Karl Marx Sammelthread


  • Die Folge gefällt mir ganz gut, aber trotzdem würde ich dazu gern ein paar Dinge sagen.

    Der Begriff der abstrakten Arbeit ist undeutlich erklärt. Es ist nicht klar, was gleichförmige und unterschiedslose Arbeit sein soll. Meine Interpretation:


    Jede Arbeit hat einen qualitativen Aspekt. Der Schneider ist erstmal ein Mensch mit all seinen Bedürfnissen, Ängsten und Wünschen. Er macht seine Arbeit z. B. um seine Familie zu versorgen oder um einem Grundherren einen Teil davon abzugeben. Die Produktion hat einen bestimmten qualitativen Sinn. Wieso soll der Schneider denn mehr produzieren als seine Familie braucht? Das macht in der vorkapitalistischen Welt keinen Sinn. Auch produziert der Schneider die Menge der Kleidung nicht an einem Tag, er macht eine Pause wenn er will und kümmert sich z. B. um Aufgaben im Haushalt oder um seine Familie. Oder vielleicht mag der Schneider es einfach nur nicht, sehr lange an der Schneidemaschine zu sitzen.

    Im Kapitalismus wird das alles abstrahiert. Das alles, was ich zu dem Schneider geschrieben habe, interessiert dann nicht mehr. Der Schneider muss die ganze Zeit produzieren, egal ob er schon die tausendfache Menge an Kleidung produziert hat, er muss einfach weiter machen. Das ist die abstrakte Arbeit. Das abstrakte daran, ist dass nur noch für den abstrakten Profit produziert wird. Einfach gedankenloses Produzieren für annonyme Menschen auf dem Markt, die den Profit einbringen am Ende. Und so muss im Kapitalismus jeder Lohnarbeiter arbeiten.


    Zur Einführung von Marx eignen sich Texte von Marx und Engels selbst. Eine kurze und klare Zusammenfassung ist Lohn, Preis, Profit dann Lohnarbeit und Kapital und von Engels Konspekt über das Kapital. Andere Einführungsliteratur kann ich mittlerweile nicht mehr empfehlen, viel zu lückenhaft und man gewöhnt sich nicht an die typischen Phrasen von Marx. Marx wiederholt sowieso extrem viel im Kapital. Wenn man alles redundante aus den drei Bänden entfernen würde, wären die Bände vielleicht nur halb so lange.


    IMO braucht man, um das Modell von Marx zu verstehen, wenigstens eine grobe Vorstellung davon, wie im Mittelalter gearbeitet wurde oder was Kapitalismus nicht ist. Einführungsliteratur dazu fällt mir gerade nicht spontan ein, werde aber noch 1-2 Bücher vorschlagen. (Grob gesagt: Subsistenzwirtschaft, der Artikel ist ganz gut. Subsistenzwirtschaft gibt es natürlich heute auch noch.)

  • Er hat den Begriff zumindest mehr als einmal als moralische Kategorie verwendet. zB 1847 in "Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral"

    Und vor allem wer oder was hat die Fürsten und das Fürstentum ge-macht? Es gab einmal eine Zeit, wo das Volk die hervorragendsten Persönlich-keiten der allgemeinen Angelegenheiten halber an die Spitze stellen mußte. Später erbte sich dieser Posten in Familien fort usw. Und schließlich hat die Dummheit und Verworfenheit der Menschen diesen Mißbrauch jahrhunderte-lang geduldet. Beriefe man einen Kongreß sämtlicher naturwüchsigen Kannengießer Europas, sie könnten nicht anders antworten. Und schlüge man sämtliche Werke des Herrn Heinzen auf, sie gäben keine andere Antwort. Der kernhafte „gesunde Menschenverstand" glaubt das Fürstentum zu erklären, indem er sich für seinen Gegner erklärt. Die Schwierigkeit bestände für diesen Normalverstand aber darin, darzutun, wie der Gegner des gesun-den Menschenverstandes und der moralischen Menschenwürde geboren wurde, und sein merkwürdig zähes Leben Jahrhunderte fortschleppte. Nichts einfacher. Jahrhunderte entbehrten des gesunden Menschenverstandes und der moralischen Menschenwürde. In andern Worten, der Verstand und die Moral von Jahrhunderten entsprachen dem Fürstentum, statt ihm zu wider-sprechen. Und eben diesen Verstand und diese Moral vergangener Jahr-hunderte versteht der „gesunde Menschenverstand" von heute nicht. Er be-greift ihn nicht, aber dafür verachtet er ihn. Aus der Geschichte flüchtet er in die Moral, und nun kann er das sämtliche schwere Geschütz seiner sittlichen Entrüstung spielen lassen. In derselben Weise, wie sich hier der politische „gesunde Menschenver-stand" die Entstehung und den Fortbestand des Fürstentums als Werk des Unverstandes erklärt, in derselben Weise erklärt der religiöse „gesunde Menschenverstand" die Ketzerei und den Unglauben als Werke des Teufels. In derselben Weise erklärt der irreligiöse „gesunde Menschenverstand" die Religion als Werk der Teufel, der Pfaffen.

    Uff, das muss ich erstmal entpacken. Beim ersten Überfliegen weiß ich gar nicht, ob er so kritisch gegenüber der Würde ist wie gegenüber den Menschenrechten in "Zur Judenfrage".


    Es gibt noch Fundstellen zu Kant, vlt. geht er da noch auf was ein.

  • Beim ersten Überfliegen weiß ich gar nicht, ob er so kritisch gegenüber der Würde ist wie gegenüber den Menschenrechten in "Zur Judenfrage".


    Das Verständnisproblem entsteht meiner (unwissenschaftlich-salonmarxistischen!) Ansicht nach dann, wenn man versucht, Marx' Kritik als rein moralische Position zu interpretieren. Tatsächlich haben er und F. Engels das mit dem historischen Materialismus aber sehr ernst genommen und immer wieder andere Autoren scharf angegriffen und übelst gegen sie polemisiert, wenn sie moralisch-ethische Konzepte, wie etwa die heutige Idee einer universalen, allgemeinen Menschenwürde, nur als ideelle, bzw. (aus Marx' Sicht) ideologische Vorstellungen formulierten, ohne dabei zu berücksichtigen, in welchem historischen Kontext sie entstanden und ob, bzw. wie sie sich innerhalb der gegebenen realen, also der materiellen Verhältnisse überhaupt praktisch realisieren ließen.


    So etwas wie eine Menschenwürde - bzw. deren Nicht-Vorhandensein - kann sich nach Marx' Lesart (nicht nur) im Kapitalismus eigentlich nur aus den materiellen Verhältnissen zwischen Eigentümern und Nicht-Eigentümern an den Produktionsmitteln ergeben.

    Dabei ist die Definition von Menschenwürde an sich natürlich schon schwierig. Wir haben sie zwar ganz am Anfang im deutschen Grundgesetz stehen, aber zum einen geht es dabei natürlich nur um das Verhältnis des Staates dazu und zum anderen wird dadurch nicht eindeutig festgesetzt, wie sie denn nun genau zu verstehen sei, und was folglich nötig wäre, um sie denn auch tatsächlich "unantastbar" zu machen.


    Der deutsche Wikipediaeintrag dazu ist ziemlich umfangreich. Gleich zu Anfang findet sich aber folgende, grobe Definition:

    Die Menschenwürde ist nach moderner Auffassung zum einen der Wert, der allen Menschen gleichermaßen und unabhängig von ihren Unterscheidungsmerkmalen wie Herkunft, Geschlecht, Alter oder Status zugeschrieben wird; und zum anderen der Wert, mit dem sich der Mensch als Art über alle anderen Lebewesen und Dinge stellt.


    Die Bundeszentrale für politische Bildung geht auch von einem Wertbegriff aus:



    Nach Marx(isti)scher Auffassung, ist der Staat allerdings gar nicht die treibende Kraft hinter den eigentlichen gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern er ist vor allem das Mittel der bürgerlichen Gesellschaft, die Interessen des Kapitals, bzw. des privaten Eigntums durchzusetzen. Er wird demnach zum Teil des ideologischen Überbaus, der sich mit den materiellen (Eigentums-)Verhältnissen etabliert und vorrangig zu deren Erhalt und Legitimation dient und nicht zur Durchsetzung abstrakter "Werte".

    Wollte der Mensch eine allgemein anerkannte und unantatstbare Würde haben, also einen inneren Wert an sich, den er sich selbst zuschreiben und von anderen akzeptiert sehen kann, so wäre ihm das nicht möglich so lange er z.B. von anderen Menschen, welche die Herrschaft über seine materielle Existenz ausüben, nur anhand seines Verwertungspotenzials als Arbeitskraftverkäufer bewertet wird.


    Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die {52} Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.

    An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.

    Für Marx sind moralische Kategorien immer auch ein Produkt der Herrschaftsverhältnisse und der in ihnen herrschenden Gedanken. Waren es früher die herrschenden Gedanken des Hochadels und des Klerus, aus denen allgemeine Moralvorstellungen abgeleitet wurden, so ging die Deutungshoheit über dieselben mit der Aufklärung allmählich, und schliesslich mit den bürgerlichen Revolutionen engültig auf das städtische Großbürgertum, die Bourgeoisie, über, welches sich als die herrschende Klasse etablierte.

    Jede Entwicklung, welches ihr Inhalt sei, läßt sich darstellen als eine Reihe von verschiednen Entwicklungsstufen, die so zusammenhängen, daß die eine die Verneinung der andern bildet. Entwickelt sich z.B. ein Volk von der absoluten Monarchie zur konstitutionellen Monarchie fort, so verneint es sein früheres politisches Dasein. Auf keinem Gebiet kann man eine Entwicklung durchlaufen, ohne seine frühere Existenzweise zu verneinen. Verneinen in die Sprache der Moral übersetzt, heißt: Verleugnen.

    <337> Verleugnen! Mit diesem Stichwort kann der kritisierende Biedermann jede Entwicklung brandmarken, ohne sie zu verstehen; er kann seine entwicklungslose Unentwickeltheit feiernd als moralische Unbeflecktheit gegenüberstellen. So hat die religiöse Phantasie der Völker die Geschichte im großen und ganzen gebrandmarkt, indem sie das Zeitalter der Unschuld, das goldne Zeitalter, in die Vorgeschichte verlegt, in die Zeit, da noch überhaupt keine geschichtliche Entwicklung stattfand, und darum kein Verneinen, kein Verleugnen.

    Dabei definiert sich die jeweilige Moral der Aufbegehrenden immer auch aus ihrer Opposition zu den Herrschenden, bis sie schliesslich selbst zur herrschenden Moral wird. Mit der nächsten Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse geschieht das gleiche und das Ganze wiederholt sich im Verlauf der Geschichte immerfort, es sei denn es käme irgendwann - so wie Marx es noch für eine historische Notwendigkeit als Folge des Kapitalismus hielt - zur Aufhebung des Klassengegensatzes und somit zur Beendigung aller Herrschaftsverhältnisse der einen über die andere(n) Klasse(n).


    Man könnte also aus marxistischer Sicht auch den Gedanken - die Idee, das Ideal - von der Menschenwürde als als rein ideologisches Konstrukt begreifen, welches sich nicht verwirklichen wird, so lange die Masse der Menschen in materiellen Verhältnissen lebt, deren ideologischer Überbau ihre Bedürfnisse nach "Würde" zwar theoretisch anerkennt und als formales Recht formuliert, die es aber praktisch verhindern, dass sie auch dauerhaft befriedigt werden.

    Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem |am Menschen| demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln!

    Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezifisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.

    |386|Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt.


    im Prinzip kann der Mensch erst dann eine unantatstbare "Würde" haben, wenn sein Herz nicht mehr an der Kette liegt, wenn es keine herrschenden Gedanken mehr gibt, die sich den Gedanken der Beherrschten als definitorische Instanz überordnen und bestimmen, was dem einzelnen Menschen ganz allgemein als Ideal von Würde zu erscheinen habe, während er sich individuell in einem unwürdigen Abhängigkeitsverhältnis gefangen sieht.

  • für mich soweit verständlich wo die kritik der ideellen vorstellung ansetzt. in verbindung mit der ausführung von JonnyMadFox zuvor, stelle ich mir dann jedoch die frage: ist die arbeitsteilung und die damit einhergehende überproduktion der modernen gesellschaft somit auch eine art ideeller überbau? und welche strukturen der arbeitsteilung würden bestehen bleiben (ggf. aus technischen gründen) wenn andere/die gewünschten verhätnisse sich einstellen?

  • Nach Marx(isti)scher Auffassung, ist der Staat allerdings gar nicht die treibende Kraft hinter den eigentlichen gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern er ist vor allem das Mittel der bürgerlichen Gesellschaft, die Interessen des Kapitals, bzw. des privaten Eigntums durchzusetzen. Er wird demnach zum Teil des ideologischen Überbaus, der sich mit den materiellen (Eigentums-)Verhältnissen etabliert und vorrangig zu deren Erhalt und Legitimation dient und nicht zur Durchsetzung abstrakter "Werte". [...]

    Für Marx sind moralische Kategorien immer auch ein Produkt der Herrschaftsverhältnisse und der in ihnen herrschenden Gedanken. Waren es früher die herrschenden Gedanken des Hochadels und des Klerus, aus denen allgemeine Moralvorstellungen abgeleitet wurden, so ging die Deutungshoheit über dieselben mit der Aufklärung allmählich, und schliesslich mit den bürgerlichen Revolutionen engültig auf das städtische Großbürgertum, die Bourgeoisie, über, welches sich als die herrschende Klasse etablierte.

    Dabei definiert sich die jeweilige Moral der Aufbegehrenden immer auch aus ihrer Opposition zu den Herrschenden, bis sie schliesslich selbst zur herrschenden Moral wird. [...]


    Man könnte also aus marxistischer Sicht auch den Gedanken - die Idee, das Ideal - von der Menschenwürde als als rein ideologisches Konstrukt begreifen, welches sich nicht verwirklichen wird, so lange die Masse der Menschen in materiellen Verhältnissen lebt, deren ideologischer Überbau ihre Bedürfnisse nach "Würde" zwar theoretisch anerkennt und als formales Recht formuliert, die es aber praktisch verhindern, dass sie auch dauerhaft befriedigt werden.

    In "Zur Judenfrage" kritisert Marx die Menschenrechte als Rechte, das zunächst den Egoismus schütze. Wenn man die Menschenwürde hier mit in die Kritik einbauen will, dann sehe ich zwei Möglichkeiten:

    1. Es ist der Standpunkt (man könnte fast sagen Marxens Standpunkt) von dem aus die Menschenrechte kritisiert werden können. Dh. Menschenwürde und Menschenrechte sind zwei unabhängige moralische Instanzen. (Da muss ich Marx auf eine moralische Kritik verkürzen.) Und theoretisch müssen die Rechte konform gehen mit der Würde, da sie sonst von "ihr" kritisert werden. Der letzte Satz geht natürlich in der Praxis nicht auf, wie bei dir geschrieben und wird deswegen bei Marx.
    2. Wenn die Menschenrechte den Egoismus sichern, dann ist die Menschenwürde eher die Sicherung der Subjekte, die die Fähigkeit haben Egoisten zu sein. Also, man muss die Funktion des Menschen vom Kapital aus denken. Der Mensch bekommt deswegen ein Wert (zur Zeit der industriellen Revolution) weil man Arbeiter und Soldaten, Großkapitalisten und Aktionäre brauchte. Ich denk, das wäre eher eine systemische, ideologische Kritik. Der Staat legitimiert hier die Basis.

    Bei 2. wird die übliche Hierarchie von Menschenwürde als Fundament von Menschenrechte umgedreht.

  • im Prinzip kann der Mensch erst dann eine unantatstbare "Würde" haben, wenn sein Herz nicht mehr an der Kette liegt, wenn es keine herrschenden Gedanken mehr gibt, die sich den Gedanken der Beherrschten als definitorische Instanz überordnen und bestimmen, was dem einzelnen Menschen ganz allgemein als Ideal von Würde zu erscheinen habe, während er sich individuell in einem unwürdigen Abhängigkeitsverhältnis gefangen sieht.

    Was genau behindert so viele Menschen eigentlich daran ein Bewusstsein für dieses Abhängigkeitsverhältnis zu entwickeln? Die Möglichkeiten dafür sind im Zeitalter vom Internet doch besser als je zuvor, warum entwickelt sich kein gesellschaftliches Bewusstsein?


    Sind es fehlende kognitive Fähigkeiten?

    Oder ist es Ablenkung im "Zucker, Brot und Spiele" Format?


    Vermutlich gibt es mehrere Ursachen, der Mensch ist ja sehr individuell, aber es wird doch einige größere Hauptfaktoren geben mit denen man das grob umreißen kann, oder nicht?

  • Das Verständnisproblem entsteht [...] dann, wenn man versucht, Marx' Kritik als rein moralische Position zu interpretieren. Tatsächlich haben er und F. Engels das mit dem historischen Materialismus aber sehr ernst genommen und immer wieder andere Autoren scharf angegriffen und übelst gegen sie polemisiert, wenn sie moralisch-ethische Konzepte, wie etwa die heutige Idee einer universalen, allgemeinen Menschenwürde, nur als ideelle, bzw. (aus Marx' Sicht) ideologische Vorstellungen formulierten, ohne dabei zu berücksichtigen, in welchem historischen Kontext sie entstanden und ob, bzw. wie sie sich innerhalb der gegebenen realen, also der materiellen Verhältnisse überhaupt praktisch realisieren ließen.


    [...]


    So etwas wie eine Menschenwürde - bzw. deren Nicht-Vorhandensein - kann sich nach Marx' Lesart (nicht nur) im Kapitalismus eigentlich nur aus den materiellen Verhältnissen zwischen Eigentümern und Nicht-Eigentümern an den Produktionsmitteln ergeben.

    Das trifft meiner Meinung nach auch exakt auf Karl Heinzen zu, gegen den der Text von Marx den ich eingebracht habe gerichtet war.


    Der folgende Text von 1994 argumentiert auch in die gleiche Richtung, dass Marx auf "moralische Ziele" in der Konsequenz zielt, also nicht schon auf "moralische" Mittel und damit wohl vor allem nicht sprachlicher Äußerungen (die ja wie bei ihm selbst Träger auf die Zukunft gerichteter (moralischer) Ziele sind). Karl Heinzen (als Adressat oben) wird in dem Text als sozialistischer Kantianer berücksichtigt. Mein Eindruck von Marx Ausführung war, das die Polemik über Bande auf Immanuel Kants Konstruktion selbst zielte. Damit hat er über seine Kritik allerdings selbst das Mittel der Moral verwendet, um auf etwas noch nicht umgesetztes moralisch zu zielen. Und wie soll Moral überhaupt anders verwendet werden und kann es amoralische Mittel oder Ziele überhaupt in deliberativen Argumentationen an die Öffentlichkeit geben?



    Jeffrey S. Vogel: Is Marx a Moral Consequentialist? Canadian Journal of Philosophy, Vol. 24, No. 4 (Dec., 1994), pp. 541-563, https://www.jstor.org/stable/40231885


    (Ist Marx ergo nicht Utilitarist?)

  • Zur Frage, warum es nicht zu einer Revolution kommt, gibt es von Marx zwei Ansätze. Der junge Marx war der Ansicht, dass, weil die Kapitalisten nicht nur Macht über die Produktionsmittel haben, sondern auch über die Mittel zur Ideenproduktion (Presse, Medien ect.), werden die Arbeiter sozusagen manipuliert in dem Sinne, dass sie das System akzeptieren.


    In every epoch the ideas of the ruling class are the ruling ideas, that is, the class that is the ruling material power of society is at the same time its ruling intellectual power. The class having the means of material production, has also control over the means of intellectual produc­ tion, so that it also controls, generally speaking, the ideas of those who lack the means of intellectual production.



    Beim älteren Marx kommt der Fetischcharakter der Ware ins Spiel. Dadurch, dass soziale Beziehungen im Kapitalismus auf dingliche Beziehungen reduziert werden und diese dinglichen Verhältnisse im Alltag allgegenwärtig sind, erscheinen sie als Naturgegeben.


    As against this, the commodity-form, and the value-relation of the products of labour within which it appears, have absolutely no connection with the physical nature of the commodity and the material relations arising out of this. It is nothing but the definite social relation between men themselves which assumes here, for them, the fantastic form of a relation between things. In order, therefore, to find an analogy we must take flight into the misty realm of religion. There the products of the human brain appear as autonomous figures endowed with a life of their own, which enter into relations both with each other and with the human race. So it is in the world of commodities with the products of men's hands. I call this the fetishism which attaches itself to the products of labour as soon as they are produced as commodities, and is therefore inseparable from the production of commodities.[5


    Antonio Gramsci hat später eine bessere Theorie dazu entwickelt:

    Bei Gramsci spielt der selbstgewählte Konsens der Bevölkerung eine Rolle. Jede herrschende Klasse baut Hegemonie auf zwei Arten auf: Einmal durch Gewalt und einmal durch Ideologie. Mit Polizei und Gesetz Gewalt und Ideologie mit Schule, Medien, Kirche, Schaffung von Normen ect..

    Jetzt ist es aber so, dass die Arbeiter selbst eine Ideologie haben, die sie in ihrer täglichen Praxis ausleben. Z. B. unter Freunden, in der Familie, bei Gewerkschaften und auch in den zwischenmenschlichen Verhältnissen spielen ganz andere Werte eine Rolle als die, die die herrschende Klasse über ihre Kontrolle von Schule, Medien, Staat dem Arbeitern vermittelt. Z. B. verhalten sich Menschen im Alltag viel demokratischer miteinander als es auf dem Arbeitsplatz verlangt wird. Gewerkschaften sind auch ein Beispiel dafür. Das führt bei den Arbeitern nicht nur zu einem falschen Bewusstsein, sondern zu einem widersprüchlichen Bewusstsein. Auf der einen Seite leben die Menschen ihre Ideologie in der Praxis ihres täglich lebens, auf der anderen Seite verbreitet die herrschende Klasse durch ihre Kontrolle wichtiger Institutionen eine ganz andere Ideologie, die im Widerspruch zu denen der Menschen steht. Somit haben die Menschen ständig etwas widersprüchliches in ihren Gedanken. Wenn sie z. B. an Demokratie denken, dann denken sie nicht an die Demokratie, die sie mit ihren Freunden ausleben oder an Gewerkschaften, sie denken an die bourgeoisie Demokratie (parlamentarisch repräsentative Demokratie mit Wahlen alle 4 Jahren), sie denken dann auch nicht an radikalere Formen der Demokratie, obwohl sie sie ihrem Alltag ständig ausleben (das sind nur ein paar Beispiele von mir, Gramscis Theorie ist natürlich noch viel komplexer in ihren Beispielen).


    Aus den Prison Notebooks:


    . . this contrast between thought and action . . . cannot but be the expression of profounder contrasts of a social historical order. It signifies that the relevant social group [the working classes] has its own conception of the world, even if only embryonic; a conception which manifests itself in action, but occasionally, by fits and starts— when, that is, the group is acting as an organic totality. But this same group has, for reasons of submission and intellectual subordination, adopted a conception which is not its own but is borrowed from another group. . . ,


    (Gramsci meint damit, dass die eigene Ideologie der Menschen (ihre eigene Auffassung von der Welt, ihre eigenen Ideen von der Welt) nur in einer embryonischen Form vorhanden sind und nur ab und zu zum Vorscheinen kommen, z. B. bei radikalen Aufständen, bei dem spontanen Bilden von Räten usw.. Die dazu widersprüchlichen Ideen, haben sie von einer anderen Klasse, von der Bourgeosie)


    The active man-in-the-mass has a practical activity, but has no clear theoretical consciousness of this activity. . . , One might almost say that he has two theoretical consciousnesses (or one contradictory consciousness): one which is implicit in his activity and which truly unites him with all his fellow-workers in the practical transformation of reality; and one, superficially explicit or verbal, which he has inherited from the past and uncritically accepted. But this ‘verbal’ conception is not without consequences. It binds together a specific social group, it influences moral conduct and the direction of will, in a manner more or less powerful, but often powerful enough to produce a situation in which the contradictory character of consciousness does not permit of any action, any decision or any choice and produces a condition of moral and political passivity.


    Dazu gibt es natürlich noch eine ganze Menge mehr zu sagen. Wie z. B. dass sich diese Bourgeoisie Ideologie auch in einem "Common Sense" im Alltag ausdrückt und sich so verfestigt.


    Wie man das überkommen könnte, dazu hat Gramsci auch Ideen wie War of Position und dass die früheren Fehler es waren, dass es die Bourgeoisie geschafft hat, in der Politik mit vielen anderen Gruppen, Kompromisse zu schaffen, so dass es ein größeres Spektrum an Bourgeosieparteien gab / gibt und kein wirkliches Spektrum an nicht-kapitalistischen Parteien u. ä.. (Gramsci bezieht sich dabei natürlich auf die Ratebewegung und auf den Faschismus in Italien.).


    Ich hoffe mein schnell dahingerotzter Text war verständlich, hatte gerade nicht so viel Zeit.

  • (Ist Marx ergo nicht Utilitarist?)

    Aus dem Artikel von Jeffrey S. Vogel, den Du verlinkt hast, würde ich das jetzt nicht unbedingt heraus lesen. Er beleuchtet zwar Sichtweisen, die diesen Schluss nahe legen, kommt aber selbst zu folgender Einschätzung:


    Marx thinks that morality promotes the illusion that social progress can occur through rational moral persuasion, rather than class-struggle. Morality promotes the delusion that justice is a sacred and desirable social norm for all peoples, rather than a conservative notion tied to the existing mode of production. Morality promotes the idea that current social evils are due to human nature and not a product of class-society (recall the 'man in the street' objection to socialism here [Anm. Utan: Menschen sind egoistisch und nicht altruistisch -> Sozialismus funktioniert nicht]). For Marx, as for Nietzsche, the social system of morality hinders the realization of his deepest values in human liberation.

    Examining Marx's views on morality forces us to consider morality as a social practice, rather than a conceptual construct. Moral-Marxists argue that because Marx's social criticism has a normative basis he must have a moral theory despite himself. On the conrary, Marx is indeed a critic of many social evils and the social practice of morality is one of the evils he wants to abolish.


    [unterstreichung von mir]


    im letzten Absatz beschreibt Vogel hier zwar im Grunde das, was Du oben auch schriebst...

    Damit hat er über seine Kritik allerdings selbst das Mittel der Moral verwendet, um auf etwas noch nicht umgesetztes moralisch zu zielen.

    ...schliesst aber am Ende des Artikles, dass Marx' Kritik sich vor allem gegen die Moral als Teil der herrschenden Gedanken, bzw. des durch sie etablierten Sprachgebrauches richtet. Er mag zwar mit den Zielen und Wertvorstellungen der linken Moralisten sympathisieren, aber er hält ihre Argumentation für ungeeignet sie zu realisieren und kritisiert sie daher auch immer wieder aufs Schärfste.

    Thus Marx can even understand and sympathize with many of the motives and values of a left-wing moralist. But he argues that moral language has a social meaning that is linked to false claims about how the world works that frustrate the social understanding that is necessary to achieve these values.

    Ich habe natürlich weder genug Marx gelesen, noch einen umfassenden Gesamtüberblick über die Werke von J.S.Mill, Jeremy Bentham oder von anderen liberalen Utilitaristen, um das wissenschaftlich beurteilen zu können, aber so wie ich Marx verstehe war er ohnehin der Auffassung, dass seinen philosophischen Vorgängern und Zeitgenossen genau das fehlte, was er selbst immer wieder für sich reklamierte (und größtenteils auch von Engels zumindest prinzipiell bestätigt sah): Der Blick auf die Geschichte als eine ewige Abfolge von Klassenkämpfen und damit einhergehend eben auch immer wieder mit den wechselnden Herrschafts- bzw. Besitzverältnissen wechselnde Vorstellungen von Moralität, die er dann eben nicht als vorausgehende Ursache der jeweiligen politischen Umwälzungen ausmacht, sondern als Resultat der sich verändernden materiellen Gegebenheiten und der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich daraus ergeben.


    Man könnte vielleicht sagen - und so verstehe ich eigentlich auch auch Vogels Aufsatz, ohne allerdings die anderen Autoren auf die er sich bezieht gelesen zu haben -, dass Marx im Grunde eine hoch moralische Motivation für seine Universalkritik am Kapitalismus hatte, aber gleichzeitig absolut dagegen war, moralisch zu argumentieren, weil er darin einen Ausdruck bourgeoiser Ideologie und eines generellen Herrschaftsdenkens sah, dessen finale Überwindung er sich und dem Prolatariat aller Länder ja schliesslich zum ultimativen Endziel erklärt hatte.


    (Aber das ist jetzt sicher keine ordentliche akademische Analyse sondern vielleicht auch einfach nur Projektion dessen, was ich ohnehin die ganze Zeit behaupte.)

  • Karl Marx war ein übelster Antisemit und Rassist.


    In einem Brief schreibt Marx über seinen Schwiegersohn wegen dessen kubanischer Mutter als "Abkömmling eines Gorillas". In einem anderen Brief bezeichnet er den Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, den er kurz zuvor erfolgreich um Geld angebettelt hatte, als "jüdischen Ni***r Lassalle". Weiter heißt es: "Es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von N***rn abstammt. [...] Nun diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der n***rhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen."


    Für die grenzenlose Menschenverachtung von Karl Marx gibt es Beispiele ohne Ende. Selbst in seinem Hauptwerk "Das Kapital" trägt er seinen Judenhass offen zutage.

  • Karl Marx war ein übelster Antisemit und Rassist.


    In einem Brief schreibt Marx über seinen Schwiegersohn wegen dessen kubanischer Mutter als "Abkömmling eines Gorillas". In einem anderen Brief bezeichnet er den Arbeiterführer Ferdinand Lassalle, den er kurz zuvor erfolgreich um Geld angebettelt hatte, als "jüdischen Ni***r Lassalle". Weiter heißt es: "Es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von N***rn abstammt. [...] Nun diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der n***rhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen."


    Für die grenzenlose Menschenverachtung von Karl Marx gibt es Beispiele ohne Ende. Selbst in seinem Hauptwerk "Das Kapital" trägt er seinen Judenhass offen zutage.

    Und? Marx hat auch nicht bei allem Recht gehabt. Man lernt von den guten Sachen und ignoriert die Schlechten, wie bei allem halt. Außerdem gibt es auch Texte von Marx wo man ihn eindeutig als Antirassist bezeichnen kann, auch was Juden und das Judentum angeht.

  • nachdenklich


    Ich habe nicht seine Verbannung gefordert.


    Was immer seine Motivation ist - er haut eben zumeist ultra platte Propagandaversatzstücke raus, wie sie üblicherweise aus den Kampagnen der INSM oder ähnlicher thinktanks und aus wirtschaftshörigen Parteiprogrammen kommen, und uns den neoliberalen Spätkapitalismus immer noch als Soziale Marktwirtschaft verkaufen wollen.


    Ob er das selbst glaubt oder nicht - wenn man es unkommentiert stehen lässt, dann hilft das auch nicht weiter.

  • Hegel for social Movements:


    https://www.haymarketbooks.org…egel-for-social-movements


    Hab schon ein bisschen reingelesen. Mein Wissen von Hegel ist noch sehr begrenzt, aber die einfachen Konzepte erklärt er ganz gut. Er wendet das ganze als Modell für soziale Bewegungen an. Als Referenzrahmen könnte es schon nützlich sein oder als Modell für sozialen Wandel, aber natürlich bringt es nix, es mechanisch anzuwenden. Jede Bewegung ist anders, und das Modell muss sich eben an der Realität messen lassen.

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