalisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Weg zu mehr Verteilungsgerechtigkeit sei. Dabei müsste gerade sie als Berufspolitikerin, promovierte Volkswirtin und langjähriges Vorstandsmitglied der Linkspartei eigentlich wissen, dass mehr nationale Eigenbrötlerei im Kapitalismus in den letzten hundert Jahren bisher noch in keinem europäischen Land zu mehr Wohlstand der abhängig Beschäftigten führte.

    Im Gegenteil: Je weniger die Regierungen der beteiligten Handelspartner gemeinsam am selben Strang ziehen, umso leichter wird es für die Konzerne und ihre lobbyisten, die jeweilgen nationalen Interessen im globalen Standortwettbwerb gegeneinander auszuspielen und den Nationalen Regierung ihre Profitinteressen als Wettbewerbsvorteil zu verkaufen.

    Das gilt insbesondere für ein derart von Exporterlösen in - und Importen von Rohstoffen und Vorprodukten aus - andere(n) Volkswirtschaften abhängiges Land wie Deutschland.


    Der Mythos einer Gesellschaft ehrbarer kaufleute, innovativer Entrepreneure und fleissiger ArbeitnehmerInnen mit Stolz und Arbeitsethos, die gemeinsam an einem Strang ziehen, um endlich wieder mehr "Wohlstand für Alle" zu schaffen, ist ein zutiefst bürgerlicher und entspricht damit eigentlich genau der "Nivellierten Mittelschicht", die Wagenknecht im Buch völlig richtig als Trugbild entlarvt. Mit wirklich linker Politik hat das allerdings eher wenig zu tun.


    TL/DR: Wagenknechts Buch richtet sich nicht an die Armen und Entrechteten der deutschen Gesellschaft, sondern an die noch halbegs gut situierte bürgerliche Mitte des Landes. Auch das sei ihr erlaubt und es macht sie nicht zur verkappten Nationalsozialistin. Aber es ist halt eigentlich eine Kapitulation vor der scheinbaren Alternativlosigkeit des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft, die ihn mit Zähnen und Klauen und entgegen aller historischen Empirie und Theorie aus lauter Verlustangst weiter am Leben erhält.

  • Was ich mich bei Dir allerdings auch immer frage - die Überwindung des Kapitalismus setze ich mal als eines der Primärziele Deinerseits voraus - welchen Weg beschreitest Du hier eigentlich?

    Vollständige (theorielastige) Aufklärung über die Übel des Kapitalismus und dann kommt schon irgendwie die Revolution?

    Nein. Dann kommt natürlich nicht "Die Revolution".


    Aber ohne eine gesellschaftliche Debatte darüber wird es keine Transformation geben - jedenfalls keine, die friedlich, demokratisch, von unten nach oben, und von rationalen Analysen getrieben wird.

    Und diese Debatte findet unter anderem deshalb nicht statt, weil sich immer genug um ihre eigenen Privilegien besorgte Bürgerys finden, die schon die Analyse der herrschenden Verhältnisse und der sie stützenden Ideologie für akademische, theoretische Luftschlossarchitektur halten, und lieber weiter - in endlosen, mit jeder Generation aufs neue efolgten Iterationen seit der Erfindung der Sozialdemokratie im 19. Jahrhundert - weiter über technokratische Stellschraubenmechanik diskutieren wollen, als sich damit auseinander zu setzen, warum es dafür keine politischen Mehrheiten mehr gibt.


    Ich habe es schon oft geschrieben, aber ich schreibe es gerne nochmal: Die Überwindung des Kapitalismus und die Entwicklung eines alternativen Gesellschaftsmodells ist ein Generationenprojekt. Aber es wird sich nie realisieren, wenn das Großkapital weiterhin ungestört und von der politischen Klasse gestützt sein "Hauptwaffensystem" darauf ausrichtet, genau diese Transformation mit aller Macht zu verhindern, weil die Masse der Nicht-EigentümerInnen sich von Technokraten, Ideologen und Zynikern weiterhin einreden lässt, dass eine solche Transformation völlig undenkbar und sinnlos sei.


    Das Christentum hat über tausend Jahre lang das Denken der Menschen in Europa und Amerika dominiert, bis die Aufklärung zur Säkularisierung der westlichen Gesellschaften führte. Wenn wir so lange darauf warten wollen, dass sich die kapitalistische ideologie von selbst auflöst, wird spätestens der Klimawandel die Menschheit vor eine vollendete Tatsache stellen, mit der dann niemand umzugehen weiß.


    Und die gewaltsame, plötzliche Revolution - auch das habe ich schon oft geschrieben - wird allenfalls von rechts kommen und nicht von links, wenn wir so weiter machen wie bisher. Ob die dann den Kapitalismus abschafft, oder nur die Demokratie, kann man sich ja am historischen Beispiel nochmal genauer angucken.

  • Mach nur so weiter Utan. In Sachen Polemik und Quantität kann dir hier keiner das Wasser reichen, aber sachliche Argumente auf das, was die Genossin geschrieben hat, lässt du selbst vermissen. Kommst dann aber sogar mit dem Nazi Vorwurf gegen Marner. Immer schön implizit.

    Ich hatte gestern schon was geschrieben aber dein Beitrag war so merkwürdig kodiert und unnötig in die Länge gezogen, dass mich das unnötigerweise Stunden gekostet hätte, die zwei Thesen da überhaupt angemessen zu filtern. Ich hab da keine Zeit für und das ist es mir auch nicht mehr wert, weil es am Ende immer aufs gleiche hinaus läuft. Aber sieh dich ruhig weiter als Hüter des Anti-Kapitalismus und mach dabei ja keine Gefangenen. Der Marner hat schon Recht. Es ist doch auffällig, mit wem du über Kreuz liegst.

  • Seit wann interessiert Dich denn „Praxisnähe“? Die diplomierte Medienwirtin Maja Göpel bspw. wird ja wohl in Deinen Augen wichtigere Beiträge zum Thema Klimaschutz liefern als der promovierte Ingenieur V.Quaschning.

    Die eine beschreibt die Unvereinbarkeit von Klimaschutz und Kapitalismus, der andere zeigt aktuelle Möglichkeiten auf und sagt: „grundsätzlich machbar, wir müssen nur wollen“.... gut mir ist er mitunter auch zu optimistisch, aber ich hörte ihn bislang noch nie darüber reden, dass wir nur in einem nichtkapitalistischen System klimaneutral die benötigte Energie bereitstellen können...und er beschäftigt sich beruflich von morgens bis Abends mit Kraftwerkstechniken. Manchmal glaube ich herauszuhören, dass er den Preisverfall für in rohen Massen produzierte PV-Anlagen in China eher schätzt, als dass er darin ein grundsätzliches Problem sähe, aber Sozialwissenschaftlicher*innen oder Medienwirt*innen haben hier sicherlich substanziellere Beiträge zu bieten nicht wahr?

  • Mach nur so weiter Utan. In Sachen Polemik und Quantität kann dir hier keiner das Wasser reichen, aber sachliche Argumente auf das, was die Genossin geschrieben hat, lässt du selbst vermissen.

    Ich habe gerade eine ganze Textwand ohne jegliche Polemik und voller sachlicher, inhaltlicher Kritik an der Genossin Wagenknechts jüngster Publikation geschrieben. Aber wenn Du das schon als Affront gegen ihre BefürworterInnen ansiehst und zum Anlass einer - außer Deiner eigenen Beleidigung keinen weiteren sachlichen Beitrag enthaltenden - beleidigten Replik ansiehst, dann grenzt das in meinen Augen schon ein bisschen an Personenkult.


    Und wo ich hier irgendwem einen Nazi-Vorwurf gemacht hätte, müsstest Du mir jetzt aber mal zitieren.

  • er beschäftigt sich beruflich von morgens bis Abends mit Kraftwerkstechniken.

    Ja, sehr gut, dass sich jemand damit beschäftigt.


    Andere Leute beschäftigen sich mit anderen Themen.


    Ich bin nicht derjenige, der hier in einer die gesamte arbeitsteilige Gesellschaft und ihre komplexen, interdisziplinären Interaktionen betreffenden Debatte der einen Thematik eine höhere Priorität und größere Relevanz zuordnen möchte als der anderen.


    Alles was ich fordere ist, dass man nicht das eine denkt, ohne das andere mit zu denken. Aber das scheint in diesem Forum ja neuerdings eine geradezu häretische Vorstellung zu sein.

  • Seit wann interessiert Dich denn „Praxisnähe“? Die diplomierte Medienwirtin Maja Göpel bspw. wird ja wohl in Deinen Augen wichtigere Beiträge zum Thema Klimaschutz liefern als der promovierte Ingenieur V.Quaschning.

    Die eine beschreibt die Unvereinbarkeit von Klimaschutz und Kapitalismus, der andere zeigt aktuelle Möglichkeiten auf und sagt: „grundsätzlich machbar, wir müssen nur wollen“.... gut mir ist er mitunter auch zu optimistisch, aber ich hörte ihn bislang noch nie darüber reden, dass wir nur in einem nichtkapitalistischen System klimaneutral die benötigte Energie bereitstellen können...und er beschäftigt sich beruflich von morgens bis Abends mit Kraftwerkstechniken. Manchmal glaube ich herauszuhören, dass er den Preisverfall für in rohen Massen produzierte PV-Anlagen in China eher schätzt, als dass er darin ein grundsätzliches Problem sähe, aber Sozialwissenschaftlicher*innen oder Medienwirt*innen haben hier sicherlich substanziellere Beiträge zu bieten nicht wahr?

    Oh man, es geht doch um weit mehr. Es geht darum, Machtstrukturen einzuhegen. Dieses ganze Gerede darüber welche Technologie man braucht ist ja ganz gut, aber eben hinfällig wenn nicht darüber gesprochen wird, wer letzten Endes die Politik macht. Ist das so schwer zu verstehen? Man kann einen wunderschönen und todsicheren Plan über das Erreichen der CO2 Neutralität entwerfen, der aber komplett nutzlos ist, wenn er an politischen Interessengruppen, die immer und immer wieder die Chance haben sich zu reproduzieren, nicht vorbeikommt.

  • Oh man, es geht doch um weit mehr. Es geht darum, Machtstrukturen einzuhegen. Dieses ganze Gerede darüber welche Technologie man braucht ist ja ganz gut, aber eben hinfällig wenn nicht darüber gesprochen wird, wer letzten Endes die Politik macht. Ist das so schwer zu verstehen? Man kann einen wunderschönen und todsicheren Plan über das Erreichen der CO2 Neutralität entwerfen, der aber komplett nutzlos ist, wenn er an politischen Interessengruppen, die immer und immer wieder die Chance haben sich zu reproduzieren, nicht vorbeikommt.

    Ich glaube mit der richtigen Technologie wird es egal sein wer die Politik macht... und dass wegen Kapitalverwertungsinteressen hier und da mal wirtschaftlich motivierte Entscheidungen gegen den Klimaschutz getroffen werden, mag sicherlich vorkommen. Jedoch sehe ich weit und breit keine (fossile) Lobby mehr die sich hier noch vor den Zug wirft bzw. in der Lage ist diesen noch aufzuhalten.

    Wir sollten also also eher die konkrete Umsetzung begleiten...

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