Alles anzeigenDas hatte ich mir neulich auch nochmal angesehen.
Ich finde, sie macht da eigentlich ziemlich klar, dass sie nicht die Absicht hat, eine "Querfront" mit den Rechten aufzustellen.
Blöd ist allerdings, dass sie als ehemalige Vorsitzene der kommunistichen Plattform heute offenbar unter "Kapitalismus" nur noch Konzern- und Finanzmarktkapitalismus versteht - also in dieser Frage durchaus ganz ähnlich argumentiert, wie (rechts)libertäre Marktradikale und Anarchokapitalisten, die immer behaupten, wir hätten gar keinen echten Kapitalismus, weil kein allumfassender freier Wettbewerb herrsche - , und da ein bisschen sehr darauf abstellt, dass fleissige Unternehmer im Gegensatz dazu ja eine "Leistung" erbrächten.
Kann ja sein, dass der Oskar und die Sahra privat mit UnternehmerInnen in den Wanderurlaub fahren, die nett zu ihren Angestellten sind und es sich leisten können, sie nicht komplett auszubeuten, aber da muss man die Kapitalismuskritikerin dann schon fragen, ob Unternehmen, die in Deutschland auch schon mal mehrere tausend abhängig Beschäftigte haben können und trotzdem noch als "mittelständisch" durchgehen, ihren Gewinn tatsächlich nur aufgrund der Leistung ihrer UnternehmensfürstInnen erwirtschaften, oder ob die paar tausend Leute die bei ihnen angestellt sind nicht auch einen wesentlichen Anteil an der wachsenden privaten Wertschöpfung haben, der ihnen dann jedoch nicht in Form von steigenden Löhnen ausgezahlt wird, sondern der direkt ins Betriebs- und damit häufig ins Privatvermögen der BetriebseigentümerInnen übergeht.
Außerdem findet sie, dass ohne marktwirtschaftlichen Wettbewerb kein Fortschritt und kein Wachstum stattfinden könne, und dass man denselben daher auch weiter betreiben solle.
Was sie dabei leider ausblendet ist der Umstand, dass diese Konkurrenz zwar eigentlich nur unter Anbietern gleicher Waren besteht, die noch keine Konzerne sind und noch nicht die Märkte so dominieren können, dass damit der Wettbewerb weitgehend ausgeschaltet wird, dass diese "Kleinen und Mittelständischen Unternehmen" aber zum Einen häufig Zulieferer jener Konzerne, und somit indirekt sehr wohl von deren wettbewerbsfeindlicher Marktdominanz abhänig sind, und dass es andererseits ja gerade diese Konkurrenz - nicht nur um die Gunst von EndverbraucherInnen, sondern z.B. auch um lukrative Zulieferverträge - am Markt ist, die aufstrebende Unternehmen dazu zwingt, Lohnstückkosten zu senken, und sich am Finanzmarkt Geld für investitionen in die dazu nötige Produktivitästssteigerung zu besorgen.
Jetzt kann man einwenden, das sie ja die Kapitalmärkte stark regulieren, Spekulation verbieten, und die Banken verstaatlichen würde, aber letztendlich wären die privaten Unternehmer und ihre Leistungsfähigkeit ja trotzdem weiter davon abhängig, dass Geldgeber von außerhalb des Unternehmens ihnen das unternehmerische Wachstum vorfinanzieren, und am Ende würden die verstaatlichten Banken dann auch nicht anders agieren, als es heute die Privaten tun und die LeistungsträgerInnen in der Unternehmensspitze wären auch weiterhin dazu genötigt, ihre Warenproduktion und -vermarktung primär darauf auszurichten, dass Investitionskredite beglichen werden können, und dabei trotzdem noch was übrig bleibt, was sie sich selbst als "Unternehmerlohn" auszahlen können, und somit den Druck der Gewinnerzielung an ihre abhängig Beschäftigten weiterzugeben.
- was mir natürlich völlig fern liegt
- dann könnte man es auch darauf zusammensimplifizieren, dass sich Wagenknechts grundsätzliche Idee einer sozialen Ökonomie eigentlich gar nicht so stark von der (ordo-)liberalen Wahnvorstellung eines freien Marktes unterscheidet, auf dem sich ehrbare Kaufleute und kreative Entrepreneure unter der wohlwollend im Sinne des Gemeinwohls regulierenden Marktaufsicht des staatlichen Ordnungsrahmens einen fairen Wettbewerb um die besten Ideen liefern und damit Fortschritt und Wohlstand für Alle™ ermöglichen. Das wäre dann in etwa auch das, was nicht nur "Reform"-begeisterte SozialdemokratInnen, sondern auch Christian Lindner und diverse mittelständische @Industrielle unter einer Sozialen Marktwirtschaft™ verstehen.
Damit hätte sich dann allerdings am eigentlichen Verhältnis zwischen Kapital und Lohnarbeit nichts Grundsätzliches geändert. Man hätte dann halt nur einen privat finanzierten - und von Staat subventionierten - gegen einen von der Finanzierung durch verstaatlichte Banken abhängigen Kapitalismus ausgetauscht und damit im Grunde nur eine weitere Variante des Staatskapitalismus eingeführt, ohne den Beschäftigten dabei demokratische Mitsprache darüber eizuräumen, was mit den Erträgen ihrer Arbeit geschieht. Und die Staatsführung, bzw. die ihr unterstellten Finanzierungsinstitute, wäre damit nicht bloß politische Vertretung diverser privater Kapitalinteressen, sondern sie würde selbst zum buchstäblichen "ideellen Gesamtkapitalisten" gemacht, der dann eben mit anderen Staatsführungen um die höchsten Anteile am globalen Wirtschaftswachstum konkurrieren müsste.
Nun kann man durchaus sagen "besser als nix", vor allem wenn der Staat demokratisch legitimiert ist und keine Einparteienherrschaft wie die DDR oder China, aber eine philosophische Sternstunde ist das leider nicht unbedingt.
Andererseits ist sie ja auch keine Philosophin sondern Politikerin und muss natürlich öffentlich Positionen vertreten, die der bürgerlichen Mitte nicht die nackte Verlustangst ins Gebein fahren lassen.
P.s.: Bevor jetzt gleich wieder die Hämmer und Sicheln fliegen: Vermutlich wäre das was Wagenknecht da vorschlägt das einzige, was man heutzutage als linke Partei noch irgendwie als Vision eines demokratischen Sozialismus im Programm haben könnte, ohne damit komplett in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Und wahrscheinlich wäre es auch der einzige friedliche(!) Weg, um den Druck aus dem völlig überhitzten Finanzkessel zu nehmen, und kapitalistische Volkswirtschaften überhaupt erstmal in die Lage zu bringen, sich vom privaten Investitionsmonopol der Finanzmärkte zu befreien, und von dort aus dann eine echte Transformation aus dem Kapitalismus und seinem klimazerstörerischen Wachstumszwang einzuleiten. Aber als visionäres Endziel wäre es einfach viel zu kurz innerhalb des herrschenden Denkhorizontes gedacht.
Das Video ist von 2016, wo ihr Buch Reichtum ohne Gier veröffentlicht wurde und wo ihren Ideen noch mit dem demokratischen Sozialismus über die Sozialdemokratie klar hinaus gehen (Mitarbeitergesellschaft ect.). Heute fabuliert sie nur noch letzteres. Aber damals hatte sie radikalere Ansichten.